Praxistipp 5: Seid selbstbewusst

Anmerkungen zur Geschlechterfrage und zum Rollenverständnis in der Wissenschaftskommunikation

Jetzt wird es heikel zum Abschluss meiner Sommerserie. Denn jetzt geht es ans Eingemachte: Frauen und Männer und Augenhöhe. Kommentare sind sehr erwünscht.

Ich versuche ja in meinem Blog als Grundregel die weibliche Form zu nehmen, und was die Kommunikationsbranche betrifft, ist das sogar nah an der von mir seit vielen Jahren beobachteten Wirklichkeit. Die überwiegende Zahl der Beschäftigten in der Kommunikation, auch in der Wissenschaftskommunikation, ist weiblich. Wenn es um Chefposten geht, sieht die Sache freilich anders aus. Abteilungsleiter sind dann doch wieder mehr Männer. (Followerpower: Hat dazu jemand Daten für die Kommunikation?)

Was nun die Chef-Chefrolle (also Institutsleitungen) betrifft, so belegen Statistiken seit Jahren, dass Frauen in Führungsrollen in der Wissenschaft (und nicht nur da) unterrepräsentiert sind. „Nach wie vor findet nach erfolgreicher Promotion ein Bruch statt: Der Frauenanteil bei den Promotionen lag 2012 bei 50,7 Prozent, bei den Habilitationen lag er nur noch bei 27 Prozent. In den außerhochschulischen Forschungseinrichtungen lag der Anteil von Frauen in Führungspositionen 2012 insgesamt bei nur 15,8 Prozent“, heißt es in einer Mitteilung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Statistisch gesehen also (und meiner Wahrnehmung entsprechend): der Chef, die Kommunikationsfachfrau.

Das an sich birgt meines Erachtens schon Probleme, was Geschlechterrollen und Chef-Mitarbeiterin-Verhalten betrifft. In der Wissenschaft ist es nun aber so, dass sehr oft noch ein traditionelles Chef-Modell gelebt wird: der Mann an der Spitze weiß alles, kann alles, hat aber nur nicht die Zeit, alles selbst zu machen. Ich hatte in meiner Laufbahn zwar ganz oft das Glück, anderen Chefs begegnet zu sein, aber ich bin nun mal selbst ein Mann und ich kam von außen ins System. Letzteres ist ein nicht zu unterschätzender Faktor: Es ist viel leichter, einem Journalisten von außen eine eigene Professionalität zuzugestehen und diese anzuerkennen als einer ehemaligen Wissenschaftlerin oder einem ehemaligen Doktoranden aus dem Institut selbst. Denn diese Person war ja jahrelang Laborknecht und damit schon in einer subalternen Rolle. Mehr noch: Eine Wissenschaftlerin aus dem Institut (Männer mitgemeint), die dortselbst in die Pressestelle (Kommunikationsabteilung) wechselt, wird sehr lange gegen das Vorurteil anzukämpfen haben, sie sei ja nicht gut genug für die Wissenschaft gewesen, quasi gescheitert, und verfolge jetzt eben Plan B für die feste Stelle. Selbst wenn sie die Kommunikationsabteilung leitet.

Dieser eingebaute Fehler im System macht es sehr schwer, auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: institutionell betriebene Kommunikation in der Wissenschaft wird von vielen leitenden Wissenschaftlern nicht als Profession wahrgenommen, sondern als eine Art Abstellplatz für jene, bei denen es halt nicht zur eigentlichen Karriere (also: W3, Lehrstuhl, Chefsessel) gelangt hat. Bei vielen Pressesprechertreffen und zuletzt auch beim Workshop Wissenschaftskommunikation der Volkswagenstiftung (auf twitter: #wowk14) hörte ich die Klage, dass einen die Chefs nicht ernst nehmen und dass die Augenhöhe fehlt.

Es fällt mir schwer, daraus Praxistipps abzuleiten. Ich versuche es dennoch.

Für Chefs: Nehmen Sie Ihre Leute ernst. Betrachten Sie institutionelle Wissenschaftskommunikation nicht als Nice-to-have oder lästiges Übel, sondern als unverzichtbar für das Fortkommen des Instituts und der eigenen Disziplin. Ich habe hier mal aufgeschrieben, warum ich Kommunikation für unverzichtbar halte. Und Beatrice Lugger hat hier zehn gute Gründe aufgeschrieben, warum Wissenschaftlerinnen kommunizieren sollten. The stick and the carrot, sozusagen. Und nochmal: Wenn Sie schon Geld aus dem Institutshaushalt locker machen, dann nehmen Sie das ernst, wofür Sie bzw. Ihr Haus bezahlen.

Bonustipp: If you pay peanuts, you’ll get monkeys.

Für Kommunikatorinnen, insbesondere jene aus dem System selbst: Seid selbstbewusst, bildet euch fort, sagt auch mal Nein, holt euch Hilfe von außen, indem ihr zum Beispiel eine Journalistin einladet und in der Leitungsrunde vortragen lasst. Zeigt eure Erfolge – das hat nichts mit Prahlerei zu tun, sondern entspricht dem Prahlen, das im Wissenschaftssystem selbst notwendig ist (Rankings, Publikationslisten, Preise etc.).

