Was Wissenschaftsjournalismus mit Geo- und Pornographie zu tun hat

Alle Welt fragt danach, was eigentlich Wissenschaftskommunikation sei und ob Wissenschaftsjournalistinnen nicht auch Wissenschaftskommunikation betreiben würden. Und wie das eine vom anderen abzugrenzen sei. Wer fragt eigentlich, was Wissenschaftsjournalismus ist? Bestimmt gibt es Studien aus Jülich und Dortmund, vielleicht sogar aus Bielefeld, in denen Wissenschaftsjournalismus definiert ist. Aber ich will mich mal an einer pragmatischen Herangehensweise versuchen.

Beim Forum Wissenschaftskommunikation fwk14 habe ich gelernt, dass ein zusammengesetztes Wort im Deutschen hauptsächlich vom zweiten Teil bestimmt wird. Martin Schneider erwähnte das auf dem Podium, und er bot auch eine Definition von Wissenschaftsjournalismus an, die dem entsprach. Es gehe darum, eine Schneise in das Dickicht der Informationen zu schlagen und denen, die Macht haben, auf die Finger zu schauen. Das ist eine Definition von Journalismus allgemein, und demnach ist Wissenschaftsjournalismus also in erster Linie Journalismus. Ich finde, das greift zu kurz, denn irgendwie beanspruchen die Wissenschaftsjournalistinnen (Männer mitgemeint) ja doch eine Sonderrolle, haben eine eigene Standesorganisation (die WPK), eine eigene Konferenz (die Wissenswerte) und pflegen überhaupt ein gesundes Selbstbewusstsein, trotz Finanzkrise: arm, aber sexy, irgendwie.

Journalismus, der sich mit dem Thema Wissenschaft befasst: Das ist eine notwendige Bedingung, aber ist sie hinreichend? Ich habe vor einigen Jahren mal als Jurymitglied eines Preises für Wissenschaftsjournalismus amtieren dürfen, und bei der Preisverleihung saß ich neben einer Einreicherin (Männer mitgemeint), die sich bitter beklagte, dass immer nur die gleichen Stücke gewönnen: Lange Riemen in Wochen- oder Monatszeitschriften oder in großen überregionalen Blättern. Reportagen, für die die Autorinnen Wochen oder Monate Zeit und viel Reisebudget gehabt hätten. Lokaljournalistinnen dagegen oder Journalistinnen für Regionalzeitungen könnten sich diese Luxusrecherchen nicht leisten. Doch auch sie schrieben, so die Klage, gute Stücke, sie befassten sich regelmäßig mit dem Thema Wissenschaft, eben aus der Sicht der Region oder des Lokalen.

Zugespitzt formuliert: Schreibt eine Lokalreporterin über ein Wissenschaftsthema, weil das Institut oder die Uni oder die Uniklinik nun mal vor der Haustür liegt, ist das dann Wissenschaftsjournalismus? Oder wenn eine Geschichte über Arzneimittelentwicklung im Wirtschaftsteil einer großen Zeitung aufgeschrieben worden ist, von einer Wirtschaftsredakteurin, ist das dann Wissenschaftsjournalismus? Oder gibt es Wissenschafts-Lokaljournalismus, Wissenschafts-Wirtschaftsjournalismus und Wissenschafts-Aus-aller-Welt-Journalismus, wenn gerade eine Sonde auf einem Kometen landet und der Wissenschaftler ein passendes Hemd anhat?

Ein bisschen geht es mir mit Wissenschaftsjournalismus wie dem amerikanischen Bundesrichter, der über Pornographie entscheiden sollte: Ich kann Ihnen keine exakte Definition von Pornographie geben, sagte er, aber ich erkenne sie, wenn ich welche sehe.

Das ist jetzt natürlich, nun ja: unbefriedigend. Und so gehe ich einen anderen Weg, um die Frage zu beantworten, was Wissenschaftsjournalismus für mich ist. Ich bin studierter Geograph, und einen nicht unbeträchtlichen Teil meines ersten Semesters habe ich mit der Frage verbracht, wie Geographie zu definieren sei. Humboldt, Ritter, Penck sind da Namen, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Die haben aufgeschrieben, was Geographie für sie ist. Als ich davon während eines Gaststudiums in den USA erzählte, bekam ich eine andere Definition: Geography is what geographers do. Ich war erst verblüfft und belustigt, aber es ergab Sinn: Warum gibt es Schwulenviertel? Wie verteilen sich Religionszugehörigkeiten in einem Land? Was hat die Eiszeit mit der heutigen Landwirtschaft in Deutschland zu tun? Geographie ist so vielfältig, dass es wirklich nicht leicht ist, sie zu definieren.

