Abgewatscht? Nein, immer noch empört.

Ich habe lange gewartet und immer wieder überlegt, ob ich mich mit den Thesen von Marcinkowski und Kohring erneut auseinandersetze. Ich habe auch gehofft, dass das Warten mein Temperament abkühlen würde. Aber irgendwie treibt es mich doch um, darum hier eine Art Antwort auf Jens Rehländers Blogpost im Nachgang zu #wowk14.

Darin nimmt er sich nochmals detailliert die Argumentation von Marcinkowski und Kohring (im Folgenden M&K) vor. Danke, Jens, denn das erhellt die Sache sehr und es motiviert mich dann eben doch, mich ein weiteres Mal damit auseinanderzusetzen. Abgewatscht fühlte ich mich aber nicht seinerzeit, sondern empört. Hier, was Jens zu der Ohrfeige sagt, und hier, was Joachim Müller-Jung sagt.

M&K sagen, es gebe „keine funktionale Begründung für öffentliche Wissenschaftskommunikation“. Sie zu fordern, würde „keinem Wissenschaftler von selbst einfallen“.

Das heißt, Wissenschaft ist ein sich selbst genügendes System ohne jeden Konnex zur Gesellschaft. Das heißt weiter, die Wissenschaftlerinnen (Männer mitgemeint) forschten nur für sich und nicht im Dienste der Gesellschaft.

Ich spitze zu:

Drängende Zukunftsfragen, die wir (also die Gesellschaft) gelöst haben wollen? – M&K sagen, kümmert euch selbst drum.

Ethische Debatten (Stammzellen, Gentests, Präimplantationsdiagnostik)? – Löst sie selbst.

Aber meine verdammten Steuern nehmt ihr gerne! (Ich verspreche, das ist das erste und letzte Mal, dass ich von Steuergeldern hier spreche.)

Für M&K ist es „keineswegs selbsterklärend und selbstverständlich“, dass Wissenschaft sich an eine Laienöffentlichkeit wenden muss. Ob eine wissenschaftliche Aussage wahr oder falsch ist, entscheidet die Scientific Community aufgrund fachlicher Expertise. Dafür bedarf es nicht „der Zustimmung Dritter – schon gar nicht aller denkbaren Dritten“. „Wer dem skeptisch gegenüber steht, der möge sich vorübergehend einmal vorstellen, wie es wäre, in einer Welt mit öffentlicher Rechtsprechung zu leben“ – wo also Laien zu Gericht sitzen, die niemals Rechtswissenschaften studiert haben.

Der Vergleich hinkt gewaltig. Es ist eine große Errungenschaft des Rechtsstaates, dass es eben keine Geheimgerichte (Jugendstrafsachen und Familiengerichte ausgenommen) mehr gibt. Gerichtsverhandlungen sind öffentlich. Das heißt nicht, dass das Volk Recht spricht, sondern dass es sich informieren kann, wer das Recht gebrochen hat und nach welchen Maßstäben sie oder er verurteilt wird. Das Argument lasse ich also nicht gelten.

Es gibt laut M&K kein Indiz dafür, dass der wissenschaftliche Erkenntnisprozess dadurch befördert wird, dass möglichst viele zugucken oder im Begründungsverfahren mitreden.

Ich wüsste auch nicht, dass das jemand behauptet hätte (wobei selbst diese Aussage in Sachen Laienwissenschaft, Citizen Science etc. in Frage zu stellen wäre!). Dahinter steht wieder das Abschotten des Wissenschaftsbetriebs vom Rest der Gesellschaft. Was heißt denn Erkenntnisprozess? Das ist ein zusammengesetztes Wort. Und ja, ich gehe mit (mit dem Einwand im Hinterkopf, dass Citizen Science hier sträflich außer Acht gelassen wird) in der Behauptung, dass der Prozess nicht durch öffentliche Aufmerksamkeit befördert wird. Aber es gibt da den anderen Wortteil, die Erkenntnis und ich füge hinzu: das Erkenntnisinteresse.

Die Wissenschaft, so wie Marcinkowski und Kohring sie darstellen, kümmert sich nicht um ein Erkenntnisinteresse der Gesellschaft (soll ich meine Kinder impfen lassen? Darf ich nach Afrika fliegen, auch wenn dort Ebola herrscht? Kann ich noch ein Haus am Unterlauf der Elbe kaufen, in dem meine Kinder ohne nassen Keller werden wohnen können?).

