Warum Wissenschaft kommunizieren muss

Hier mal ein paar Anmerkungen aus der Berufspraxis, die vielleicht auch erklären, warum ich beim wowk14 der Volkswagenstiftung so empört war über die von mir und anderen so verstandene Aussage, dass die Wissenschaft zu viel kommuniziere und dass weniger Wissenschaftskommunikation besser sei. Hier ein Storify davon, zusammengestellt vom @fischblog.

Zu meinen Anmerkungen aus der Praxis: Wissenschaft ist eingebettet in einen gesellschaftlichen Kontext, ob sie will oder nicht. Das fängt bei der unmittelbaren Nachbarschaft an. Ganz aktuelles Beispiel: Mein Arbeitgeber, das Max-Delbrück-Centrum, will ein Laborgebäude errichten, in dem Tierversuche stattfinden. Die lokale Selbstverwaltung (in Berlin ist das die Bezirksverordnetenversammlung von Pankow) muss über den Bauantrag befinden. Dabei sind Bürgereinwände aus der Nachbarschaft zu berücksichtigen. Die Spendensammelorganisation Peta schaffte es vor zwei Jahren binnen weniger Wochen, 30.000 Protest-E-Mails gegen den Bau zu organisieren. (Der Bauantrag ist dennoch vor wenigen Tagen genehmigt worden.) Tierversuche sind nur ein Beispiel. Kolleginnen aus anderen Instituten arbeiten für Wissenschaftlerinnen, die mit genveränderten Pflanzen forschen, die mit Stammzellen arbeiten, die einen Forschungsreaktor betreiben, die halb Hamburg untertunneln und und und.

Ja, mögen da der Systemtheoretiker und der Soziologe einwenden: Wir schmutzen aber nicht, krümmen keiner Maus ein Haar und wir sind auch nicht gefährlich. Aber auch ihr braucht Strom, sage ich, auch ihr braucht Häuser, und auch ihr müsst – vielleicht sogar mehr als andere – gegen das Vorurteil kämpfen, dass gute Wissenschaft nur jene sei, die Arbeitsplätze schaffe oder Produkte hervorbringe bzw. verbessere.

Und auch ihr seid, wenn ihr an Universitäten arbeitet, von Landesregierungen abhängig. Von Universitätsgesetzen und Haushaltsentscheidungen. Wer soll wie viel mitbestimmen an euren Unis? Welche Forschung soll gefördert werden? Wie lange dauern Genehmigungsverfahren für medizinische Studien, für Tierversuche, für Infrastrukturmaßnahmen?

Und dann gibt es die Bundespolitik und die Europapolitik. Und die Schulen, in denen doch bitte nicht der Stoff gelehrt werden soll, der längst überholt ist. Von woher sollen es die älteren Lehrkräfte denn erfahren, wenn nicht von der Wissenschaft direkt?

Außerdem möchte ich nicht, dass man für Autisten ungestraft Chlorbleiche als Wunderkur empfehlen darf. Ich will keine Masernausbrüche, weil bescheuerte Impfgegner Unsinn im Internet verbreiten. Ich will nicht, dass Menschen sich zu spät oder falsch gegen ernsthafte Erkrankungen behandeln lassen, weil ihnen eingeredet wird, dass eine Diät-Umstellung gegen Krebs helfen könne. Gute Wissenschaft und die Kommunikation gesicherten Wissens in die Breite der Gesellschaft können Leben retten.

Ich möchte erfahren, was es mit dem westantarktischen Eisschild auf sich hat, mit dem Anteil des Menschen am Treibhauseffekt, mit der Wirksamkeit von entwicklungspolitischen Maßnahmen. Ich möchte das von gelehrten Menschen erfahren und nicht von Lobbygruppen, die Gelehrtheit vortäuschen. Ich will auch wissen, ob betrogen wird in euren Fächern, ob Dissertationen abgeschrieben worden sind, Daten gefälscht wurden und Ergebnisse gehyped oder mit, ich sage mal: Schlagseite veröffentlicht wurden (Seralini lässt grüßen).

Dafür brauche ich guten Wissenschaftsjournalismus, vor allem aber ein Wissenschaftssystem, das keine Angst vor Transparenz und vor ungebildeten Massen hat. Und ich sehe alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Pflicht, für ein Grundverständnis dafür zu werben, dass Wissenschaft ein Kulturgut ist, auch wenn sie zweckfrei an Grundlagen forscht. Sonst bleiben nämlich die Massen ungebildet…

Noch eines kommt hinzu. Die Wissenschaft kann nicht nicht kommunizieren. Das hat nicht nur Paul Watzlawick allgemein schon erkannt, sondern das bringen die neuen Medien mit sich. Drüben bei Facebook habe ich kurz die Analogie eines Handy-Gesprächs im Zug beschrieben (in den Kommentaren zu Alexander Mäders klugem Beitrag).