Daher mein Vorschlag: Science journalism is what science journalists do. Das hört sich zunächst nach einem rhetorischen Taschenspielertrick an. Ich verlagere ja nur die Definition, aber ich denke, es ist ein paar Gedanken wert.

Nicht überall, wo in einem Medium über Wissenschaft berichtet wird, ist das Wissenschaftsjournalismus. Vielmehr zeichnet sich diese Art von Journalismus durch eine besondere Eindringtiefe der Autorinnen in die Materie aus, durch Kenntnis des Faches, der relevanten Literatur oder der richtigen Ansprechpartnerinnen. Auch die Kenntnis des wissenschaftlichen Prozesses (Peer Review, zum Beispiel) und der wissenschaftspolitischen Rahmenbedingungen zeichnen gute Wissenschaftsjournalistinnen aus. Die wissen, wann man eine zweite Meinung einholen muss (nicht bei der Frage, ob es eine Klimaerwärmung gibt, zum Beispiel, sehr wohl aber bei der Beurteilung einer Peer-Review-geprüften Studie eines Herrn Seralini etwa).

Das weist auf eine weitere Besonderheit des Wissenschaftsjournalismus’ hin, die mittlerweile aber am Verschwinden ist. Bei „normalen“ Nachrichten aus der Politik oder dem Weltgeschehen hieß es immer, man bringe sie nur im Medium, wenn sie durch eine zweite, unabhängige Quelle bestätigt wurden. Immer noch hört man auf BBC die Einschränkung „This report was not confirmed by independent sources“. Das ist in der Wissenschaftsberichterstattung früher anders gewesen, weil da über Ergebnisse berichtet wurde, die in Journalen publiziert worden waren. Diese Ergebnisse hatten also einen akademischen Prüfprozess durchlaufen und mussten nicht mehr unabhängig bestätigt werden. Es wäre auch schlechterdings unmöglich, bei Erscheinen einer Arbeit durch Dritte bestätigen zu lassen, dass sie stimmt. Dazu müsste ja das Experiment reproduziert werden. So etwas kann Jahre dauern. Der Gegenstand der Berichterstattung stand also, anders als beim Nachrichtenjournalismus, meistens nicht im Zweifel. Das hat sich sehr geändert. Denn Lobbygruppen nutzen Wissenschaft und manchmal Pseudowissenschaft, um ihre Positionen oder Forderungen zu untermauern. Gentechnik-Gegner etwa, oder Tierversuchsgegner oder die so genannten Klima-Skeptiker, aber auch Impfgegner und Homöopathie-Verfechter. Die Wissenschaft ist hier massiv politisiert bzw. instrumentalisiert worden. Und darauf müssen gute Wissenschaftsjournalistinnen reagieren, indem sie weit mehr als früher zweifeln und wie Politik- oder Nachrichtenjournalistinnen arbeiten.

Noch eines kommt hinzu: Die Zahl der Journale und der veröffentlichten Studien steigt Jahr für Jahr, der Publikationsdruck für einzelne Wissenschaftlerinnen steigt ebenfalls, und die hochrangigen Journale werden immer selektiver und nehmen am liebsten Studien, die einen Durchbruch verkünden. Hier liegt, jenseits aller Politisierung, eine weitere Gefahr, da dieses System die Wissenschaft dazu verleitet, vorschnell Durchbrüche zu produzieren. Übrigens ganz ohne Zutun der PR. Hier ist guter Wissenschaftsjournalismus, der Studien kritisch hinterfragen kann, weil seine Protagonistinnen das System kennen, sehr wichtig. Hier sind gute Wissenschaftsjournalistinnen wichtig, denn: Good science journalism is what good science journalists do.

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2 Kommentare zu „Was Wissenschaftsjournalismus mit Geo- und Pornographie zu tun hat“

  1. Danke für diesen Beitrag!
    „Good science journalism is what good science journalists do.“
    Sehe ich auch so. Man kann es nicht ganz genau definieren, es gibt fließende Grenzbereiche.
    Die kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Resultaten halte ich auch für äußerst wichtig. Um so etwas beurteilen zu können, brauchen gute Wissenschaftsjournalisten ein sehr umfangreiches Fachwissen und Zeit zum Recherchieren. Dann sind sie „good science journalists“.

    Gefällt 1 Person

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