Praxistipp 4 (für Chefinnen): Stellt Profis ein!*

Teil 4 meiner Sommerreihe – oder: Warum Journalistinnen aus falschen Gründen für Wissenschafts-PR eingestellt werden und dann doch gute Arbeit machen

Ein weit verbreitetes Missverständnis auf Seiten der Unternehmen und Institutionen, die PR-Abteilungen haben, führt dazu, dass gerne Journalistinnen für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit angeheuert werden. Die (falsche) Idee ist meiner Einschätzung nach, dass so eine Journalistin (Männer mitgemeint) ein Netzwerk mitbringt. Sie kennt die Kolleginnen, sie weiß, wie man Geschichten in ihrer früheren Redaktion und bei den Buddies in anderen Redaktionen unterbringt; jetzt halt die Stories aus der eigenen Forschungseinrichtung.

Es gab zwei sehr eindrückliche Erfahrungen nach meinem Wechsel in die Wissenschaftskommunikation. Die eine war eine kurze Begegnung mit einem Mehrfach-Wissenschafts-Präsidenten im Jahr 2003. Er erkannte mich von Presseterminen wieder und begrüßte mich freundlich, fragte, wie es mir gehe. Als ich sagte, ich sei jetzt auf die Seite der Wissenschaftskommunikation gewechselt, wandelte sich sein Lachen in eine unbeteiligte Miene und er ging grußlos weg. Die andere Erfahrung war eine Pressekonferenz (ich sag jetzt nicht, welche), die ich mitorganisieren sollte. Ich rief alle mir immer noch per Du verbundenen Kolleginnen und Kollegen in Redaktionen an. Keine kam. Und ich konnte es ihnen nicht mal übel nehmen. Selbstüberschätzung meinerseits und Überschätzung des Themas: double fail.

Einige der Kolleginnen erwiesen sich dennoch als außerordentlich hilfreich, denn sie nordeten mich – freundlich! – ein. It’s the story, stupid. Wenn das Thema nicht zieht, kann die einladende Pressesprecherin noch so nett sein… Mitleid zählte damals schon nicht, zum Glück, und heute noch weniger.

Hatten die, die mich anheuerten, also einen Fehler gemacht? Ich glaube nicht. Sie haben mich nur – so mein Verdacht – aus dem falschen Grund angeheuert. Mein Netzwerk nützte mir wenig, zumindest nicht bei der Platzierung von Geschichten. Dagegen nützten mir meine Einblicke in die Produktionsprozesse der Medien (nicht um 15 Uhr in der Redaktion anrufen und fragen, ob die Pressemitteilung denn angekommen sei, nicht am Dienstag eine Pressemitteilung herausgeben und hoffen, damit in die ZEIT zu gelangen). Mir nützte die gemeinsame Sprache (ich kenne den Unterschied zwischen Leitartikel und Aufmacher, ich weiß, was Andruck und Redaktionsschluss bedeuten). Und vor allem nützte mir mein journalistisches Handwerkszeug: wie schreibt man eine Nachricht? Und, am alleraller-(beim erneuten Lesen: ich schreibe noch ein aller dazu!)-allerwichtigsten: Was ist eine Nachricht und was nicht? It’s the story, stupid.

Journalistinnen werden in der Ausbildung überdies zu einer gewissen Unerschrockenheit erzogen. Das nützt im Umgang mit allmächtigen Direktorinnen und Präsidentinnen (Männer mitgemeint). Da kann man leichter widersprechen und sagen: Das ist keine Story, tut mir Leid. Oder, nach einigen Lernprozessen: Vielleicht doch besser keine Pressekonferenz veranstalten. Oder: Ja sicher, die zwölf Namen der beteiligten Kooperationspartner, ihre Mittelinitialen und die Universitäten, an denen sie arbeiten, sind echt wichtig für uns und für künftige Projekte. Aber nicht im ersten Absatz der Pressemitteilung.

*) Was aber, liebe Chefin, wenn Sie keine Journalistin angeheuert haben? Sondern eine PR-Fachfrau oder eine Wissenschaftlerin aus dem Institut den Job macht. Dann vertrauen Sie ihr. Die meisten nicht-journalistischen Kolleginnen, die ich kennengelernt habe, haben das Rüstzeug, das ich hier kurz beschrieb, auf andere Weise gelernt: in Seminaren, Abendkursen, bei Kongressen, in Gesprächen mit Journalistinnen oder ehemaligen Journalistinnen. Hören Sie auf den Rat Ihrer Kommunikatorinnen. Dafür bezahlen Sie sie ja und nicht zum Ja-Sagen.

Praxistipp 3: Die Pressekonferenz

Wenn ich Pressekonferenz hinschreibe und Sie, liebe Leserin, nicht ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben, dann denken Sie jetzt vermutlich folgendes: Ein Wald von Mikrofonen, Kameraleute und Fotografen drängen sich um ein Podium, immer wieder ertönt das laute Klicken der Kameraverschlüsse und Blitze erhellen den Raum. Vorne oder oben sitzt jemand und hinten oder unten schreibt eine Meute Journalistinnen alles mit, was diese jemand sagt. Sind Sie nun eine PR-Fachfrau für eine Wissenschaftseinrichtung, so ist die Chance groß, dass Ihre Chefin oder Ihr Chef in dieselbe Richtung denkt. Große Nachrichten bedürfen einer Pressekonferenz. „Wir haben sogar einen Nobelpreisträger als Gast zu der Konferenz gewinnen können, über die wir den Medien jetzt berichten.“ „Unser Institut ist von internationalen Gutachtern mit der Bestnote bewertet worden. Das muss in die Welt.“ – auf einer Pressekonferenz.

