Nehmt die Chemtrailer ernst

Gerade tagen die Skeptiker in Frankfurt am Main und beim Klicken und Surfen im Umfeld bin ich dazu auf einen Chemtrailer gestoßen, der vor Jahren schon auf Florian Freistetters Blog ein Posting kommentierte über Kondensstreifen. Ich fand da eine wunderbare Verschwörungstheorie. Die geht irgendwie so: Der Kachelmann betreibt privat Wetterstationen, was dem staatlichen Monopol, das in Wirklichkeit vom Militär kontrolliert wird, ein Dorn im Auge ist. Das Militär, also die NATO und deren Vasallen, nutzen ihre Stationen und Flugzeuge, um das Wetter zu beeinflussen und  Chemtrails zu versprühen. Aber die Chemtrailer haben das durchschaut. Der Kachelmann hatte nun ein privates Gerichtsproblem (das Verfahren wegen Vergewaltigung). Ja, da lässt sich was machen: Wenn er die Chemtrailer verunglimpft, dann kommt er davon. Also wettert der Kachelmann auf YouToube gegen Chemtrailer und, o Himmelsmacht, wird freigesprochen. (Ich bin mir nicht sicher, ob ich das korrekt zusammengefasst habe. Und zur Sicherheit: Ich distanziere mich hiermit klar davon, zumal es auch in den Kommentaren auf besagtes Posting widerlegt wurde.)

Nachdem ich eine Zeitlang gelacht hatte, habe ich die bewundernswert geduldigen und teilweise auch sehr schön ironischen Repliken auf diesen Chemtrailer gelesen. Der verwechselte Metrologie und Meteorologie und wirkte auch sonst nicht wie jemand, der die wissenschaftliche Arbeitsweise kennt. Und wie es der Zufall so will, hat erst vor wenigen Tagen das Umweltbundesamt (UBA) einen langen Facebook-Post veröffentlicht und zu den „Chemtrailern“ eindeutig Stellung bezogen.

Aber dann bin ich ins Nachdenken gekommen. Dieser Mensch auf Florians Blog hat ein Weltbild, das er offenbar mit einer ganzen Reihe von anderen teilt. Und es gibt solche verqueren Weltbilder ja nicht nur bei Chemtrails. Chlorbleiche oder Spezial-Diät gegen Autismus? Hilft bestimmt, nur die Pharma-Lobby und ein Bundesinstitut wettern dagegen.  In Frankfurt an der Oder gibt es das Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften, auch Hogwarts an der Oder genannt. Tierversuche lassen sich nicht auf den Menschen übertragen. Impfen verursacht Autismus und Krankheiten. Kinderkrankheiten gehören zum Leben als wichtige Entwicklungsschritte eines Menschen. Klimawandel hat es immer schon gegeben, und wir können weiter fossile Rohstoffe verbrennen. Ich spare mir hier Links.

Ja, wendet sich meine Filterblase ab, das sind halt die Bekloppten. Aber da gibt es einige Punkte zu machen: Erstens stößt es mir dann doch sauer auf, wenn man sich über Leute lustig macht, die bildungsfern aufgewachsen sind. Zweitens sind es oft eben gar nicht die vermeintlich Bildungsfernen, die RTL-2-Guckerinnen (Männer immer mitgemeint) und das Subproletariat, sondern es sind oft höher gebildete Menschen, insbesondere bei den Impfgegnerinnen , Ärzten gegen Tierversuche und Klimaskeptikerinnen.  Drittens, und das ist mir am wichtigsten, stellt  jede Anhängerin einer solchen Verschwörungstheorie und jede Anhängerin von Pseudomedizin für mich einen Beleg dar für das Versagen von Wissenschaftskommunikation. Da helfen auch keine Talkshows und kein literarisches Quartett für Wissenschaft. Da hilft keine charismatische Wissenschaftlerin, egal ob Nobelpreis-gekürt oder nicht, die all den Humbug im Fernsehen verurteilt. Da hilft keine Skeptiker-Bewegung. Das ist alles zu spät, weil die Weltbilder verfestigt sind.  Mehr dazu auf Englisch hier und vor allem hier.

Schule könnte vielleicht helfen. Lehrerinnen ausbilden und ihnen zeigen, wie echte Wissenschaft heute geht. Wissenschaftlerinnen in Kindergärten und Schulen schicken und den Kindern die wissenschaftliche Methode nahebringen. Und zugleich darauf achten, sich nicht über Wunderglauben, sei er katholisch oder ayurvedisch oder anthroposophisch, lustig zu machen.

Nur hilft uns das jetzt nicht weiter, wenn die Masern in Berlin grassieren. Wenn Gurus auftreten und Wunder versprechen. Wenn Wissenschaftlerinnen mit dem Tod bedroht werden, weil sie Tierversuche machen, deren Sinn nicht verstanden oder grundsätzlich bezweifelt wird, und wenn sie so zermürbt werden, dass sie mit ihrer Forschung aufhören.

Ich sagte es: Da hilft klassische Aufklärung nur bedingt, weil die Weltbilder zu verfestigt sind. Viel wichtiger ist es, die Menschen ernst zu nehmen. Auch wenn sie einem manchmal närrisch vorkommen. Das heißt: Immer wieder diskutieren, immer wieder Wissenschaft mitsamt dem Prozess des Forschens, Zweifelns und Validierens  transparent machen. Und zwar durch die Wissenschaftlerinnen selbst.

Zum Weiterlesen: Paige Brown Jarreau das ganz gut aufgeschrieben.

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