Praxistipp 5: Seid selbstbewusst

Anmerkungen zur Geschlechterfrage und zum Rollenverständnis in der Wissenschaftskommunikation

Jetzt wird es heikel zum Abschluss meiner Sommerserie. Denn jetzt geht es ans Eingemachte: Frauen und Männer und Augenhöhe. Kommentare sind sehr erwünscht.

Ich versuche ja in meinem Blog als Grundregel die weibliche Form zu nehmen, und was die Kommunikationsbranche betrifft, ist das sogar nah an der von mir seit vielen Jahren beobachteten Wirklichkeit. Die überwiegende Zahl der Beschäftigten in der Kommunikation, auch in der Wissenschaftskommunikation, ist weiblich. Wenn es um Chefposten geht, sieht die Sache freilich anders aus. Abteilungsleiter sind dann doch wieder mehr Männer. (Followerpower: Hat dazu jemand Daten für die Kommunikation?)

Was nun die Chef-Chefrolle (also Institutsleitungen) betrifft, so belegen Statistiken seit Jahren, dass Frauen in Führungsrollen in der Wissenschaft (und nicht nur da) unterrepräsentiert sind. „Nach wie vor findet nach erfolgreicher Promotion ein Bruch statt: Der Frauenanteil bei den Promotionen lag 2012 bei 50,7 Prozent, bei den Habilitationen lag er nur noch bei 27 Prozent. In den außerhochschulischen Forschungseinrichtungen lag der Anteil von Frauen in Führungspositionen 2012 insgesamt bei nur 15,8 Prozent“, heißt es in einer Mitteilung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Statistisch gesehen also (und meiner Wahrnehmung entsprechend): der Chef, die Kommunikationsfachfrau.

Das an sich birgt meines Erachtens schon Probleme, was Geschlechterrollen und Chef-Mitarbeiterin-Verhalten betrifft. In der Wissenschaft ist es nun aber so, dass sehr oft noch ein traditionelles Chef-Modell gelebt wird: der Mann an der Spitze weiß alles, kann alles, hat aber nur nicht die Zeit, alles selbst zu machen. Ich hatte in meiner Laufbahn zwar ganz oft das Glück, anderen Chefs begegnet zu sein, aber ich bin nun mal selbst ein Mann und ich kam von außen ins System. Letzteres ist ein nicht zu unterschätzender Faktor: Es ist viel leichter, einem Journalisten von außen eine eigene Professionalität zuzugestehen und diese anzuerkennen als einer ehemaligen Wissenschaftlerin oder einem ehemaligen Doktoranden aus dem Institut selbst. Denn diese Person war ja jahrelang Laborknecht und damit schon in einer subalternen Rolle. Mehr noch: Eine Wissenschaftlerin aus dem Institut (Männer mitgemeint), die dortselbst in die Pressestelle (Kommunikationsabteilung) wechselt, wird sehr lange gegen das Vorurteil anzukämpfen haben, sie sei ja nicht gut genug für die Wissenschaft gewesen, quasi gescheitert, und verfolge jetzt eben Plan B für die feste Stelle. Selbst wenn sie die Kommunikationsabteilung leitet.

Dieser eingebaute Fehler im System macht es sehr schwer, auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: institutionell betriebene Kommunikation in der Wissenschaft wird von vielen leitenden Wissenschaftlern nicht als Profession wahrgenommen, sondern als eine Art Abstellplatz für jene, bei denen es halt nicht zur eigentlichen Karriere (also: W3, Lehrstuhl, Chefsessel) gelangt hat. Bei vielen Pressesprechertreffen und zuletzt auch beim Workshop Wissenschaftskommunikation der Volkswagenstiftung (auf twitter: #wowk14) hörte ich die Klage, dass einen die Chefs nicht ernst nehmen und dass die Augenhöhe fehlt.

Es fällt mir schwer, daraus Praxistipps abzuleiten. Ich versuche es dennoch.