Vielleicht aber erging es Ihnen schon mal wie mir mitunter in den vergangenen gut zehn Jahren. Wenn ich Pressekonferenz denke, fällt mir das Gefühl ein, wie sich Schweiß unter den Achseln sammelt. Wie die Ohren heiß werden. Der Mund trocken. Der Blick vom Podium, wo ich als Moderator sitze, schweift über den Besprechungsraum, in dem sitzen ein Praktikant einer Zeitung (die mir seit langem persönlich bekannte Redakteurin habe ich tags zuvor noch am Telefon bekniet, doch jemand zu schicken) sowie ein freier Journalist, der sich suchend nach Brötchen umguckt. Dann habe ich noch zwei Pressesprecherinnen angerufen von befreundeten Instituten, die sich als Medienvertreterinnen angemeldet haben. Neben mir sitzen mindestens eine Direktorin oder gar eine Präsidentin und mindestens eine Fachwissenschaftlerin (Männer immer mitgemeint). Hinter mir das Banner des Institutes oder der Organisation. Falls Fotos gemacht werden (Sie erinnern sich: Blitzlichtgewitter…) Ich räuspere mich. „Das akademische Viertel ist um. Fangen wir an – ich begrüße Sie sehr herzlich…“

Dieses Bild kann natürlich nie in den Köpfen der Verantwortlichen auftauchen und auch nicht in denen der Medienkonsumenten und auch nicht der Medienmacher, denn es ist ja keiner da, darüber zu berichten. Keine Fotos. Kein Live-Ticker. Solche Pressekonferenzen finden im Verborgenen statt und damit also gar nicht.

Werden Sie also beauftragt, eine Pressekonferenz abzuhalten, fragen Sie sich: Würde die Bundeskanzlerin kommen? Der Bundespräsident? Nein? – Then don’t do it. Glauben Sie, dass die BBC oder CNN berichten? Nein? Don’t do it. Hat Ihre Chefin den Nobelpreis erhalten? Nein? Don’t do it (und Nein, auch der Leibniz-Preis zählt nicht.) Wissenschaft ist ein Randthema. Welche zwei Worte von Rand und Thema haben Sie nicht verstanden?

Sie glauben mir nicht? Oder Ihre Chefin glaubt Ihnen nicht oder mir nicht. Vielleicht glauben Sie Paul Richards, Autor des Buches „Be your own Spin Doctor“, ehemaliger Regierungsberater im britischen Gesundheitsministerium, erfolgreicher Campaigner und wirklich guter Ratgeber. Ich zitiere im Original aus dem Buch (leider vergriffen, aber antiquarisch erhältlich): „The best advice I can give on whether to hold a news conference is: don’t.“

Zur Sicherheit am Ende des Praxistipps 3 noch eine „take home message“: Don’t.

Praxistipp 2: Das gute Pressefoto

Teil 2 meiner Sommerreihe mit Praxistipps. Für dieses Blogposting gibt es sogar einen Anlass, wenn man so will, nämlich einen interessanten Blogbeitrag von Patrick Lux, auf den ich über fünf Ecken gestoßen bin.  Mehr dazu unten.

Vorgeschichte (Absatz kann übersprungen werden):

Fotoauswahl in einer Wissenschaftsredaktion der späten 1990er Jahre. Auf einem Leuchttisch liegen Dias, die per FedEx aus den USA gesandt wurden. Die Artdirektorin, der Layouter, seine Kollegin und die Redaktion beugen sich über Bonobo-Bilder. Ist das schöner oder das? Das eine kostet 200, das andere 400 Dollar. Aber das teurere ist auch schöner. Das soll es sein. Das war es. Und das selbe Spiel wiederholte sich jede Woche. – Zeitsprung. Eine Pressestelle fünf, sechs Jahre später. Regelmäßiger Anruf aus Wissenschafts- bzw. Fotoredaktionen: Haben Sie vielleicht auch ein Laborbild, das wir zu dem Text stellen können? Subtext: Kostenlos, natürlich.

Das Geld ist knapp geworden in den Verlagshäusern. Und jede PR-Fachfrau weiß das. Also sendet sie Bilder mit, denn die erhöhen die Abdruckwahrscheinlichkeit einer Pressemitteilung enorm. Nicht alle Bilder freilich, nur gute.

Was ist ein gutes Foto? Ein authentisches Bild aus der Wissenschaft, eine gute Infografik, eine grafisch schön aufbereitete Statistik. Schlechte Fotos sind Genrebilder (etwa Strommasten, wenn es um Energie geht; Pillen auf einem Haufen, Kraftwerke, Stethoskope etc.) oder aufgereihte Menschen einer Arbeitsgruppe, die dastehen wie Schützenkönige bei der Vereinsfeier. Genrebilder zeugen von der Not, kein Bild zu haben. Die Gefahr ist groß, dass das Genrebild, das man selbst herausgesucht hat, der Redakteurin nun gerade gar nicht gefällt und dass die Redakteurin den Plan durchschaut, mit irgendeinem Bild in die Medien kommen zu wollen.  Hier ein Beispiel für ein sehr gutes Genrebild mit einer interessanten Diskussion, inwieweit es journalistisch statthaft ist, solche Symbolbilder zu nutzen. Der zentrale Punkt: Ein Genre-oder  Symbolbild ist nicht dokumentarisch. Für mich in der Wissenschaftskommunikation ist das ein No-Go.

