Und sie schämeten sich doch (mit Update)

Update unten

Jens Rehländer, ein ehemaliger Journalist, schreibt über den Bedeutungsverlust und die Krise des Journalismus allgemein und dass das nicht oder kaum thematisiert wird von den Journalistinnen (Männer mitgemeint) selbst.

Ich wage die These: Die Journalistinnen (Männer und Frauen) schämen sich. Aber sagten sie das, würden sie ihre Verleger ärgern, den eigenen Job gefährden und Leser vergraulen.

Schämen? Ja, ich bin mir da fast sicher. Die Scham rührt daher, weil sie ihre eigenen Qualitätsstandards den Bach runtergehen sehen. Das fängt beim fehlenden Korrektorat an. Druck- und Sachfehler häufen sich. Das geht über wachsenden Zeitdruck (noch mehr Fehler!) und schwindende Binnenvielfalt. Denn obgleich ich keine empirischen Daten habe, so sehe ich aus der regelmäßigen Lektüre von zwei bis drei Tageszeitungen sowie Wochenzeitungen und -magazinen, dass die Artikel in den vergangenen Jahren nicht wesentlich kürzer geworden sind, eher sogar länger, die Umfänge (Anzahl der Seiten) aber bei Tageszeitungen massiv geschrumpft sind. Das heißt: In einer Zeitungsausgabe stehen weniger Themen und damit weniger Autorinnen als früher.

Viele Zeitungen ahmen auch offensichtlich das Internet nach und „bloggisieren“ ihre Texte: Autorinnenfotos, mehr Meinung, mehr Persönliches, mehr Kolumnen. Klassischer berichtender, erklärender Journalismus schwindet zugunsten von Meinungsstücken. Das schrammt oft scharf an Kampagnenjournalismus vorbei (siehe etwa die widerliche BamS-Weihnachtsmarkt-Kampagne, aber auch die FAZ und die Pädophilie-Debatte bei den Grünen). Apropos FAZ: Die Überhöhung des leider viel zu früh verstorbenen Frank Schirrmachers geht auch in diese Richtung. Leseprobe: „(…) der sprach- und wirkmächtigste Kulturjournalist, den Deutschland je hatte“.

Ich halte das alles für ein Schwinden der Qualitätsstandards. Es kommt noch schlimmer: Die Verlage, genauer: die Kaufleute und Managerinnen drücken Anzeigensonderveröffentlichungen, Beilagen und Formate (zum Beispiel „Advertorials“, aber auch Kooperationen mit Tourismusverbänden oder, etwas seriöser vielleicht, mit Stiftungen) in die Zeitungen, für die sich gestandene Journalistinnen schämen müssten (und es wohl auch tun).

Auch das sehen die Journalistinnen gewiss, sagen es aber nicht. Selbst wenn sie sich die eigenen Finger nicht schmutzig machen und dafür immer noch Beilagenredaktionen haben, so ist es doch ihr Blatt, das da solche Dinger dreht. Wer wollte da schon als Nestbeschmutzer auftreten?

Die Journalismuskrise ist für mich daher eine Wertekrise der Branche, und ich fürchte, das Geld-Argument greift ein wenig zu kurz. Denn wenn ich mir die Skandale und Skandälchen (Rankings, Bestechlichkeit im Sport) in den öffentlich-rechtlichen Sendern anschaue (die im Steuerzahler-Geld schwimmen), dann kann es nicht nur am Geld liegen.

Ob das von Jens Rehländer und anderen propagierte Stiftungsmodell tragfähig ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe aber auch keine Lösung für das Problem.

Update (das spricht für sich selbst):

http://www.cicero.de/kapital/tagesspiegel-konferenz-agenda-2015-der-lobbyist-kauft-sich-ein/58609

http://www.spreezeitung.de/17751/der-tagesspiegel-erscheint-hier-geradezu-als-lobbydienstleister/

Und, da mehrfach angesprochen: Ja, ich weiß, dass Rundfunkgebühren keine Steuern sind, aber es gab und gibt sehr ernst zu nehmende Stimmen im juristischen und politischen Raum, die genau das mit guten Argumenten widerlegen und sagen, so eine Haushaltsabgabe könne als Steuer (meinetwegen: Quasi-Steuer) angesehen werden.

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4 Kommentare zu “Und sie schämeten sich doch (mit Update)”

  1. Dass die Journalisten sich schämen, stelle ich in Frage, will es aber nicht ausschließen, zumindest bei einigen. Auf jeden Fall stimme ich zu, dass auch über die Erosion einstiger journalistischer Tugenden und über die aufgezeigten Folgen verschludernden Handwerks gesprochen werden muss. Danke für diese ergänzenden Hinweise.

    1. Lieber Markus, das hat mir auch eine Kollegin aus den Öffentlich-Rechtlichen gesagt, aber es ist, wie Ina unten kommentiert: Wo ist der Unterschied? Eine Zwangsabgabe pro Haushalt, unabhängig von der Bereithaltung von Geräten… – if that’s not a tax, then what is?

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