Kommentar von A. Mäder und meine Antwort

Ist vielleicht etwas unorthodox, aber in den Kommentarspalten des Blogs verliert sich die interessante Debatte. Deshalb kopiere ich den Kommentar von Alexander Mäder hierher und antworte direkt im Text.

Vorab noch ein Hinweis. Der Meinungsartikel von Marcinkowski und Kohring liest sich weit weniger kommunikationsverweigernd als ihr Auftritt bei #wowk14 vermuten ließ. Hier geht es zum PDF des Textes. 

A. Mäder schreibt (wenn er mich zitiert, lass ich es kursiv, wo er kommentiert, fett und kursiv):

Das heißt, Wissenschaft ist ein sich selbst genügendes System ohne jeden Konnex zur Gesellschaft.” – Das sagen M&K meiner Ansicht nach nicht. Ich habe sie so verstanden: Die Wissenschaft ist im Wesentlichen dazu da, belastbare Erkenntnisse zu produzieren. Bei dieser Kernaufgabe hilft ihr die Kommunikation mit Laien nicht.

Ja und Nein. Natürlich müssen es wissenschaftsinhärente Mechanismen sein, die „wahr“ und „falsch“ und also belastbare Aussagen als solche identifizieren. Aber es geht eben nicht nur um belastbare Erkenntnisse, also um die Suche nach der Wahrheit, sondern um Methoden (siehe die meistzitierten Paper aller Zeiten) und um Austausch mit anderen Disziplinen. Wissenschaftlicher Fortschritt findet oft in Grenzbereichen zwischen Disziplinen statt. Hier hilft Science-to-Lay-Kommunikation (S2L) ungemein, denn außerhalb der zunehmend spezialisierten Subdisziplinen ist jede sehr schnell Laie, auch wenn sie Wissenschaftlerin ist. Physikerinnen profitieren gewiss von S2L aus der Biomedizin und vice versa, weil ihr Verständnis erleichtert wird. Interessant, was Markus Dahlem dazu unlängst geschrieben hat.  Und in ihrem Vortrag, weniger in ihrem Paper, haben sie sich schon sehr deutlich vom Rest der Welt außerhalb der Wissenschaft abgegrenzt.

“Es ist eine große Errungenschaft des Rechtsstaates, dass es eben keine Geheimgerichte (Jugendstrafsachen und Familiengerichte ausgenommen) mehr gibt.” – Die Wissenschaft ist nicht geheim; Wissenschaftler publizieren in öffentlich zugänglichen Journalen oder schreiben Bücher. Was M&K meiner Ansicht nach sagen wollen, ist: Laien können der Wissenschaft nicht bei ihrer Aufgabe helfen, belastbare Erkenntnisse zu produzieren. (Citizen Science wäre hier auch aus meiner Sicht ein Diskussionspunkt.)

Nicht geheim? Naja!, sag ich da nur.  Englisch muss man sehr gut können. Das ist die Hürde 1. Den teilweise extrem unverständlichen Fachjargon muss man drauf haben, Hürde 2. Ein paar Zeitschriften-Abos (Nature, Science, Cell, Physical Review Letters und und und) für hunderte und tausende Euro braucht man auch. Hürde 3. Wenn ich das alles kann und habe, dann ist es nicht geheim, stimmt. Aber jede, die schon einmal einen Fachartikel in einem der genannten Journale gesehen hat, weiß, wie abschreckend das ist für Nicht-Fachleute. Ich sage also, de-facto-geheim.

“Die Wissenschaft, so wie Marcinkowski und Kohring sie darstellen, kümmert sich nicht um ein Erkenntnisinteresse der Gesellschaft…” – So hatte ich M&K nicht verstanden. Im Gegenteil: sie thematisieren die Relevanz.

Stimmt, in ihrer Studie liest es sich anders als im Vortrag gehört. Aber sie verkürzen auch da, indem sie die wissenschaftliche Relevanz schlicht der medialen Relevanz gegenüberstellen. Das ist doch arg verkürzt, denn Nachrichtenfaktoren sind natürlich vor allem (1) Konflikt (z.B. angeblicher Streit um Einfluss der Sonne aufs Klima), (2) Kuriosität (Epileptischer Anfall äußert sich in Orgasmus), (3) Superlative (kleinstes dies entdeckt, größtes jenes erzeugt) und (4) dann eben auch Relevanz für die Gesellschaft (Zukunft der Energieversorgung, Georisiken etc.). Wenn ich nur die ersten  drei Nachrichtenfaktoren betrachte, schaut es nicht so gut aus, aber es geht eben auch um Relevanz für den Einzelnen und die Gesellschaft und um deren legitime Erkenntnisinteressen bzw. Wünsche an die Wissenschaft.