Eines „meiner“ erfolgreichsten Fotos war allerdings auch nicht rein dokumentarisch. Das Bild zeigt eine Computertomographie einer Schlange, die gerade eine Ratte gefressen hat.  Die Aufnahme  wurde in fast allen wichtigen Medien gedruckt. Die Nachricht dazu kam huckepack.

Die Idee für die Aktion hatte der Direktor des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), Heribert Hofer. Er ist einer der wenigen, denen ich zutraue, Tiere in der PR gut einzusetzen. Allen anderen rate ich dringend ab. Denn eine Regel für Events lautet: keine Kinder, keine Tiere. Die sind nämlich nicht planbar. Hier die Geschichte eines in der PR-Branche legendären Fails (das ist aber wieder was für einen eigenen Blog-Beitrag).

Gute Fotos sind originell, das war dieses Bild mit der Schlange und der Ratte allemal. Sie zeigen eine Aktion, eine Szene, erzählen gar eine Geschichte. Sie sind authentisch und nicht gestellt mit grellen, scheinbar selbst leuchtenden Chemikalien in Reagenzgläsern (Tipp für Anfänger: Taschenlampe unters Reagenzglas, Gesicht der Forscherin nah ran, schaut schön dämonisch aus).

Liebe Kolleginnen: Investiert ein paar hundert Euro und lasst alle ein, zwei Jahre eine Profifotografin in eure Labore. Schaut nach, was an Schätzen auf den Festplatten der Forscherinnen schlummert: Mikroskopaufnahmen, Simulationen, Grafiken (passt auf die Bildrechte auf, ob die nicht schon bei den Gelddruckmaschinen Wissenschaftsverlagen liegen). Macht nicht selbst Fotos, die Ihr Medien anbietet. Ihr tut euch keinen Gefallen, den Wissenschaftlerinnen nicht und den Medien auch nicht. Was anderes sind Blogs, auch Institutsblogs. Da dürfen die Fotos schon mal rough and dirty sein.

Praxistipp 1: Die Pressemitteilung

Mit diesem Text beginne ich eine kleine Sommerreihe mit Praxistipps für Kommunikatorinnen (Männer immer mit gemeint). Über Kommentare und Fragen freue ich mich. 

Jetzt aber: Die Pressemitteilung

Was die Reportage dem Journalismus, das ist die Pressemitteilung der Kommunikation: Mutter aller Formate, Maß aller Dinge. Als Journalist habe ich Tausende von Pressemitteilungen erhalten. Eine Zeitlang waren formatierte Texte beliebt, die daherkamen wie Meldungen für eine Nachrichtenspalte oder Berichte, komplett mit Überschrift, Unterzeile, Ortsmarke, Datum und am Ende noch die Zahl der Zeichen. Der Plan dahinter für die Empfängerinnen: Copy, Paste, Seite zugenagelt, fertig. Am besten noch ein Umsonst-Bild dazu (die schlimmsten dieser Bilder hingen wir im Büro an eine Pinnwand).

Von solchen Scheinartikeln kann ich nur herzlich abraten. Denn das bestätigt alle Vorteile gegen eine sich professionalisierende Wissenschafts-PR. Dabei ist es gerade umgekehrt: Genau so eine pseudojournalistische Aufmachung zeugt von erschreckender Unprofessionalität, denn sie nimmt das Gegenüber – den Journalismus – nicht Ernst. Wer als Kommunikatorin erwartet, dass die eigene Meldung 1:1 abgedruckt wird und sie entsprechend formuliert und formatiert, zeigt damit, dass sie die Redaktion für blöd hält. (Und wenn Redaktionen tatsächlich PR-Meldungen 1:1 übernehmen, sind sie nicht mehr Ansprechpartnerinnen auf Augenhöhe.)

Gleichwohl enthält eine gute Pressemitteilung journalistische Elemente bzw. die Verfasserin nutzt journalistisches Handwerkszeug. Die berühmten W-Fragen (wer hat wann wo was getan, wie und wozu, vielleicht auch noch warum) müssen beantwortet werden. Und das Wichtigste kommt zuerst. Wie eine Meldung oder ein Bericht eben.

Zu den 5 (manche nehmen auch 7) W-Fragen kommt nun etwas hinzu, das ich als 5-A-Regel oder die 5 A-Fragen bezeichne. Ich erachte die 5 A’s unabdingbar für jede Pressemitteilung: Anlass, Aktualität, Adressat, Absender, Ansprechpartner. Die A’s wirken zum Teil redundant, aber so wie „warum“ und „wozu“ eine unterschiedliche Bedeutung haben, so sind Anlass und Aktualität ebenso verschieden wie Absender und Ansprechpartner.