Für Chefs: Nehmen Sie Ihre Leute ernst. Betrachten Sie institutionelle Wissenschaftskommunikation nicht als Nice-to-have oder lästiges Übel, sondern als unverzichtbar für das Fortkommen des Instituts und der eigenen Disziplin. Ich habe hier mal aufgeschrieben, warum ich Kommunikation für unverzichtbar halte. Und Beatrice Lugger hat hier zehn gute Gründe aufgeschrieben, warum Wissenschaftlerinnen kommunizieren sollten. The stick and the carrot, sozusagen. Und nochmal: Wenn Sie schon Geld aus dem Institutshaushalt locker machen, dann nehmen Sie das ernst, wofür Sie bzw. Ihr Haus bezahlen.

Bonustipp: If you pay peanuts, you’ll get monkeys.

Für Kommunikatorinnen, insbesondere jene aus dem System selbst: Seid selbstbewusst, bildet euch fort, sagt auch mal Nein, holt euch Hilfe von außen, indem ihr zum Beispiel eine Journalistin einladet und in der Leitungsrunde vortragen lasst. Zeigt eure Erfolge – das hat nichts mit Prahlerei zu tun, sondern entspricht dem Prahlen, das im Wissenschaftssystem selbst notwendig ist (Rankings, Publikationslisten, Preise etc.).

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5 Kommentare zu „Praxistipp 5: Seid selbstbewusst“

  1. Hi Josef, mir gefällt die von dir gewählte Gender-Scheibweise, die mir tatsächlich erst aufgefallen ist durch das nicht an allen Stellen beigefügte Klämmerchen, dass Männer stets mitgemeint seien. Vielleicht sind wir schon gegenderter, als wir meinen – Bundeskanzlerin z.B. ist ja ein längst vollkommen vertrauter Begriff. Also, Kommunikatorinnen (Männer… ihr wisst schon), traut euch, es Josef nachzumachen!

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  2. Lieber Herr Zens,

    Ihr Aufruf in Ehren, aber Sie unterstellen, dass sich Wissenschaftlerinnen weniger trauen? Ich glaube das absolut nicht. Frauen sind kritischer mit dem, was sie äußern. Sie haben durchaus Wichtiges zu sagen, es klingt nur leider oft bescheidener, als bei Männern.

    Die Mehrheit der Männer schlägt sich auf die Brust und verkündet ihre heroische Botschaft, auch wenn inhaltlich hauptsächlich Leere vorherrscht. Es ist ihnen GANZ WICHTIG viele Reaktionen und Anerkennung zu ihren Äußerungen zu bekommen. Wichtiger, als das Thema selbst. Und je mehr sie öffentlich kundtun, umso umfangreicher der Beifall. Negative Kommentare sind selbstverständlich unerwünscht. (Deshalb vielleicht in Ihrem Beitrag vom 26. 09. nur 5 Kommentare von ursprünglich 9? Unangenehme Antworten gelöscht?)

    Ich finde es übrigens ziemlich unverfroren, wenn Sie explizit Frauen auffordern sich fortzubilden Haben Männer das nicht nötig, weil sie ohnehin „gut genug“ sind?

    Freundliche Grüße einer „Frau“

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    1. Liebe Frau S.,
      Sie haben Recht, Männer klopfen sich gern auf die Brust. Ich auch. Und ja, ich freue mich über Zustimmung. Ich freue mich aber auch über Kritik. Wenn Sie meine Beiträge lesen, werden Sie feststellen, dass ich möglichst versuche, stets die weibliche Form (Männer mitgemeint) zu wählen. Es ist aber in der Tat so, dass in meinem Umfeld das Verhältnis von weiblichen und männlichen Kommunikatoren wie beschrieben ist. Ein Kollege machte mich darauf aufmerksam, dass es bei den Hochschulen und den Kommunikatorinnen dort nicht mehr so sei. Die hatte ich nicht im Blick.
      Was nun die Fortbildung betrifft, sollen sich Männer natürlich auch fortbilden.
      Und nein, ich lösche keine Kritik. Nur Spam und Unflat. Oder Kommentare zum Klimawandel.
      Schönes Wochenende
      JZ

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