Diese Abschottung finde ich in hohem Maße bedenklich. Und noch eines: Was ist mit den vielen Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, zu deren Aufdeckung auch Journalistinnen und zuletzt zunehmend Bloggerinnen beigetragen haben? Das Aufdecken solcher Betrügereien befördert meines Erachtens den Erkenntnisprozess durchaus. Und das geht nur, wenn ein gewisses Maß an Transparenz herrscht.

M&K sagen, die Politik habe die Höhe der Finanzierung an Leistungsvereinbarungen geknüpft und auf diese Weise „die der Wissenschaft … wesensfremde Figur des Wettbewerbs propagiert“; „Wettbewerb wird öffentlich vorgeführt und für die Öffentlichkeit inszeniert – die prominentesten Beispiele sind die Exzellenzinitiative und die allgegenwärtigen Rankings.”

Das ist, wenn ich das richtig interpretiere, eine Idealisierung von Wissenschaft als globale Gemeinschaft, die ihr Wissen brüderlich teilt und Wissenschaft gleichsam als Hobby betreibt. Der Publikationsdruck und das Streben nach höchsten Weihen und guten Posten gehören meines Erachtens aber genauso zur intrinsischen Motivation von Wissenschaftlerinnen wie die Neugier und die Hingabe an ihr Studienobjekt. Wettbewerb hat es schon immer gegeben, dazu brauchte es keine Exzellenzinitiative.  Das Argument lasse ich auch nicht gelten.

„Früher glaubte man, durch die Aufklärung der Laienbevölkerung mittels Wissen auch Akzeptanz für den Wissensproduzenten zu erzielen. Das hat zwar im Großen nie geklappt, hat aber noch einen rationalen Zug, der heutzutage fast rührend wirkt.“

Woher nehmen M&K die Gewissheit, dass das nicht geklappt habe? Der Forschungshaushalt in Deutschland steigt seit Jahren, ohne dass es dagegen Proteste gibt. (Hier eine Jubelmeldung der CDU/CSU dazu, jede Leserin möge selbst googeln, wie das mit den Zahlen ist.) Forscherinnen haben nach wie vor ein hohes Sozialprestige.

Ich melde hier Zweifel an, dass die Aussage M&Ks so stimmt. (Obwohl, ja, es stimmt: Die Universitäten darben, aber das hat vielfältige Ursachen, nicht zuletzt in der Föderalismusreform, und das würde ich nicht im Zusammenhang mit Wissenschaftskommunikation diskutieren.)

Inzwischen aber diene Wissenschaftskommunikation keineswegs mehr „einer öffentlichen Kontroll- und Kritikfunktion oder gar einer Partizipation der Laienöffentlichkeit“, sondern „dem Primat der Eigenwerbung“, „der Medialisierung der wissenschaftlichen Einrichtungen“ – kurzum, sie sei eine „PR-Strategie“, mit „negativen Folgen für die Autonomie und die Funktionsweise von Wissenschaft“.

Da scheint mir der Hase im Pfeffer zu liegen. Dahinter steht ziemlich unverblümt die Angst vor dem Verlust der Autonomie, also eine Angst, dass jemand – wer: die Öffentlichkeit? Oder gar, Gott bewahre!, die Wissenschaftskommunikatorinnen?,  – mitredet bzw. sogar „reinredet“.

Nochmal: Die Gesellschaft hat ein legitimes Interesse daran, dass sie jemand alimentiert, der ihre Fragen beantwortet. Ups, doch wieder von Geld geredet. Jetzt, wo es schon passiert ist, ein kleiner Exkurs zum Geld: Wissenschaft wird alimentiert, nicht bezahlt. Das ist ein wichtiger Unterschied. Sie ist frei, die ihr zur Verfügung gestellten Mittel nach ihrem Gutdünken einzusetzen und die Methoden zu wählen, die sie für richtig erachtet. Der Geldgeber setzt nur einen Rahmen und vielleicht eine strategische Mission („erforscht Infektionskrankheiten!“), mischt sich aber nicht in den Versuchsaufbau ein. Aber selbst das scheint M&K schon zu viel zu sein.