“Woher nehmen M&K die Gewissheit, dass das (Aufklärung der Laienbevölkerung) nicht geklappt habe?” – Das ist in der Wissenssoziologie ein Gemeinplatz, daher haben es M&K wohl bei der bloßen Behauptung belassen. Ich müsste Beispiele recherchieren, kann aber versichern, dass es sie gibt.

Klar gibt es die, das glaube ich sofort. Aber es gibt auch Gegenbeispiele. Das bringt, glaub ich, nicht viel, sondern endet wie früher beim Quartettspiel: Ich hab 4 Zylinder. Ich hab 6 Zylinder.  You win.

“Dahinter steht ziemlich unverblümt die Angst vor dem Verlust der Autonomie…” – Ja, da dürfte der Hase im Pfeffer liegen. Das ist aber ein Thema, über das man meiner Ansicht nach gut diskutieren kann.

Ja, und da geht es um ein Selbstbewusstsein der Wissenschaft genauso wie um ein Selbstbewusstsein der Kommunikatorinnen (Männer mitgemeint). Lässt sich eine Wissenschaftlerin von der medialen Aufmerksamkeitsökonomie leiten, sei es aus sich heraus oder gar getrieben von der Kommunikationsabteilung ihrer Institution, hat sie ein Problem. Aber das würde ich nicht auf die Kommunikation und auch nicht auf einen angeblichen Zwang dazu schieben.

Abgewatscht? Nein, immer noch empört.

Ich habe lange gewartet und immer wieder überlegt, ob ich mich mit den Thesen von Marcinkowski und Kohring erneut auseinandersetze. Ich habe auch gehofft, dass das Warten mein Temperament abkühlen würde. Aber irgendwie treibt es mich doch um, darum hier eine Art Antwort auf Jens Rehländers Blogpost im Nachgang zu #wowk14.

Darin nimmt er sich nochmals detailliert die Argumentation von Marcinkowski und Kohring (im Folgenden M&K) vor. Danke, Jens, denn das erhellt die Sache sehr und es motiviert mich dann eben doch, mich ein weiteres Mal damit auseinanderzusetzen. Abgewatscht fühlte ich mich aber nicht seinerzeit, sondern empört. Hier, was Jens zu der Ohrfeige sagt, und hier, was Joachim Müller-Jung sagt.

M&K sagen, es gebe „keine funktionale Begründung für öffentliche Wissenschaftskommunikation“. Sie zu fordern, würde „keinem Wissenschaftler von selbst einfallen“.

Das heißt, Wissenschaft ist ein sich selbst genügendes System ohne jeden Konnex zur Gesellschaft. Das heißt weiter, die Wissenschaftlerinnen (Männer mitgemeint) forschten nur für sich und nicht im Dienste der Gesellschaft.

Ich spitze zu:

Drängende Zukunftsfragen, die wir (also die Gesellschaft) gelöst haben wollen? – M&K sagen, kümmert euch selbst drum.

Ethische Debatten (Stammzellen, Gentests, Präimplantationsdiagnostik)? – Löst sie selbst.

Aber meine verdammten Steuern nehmt ihr gerne! (Ich verspreche, das ist das erste und letzte Mal, dass ich von Steuergeldern hier spreche.)

Für M&K ist es „keineswegs selbsterklärend und selbstverständlich“, dass Wissenschaft sich an eine Laienöffentlichkeit wenden muss. Ob eine wissenschaftliche Aussage wahr oder falsch ist, entscheidet die Scientific Community aufgrund fachlicher Expertise. Dafür bedarf es nicht „der Zustimmung Dritter – schon gar nicht aller denkbaren Dritten“. „Wer dem skeptisch gegenüber steht, der möge sich vorübergehend einmal vorstellen, wie es wäre, in einer Welt mit öffentlicher Rechtsprechung zu leben“ – wo also Laien zu Gericht sitzen, die niemals Rechtswissenschaften studiert haben.