Eine Frau sitzt also da und spricht mit jemandem per Handy. Der Rest des Abteils kann zuhören; manche tun das genervt, andere hören weg oder haben Kopfhörer auf und bekommen gar nichts mit. Wieder andere fangen ein Gespräch miteinander an, das sich um das Telefonat dreht. Einer kennt die Person am anderen Ende der Leitung, ein anderer kennt das Thema, über das die Frau spricht. So kann sich die Gruppe, mit Lücken zwar, erschließen, um was es bei dem Telefonat geht.

Dieses Handy-Telefonat ist Science-to-Science-Kommunikation (S2S). Zwei Wissenschaftlerinnen sprechen über ihr Fach miteinander, sei es per Fachjournal oder auf Konferenzen. Für Laien (L) nicht ohne weiteres zu verstehen. Viele interessieren sich auch nicht für die Wissenschaft (Kopfhörer) oder pflegen ihre Vorurteile vom unverständlichen Jargon (genervte Zwangszuhörer). Aber es gibt auch Interessierte, die sich nur ein wenig in der Blogosphäre umtun müssen, um eine Einordnung der besprochenen Studien etc. zu bekommen. Markus Dahlem hat für sich beleuchtet, wie die Grenzen zwischen S2S- und S2L-Kommunikation verschwimmen.

Also: S2S-Kommunikation ist Teil des wissenschaftlichen Prozesses, wird aber von der Allgemeinheit rezipiert und damit nolens volens S2L-Kommunikation. Abschottung, auch eine empfundene, wird der Wissenschaft negativ ausgelegt. Und die Gesellschaft erwartet von der Wissenschaft als System Dinge, die weit über eine Rechtfertigung der eingesetzten Mittel hinausgehen: Aufklärung, um es kurz zu machen. Und über Geld habe ich jetzt noch gar nicht gesprochen. — All die hier angesprochenen Gründe, die ich als Notwendigkeiten ansehe, verlangen nach guter Kommunikation. Und die darf sich nicht auf gelegentliches Ansprechen wichtiger Politikerinnen und Medien oder einen Tag der offenen Tür pro Jahr beschränken. Es ist eine Daueraufgabe.

Nachtrag: Nachdem ich den Artikel in der Zeit von H. Wormer und P. Weingart ein weiteres mal gelesen habe, kann ich das dort geschriebene nur unterstützen. Das Problem beim Workshop war wohl, dass – gewissermaßen zur Zuspitzung der Thesen – Wissenschaftskommunikation mit schlechter Wissenschaftskommunikation (Medialisierung, Übertreibung, Hype) gleichgesetzt wurde. Aber gerade das will keiner der Beteiligten.

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4 Kommentare zu „Warum Wissenschaft kommunizieren muss“

    1. Danke für diesen schönen Link. Ich erinnere mich, die Rede seinerzeit gelesen zu haben oder Auszüge davon. Kann gut sein, dass ich mir da unbewusst etwas zu eigen gemacht habe. Für die regelmäßigen Leser meines Blogs und der Kommentarspalten ein Zitat aus Schmidts Rede: „Es mag auch sein, daß Sie, meine Damen und Herren (Anmerkung JZ: er meint die Wissenschaftlerinnen insbesondere der Max-Planck-Gesellschaft), die Politiker für Menschen halten, deren Wirkungsmöglichkeiten größer sind als deren Einsichten. Gleichwohl können die Wissenschaftler und die Forscher nicht beanspruchen, unbehelligt von den Weltproblemen, unbehelligt vom ökonomischen und politischen Geschehen, unbehelligt von den Zwängen, denen ansonsten die Gesellschaft unterworfen ist, ein glückliches Eremitendasein zu führen. Denn auch als hochspezialisierter Forscher bleiben Sie ein zoon politikon. Und deshalb ist Wissenschaft heute nicht nur – wie Carl Friedrich von Weizsäcker gesagt hat, „sozial organisierte Erkenntnissuche“ – sondern Wissenschaft ist zugleich eine zur sozialen Verantwortung verpflichtete Erkenntnissuche!“

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