Noch so ein Missverständnis: Akt oder Profession

Letztens habe ich ja im Umfeld des wowk14 davon erzählt, was ich bei der Debatte um Wissenschaftskommunikation vermisse. Mir fehlte eine genauere Definition von Wissenschaftskommunikation, und ich hab mich mit einer Unterteilung in S2S- und S2L-Kommunikation an die Sache herangetastet. Aber ich glaube, man muss noch auf einer anderen Ebene grundlegend unterscheiden. Reden wir über Kommunikation als (un-)willkürlichen zwischenmenschlichen Akt oder über Kommunikation als Profession? Daher rührten vielleicht auch einige der Missverständnisse des wowk14. Wissenschaftlerinnen (Männer immer mit gemeint) betreiben Wissenschaftskommunikation ja als eine – meist – intrinsisch motivierte Aktivität, während die Pressestellen und PR-Abteilungen sie als Profession verstehen.

In der Profession unterteilt man dann bei der S2L-Kommunikation in Zielgruppen – z.B. Politik, Schulen, lokales Umfeld, Medien – und entwickelt Maßnahmen, Formate und ganz spezifische Erfolgskriterien. Die Wissenschaftlerin dagegen redet oder schreibt allgemeinverständlich über ihre Arbeit und passt sich situativ an das Umfeld an: vor Schülerinnen spricht sie hoffentlich gewiss anders als vor Abgeordneten.

Diesen Akt, der ein hohes Maß an Instinkt beinhaltet, kann und sollte man nicht unbedingt Regeln unterwerfen, zumindest nicht Regeln der PR. Dagegen ist es für die Profi-Kommunikatorinnen wichtig, sich über Qualitätskriterien und Erfolgsparameter Gedanken zu machen.

Beim wowk14 waren nun Wissenschaftlerinnen zugegen, deren Tätigkeit ja bereits einem strengen Reglement unterliegt: gute wissenschaftliche Praxis, Ethikrichtlinien, ungeschriebene Gesetze und Traditionen (Publikationen, Peer Review, Fachjargon). Das Gleiche lässt sich für die Journalistinnen sagen. Aber wenn man von Kommunikation spricht, wird es unklar. Das liegt vor allem daran, dass die Ebenen Akt und Profession nicht trennscharf zu unterscheiden sind. Ein Metin Tolan, der Professor für Experimentalphysik ist, betreibt Wissenschaftskommunikation mittlerweile auch als Profession – das weiß jeder, der seinen James-Bond-Vortrag (Achtung: Vor dem Zusammenschnitt des Vortrags fast 3 Minuten Werbung für eine oberösterreichische Bank, auch lustig, aber anders)  gesehen hat und das sagt er auch selber. Science Slammer und Blogger sind ebenfalls Kommunikationszwitter.

Richtig problematisch wird die Sache beim Erfolg. Hier sind sich die Professionen Wissenschaft und Journalismus ähnlicher als vermutet, denn in beiden Fällen ist Reputation der Person und der mit ihr verbundenen Institution ein ganz wichtiger Erfolgsparameter. Je berühmter die Wissenschaftlerin, desto mehr Glanz fällt auf ihr Institut; je stärker die Marke (Max Planck, Oxford, Harvard), desto mehr Glanz auf der Angestellten. Je edler die Feder, desto besser fürs Blatt. Je berühmter das Blatt, desto edler müssen die Federn dort sein.

Was aber sind nun Erfolgskriterien für professionelle Kommunikatorinnen? Telefonbuchdicke Sammlungen von Kopien aus Zeitungen, die das Institut erwähnten („Clippings“)? Einschub für digital natives: Früher gab es graue, schwarze (später kamen Orange und Grün hinzu) Apparate mit so einer Drehschreibe oben drauf, mit der man Nummern anwählen konnte, um mit stationären Apparaten an anderen Orten verbunden zu werden. Fotos konnten damit nicht gemacht werden, es gab auch keine Sprachbefehle und kein internes Adressbuch. Aber so ungefähr ab den 1980er Jahren gab es immerhin Tasten drauf. Die Nummern (und die Apparate!) wurden von einem Staatskonzern vergeben und verwaltet, der jedes Jahr dicke Bücher mit ganz dünnen (so wie Zigarettenpapier) Seiten herausgab. Da standen alle Namen der Menschen eines Ortes, die so einen Apparat besaßen. Das war dann ein Telefonbuch.

Clippings also? Wenn die Holzmedien (nein, ich erklär die jetzt nicht wie das Telefonbuch) nicht reichen, kopiert man sich eben das Internet und reicht es der Chefetage hoch. Irgendein Nachrichtenportal „druckt“ die Pressemeldung immer. Das kann es ja wohl nicht sein.

Ich habe das vor knapp zehn Jahren beim Forschungsverbund Berlin mit einer Datenbank angefangen, in der ich Clippings kategorisierte und, sofern ersichtlich, mit jenen Pressemitteilungen verknüpfte, auf denen sie beruhten. Das erwies sich als ein guter Weg. Da konnte ich mir Ziele setzen und Erfolgsparameter entwickeln (zum Beispiel: Steigerung der Clipping-Zahl in überregionalen Qualitätszeitungen). Beim wowk14 habe ich erfahren, dass das Kommunikationscontrolling heißt. Simon Scheuerle vom KIT hat darüber vorgetragen.

Da wird es aber gefährlich. Denn das verleitet dann auch dazu, die mediengängigen Dinge in den Vordergrund zu spielen. Hier verstehe ich das Unbehagen von Marcinkowski und Kohring (die zwei Wissenschaftler sprachen sich beim wowk14 für weniger Medialisierung aus, mehr dazu hier und hier). Wichtig ist daher ein Bewusstsein für die jeweiligen Rollen der an der Kommunikation Beteiligten. Denn davon hängt ab, wie Erfolg definiert ist.

Und noch eines: Nicht nur beim wowk14 wurde Wissenschaftskommunikation sehr eng als auf an Medien gerichtete Kommunikation besprochen. Nachbarschaftsarbeit, politische Kommunikation, Lehrerbildung und Schülerarbeit und vieles mehr gehören aber heute auch ins Portfolio professioneller Kommunikationsabteilungen. Für mich persönlich ist daher das wichtigste Erfolgsmaß das Vertrauen der Wissenschaftlerinnen in meine Arbeit – und das der Chefetage.

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