Der Vergleich hinkt gewaltig. Es ist eine große Errungenschaft des Rechtsstaates, dass es eben keine Geheimgerichte (Jugendstrafsachen und Familiengerichte ausgenommen) mehr gibt. Gerichtsverhandlungen sind öffentlich. Das heißt nicht, dass das Volk Recht spricht, sondern dass es sich informieren kann, wer das Recht gebrochen hat und nach welchen Maßstäben sie oder er verurteilt wird. Das Argument lasse ich also nicht gelten.

Es gibt laut M&K kein Indiz dafür, dass der wissenschaftliche Erkenntnisprozess dadurch befördert wird, dass möglichst viele zugucken oder im Begründungsverfahren mitreden.

Ich wüsste auch nicht, dass das jemand behauptet hätte (wobei selbst diese Aussage in Sachen Laienwissenschaft, Citizen Science etc. in Frage zu stellen wäre!). Dahinter steht wieder das Abschotten des Wissenschaftsbetriebs vom Rest der Gesellschaft. Was heißt denn Erkenntnisprozess? Das ist ein zusammengesetztes Wort. Und ja, ich gehe mit (mit dem Einwand im Hinterkopf, dass Citizen Science hier sträflich außer Acht gelassen wird) in der Behauptung, dass der Prozess nicht durch öffentliche Aufmerksamkeit befördert wird. Aber es gibt da den anderen Wortteil, die Erkenntnis und ich füge hinzu: das Erkenntnisinteresse.

Die Wissenschaft, so wie Marcinkowski und Kohring sie darstellen, kümmert sich nicht um ein Erkenntnisinteresse der Gesellschaft (soll ich meine Kinder impfen lassen? Darf ich nach Afrika fliegen, auch wenn dort Ebola herrscht? Kann ich noch ein Haus am Unterlauf der Elbe kaufen, in dem meine Kinder ohne nassen Keller werden wohnen können?).

Diese Abschottung finde ich in hohem Maße bedenklich. Und noch eines: Was ist mit den vielen Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, zu deren Aufdeckung auch Journalistinnen und zuletzt zunehmend Bloggerinnen beigetragen haben? Das Aufdecken solcher Betrügereien befördert meines Erachtens den Erkenntnisprozess durchaus. Und das geht nur, wenn ein gewisses Maß an Transparenz herrscht.

M&K sagen, die Politik habe die Höhe der Finanzierung an Leistungsvereinbarungen geknüpft und auf diese Weise „die der Wissenschaft … wesensfremde Figur des Wettbewerbs propagiert“; „Wettbewerb wird öffentlich vorgeführt und für die Öffentlichkeit inszeniert – die prominentesten Beispiele sind die Exzellenzinitiative und die allgegenwärtigen Rankings.”

Das ist, wenn ich das richtig interpretiere, eine Idealisierung von Wissenschaft als globale Gemeinschaft, die ihr Wissen brüderlich teilt und Wissenschaft gleichsam als Hobby betreibt. Der Publikationsdruck und das Streben nach höchsten Weihen und guten Posten gehören meines Erachtens aber genauso zur intrinsischen Motivation von Wissenschaftlerinnen wie die Neugier und die Hingabe an ihr Studienobjekt. Wettbewerb hat es schon immer gegeben, dazu brauchte es keine Exzellenzinitiative.  Das Argument lasse ich auch nicht gelten.

„Früher glaubte man, durch die Aufklärung der Laienbevölkerung mittels Wissen auch Akzeptanz für den Wissensproduzenten zu erzielen. Das hat zwar im Großen nie geklappt, hat aber noch einen rationalen Zug, der heutzutage fast rührend wirkt.“

Woher nehmen M&K die Gewissheit, dass das nicht geklappt habe? Der Forschungshaushalt in Deutschland steigt seit Jahren, ohne dass es dagegen Proteste gibt. (Hier eine Jubelmeldung der CDU/CSU dazu, jede Leserin möge selbst googeln, wie das mit den Zahlen ist.) Forscherinnen haben nach wie vor ein hohes Sozialprestige.

Ich melde hier Zweifel an, dass die Aussage M&Ks so stimmt. (Obwohl, ja, es stimmt: Die Universitäten darben, aber das hat vielfältige Ursachen, nicht zuletzt in der Föderalismusreform, und das würde ich nicht im Zusammenhang mit Wissenschaftskommunikation diskutieren.)

