Hier gibt es nichts zu feiern

von Julia Peschel

Eine Nacht im Deutschen Rheumaforschungszentrum

Rund 1,3 Millionen erkrankte Menschen in Deutschland belegen deutlich: Rheuma kann jeden treffen. Rund 400 verschiedene rheumatische Erkrankungen, die Schmerzen und Schädigungen der Gelenke, der Muskeln und der inneren Organe verursachen können, werden mittlerweile unterschieden. Allerdings ist die frühzeitige Diagnose der spezifischen Krankheitsform  bisher schwer möglich, ebenso schwierig ist demzufolge eine Voraussage über die Intensität des Verlaufs und die Erfolgschancen einer medikamentösen Therapie. Edeltraud Jahn, 60 Jahre alt und ehrenamtliche Mitarbeiterin der Deutschen Rheuma-Liga, ist eine Betroffene. Sie weiß inzwischen genau, an welchen Krankheiten sie leidet: an rheumatoider Arthritis, an Fibromyalgie (eine chronische Schmerzerkrankung des Bewegungsapparates), am Sjögren-Syndrom (Autoimmunkrankheit, bei der unter anderem die Speichel- und Tränendrüsen angegriffen werden), an Hashimoto-Thyreoiditis (Autoimmunerkrankung, die die chronische Entzündung der Schilddrüse bewirkt) und – als Nebenwirkung – Diabetes Typ II. Aber um es nicht so kompliziert zu machen, sagt sie meistens nur, sie habe einfach Rheuma. Seit die Krankheit 1984 bei ihr festgestellt wurde, engagiert sie sich dafür, die Aufklärungsarbeit voranzutreiben. Sie möchte die Situation für Betroffene verbessern.

Während der Langen Nacht der Wissenschaften 2009 wird im Deutschen Rheumaforschungszentrum in Berlin eine neuartige Methode vorgestellt, die die Diagnose und Therapie rheumatischer Erkrankungen zukünftig erheblich erleichtern könnte. Im Rahmen dieser Methode, wie sie im Ramina-Labor praktiziert wird, können mittels Lasertechnologie einzelne Zellen vom Umgebungsgewebe isoliert werden und anhand der dort enthaltenen Erbinformationen neue Erkenntnisse über die Krankheit und ihre Ursachen gewonnen werden.

Hierbei wird durch einen Laserstrahl eine Membran auf Gewebsproben gedrückt, welche durch Haften an der Membran vom übrigen Gewebe getrennt werden. Durch Schütteln oder Kochen wird die relevante Information herausgefiltert – die RNA. Diese liefert die meisten Auskünfte über Abläufe in einer Zelle. Die Idealvorstellung der Wissenschaftler besteht in der Gewinnung bzw. Herstellung von „Rheuma-Chips“, auf denen nicht die gesamte RNA, sondern nur die für das Rheuma relevanten Informationen der Zelle enthalten sind und welche sodann effektiv analysiert werden könnten.

Den Ort des Geschehens kann der interessierte Besucher der Langen Nacht der Wissenschaften im Rahmen einer Führung näher betrachten. So wird auch auf der letzten Führung den Besuchern die Technik erläutert, allerdings ist hier dem wortführenden Wissenschaftler die fortgeschrittene Stunde – es ist 23:30 Uhr – deutlich anzumerken. Auch, dass er die Inhalte zum wiederholten Male wiederzugeben verpflichtet ist, merkt man ihm an. Den themenfremden Zuhörer jedoch kann die Fülle an Fachinformationen und –begriffen früher oder später überfordern. Und obwohl der effektive Aufenthalt im Labor bald kürzer ist als die Zeit, die benötigt wird, die Teilnehmer im Fahrstuhl unterzubringen, erscheint er unnötig lang, sobald sich nur ein Mal ein Zusammenhang nicht erschließt und man den weiteren Ausführungen nicht mehr folgen kann.

Zum Abschluss der Führung wird der Besucher geladen, auf der hauseigenen Dachterrasse die Aussicht und ein Getränk zu genießen, während nicht zu überhören ist, wie sich in der Sitzecke zahlreiche junge Helfer sehnsüchtig über die Mitarbeiter-After-Show-Party nach Beendigung der Langen Nacht auslassen.

Edeltraud Jahn jedoch verharrt geduldig auf ihrem Stuhl. Sie möchte keine Party machen. Sie möchte aufklären, dringend aufklären. Ihr größtes Anliegen seien die Kinder. Und das allgemeine Bewusstsein über die Krankheit. Auf den ausliegenden Postkarten, die gleichzeitig zur Teilnahme an einem Gewinnspiel berechtigen, sind Wünsche von Rheumapatienten abgedruckt. Mehr Respekt wird dort gefordert; sowohl von den Mitmenschen als auch von den eigenen Ärzten. Diese stellten den Betroffenen in der Regel nicht genügend Informationen über die Krankheit und die Möglichkeiten zur Verfügung. Außerdem wird nach intensiverer Forschung, finanzieller Unterstützung für Erkrankte und einem breiteren Bewusstsein in der Gesellschaft verlangt. „Heilen kann man es nicht“, sagt Edeltraud Jahn, „aber die Lebensumstände könnten deutlich verbessert werden.“ Als sie für einen kurzen Moment abgelenkt wird, muss sie anschließend nach Worten suchen. Sie findet das Gesprächsthema nicht mehr. „Das kommt durch die Medikamente, dass man den Faden verliert“, sagt sie und lächelt entschuldigend. Sie ist müde. Und sie hat Schmerzen, permanent. Aber sie will nicht aufgeben, nicht aufhören, zu mobilisieren und aufzuklären. Für alle, die nach ihr kommen, sagt sie. Denn es kann jeden treffen.

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Ein Kommentar zu “Hier gibt es nichts zu feiern”

  1. Was mich bei all dem Aufwand und der großen Klientel (Sie erwähnen 1,3 Mio. Rheumatiker in Deutschland, davon attribuiert die Deutsche Rheumaliga allein 800.000 den Rheumatoidarthritikern) wundert ist, daß bisher die Fälle ignoriert werden, in denen es zur Totalremission kam. Denn an diesen Fällen sollten sich doch die Heilungschancen der chronischen Polyarthritis erforschen lassen?

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