Beispiele dafür: Als ich für das Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie zu arbeiten begann, suchte ich mir die Lebensdaten von Max Born heraus: Geburt, Tod, Verleihung des Nobelpreises. Und siehe da: Die Vergabe des Nobelpreises an den Physiker würde sich in überschaubarer Zeit zum 50. Mal jähren. Ich hatte also jenseits der Aktualität einen Anlass gefunden, der dann wiederum eine Aktualität erzeugte. Natürlich sind erscheinende Studien, aktuelle Nobelpreise oder bahnbrechende Entdeckungen jeweils auch Anlässe mit eigener Aktualität.

Anderes Beispiel: Selbstverständlich hat eine Pressemitteilung einen Absender, in der Regel die Pressesprecherin oder „das Institut“. Aber ebenso wichtig ist die darin genannte Ansprechpartnerin, in aller Regel die an der Studie beteiligte Wissenschaftlerin oder die Direktorin, Vortragende, Preisträgerin etc. Man glaubt es kaum, aber da passieren die dümmsten Fehler. Ich weiß das, weil es mir selbst passiert ist: Ich gab eine Pressemitteilung heraus mit allen 5 A’s und den W-Fragen und stilistisch toll und überhaupt, hatte aber vergessen sicherzustellen, dass die Wissenschaftlerin auch wirklich ansprechbar war. Sie verreiste einen Tag vor Versand der Mitteilung in den südamerikanischen Urwald. Nicht erreichbar für Rückfragen. Fail!

Und was die Adressaten betrifft: Professionelle Wissenschaftskommunikation und Medienarbeit richtet sich beileibe nicht nur an Wissenschaftsjournalistinnen. Lokales, Politik und Wirtschaft oder Feuilleton sind je nach Thema auch sehr gute Ressorts, denen man Themen anbieten kann. Wohl der Kommunikatorin, die einen gut sortierten Verteiler hat. Und die das journalistische Handwerkszeug so beherrscht, dass sie die richtigen Leute in der richtigen Weise anspricht.

Was noch? Ein gutes Foto erhöht die Abdruckwahrscheinlichkeit einer Pressemitteilung enorm. Dazu mehr in einem eigenen Blogbeitrag.

Ach so, noch ein Tipp für Profis oder eher ein Wunsch: Verlinkt auf die Originalarbeiten, und wenn das die Verlage nicht zulassen, dann bittet eure Wissenschaftlerinnen, die Pre-Print-Version in euer Repositorium einzustellen und verlinkt dann da drauf. Damit helft ihr nicht nur den guten Wissenschaftsjournalistinnen, sondern stärkt auch Open Access.

Noch so ein Missverständnis: Akt oder Profession

Letztens habe ich ja im Umfeld des wowk14 davon erzählt, was ich bei der Debatte um Wissenschaftskommunikation vermisse. Mir fehlte eine genauere Definition von Wissenschaftskommunikation, und ich hab mich mit einer Unterteilung in S2S- und S2L-Kommunikation an die Sache herangetastet. Aber ich glaube, man muss noch auf einer anderen Ebene grundlegend unterscheiden. Reden wir über Kommunikation als (un-)willkürlichen zwischenmenschlichen Akt oder über Kommunikation als Profession? Daher rührten vielleicht auch einige der Missverständnisse des wowk14. Wissenschaftlerinnen (Männer immer mit gemeint) betreiben Wissenschaftskommunikation ja als eine – meist – intrinsisch motivierte Aktivität, während die Pressestellen und PR-Abteilungen sie als Profession verstehen.

In der Profession unterteilt man dann bei der S2L-Kommunikation in Zielgruppen – z.B. Politik, Schulen, lokales Umfeld, Medien – und entwickelt Maßnahmen, Formate und ganz spezifische Erfolgskriterien. Die Wissenschaftlerin dagegen redet oder schreibt allgemeinverständlich über ihre Arbeit und passt sich situativ an das Umfeld an: vor Schülerinnen spricht sie hoffentlich gewiss anders als vor Abgeordneten.

Diesen Akt, der ein hohes Maß an Instinkt beinhaltet, kann und sollte man nicht unbedingt Regeln unterwerfen, zumindest nicht Regeln der PR. Dagegen ist es für die Profi-Kommunikatorinnen wichtig, sich über Qualitätskriterien und Erfolgsparameter Gedanken zu machen.

Beim wowk14 waren nun Wissenschaftlerinnen zugegen, deren Tätigkeit ja bereits einem strengen Reglement unterliegt: gute wissenschaftliche Praxis, Ethikrichtlinien, ungeschriebene Gesetze und Traditionen (Publikationen, Peer Review, Fachjargon). Das Gleiche lässt sich für die Journalistinnen sagen. Aber wenn man von Kommunikation spricht, wird es unklar. Das liegt vor allem daran, dass die Ebenen Akt und Profession nicht trennscharf zu unterscheiden sind. Ein Metin Tolan, der Professor für Experimentalphysik ist, betreibt Wissenschaftskommunikation mittlerweile auch als Profession – das weiß jeder, der seinen James-Bond-Vortrag (Achtung: Vor dem Zusammenschnitt des Vortrags fast 3 Minuten Werbung für eine oberösterreichische Bank, auch lustig, aber anders)  gesehen hat und das sagt er auch selber. Science Slammer und Blogger sind ebenfalls Kommunikationszwitter.