Inzwischen aber diene Wissenschaftskommunikation keineswegs mehr „einer öffentlichen Kontroll- und Kritikfunktion oder gar einer Partizipation der Laienöffentlichkeit“, sondern „dem Primat der Eigenwerbung“, „der Medialisierung der wissenschaftlichen Einrichtungen“ – kurzum, sie sei eine „PR-Strategie“, mit „negativen Folgen für die Autonomie und die Funktionsweise von Wissenschaft“.

Da scheint mir der Hase im Pfeffer zu liegen. Dahinter steht ziemlich unverblümt die Angst vor dem Verlust der Autonomie, also eine Angst, dass jemand – wer: die Öffentlichkeit? Oder gar, Gott bewahre!, die Wissenschaftskommunikatorinnen?,  – mitredet bzw. sogar „reinredet“.

Nochmal: Die Gesellschaft hat ein legitimes Interesse daran, dass sie jemand alimentiert, der ihre Fragen beantwortet. Ups, doch wieder von Geld geredet. Jetzt, wo es schon passiert ist, ein kleiner Exkurs zum Geld: Wissenschaft wird alimentiert, nicht bezahlt. Das ist ein wichtiger Unterschied. Sie ist frei, die ihr zur Verfügung gestellten Mittel nach ihrem Gutdünken einzusetzen und die Methoden zu wählen, die sie für richtig erachtet. Der Geldgeber setzt nur einen Rahmen und vielleicht eine strategische Mission („erforscht Infektionskrankheiten!“), mischt sich aber nicht in den Versuchsaufbau ein. Aber selbst das scheint M&K schon zu viel zu sein.

„Sichtbarkeit“ von Wissenschaft werde mit ihrer tatsächlichen wissenschaftlichen „Relevanz“ verwechselt. „Wir behaupten, dass eine übertrieben forcierte öffentliche Wissenschaftskommunikation – und zwar weil sie öffentlich ist – die Qualität von Wissenschaft systematisch zu verschlechtern droht.“

Ehrlich, das verstehe ich nicht. Ich versuch’s mal. Relevanz ist gut, weil das ein Kriterium ist, das die Wissenschaft selbst setzt (lustigerweise ist gerade bei Nature online ein Beitrag erschienen, der die hundert meistzitierten Paper aller Zeiten zeigt, und es sind meist Methodenpapiere, das also definiert sich die Wissenschaft selbst als Relevanz). Sichtbarkeit wird bei M&K, so interpretiere ich es, als mit einer hohen medialen Aufmerksamkeit behaftet verstanden. Klar, sexy Themen kommen eher in die Nachrichten. Die Angst von M&K ist es wohl, dass diese Themen (oder wohl eher: Kolleginnen…) dann auch eher oder mehr gefördert werden. Das ist nicht ganz unbegründet, heißt aber doch nicht, dass die so geförderte Wissenschaft schlechter ist als „die andere,“ in den Augen M&Ks relevantere Wissenschaft. Die „andere“ hat es nur schwerer, an Geld (oops, I did it again) zu kommen.

Es ist letztlich wieder das gleiche Problem der Abschottung. Die Wissenschaft definiert gefälligst selbst, was relevant ist. Und die Gesellschaft kann halt nur hoffen, dass ab und an jemand im Labor den Fernseher oder „das Internet“ anmacht und dort was über, äh, Ebola hört, Klimawandel, Fracking, Ozeanversauerung, Bodenerosion, religiös motivierte Gewalttaten etc. Und dass dieser Jemand dann überlegt, ah, da könnte ich ja mal nach Antworten suchen. Wenn nicht? – Tja, Gesellschaft, wartet ihr halt noch ein paar Jahre. Solche Sachen dauern in der Wissenschaft… Das ist, ehrlich gesagt, nicht meine Definition von Relevanz. Aber noch mal: Ich verstehe den Satz „Wir behaupten, dass eine übertrieben forcierte öffentliche Wissenschaftskommunikation – und zwar weil sie öffentlich ist – die Qualität von Wissenschaft systematisch zu verschlechtern droht“ nicht. Kann mir jemand helfen?

Mein Eindruck, den ich mit meiner Empörung bei #wowk14 kundtun wollte: Bei Marcinkowski und Kohring klebt ein Türschild an ihrem Elfenbeinturm-Neubau: Wegen Dünkel geschlossen. – Und damit will ich mich, 15 Jahre nach PUSH, im Jahr 2014 nicht mehr auseinandersetzen.

