Praxistipp 3: Die Pressekonferenz

Wenn ich Pressekonferenz hinschreibe und Sie, liebe Leserin, nicht ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben, dann denken Sie jetzt vermutlich folgendes: Ein Wald von Mikrofonen, Kameraleute und Fotografen drängen sich um ein Podium, immer wieder ertönt das laute Klicken der Kameraverschlüsse und Blitze erhellen den Raum. Vorne oder oben sitzt jemand und hinten oder unten schreibt eine Meute Journalistinnen alles mit, was diese jemand sagt. Sind Sie nun eine PR-Fachfrau für eine Wissenschaftseinrichtung, so ist die Chance groß, dass Ihre Chefin oder Ihr Chef in dieselbe Richtung denkt. Große Nachrichten bedürfen einer Pressekonferenz. „Wir haben sogar einen Nobelpreisträger als Gast zu der Konferenz gewinnen können, über die wir den Medien jetzt berichten.“ „Unser Institut ist von internationalen Gutachtern mit der Bestnote bewertet worden. Das muss in die Welt.“ – auf einer Pressekonferenz.

Vielleicht aber erging es Ihnen schon mal wie mir mitunter in den vergangenen gut zehn Jahren. Wenn ich Pressekonferenz denke, fällt mir das Gefühl ein, wie sich Schweiß unter den Achseln sammelt. Wie die Ohren heiß werden. Der Mund trocken. Der Blick vom Podium, wo ich als Moderator sitze, schweift über den Besprechungsraum, in dem sitzen ein Praktikant einer Zeitung (die mir seit langem persönlich bekannte Redakteurin habe ich tags zuvor noch am Telefon bekniet, doch jemand zu schicken) sowie ein freier Journalist, der sich suchend nach Brötchen umguckt. Dann habe ich noch zwei Pressesprecherinnen angerufen von befreundeten Instituten, die sich als Medienvertreterinnen angemeldet haben. Neben mir sitzen mindestens eine Direktorin oder gar eine Präsidentin und mindestens eine Fachwissenschaftlerin (Männer immer mitgemeint). Hinter mir das Banner des Institutes oder der Organisation. Falls Fotos gemacht werden (Sie erinnern sich: Blitzlichtgewitter…) Ich räuspere mich. „Das akademische Viertel ist um. Fangen wir an – ich begrüße Sie sehr herzlich…“

Dieses Bild kann natürlich nie in den Köpfen der Verantwortlichen auftauchen und auch nicht in denen der Medienkonsumenten und auch nicht der Medienmacher, denn es ist ja keiner da, darüber zu berichten. Keine Fotos. Kein Live-Ticker. Solche Pressekonferenzen finden im Verborgenen statt und damit also gar nicht.

Werden Sie also beauftragt, eine Pressekonferenz abzuhalten, fragen Sie sich: Würde die Bundeskanzlerin kommen? Der Bundespräsident? Nein? – Then don’t do it. Glauben Sie, dass die BBC oder CNN berichten? Nein? Don’t do it. Hat Ihre Chefin den Nobelpreis erhalten? Nein? Don’t do it (und Nein, auch der Leibniz-Preis zählt nicht.) Wissenschaft ist ein Randthema. Welche zwei Worte von Rand und Thema haben Sie nicht verstanden?

Sie glauben mir nicht? Oder Ihre Chefin glaubt Ihnen nicht oder mir nicht. Vielleicht glauben Sie Paul Richards, Autor des Buches „Be your own Spin Doctor“, ehemaliger Regierungsberater im britischen Gesundheitsministerium, erfolgreicher Campaigner und wirklich guter Ratgeber. Ich zitiere im Original aus dem Buch (leider vergriffen, aber antiquarisch erhältlich): „The best advice I can give on whether to hold a news conference is: don’t.“

Zur Sicherheit am Ende des Praxistipps 3 noch eine „take home message“: Don’t.

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5 Kommentare zu “Praxistipp 3: Die Pressekonferenz”

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen, mein lieber Namensvetter, PK’s, no way! Ich habe sogar erlebt, dass ich mit den Referenten allein da saß und kein Praktikant oder sonst jemand aus der Presse war da. Aber als wir ein Buch über Übergriffe an Kindern und Jugendlichen in katholischen und evangelischen Heimen vorgestellt haben, war der Raum viel zu klein, ebenso, als (oh, Peinlichkeit ohne Ende) ein Türkischer Ministerpräsident namens Ylmaz uns meine, seine Aufwartung machen zu müssen – auch da war der Raum berstend voll, aber glücklicherweise auch mit protestierenden Studenden und Kurden – das war ein Vergnügen, bei dem allerdings nur der damalige Rektor und der MP geschäumt haben 😉

    Lieber Gruß Josef

  2. Das Instrument Pressekonferenz muss auf jeden Fall gepflegt und aufrecht erhalten werden! Es ist ein konstitutiver Bestandteil von Öffentlichkeit! Im Sinne von Rechenschaftspflicht. (Nicht von Produkt- oder Institutionen-Werbung/Marketing). Deshalb kämpfe ich dafür. dass die großen Forschungsorganisationen ihre Jahrespressekonferenzen machen, und sich nicht, wie die MPG, ins Off verabschieden. Auch Helmholtz war ein Kandidat, der wackelte. Und, jawohl: Wir Journalisten haben dafür zu sorgen, dass diese Termine auch besetzt werden. Mein Wort darauf!

    1. Lieber Manfred, dein Wort in der Verleger und Chefredakteurinnen Ohr. Ich glaub aber nicht (mehr) dran. Der Kostendruck in den Verlagshäusern geht direkt in die Redaktionen und übersetzt sich dort in Zeitdruck und Platzmangel. Jede halbwegs versierte Redakteurin könnte sich ihre Twitter-Timeline so konfigurieren, dass sie mit den Ideen daraus und mit ein bisschen Nach-Googeln jeden Tag eine Wissenschaftsseite füllt.
      Und nochmal: Wissenschaft ist ein Randthema, ich sagte es im Text, und sie wird mehr und mehr auf Meldungen aus dem Kuriositätenkabinett reduziert (oder auf Lebenshilfe: Iss dies, tu jenes, und bleib gesund). Aber wenn Wissenschaft ein Randthema ist, dann ist Wissenschaftspolitik bereits hinter dem Rand.
      Wäre ich bei der MPG oder einer anderen großen Organisation verantwortlich für Pressearbeit, ich würde es mir zweimal überlegen, mich selbst und vor allem die Chefetage in die peinliche Lage einer leeren Pressekonferenz zu bugsieren.

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