Eine Nacht im Museum

von Ricarda Eppler

Die Sonne strahlt und es ist warm. Alles blüht und lebt, auch rund um das Museum für Naturkunde
herum. Einige Menschen begeben sich hinein. Sie werden von dem Skelett eines riesigen
Dinosauriers begrüßt. Das ist dort so üblich.
Er hat vor Urzeiten gelebt, ist vergangen – wie vieles andere auch, das in diesem und zahlreichen
weiteren Museen auf der Welt zu bestaunen ist.
Aber heute kommen die Besucher nicht vorrangig, um Geschichte zu sehen. Heute, bei der Langen
Nacht der Wissenschaften, geht es um Lebendiges, und um das, was hinter den Kulissen des
Museums geschieht, das, was ein Besucher an jedem anderen Tag nicht erleben kann,
Von dem Giganten freundlichen empfangen, haben sich schon einige Besucher um einen
Informationsstand herum gesammelt. Sie scheinen aufgeregt. Stimmen klingen wild durcheinander.
Einige andere haben bereits Gruppen gebildet und warten ungeduldig auf den Beginn ihrer
Führungen. Aber nein, heute werden nicht nur Teile der offenen Sammlung genauer unter die Lupe
genommen, Interessenten bekommen auch Einblicke in die Hightech-Forschungslabore und die
zoologische Bibliothek des Museums.
Ein Schild mit dem Buchstaben A, das aus einer Gruppe herausragt, beginnt sich zu bewegen. Die
Frau, die offenbar die Gruppe führt, startet den ersten Rundgang.
Weiter in der Eingangshalle, oh, ein ungewohnter Anblick! Kleine Barstände laden die Besucher zu
einer Erfrischung ein. Ein paar Besucher nutzen dieses Angebot schon und löschen ihren Durst mit
Cocktails, bevor sie ihren Wissenshunger stillen. Währenddessen bespaßen sich die noch so
gefragten Barkeeper mit Jonglage und Grimassen. Museum trifft Lifestyle. Warum eigentlich nicht.
Um nun das erste der Museumsgeheimnisse zu entdecken, geht es zu den einheimischen Tieren.
Schon bevor man diesen Raum betritt, dringt ein seltsames Geräusch an des Besuchers Ohr. Es
klingt wie ein Föhn. Dem Geräusch gilt es zu folgen.
Da, in der linken Ecke am Ende des Raumes, dort kommt das Geräusch her. Da sind auch einige
Menschen versammelt. Eine Männerstimme übertönt den anhaltenden Lärm. Dort werden sie sein,
die Präparateure.
Bei näherer Betrachtung zählt man ca. 30 Leute, die sich um die beiden Männer an ihren Tischen
versammelt haben. Die jüngsten darunter ca. 5 Jahre alt. Und, in der Tat, das Geräusch, das einem
Föhn ähnelt, entpuppt sich sogar als solcher. Der eine der beiden Präparateure, also jenen
Menschen, die Museumstiere anfertigen, föhnt eifrig das noch feuchte Gefieder einer verschiedenen
Elster, während er sein Handwerk erklärt. „Sieht eigentlich aus wie ein gerupftes Hühnchen, nur
dass Arme und Beine nicht mehr dran sind. Sonst ist es das gleiche.“ Inzwischen hat der
Handwerker von der „Elsternhülle“ abgelassen und hantiert mit einem Messer an einem
Schaumstoffblock herum. Daraus soll das künftige Innenleben des Federtieres entstehen. Weiter
erklärt er, dass man früher tote Tiere mit Watte, Torf oder Stroh gefüllt habe, ohne Rücksicht auf die
natürliche Physiologie der Tiere. Damit erklärt sich auch der geläufige Begriff „etwas ausstopfen“.
Wieder was gelernt. Heute aber benutze man Schaumstoffblöcke und schneide daraus die
entsprechenden Körperteile zu. Um die Authentizität zu bewahren, wird dabei sehr großen Wert auf
die genauen Körpermaße des Tieres gelegt.
10 Kinder stehen an seinem Tisch. Ihre Augen leuchten. Sie folgen aufmerksam seinen Händen,
lauschen seinen Worten. Doch nicht nur die Kinder zeigen ihre Begeisterung offen. Immer wieder
leuchten Kamerablitze auf. Eine Frau um die 30 will nochmal genau wissen, woraus das
Füllmaterial besteht. Auch sie strahlt. Seine Antworten gibt der Präparateur, während er noch an
dem Corpus der Elster schnitzt. Eine Junge von ca. 6 Jahren bemerkt aufmerksam und besorgt, dass
er doch das Messer von seinem Körper wegbewegen müsse. Einsichtig leistet der Präparateur
diesem klugen Ratschlag Folge.
Als eine 4-köpfige Familie zu der Menge stößt, erklärt der Vater zweier Töchter, dass die ältere von
beiden, 12 Jahre alt, später selber mal Tiere präparieren möchte. Daher hätten sie die Gelegenheit
genutzt, damit sie sich die Arbeit anschauen kann und er und seine Frau wissen, was auf sie
zukommen würde. Die Passion hat das Mädchen von seinem Vater, der dieses Hobby früher selber
gepflegt hat.
Der Föhn ertönt wieder. Die Federn der Elster sind noch nicht trocken. Die Vorführung geht weiter.
Noch im selben Raum wieder ein paar Meter zurück, dann rechts ab und man befindet sich schon
im Insektenraum. Hier schwanken die Eindrücke in alles Facetten zwischen schön und scheußlich.
Doch das eigentlich Spannende ist da vorne, dort, wo die Mikroskope stehen. Genau. Hier erlebt der
interessierte Besucher Forschung live. Unter den insgesamt 8 Mikroskopen des Karl-Zeiss
Mikroskopiezentrums kann man die verschiedenen Lebensstadien von Spinnen begutachten
Was aber das eigentlich Besondere daran ist, erklärt Dr. Jason Dunlop, Kustos der Sammlung
„Spinnen und Tausendfüßer“. Unter einem der Mikroskope sei eine der wohl ältesten Lungen der
Weltgeschichte zu erkennen. Das Tier, von dem sie stammt, sei ein Spinnentier, das vor etwa
400.000.000 Jahren an Land gegangen ist. Die Struktur der Lunge, die den Lebensraum Wasser
nicht mehr benötigte, habe sich bis heute kaum verändert.
An dieser Stelle zeigt sich das Museum als nicht unbedeutende Forschungseinrichtung. Wer hätte
das so ohne weiteres gedacht? „Cool! Oder?“ staunt ein kleiner Junge und sein Vater stimmt
verständnisvoll zu. Vielleicht ein künftiger Zoologe? Man weiß es nicht. Aber eines steht fest: Das
Museum erzählt keineswegs nur trockene Geschichte. Das Leben, die Menschen hinter seinen
Mauern schreiben auf die eine oder andere Weise auch die Geschichte, die in Zukunft vielleicht
erzählt und bestaunt wird.
Es ist noch früh, die Nacht ist noch lang und es gibt noch viel zu entdecken, hier im Museum für
Naturkunde, ein Museum, das lebt.

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