Richtig problematisch wird die Sache beim Erfolg. Hier sind sich die Professionen Wissenschaft und Journalismus ähnlicher als vermutet, denn in beiden Fällen ist Reputation der Person und der mit ihr verbundenen Institution ein ganz wichtiger Erfolgsparameter. Je berühmter die Wissenschaftlerin, desto mehr Glanz fällt auf ihr Institut; je stärker die Marke (Max Planck, Oxford, Harvard), desto mehr Glanz auf der Angestellten. Je edler die Feder, desto besser fürs Blatt. Je berühmter das Blatt, desto edler müssen die Federn dort sein.

Was aber sind nun Erfolgskriterien für professionelle Kommunikatorinnen? Telefonbuchdicke Sammlungen von Kopien aus Zeitungen, die das Institut erwähnten („Clippings“)? Einschub für digital natives: Früher gab es graue, schwarze (später kamen Orange und Grün hinzu) Apparate mit so einer Drehschreibe oben drauf, mit der man Nummern anwählen konnte, um mit stationären Apparaten an anderen Orten verbunden zu werden. Fotos konnten damit nicht gemacht werden, es gab auch keine Sprachbefehle und kein internes Adressbuch. Aber so ungefähr ab den 1980er Jahren gab es immerhin Tasten drauf. Die Nummern (und die Apparate!) wurden von einem Staatskonzern vergeben und verwaltet, der jedes Jahr dicke Bücher mit ganz dünnen (so wie Zigarettenpapier) Seiten herausgab. Da standen alle Namen der Menschen eines Ortes, die so einen Apparat besaßen. Das war dann ein Telefonbuch.

Clippings also? Wenn die Holzmedien (nein, ich erklär die jetzt nicht wie das Telefonbuch) nicht reichen, kopiert man sich eben das Internet und reicht es der Chefetage hoch. Irgendein Nachrichtenportal „druckt“ die Pressemeldung immer. Das kann es ja wohl nicht sein.

Ich habe das vor knapp zehn Jahren beim Forschungsverbund Berlin mit einer Datenbank angefangen, in der ich Clippings kategorisierte und, sofern ersichtlich, mit jenen Pressemitteilungen verknüpfte, auf denen sie beruhten. Das erwies sich als ein guter Weg. Da konnte ich mir Ziele setzen und Erfolgsparameter entwickeln (zum Beispiel: Steigerung der Clipping-Zahl in überregionalen Qualitätszeitungen). Beim wowk14 habe ich erfahren, dass das Kommunikationscontrolling heißt. Simon Scheuerle vom KIT hat darüber vorgetragen.

Da wird es aber gefährlich. Denn das verleitet dann auch dazu, die mediengängigen Dinge in den Vordergrund zu spielen. Hier verstehe ich das Unbehagen von Marcinkowski und Kohring (die zwei Wissenschaftler sprachen sich beim wowk14 für weniger Medialisierung aus, mehr dazu hier und hier). Wichtig ist daher ein Bewusstsein für die jeweiligen Rollen der an der Kommunikation Beteiligten. Denn davon hängt ab, wie Erfolg definiert ist.

Und noch eines: Nicht nur beim wowk14 wurde Wissenschaftskommunikation sehr eng als auf an Medien gerichtete Kommunikation besprochen. Nachbarschaftsarbeit, politische Kommunikation, Lehrerbildung und Schülerarbeit und vieles mehr gehören aber heute auch ins Portfolio professioneller Kommunikationsabteilungen. Für mich persönlich ist daher das wichtigste Erfolgsmaß das Vertrauen der Wissenschaftlerinnen in meine Arbeit – und das der Chefetage.

Warum Wissenschaft kommunizieren muss

Hier mal ein paar Anmerkungen aus der Berufspraxis, die vielleicht auch erklären, warum ich beim wowk14 der Volkswagenstiftung so empört war über die von mir und anderen so verstandene Aussage, dass die Wissenschaft zu viel kommuniziere und dass weniger Wissenschaftskommunikation besser sei. Hier ein Storify davon, zusammengestellt vom @fischblog.

Zu meinen Anmerkungen aus der Praxis: Wissenschaft ist eingebettet in einen gesellschaftlichen Kontext, ob sie will oder nicht. Das fängt bei der unmittelbaren Nachbarschaft an. Ganz aktuelles Beispiel: Mein Arbeitgeber, das Max-Delbrück-Centrum, will ein Laborgebäude errichten, in dem Tierversuche stattfinden. Die lokale Selbstverwaltung (in Berlin ist das die Bezirksverordnetenversammlung von Pankow) muss über den Bauantrag befinden. Dabei sind Bürgereinwände aus der Nachbarschaft zu berücksichtigen. Die Spendensammelorganisation Peta schaffte es vor zwei Jahren binnen weniger Wochen, 30.000 Protest-E-Mails gegen den Bau zu organisieren. (Der Bauantrag ist dennoch vor wenigen Tagen genehmigt worden.) Tierversuche sind nur ein Beispiel. Kolleginnen aus anderen Instituten arbeiten für Wissenschaftlerinnen, die mit genveränderten Pflanzen forschen, die mit Stammzellen arbeiten, die einen Forschungsreaktor betreiben, die halb Hamburg untertunneln und und und.

