Umbruch allerorten: Wer ist hier eigentlich Journalist?

Auf Twitter verfolge ich gerade eine kleine Debatte zwischen Florian Freistetter und Henning Krause. Es geht den beiden um Open Access. Florian schreibt in seinem Blog, er berichte seit geraumer Zeit nicht mehr über Forschung, wenn er darauf mit einer Pressemitteilung OHNE den Zugang zum Originalartikel aufmerksam gemacht wurde. Er will so Open Access vorantreiben. Florian schreibt unter anderem: „Aus meiner Sicht ist eine Pressmitteilung wertlos, wenn ich nicht auch die wissenschaftliche Facharbeit lesen kann, über deren Ergebnisse sie mich informieren will.“

Henning hält dagegen, dass Pressestellen auch auf Forschungsergebnisse aufmerksam machen müssten, wenn diese Ergebnisse „closed access“, also hinter einer Paywall steckten.

Ich gebe das jetzt nur ansatzweise und in Ausschnitten wieder. Lest es selber nach und folgt den beiden auf Twitter, es lohnt sich.

Worum es mir hier geht: Ich sage, die Debatte dreht sich nur vordergründig um Open Access. Dahinter stecken aber die Folgen des digitalen Wandels, die alle möglichen traditionellen Rollen völlig verändern.

Florian hat ja Recht, wenn er fordert, als Berichterstatter müsse er auch die Studie lesen können. Das war früher die Rolle von akkreditierten Journalistinnen (Männer wie immer mitgemeint). Die bekamen von den großen wissenschaftlichen Journalen Zugänge zu deren Presseportalen und konnten so die Studien – Paywall hin oder her – herunterladen. Dann berichteten sie in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen darüber. Die Medienhäuser wiederum hatten, sofern es freie Journalistinnen waren, vorher gewissermaßen gebürgt, dass es wirklich Journalistinnen waren (oder die Standesorganisationen taten das über Presseausweise).

Der Weg war also: Forscherin publiziert. Fachjournal und Pressestelle informieren oftmals abgestimmt miteinander die Journalistin. Die schreibt oder macht Radio- bzw. Fernsehbeitrag. Mediennutzerin konsumiert.

Dahinter stecken finanzielle Interessen der Verlage und sehr viel Vertrauen von allen in alle. Medienkonsumentinnen vertrauten auf die Auswahlkriterien und Fachkenntnisse der Redaktionen (ähem, lest hier was brandaktuelles dazu), Journalistinnen vertrauten auf das Peer Review der Journale, und Journale vertrauten auf die Ehrlichkeit der Wissenschaftlerinnen.  All das erodiert, nicht seit es das Internet an sich gibt, sondern weil das Internet Möglichkeiten bietet, Betrügerinnen auf die Schliche zu kommen, weil Bloggerinnen rasch auf Fakes und schwache Studien reagieren können und weil alle möglichen Interessensgruppen eigene Kanäle aufbauen. Es gab auch vor Internet-Zeiten gewiss Fälscherinnen, schlechte Journalistinnen und faule Peer Reviewerinnen. Nur flogen die seltener oder erst mit längerer zeitlicher Verzögerung auf.

Zugleich gibt es Pseudojournale, die gegen Gebühr jeden Mist publizieren und so tun als sei das peer reviewed. Jetzt gibt es Bloggerinnen, die über Wissenschaft fundierter schreiben als es in Zeitungen der Fall ist. Es gibt Bloggerinnen, die für Institutionen schreiben oder für Interessensgruppen. Und jetzt gibt es Pressestellen, die unter Druck stehen, die Arbeit ihrer Institution medial sichtbar zu machen. Und es gibt Forscherinnen, die auf Teufelin komm raus publizieren wollen oder auch medial sichtbar sein wollen. Hinzu kommen politische Think Tanks und politische Interessen (ein Beispiel ist der Klimawandel).

Kurzum: Wer kann wem glauben? Wer darf was lesen? Wer darf wo publizieren? Das große Internet bietet Raum für alle. Und keiner weiß mehr: Ist das eine echte Forscherin aus einer echten Institution (ich erinnere nur an die falsche Schoko-Studie)? Stammt der Bericht von einer echten Journalistin (mit Ausbildung und Qualitätskriterien, die sie einhält)?

Aus Sicht eines  Öffentlichkeitsarbeiters verweise ich auf die sehr erfreuliche Entwicklung in der Szene, Qualitätsstandards zu formulieren (nachzulesen etwa hier und hier). Auch die Wissenschaft testet ja, ob das System der Impaktfaktoren (hinter dem Journale und Verlage stehen) ausgehebelt werden kann durch Open Access, Open Peer Review, Open Science etc. Vorerst aber wird alles durcheinandergerüttelt. Das wird wohl noch eine Weile so bleiben. Vertraut mir.

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