Eine Frage der Ehre (ich glaube, das ist jetzt fast ein Rant)

Jörg Thadeusz hat ein Spottgedicht auf Pressesprecherinnen (Männer mitgemeint) verfasst. Es ist anscheinend schon seit zweites, meine Timeline spülte mir das neue Gedicht aber erst kürzlich in meinen Facebook-Account. Hier geht es zu dem Gedicht. Darin schmäht Thadeusz – etwas holprig zwar, aber leidlich amüsant – die Sprecherinnenszene als ein Metier, in dem Moral doch porös sei. Gipfel der Unmoral ist für ihn die FIFA.

Gibt es also gute Sprecherinnen und schlechte Sprecherinnen? Und ist der Arbeitgeber das Maß der Dinge? FIFA, geht gar nicht. Was ist mit Krauss-Maffei? Wiesenhof? PETA? Kann ich mich mit denen an einen Tisch setzen?

Bevor ich mir jetzt über die Moral meines Berufstandes und der Industrie sowie der Interessensverbände Gedanken mache, möchte ich auf Jörg Thadeusz’ Branche schauen. Wie sieht es mit Moderatorinnen und Journalistinnen (Männer mitgemeint) aus? Wenn die bei BILD, B.Z. oder Kurier arbeiten? Geht das? Was ist mit Journalen wie „Bunte“ oder „Das neue Blatt“? Wie halten es die Journalistinnen in den genannten (und vielen weiteren) Medien mit der Moral, wenn sie Prominenten Babys andichten oder Ehekrisen, wenn sie kleine Kinder als zu dick bezeichnen? Wenn sie Hinterbliebenen Fotos von Unfall- oder Verbrechensopfern entlocken (im Jargon Witwen-Schütteln genannt)? Und was ist mit Krawall-Shows und „Scripted reality“ im Privatfernsehen?

Ist der Arbeitgeber ein Kriterium für die Qualität des Arbeitnehmers? Ekel-Journalismus, Entgleisungen und Kampagnen gibt es in allen Medien. Manche haben das vielleicht zum Leitprinzip erhoben, aber auch die Qualitätsmedien sind nicht davor gefeit. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender und die Qualitätszeitungen! Unappetitlich war der Tagesspiegel, als er den Twitter-Account eines Bundestagsabgeordneten durchflöhte, um zu gucken, was der abonniert hat (und siehe da, es fand sich jemand, der Nacktbilder versendet). Das nächste Mal könnte die Hauptstadtzeitung doch auch den Müll durchsuchen. Oder der redaktionelle Nachruf in der FAZ auf ein „Flieger-Ass“ (sic!) aus dem Zweiten Weltkrieg, das hochbetagt in Brasilien gestorben war. Und wie war das noch mit den erfundenen Rankings beim ZDF? Das war die Redaktion, lieber Herr Thadeusz, und nicht die Kommunikationsabteilung. Sie sagen das sogar in Ihrem Gedicht, aber irgendwie ist es bei Ihnen dann doch die Sprecherin, die den Mist verkaufen muss und daher unmoralisch ist.

Das ist ja zunächst ein typisches Verteidigungsmuster, das ich da anwende: Seht her, die anderen machen auch miese Dinge, deshalb dürfen wir auch… Nein, dürfen wir nicht! Darum geht es mir nicht. Pressesprecherinnen und Kommunikatorinnen dürfen keine Lügen verbreiten und keine Schmutzkampagnen starten. Punkt.

Was mich an dem Thadeusz-Gedicht ärgert, ist etwas anderes. Ich bin sauer, wenn (1) ein Vertreter einer Berufsgruppe, in der es unzählige sehr schwarze Schafe gibt, mit dem Finger auf meine Berufsgruppe zeigt, und wenn (2) meine Berufsgruppe bzw. eine ihrer Interessensvertretungen so dämlich ist, das auch noch bei ihrem Kongress vorzuführen.

Schmutzkampagnen und verlogene PR werden von Öffentlichkeitsarbeitern immer wieder veranstaltet oder bei Agenturen in Auftrag gegeben, und auch da gilt: Manches Unternehmen oder manche Interessensgruppe hat sich eine gewisse Unlauterkeit offenbar ins Kalkül geschrieben. Aber muss deshalb die ganze Profession in Sack und Asche gehen? Sich von einem Moderator und Journalisten, der selbstverständlich auch Bezahlauftritte absolviert, verhöhnen lassen? Ich weiß schon, warum ich dem Bundesverband nie beigetreten bin. Mein Selbstverständnis ist ein anderes. Und da habe ich auch wenig Humor.

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