Ja, mögen da der Systemtheoretiker und der Soziologe einwenden: Wir schmutzen aber nicht, krümmen keiner Maus ein Haar und wir sind auch nicht gefährlich. Aber auch ihr braucht Strom, sage ich, auch ihr braucht Häuser, und auch ihr müsst – vielleicht sogar mehr als andere – gegen das Vorurteil kämpfen, dass gute Wissenschaft nur jene sei, die Arbeitsplätze schaffe oder Produkte hervorbringe bzw. verbessere.

Und auch ihr seid, wenn ihr an Universitäten arbeitet, von Landesregierungen abhängig. Von Universitätsgesetzen und Haushaltsentscheidungen. Wer soll wie viel mitbestimmen an euren Unis? Welche Forschung soll gefördert werden? Wie lange dauern Genehmigungsverfahren für medizinische Studien, für Tierversuche, für Infrastrukturmaßnahmen?

Und dann gibt es die Bundespolitik und die Europapolitik. Und die Schulen, in denen doch bitte nicht der Stoff gelehrt werden soll, der längst überholt ist. Von woher sollen es die älteren Lehrkräfte denn erfahren, wenn nicht von der Wissenschaft direkt?

Außerdem möchte ich nicht, dass man für Autisten ungestraft Chlorbleiche als Wunderkur empfehlen darf. Ich will keine Masernausbrüche, weil bescheuerte Impfgegner Unsinn im Internet verbreiten. Ich will nicht, dass Menschen sich zu spät oder falsch gegen ernsthafte Erkrankungen behandeln lassen, weil ihnen eingeredet wird, dass eine Diät-Umstellung gegen Krebs helfen könne. Gute Wissenschaft und die Kommunikation gesicherten Wissens in die Breite der Gesellschaft können Leben retten.

Ich möchte erfahren, was es mit dem westantarktischen Eisschild auf sich hat, mit dem Anteil des Menschen am Treibhauseffekt, mit der Wirksamkeit von entwicklungspolitischen Maßnahmen. Ich möchte das von gelehrten Menschen erfahren und nicht von Lobbygruppen, die Gelehrtheit vortäuschen. Ich will auch wissen, ob betrogen wird in euren Fächern, ob Dissertationen abgeschrieben worden sind, Daten gefälscht wurden und Ergebnisse gehyped oder mit, ich sage mal: Schlagseite veröffentlicht wurden (Seralini lässt grüßen).

Dafür brauche ich guten Wissenschaftsjournalismus, vor allem aber ein Wissenschaftssystem, das keine Angst vor Transparenz und vor ungebildeten Massen hat. Und ich sehe alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Pflicht, für ein Grundverständnis dafür zu werben, dass Wissenschaft ein Kulturgut ist, auch wenn sie zweckfrei an Grundlagen forscht. Sonst bleiben nämlich die Massen ungebildet…

Noch eines kommt hinzu. Die Wissenschaft kann nicht nicht kommunizieren. Das hat nicht nur Paul Watzlawick allgemein schon erkannt, sondern das bringen die neuen Medien mit sich. Drüben bei Facebook habe ich kurz die Analogie eines Handy-Gesprächs im Zug beschrieben (in den Kommentaren zu Alexander Mäders klugem Beitrag).

Eine Frau sitzt also da und spricht mit jemandem per Handy. Der Rest des Abteils kann zuhören; manche tun das genervt, andere hören weg oder haben Kopfhörer auf und bekommen gar nichts mit. Wieder andere fangen ein Gespräch miteinander an, das sich um das Telefonat dreht. Einer kennt die Person am anderen Ende der Leitung, ein anderer kennt das Thema, über das die Frau spricht. So kann sich die Gruppe, mit Lücken zwar, erschließen, um was es bei dem Telefonat geht.

Dieses Handy-Telefonat ist Science-to-Science-Kommunikation (S2S). Zwei Wissenschaftlerinnen sprechen über ihr Fach miteinander, sei es per Fachjournal oder auf Konferenzen. Für Laien (L) nicht ohne weiteres zu verstehen. Viele interessieren sich auch nicht für die Wissenschaft (Kopfhörer) oder pflegen ihre Vorurteile vom unverständlichen Jargon (genervte Zwangszuhörer). Aber es gibt auch Interessierte, die sich nur ein wenig in der Blogosphäre umtun müssen, um eine Einordnung der besprochenen Studien etc. zu bekommen. Markus Dahlem hat für sich beleuchtet, wie die Grenzen zwischen S2S- und S2L-Kommunikation verschwimmen.

Also: S2S-Kommunikation ist Teil des wissenschaftlichen Prozesses, wird aber von der Allgemeinheit rezipiert und damit nolens volens S2L-Kommunikation. Abschottung, auch eine empfundene, wird der Wissenschaft negativ ausgelegt. Und die Gesellschaft erwartet von der Wissenschaft als System Dinge, die weit über eine Rechtfertigung der eingesetzten Mittel hinausgehen: Aufklärung, um es kurz zu machen. Und über Geld habe ich jetzt noch gar nicht gesprochen. — All die hier angesprochenen Gründe, die ich als Notwendigkeiten ansehe, verlangen nach guter Kommunikation. Und die darf sich nicht auf gelegentliches Ansprechen wichtiger Politikerinnen und Medien oder einen Tag der offenen Tür pro Jahr beschränken. Es ist eine Daueraufgabe.