Eine Frage der Ehre (ich glaube, das ist jetzt fast ein Rant)

Jörg Thadeusz hat ein Spottgedicht auf Pressesprecherinnen (Männer mitgemeint) verfasst. Es ist anscheinend schon seit zweites, meine Timeline spülte mir das neue Gedicht aber erst kürzlich in meinen Facebook-Account. Hier geht es zu dem Gedicht. Darin schmäht Thadeusz – etwas holprig zwar, aber leidlich amüsant – die Sprecherinnenszene als ein Metier, in dem Moral doch porös sei. Gipfel der Unmoral ist für ihn die FIFA.

Gibt es also gute Sprecherinnen und schlechte Sprecherinnen? Und ist der Arbeitgeber das Maß der Dinge? FIFA, geht gar nicht. Was ist mit Krauss-Maffei? Wiesenhof? PETA? Kann ich mich mit denen an einen Tisch setzen?

Bevor ich mir jetzt über die Moral meines Berufstandes und der Industrie sowie der Interessensverbände Gedanken mache, möchte ich auf Jörg Thadeusz’ Branche schauen. Wie sieht es mit Moderatorinnen und Journalistinnen (Männer mitgemeint) aus? Wenn die bei BILD, B.Z. oder Kurier arbeiten? Geht das? Was ist mit Journalen wie „Bunte“ oder „Das neue Blatt“? Wie halten es die Journalistinnen in den genannten (und vielen weiteren) Medien mit der Moral, wenn sie Prominenten Babys andichten oder Ehekrisen, wenn sie kleine Kinder als zu dick bezeichnen? Wenn sie Hinterbliebenen Fotos von Unfall- oder Verbrechensopfern entlocken (im Jargon Witwen-Schütteln genannt)? Und was ist mit Krawall-Shows und „Scripted reality“ im Privatfernsehen?

Ist der Arbeitgeber ein Kriterium für die Qualität des Arbeitnehmers? Ekel-Journalismus, Entgleisungen und Kampagnen gibt es in allen Medien. Manche haben das vielleicht zum Leitprinzip erhoben, aber auch die Qualitätsmedien sind nicht davor gefeit. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender und die Qualitätszeitungen! Unappetitlich war der Tagesspiegel, als er den Twitter-Account eines Bundestagsabgeordneten durchflöhte, um zu gucken, was der abonniert hat (und siehe da, es fand sich jemand, der Nacktbilder versendet). Das nächste Mal könnte die Hauptstadtzeitung doch auch den Müll durchsuchen. Oder der redaktionelle Nachruf in der FAZ auf ein „Flieger-Ass“ (sic!) aus dem Zweiten Weltkrieg, das hochbetagt in Brasilien gestorben war. Und wie war das noch mit den erfundenen Rankings beim ZDF? Das war die Redaktion, lieber Herr Thadeusz, und nicht die Kommunikationsabteilung. Sie sagen das sogar in Ihrem Gedicht, aber irgendwie ist es bei Ihnen dann doch die Sprecherin, die den Mist verkaufen muss und daher unmoralisch ist.

Das ist ja zunächst ein typisches Verteidigungsmuster, das ich da anwende: Seht her, die anderen machen auch miese Dinge, deshalb dürfen wir auch… Nein, dürfen wir nicht! Darum geht es mir nicht. Pressesprecherinnen und Kommunikatorinnen dürfen keine Lügen verbreiten und keine Schmutzkampagnen starten. Punkt.

Was mich an dem Thadeusz-Gedicht ärgert, ist etwas anderes. Ich bin sauer, wenn (1) ein Vertreter einer Berufsgruppe, in der es unzählige sehr schwarze Schafe gibt, mit dem Finger auf meine Berufsgruppe zeigt, und wenn (2) meine Berufsgruppe bzw. eine ihrer Interessensvertretungen so dämlich ist, das auch noch bei ihrem Kongress vorzuführen.

Schmutzkampagnen und verlogene PR werden von Öffentlichkeitsarbeitern immer wieder veranstaltet oder bei Agenturen in Auftrag gegeben, und auch da gilt: Manches Unternehmen oder manche Interessensgruppe hat sich eine gewisse Unlauterkeit offenbar ins Kalkül geschrieben. Aber muss deshalb die ganze Profession in Sack und Asche gehen? Sich von einem Moderator und Journalisten, der selbstverständlich auch Bezahlauftritte absolviert, verhöhnen lassen? Ich weiß schon, warum ich dem Bundesverband nie beigetreten bin. Mein Selbstverständnis ist ein anderes. Und da habe ich auch wenig Humor.