Hängen geblieben auf dem Telegrafenberg

Im Gehirn der Klimaforschung – Der Cluster von Potsdam

 Artikel von Nadja Gillhaus

 Karsten Kramer spricht leise – so leise, dass die Clustertour auf 25 Teilnehmer begrenzt ist. Die Computer rauschen laut, bei mehr als 25 Leuten würde man ihn nicht mehr verstehen, lautet die Erklärung von Ulrike Sylla, der Organisatorin. Wer sich nicht vorher angemeldet hat, bekommt keinen Teilnehmerstreifen und darf nicht mit.

Das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) öffnet seine Türen für die lange Nacht der Wissenschaften am 13. Juni 2009. Viele Leute sind gekommen, der Telegrafenberg ist äußerst beliebt mit seiner einzigartigen Architektur. Doch das Kernstück des PIK ist der Großcluster, ein Hochgeschwindigkeitsnetzwerk, das Computer verbindet. Ohne ihn würde alles, was oben anzusehen ist, nicht funktionieren.

Darum geht es jetzt die Treppe herunter, um zu sehen, wo Klima berechnet wird. Das warme Rot des Michelsonsgebäude weicht einem nüchternen Grau, die angenehme Abendkühle einer stickigen Wärme. Die Leute ziehen ihre Jacken aus. Graue Rechner umgeben die Teilnehmer der Führung. Türkise Türen, silberne Rohre, grauer Boden. Dazu ständig bunt blinkende Computer und Kabel. Überall strömt Technikluft aus den Rechnern. Das liegt an dem hohen Stromverbrauch, erklärt Karsten Kramer. Er ist farblich passend in einen grauen Anzug gekleidet. „Ich kann daran kontrollieren, ob die Kollegen gearbeitet haben. Wenn Luft herausströmt, haben sie die Rechner mit Informationen versorgt, wenn nicht, haben sie geschlafen.“ Er lacht. Man kann sich Herrn Kramer auch wirklich nicht wütend vorstellen.

Die Computer berechnen hier das, was uns Menschen seit einiger Zeit beschäftigt und bedroht – die Klimaszenarien für Europa für die nächsten 50 Jahre. In fünf Tagen simulieren sie ein europäisches Wetterjahr. Das PIK gibt die Informationen dann weiter an Landwirte, Politiker und Versicherungsgesellschaften. Besonders der Weinanbau wird sich deutlich verändern. Für den Riesling wird es bald zu warm sein in Deutschland. Oben kann man sich das genau ansehen und von Uwe Böhm erklären lassen.

Wir gehen weiter in den Speicherraum für die Daten. Hier hängen gelbe Schilder an der Wand: „Gesundheitsgefahr – Erst nach gründlicher Durchlüftung und Freigabe wieder betreten!“ Daneben ein Henrik Ibsen Plakat. Es scheint etwas deplaziert an diesem Ort, der so vollkommen kunstlos ist.

Die Szenarien werden hier zehn Jahre aufgehoben. Ein Computergreifarm kopiert und sortiert die Daten. „Wir haben das mal ausgerechnet: Sie würden 1600 Jahre brauchen, um die Musik zu hören, die hier gespeichert werden könnte – wenn sie 10 CDs am Tag schaffen.“

„Wir waren hier auch selbst schon Opfer des Klimawandels: Wenn es besonders warm ist und hier gelüftet wird, setzt sich aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit Mikrokondenswasser auf den Mikrobändern ab. Das führt dann zu Schäden auf den Laufwerken. Damit uns das nicht noch mal passiert, wird hier die Lüftung ausgeschaltet. Darum auch die Schilder“, erklärt Herr Kramer. Ein langer Aufenthalt ist hier also nicht vorgesehen.

Wieder oben angekommen, erzählt Marion Seitz, die auf ihren wissbegierigen Mann wartet: „Ich bin absolut begeistert! Wir wollten uns eigentlich noch mehr ansehen, sind aber hier hängengeblieben, weil so viel Interessantes angeboten wird. Obwohl ich ein absoluter Laie auf dem Gebiet bin, habe ich viel gelernt und alles verstanden. Die Mitarbeiter und Professoren kommen sogar auf uns zu und fragen, ob sie helfen können!“ Nächstes Jahr wollen sie wieder hier herkommen – dann soll auch die Tochter mit.

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