Nachtrag: Nachdem ich den Artikel in der Zeit von H. Wormer und P. Weingart ein weiteres mal gelesen habe, kann ich das dort geschriebene nur unterstützen. Das Problem beim Workshop war wohl, dass – gewissermaßen zur Zuspitzung der Thesen – Wissenschaftskommunikation mit schlechter Wissenschaftskommunikation (Medialisierung, Übertreibung, Hype) gleichgesetzt wurde. Aber gerade das will keiner der Beteiligten.

wowk14-Nachtrag: Bedroht Kommunikation die Wissenschaft?

Weil es mir keine Ruhe lässt, was die Kommunikationswissenschaftler Frank Marcinkowski und Matthias Kohring da bei der wowk14 sagten, hier noch mal eine Einschätzung. Vorab die Bitte: Wenn ich die beiden Herren missverstanden habe, wie sie es mir auf der wowk14 entgegen hielten, bitte ich kundigere Leserinnen bzw. Teilnehmerinnen um Aufklärung, was die beiden Wissenschaftler gemeint haben könnten.

Eine Menge Kommunikatorinnen und ich haben Folgendes verstanden: Wissenschaft ist ein System mit eigener Logik („funktionale Autonomie“). Öffentlichkeit und Politik konstituieren ein anderes System mit anderer Logik („Medialisierung“). Öffnet sich nun die Wissenschaft hin zum anderen System – etwa durch Kommunikation (M&K sprachen vom Schielen nach Aufmerksamkeit) –, droht die Gefahr, dass die Werte von außen (Themen, die gerade en vogue sind, zum Beispiel) das System Wissenschaft stören. Wissenschaft werde nicht besser, wenn Leute zuschauten, hieß es etwa vom Katheder Podium. In der Vortragsankündigung nannten M&K die Störung „leistungshemmende Autonomiebeschränkung“.

Ich halte das nach wie vor für grundfalsch. Und zwar aus mehreren Gründen. Wie wird denn Wissenschaft besser? Ein zentrales Element guter Wissenschaft ist die Aufklärung von Irrtümern durch die Wissenschaft ebenso wie von Irrtümern in der Wissenschaft.

Das System Wissenschaft hat in der Tat strikte Evaluierungen, Peer Review-Verfahren und wählerische Journale mit hohem Impaktfaktor hervorgebracht, um die eigene Qualität zu sichern. Dass dieses System immer öfter versagt, habe ich leider aus dem System selbst nicht so oft gehört. Man sollte dem bloggenden Wissenschaftler Björn Brembs auf Twitter folgen oder seine Blogposts lesen, und wenn es schon ein Scientific Journal sein muss, er hat das auch dafür aufgeschrieben: Hoher Impaktfaktor korreliert nicht mit Qualität der Wissenschaft, wohl aber mit der Anzahl der zurückgezogenen Studien (Retraktionsrate). Hier geht es zur Studie.

Es hat sich eine Community gebildet, die den Wissenschaftlern sehr genau auf die Finger schaut. Öffentlichkeit bringt Fehler ans Licht und macht also Wissenschaft besser. Über die Arsenbakterien und die Seralini-Studie habe ich hier bereits im Zusammenhang mit Wissenschaftskommunikation gebloggt und Markus Dahlem hat meine S2S/S2L-Kommunikationsdifferenzierung aufgegriffen. Wenn ich mich recht an die Wissenschaftstheorie entsinne, würde dieser einzige Gegenbefund (Öffentlichkeit bringt Fehler ans Licht) allein schon reichen, den Quatsch zu widerlegen, wonach Wissenschaft am besten in Abgeschiedenheit von der Öffentlichkeit gedeihe.

Aber ich habe noch eine Hypothese, die auf einer Beobachtung aufbaut: Die Grüne Gentechnik ist in Deutschland nahezu nicht mehr erforschbar, weil die gesellschaftliche Akzeptanz völlig fehlt und Feldzerstörungen oft jahrelange Forschungsarbeit zunichte machen. Hier wird also durch eine in meinen Augen einseitig informierte gesellschaftliche Gruppe und deren Tolerierung eine Wissenschaftsdisziplin kaputt gemacht. Und das liegt für mich an einem Kommunikationsversagen eben dieser Wissenschaftsdisziplin. Gentechnik-Gegner haben besser erfolgreicher kommuniziert und so die Deutungshoheit gewonnen.

Und wenn ich mir die Anzeigen von radikalen Tierversuchsgegnern anschaue, die mit dem Einsatz von vielen hunderttausend Euro Neurowissenschaftler auf das Übelste diffamieren, wird mir Angst um die biomedizinische Forschung, die auf Tierversuche angewiesen ist. Hier hilft nur Transparenz von Seiten der Forschung. Beatrice Lugger hat das in ihren zehn Gründen für Kommunikation sehr schön formuliert: „Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch die verständliche Darstellung von Information. Sie benötigt den Dialog und die Transparenz.“ Man könnte auch sagen: Kommunikation.

Offenlegung: Ich kommuniziere seit vielen Jahren wissenschaftliche Inhalte, zunächst als Journalist, dann als Pressesprecher und Kommunikationschef. Ich habe für die Leibniz-Gemeinschaft gearbeitet, unter deren Dach Institute sind, die grüne Gentechnik erforschen und Tierversuche machen. Ich arbeite derzeit als Leiter der Abteilung Kommunikation für das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft, das Tierversuche durchführt.