Schon wieder was zum Schämen

„Würden Naturwissenschaften in Talkshows debattiert, wollten alle mitreden, und eine gesellschaftliche Debatte käme in Gang. Plötzlich wären Natur und Technik etwas, das allgemein diskutiert und nicht apodiktisch von Professoren verkündet würde. Wenn ein Forscher erklärt, Leben im Reagenzglas erzeugt zu haben, wäre das doch eine Talkshow wert! Stattdessen bringen diese Sendungen zu viel albernes Zeug.“

Das Zitat stammt von Ernst Peter Fischer aus einem SPIEGEL ONLINE-Gespräch.

Ernst Peter Fischer (das ist ein Wissenschaftshistoriker und Buchautor und Professor) hat die Medienlogik nicht verstanden. Er glaubt, wenn er und andere Sachbuchautorinnen bei Jauch säßen, würde eine gesellschaftliche Debatte in Gang kommen. Was er sich offenbar nicht vorstellen kann: Dass die Leute abschalten. Was er anscheinend nicht weiß: Es geht bei den Talkshows nicht um Information und Wissenstransfer, sondern um Konflikte. Um A gegen B.

Konflikt in der Wissenschaft unterliegt aber völlig anderen Gesetzen als der Medienkrawall. Streit in der Wissenschaft betrifft entweder innerwissenschaftliche Debatten, die meist keiner versteht (deshalb gibt es Journale wie Spektrum der Wissenschaft oder Blogs), oder der „Streit“ adelt Pseudo-Wissenschaft (Impfgegner, Klima-Skeptiker, Gentechnik-Gegner…), und kaum eine Wissenschaftlerin würde sich dem aussetzen wollen.

Es ist also ziemlich naiv, wenn Ernst Peter Fischer glaubt, der Auslöser von gesellschaftlichen Debatten seien Talkshows. Er verwechselt da Ursache und Wirkung.

Wer sich eingehender mit dem Pseudo-Streit beschäftigen will, der lese Florian Freistetters Beitrag oder Jens Rehländers Post oder Alex Gerbers Beitrag hier  oder das etwas längere, aber lesenswerte Stück von Markus Pössel.

Oder,  gleich hier,  noch die Anmerkungen meines Freundes und Kollegen Franz Ossing zu dieser Debatte (auf eine Nachfrage hin hier eine Klarstellung: alles, was hier drunter folgt, stammt von Franz Ossing):

>>Die sollten sich tatsächlich was schämen!

Einen besseren Beweis für die aktuelle Krise des Wissenschaftsjournalismus braucht man nicht: Spiegel Online präsentiert ein Streitgespräch über Wissenschaft in den Medien
unter einem Zitat des (von mir durchaus hochgeschätzten) Professors für Wissenschaftsgeschichte E.P. Fischer, der gleich mal die Welt sortiert: „Die sollten sich was schämen!“. Alles, was an Wissenschaftskommunikation in Deutschland läuft, ist dummes Zeug, speziell „Wissenschaft im Dialog“ (WiD) ist „reine Geldverschwendung“, das sind beamtenmäßig Handelnde, nur interessiert an „Arbeitsstelle und Pension“- so Fischer. Mit Vorurteilen gegen Beamte kriegt man in Deutschland immer Beifall.

Fischer schreibt hervorragende Bücher (sehr empfehlenswert: „Einstein trifft Picasso und geht mit ihm ins Kino“), hat ansonsten aber von Wissenschaftskommunikation so viel Ahnung „wie Vögel von der Ornithologie“ (Reich-Ranicki). Was sich in den letzten zwei Dekaden in Deutschland an Wissenschaftskommunikation entwickelt hat, sind nicht nur „bunte Erklärshows“. Wenn jährlich um die 100.000 Besucher das Wissenschaftsschiff (ein WiD-Format) frequentieren, dann ist das eine Zahl, die ich als Auflagenhöhe jedem von E.P. Fischers Büchern wünsche. Nun denn, vanitas vanitatum et omnia vanitas: Fischer will mal wieder WiD abschaffen. Das ist aber auch nix Neues.

Aber eine hervorragende Vorlage für Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus. Der findet Fischers Vorschlag gut, will WiD ebenfalls abschaffen und das dafür aufgewendete Geld in einen „Fond für unabhängigen Journalismus“ schütten. Das bezeichnte er als „radikalen Vorschlag“.

Damit sind wir wieder bei der Krise des Wissenschaftsjournalismus, die ihre Ursache in den stark aufgemöbelten Pressestellen der Forschungseinrichtungen haben soll. Selbstverständlich werden hier auch wieder, syntonisch mit Fischer, die Klischees bedient: Journalismus hat die Wächterfunktion, die Pressestellen der Forschungseinrichtungen machen aber den Journalisten das Leben schwer, denn sie haben die „Idee, man könne unter Umgehung der bösen kritischen Journalisten … direkt den Endnutzer erreichen“. Genau: zuerst jubeln die Pressestellen dem Publikum ihre faustdicken Lügen unter die Weste, dann schleichen sie sich hämisch kichernd mit gelben Augen wieder in die düstere Höhle. Hier die Guten, da die Bösen, auch das funktioniert immer.

Ergänzt wurden diese Versatzstücke durch ebenso flach gehaltene Fragen: „Wird Wissenschaft in den Medien zu langweilig dargestellt?“ Manno! Gerade im Haus des SPIEGEL weiß man sehr wohl, dass Journalismus sich nach den realen Ansprüchen eines Geschäftsunternehmens ausrichten muss, ohne Umsatz kein Journalismus. Journalisten sind vor allem erst einmal bezahlte Mitarbeiter eines am Markt tätigen Unternehmens, sofern sie nicht öffentlich-rechtlich arbeiten (da greifen dann andere Kriterien). Soweit zum hehren Anspruch des Journalismus als vierte, kontrollierende Gewalt.

Kurzum: derartig altbackener Unsinn wie in diesem „Gespräch“ bringt uns alle nicht weiter. Die vorangegangenen Debatten nach „WÖM-Papier“ der Akademien und Siggener Aufruf waren da in der Problemauffassung entschieden weiter. Das Internet, nein, die Digitale Revolution hat ein neues gesellschaftliches Agieren mit neuen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Information und Kommunikation hervorgebracht, letztlich weltweit. Auf diese Journalismus und Wissenschaft gleichermaßen treffende Umwälzung zu reagieren, indem man ein „Literarisches Quartett für Sachbücher, einen Reich-Ranicki der Wissenschaftsdebatte“ fordert: das kommt aus einem der letzten Elfenbeintürme und ist so vorwärtsorientiert wie die Dampflok. „Die sollten sich tatsächlich was schämen!“<<

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4 Kommentare zu „Schon wieder was zum Schämen“

  1. Hallo,
    mhh das mit dem Markt und der Qualität und der Nachfrage ist so eine Sache … ich denke nicht, dass sich Qualität nicht verkaufen ließe. Ich meine die Kinderbücher von Kästner, Lingren und Co werden noch heute in welchen Stückzahlen verkauft? Pittiplatsch und co ist beliebt wie eh und je – und man muss ja Harry Potter nicht mögen und persönlich finde ich es ist zu viel und zu detailliert Gewalt dargestellt, aber niveaulos würde ich Harry Potter nicht bezeichnen – abgesehen davon, dass alle immer meinten Kinder würde man heute nicht mehr zum Lesen bekommen … es ist nur eine Frage des Aufwandes und vor allem des Willens Qualität zu liefern und das ist in jedem Bereich so

    Grüße

    MINTiKi.de

    „Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch“ (Erich Kästner)

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