„Sichtbarkeit“ von Wissenschaft werde mit ihrer tatsächlichen wissenschaftlichen „Relevanz“ verwechselt. „Wir behaupten, dass eine übertrieben forcierte öffentliche Wissenschaftskommunikation – und zwar weil sie öffentlich ist – die Qualität von Wissenschaft systematisch zu verschlechtern droht.“

Ehrlich, das verstehe ich nicht. Ich versuch’s mal. Relevanz ist gut, weil das ein Kriterium ist, das die Wissenschaft selbst setzt (lustigerweise ist gerade bei Nature online ein Beitrag erschienen, der die hundert meistzitierten Paper aller Zeiten zeigt, und es sind meist Methodenpapiere, das also definiert sich die Wissenschaft selbst als Relevanz). Sichtbarkeit wird bei M&K, so interpretiere ich es, als mit einer hohen medialen Aufmerksamkeit behaftet verstanden. Klar, sexy Themen kommen eher in die Nachrichten. Die Angst von M&K ist es wohl, dass diese Themen (oder wohl eher: Kolleginnen…) dann auch eher oder mehr gefördert werden. Das ist nicht ganz unbegründet, heißt aber doch nicht, dass die so geförderte Wissenschaft schlechter ist als „die andere,“ in den Augen M&Ks relevantere Wissenschaft. Die „andere“ hat es nur schwerer, an Geld (oops, I did it again) zu kommen.

Es ist letztlich wieder das gleiche Problem der Abschottung. Die Wissenschaft definiert gefälligst selbst, was relevant ist. Und die Gesellschaft kann halt nur hoffen, dass ab und an jemand im Labor den Fernseher oder „das Internet“ anmacht und dort was über, äh, Ebola hört, Klimawandel, Fracking, Ozeanversauerung, Bodenerosion, religiös motivierte Gewalttaten etc. Und dass dieser Jemand dann überlegt, ah, da könnte ich ja mal nach Antworten suchen. Wenn nicht? – Tja, Gesellschaft, wartet ihr halt noch ein paar Jahre. Solche Sachen dauern in der Wissenschaft… Das ist, ehrlich gesagt, nicht meine Definition von Relevanz. Aber noch mal: Ich verstehe den Satz „Wir behaupten, dass eine übertrieben forcierte öffentliche Wissenschaftskommunikation – und zwar weil sie öffentlich ist – die Qualität von Wissenschaft systematisch zu verschlechtern droht“ nicht. Kann mir jemand helfen?

Mein Eindruck, den ich mit meiner Empörung bei #wowk14 kundtun wollte: Bei Marcinkowski und Kohring klebt ein Türschild an ihrem Elfenbeinturm-Neubau: Wegen Dünkel geschlossen. – Und damit will ich mich, 15 Jahre nach PUSH, im Jahr 2014 nicht mehr auseinandersetzen.

Advertisements

3 Kommentare zu „Abgewatscht? Nein, immer noch empört.“

  1. „Das heißt, Wissenschaft ist ein sich selbst genügendes System ohne jeden Konnex zur Gesellschaft.“ – Das sagen M&K meiner Ansicht nach nicht. Ich habe sie so verstanden: Die Wissenschaft ist im Wesentlichen dazu da, belastbare Erkenntnisse zu produzieren. Bei dieser Kernaufgabe hilft ihr die Kommunikation mit Laien nicht.

    „Es ist eine große Errungenschaft des Rechtsstaates, dass es eben keine Geheimgerichte (Jugendstrafsachen und Familiengerichte ausgenommen) mehr gibt.“ – Die Wissenschaft ist nicht geheim; Wissenschaftler publizieren in öffentlich zugänglichen Journalen oder schreiben Bücher. Was M&K meiner Ansicht nach sagen wollen, ist: Laien können der Wissenschaft nicht bei ihrer Aufgabe helfen, belastbare Erkenntnisse zu produzieren. (Citizen Science wäre hier auch aus meiner Sicht ein Diskussionspunkt.)

    „Die Wissenschaft, so wie Marcinkowski und Kohring sie darstellen, kümmert sich nicht um ein Erkenntnisinteresse der Gesellschaft…“ – So hatte ich M&K nicht verstanden. Im Gegenteil: sie thematisieren die Relevanz.

    „Woher nehmen M&K die Gewissheit, dass das (Aufklärung der Laienbevölkerung) nicht geklappt habe?“ – Das ist in der Wissenssoziologie ein Gemeinplatz, daher haben es M&K wohl bei der bloßen Behauptung belassen. Ich müsste Beispiele recherchieren, kann aber versichern, dass es sie gibt.

    „Dahinter steht ziemlich unverblümt die Angst vor dem Verlust der Autonomie…“ – Ja, da dürfte der Hase im Pfeffer liegen. Das ist aber ein Thema, über das man meiner Ansicht nach gut diskutieren kann.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s