Thema: Das Tanzfestival Magdeburg

von Johanna Seifert

Am 11.6. fand wieder einmal das alljährliche Tanzfestival des Theaters Magdeburg statt. Dieses Jahr lautete das Motto „Freistil“, ein etwas zwiespältiger Begriff, unter dem Tänzer aus den Sparten Ballett, Modern Dance, HipHop und BreakDance ihre „acts“ präsentierten.

Als Höhepunkt des Festivals wurde am Samstag Abend in der Oper Magdeburg die Inszenierung des dort ansässigen Ballettdirektors Gonzalo Galguera gezeigt, ein Vorstellung der anderen Art: neoklassizistisch.

Mich führt zweierlei in die Säle des Theaters Magdeburg. Einerseits werde ich selbst auf der Bühne stehen, andererseits bewegt mich die Frage, wie es heutzutage um den Tanz bestellt ist. Gespannt bin ich, auf welche Resonanz der Tanz in einer solchen fern einer Kulturmetropole liegenden Stadt stößt. Gespannt bin ich, was ich dort zu sehen bekomme, mit wem ich dort ins Gespräch kommen werde.

Das Theater liegt direkt an einer Verkehrsstrasse, scheint verlassen, kann es aber rein äusserlich mit einem Berliner Maxim-Gorki aufnehmen. Es ist Samstag Nachmittag, in einer halben Stunde sind wir dran, einen Zuschauerstrom kann ich bisher noch nicht ausmachen, doch das wird sich ja noch zeigen.

Auf der Bühne kann ich aus den Augenwinkeln beobachten, wie die Leute stockend den Raum betreten. Langsam füllen sich einige Reihen, viele Plätze bleiben leer. Ein unbefriedigendes Gefühl. Sebastian Hanusa, der Musikdramaturg des Theaters, klärt mich später auf: „Ein halb gefüllter Zuschauersaal ist nichts ungewöhnliches hier. Wir freuen uns, wenn wir unsere 60 zahlenden Gäste zusammenbekommen.“ Wie ich erfahre, ist es in Magdeburg nicht allzu gut bestellt um die Tanzszene – was mich ja ernstlich nicht verwundert, ist doch schon Berlin für den Tanz ein hartes Pflaster. Hinzukommt in Magdeburg eine unglückliche Entwicklung des Theaters. Das heutige Theater Magdeburg entstand aus der Fusion der Freien Kammerspiele und des Theaters der Landeshauptstadt im Jahre 2004, was aber weniger zu einer Bündelung der Kräfte als zu Unstimmigkeiten und Konflikten führte. Doch auch überregional würde Hanusa dem Tanz  – im Vergleich zum Theater – weiterhin eine untergeordnete Rolle zuschreiben, egal ob es dabei um Subventionierungen, Medieninteresse oder schlicht um das allgemeine Wissen um sein Vorhandensein geht.

Nach der Vorstellung, die trotz nur magerer Besucherzahl uns ordentlichen Applaus und dieses wohlbekannt euphorisch befriedigte Gefühl eingebracht hat, verstricke ich mich mit Nadja Raczewski, Choreographin in Berlin und Dozentin im Fachbereich der Theater-Pädagogik an der UdK, in ein längeres Gespräch. Ich spreche sie auf eine Entwicklung an, die in den letzten Jahren immer deutlicher zu beobachten war – Tanz begann, sich an Schulen zu behaupten, sich in einem pädagogischen Feld zu bewegen. Meine Frage lautete: Ist hier Tanz nur noch Mittel zum Zweck? Wird er nur noch in pädagogischer Absicht benutzt – man denke an die Rütli-Schule und den Erfolgsfilm „Rhythm is it“ – oder bewahrt er auch im schulischen Kontext seine Kunstform?

Abgesehen von ihrer Dozenten-Tätigkeit und ihrem Status als Choreographin ist Nadja Razcewski Mitbegründerin des „Aktionsteam Schule und Bewegung“, in dem es um die Einführung von Tanz-Theater-Projekten an Schulen geht, die aber – im Gegensatz zum Konzept des ebenfalls in Berlin aktiven Projekts „Tanzzeit“ – nicht als integraler Bestandteil im Stundenplan vorgesehen sind: Tanz anstelle von Unterricht, ohne Bewertung, innerhalb eines Rahmens, dem schulischen, jedoch mit dem Freiraum von 2 Wochen, in denen die Schüler nichts anderes machen als sich dem Tanz zu widmen. Denn darauf besteht Nadja Razcewski: „Tanz als Unterrichtsform, so wie es die „Tanzzeit“ propagiert, passt ganz und gar nicht. Wenn man sich schon in einen Rahmen zwängt, muss dort Freiheit herrschen. Wird der Tanz unfrei, kann er nicht mehr als Kunstform bestehen.“ Die „Tanzzeit“ ist ein Projekt, das auf der Welle des Films „Rhythm is it“ – die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle an Berliner Problemschulen – entstanden ist. Das Projekt setzt sich für die Einführung Tanz als Unterrichtsfach an Schulen ein. Doch darin sieht Nadja Razcewski einen Denkfehler, einen Fehler im Konzept.

Obwohl also beim Magdeburger Tanzfestival der Zuschauerstrom stockt, wozu der Provinzial-Faktor der Stadt wohl sein Übriges beiträgt, lässt sich ein Wandel in der Wahrnehmung des Tanzes ausmachen, die Präsenz des Tanzes im schulischen Rahmen ist ein Zeichen dafür. Nadja Razcewski spricht von „einem neuen Bewusstsein für den Tanz.“, was aber letztlich nichts an den Zuschauerzahlen ändert, nicht einmal an denen einer Sasha Walz. Zwar wird die verstärkte Präsenz des Tanzes an Schulen immer augenscheinlicher, doch wird hier nicht die Brücke zum Tanz als Kunstform, dem Tanz auf der „wahren Bühne“ geschlagen. Er wird instrumentalisiert. Nun heisst es wachsam sein, dass der Tanz durch seine Instrumentalisierung nicht sein wahres Wesen, seinen Charakter als Kunstform verliert.

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