Twitter, Facebook und die Literatinnen

Meine Timeline schäumt. Twitter wird kaputt gemacht, und Facebook ist ohnehin schon lange kaputt. Kein Respekt vor Privatheit; Trolle; Algorithmen, die mir bevorzugt Dinge zeigen, die sie für wichtiger als anderes erachten; und der Fall der 140-Zeichen-Grenze. Es scheint, als fürchteten die Twitterer eine Verfacebookisierung ihrer Lieblingsplattform.

Mir geht es ja ähnlich und ich frage mich, wieso das so ist.
Ich glaube, die 140-Zeichen-Begrenzung ist da ein ganz entscheidendes Distinktionsmerkmal. Blaise Pascal soll gesagt haben, „ich schreibe dir einen langen Brief, weil ich keine Zeit habe, einen kurzen zu schreiben“ (ich sage soll, weil andere das Zitat Mark Twain zuschreiben, aber der war ja Journalist und hat’s vielleicht einfach abgeschrieben).

Kurz also ist mühsamer als lang.

Als ehemaliger Journalist weiß ich das nur zu gut. Und es gab zu meiner Zeit unter den Kolleginnen und Kollegen immer eine Art professionellen Respekt vor Redakteurinnen (Männer mitgemeint) der BILD-Zeitung, selbst wenn man deren Themenauswahl und Methoden widerlich fand. Aber das Handwerk! Die kurzen Texte, die Schlagzeilen… !

Und es ist ja auch wirklich so: ein kurzer Text kann viel schwerer verbergen, dass er schlecht ist oder dass die Autorin keine Idee und keinen Plan hatte. Darum tummeln sich auf Twitter die Puristinnen, die Literatinnen, die heimlichen Schlagzeilenmacherinnen und Aphoristikerinnen. Und auf Facebook schreiben die, denen kurze Briefe zu mühsam sind, lange Hass- oder Ich-liebe-Katzen-Postings.

Ich wette, dass – wenn die 140-Zeichen-Grenze fällt – eine Puristinnengemeinde auf Twitter (oder anderswo) entsteht, die sich selbst beschränkt auf 140 Zeichen. Das macht es einfach, sich von der dummen Verwandtschaft und den nicht so schriftkundigen Freundinnen abzugrenzen und auf den Plebs zu schauen.

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