Immer auf die Kleinen

Silke Burmester hat einen Plan. Das ist ein schöner Satz und ein guter Anfang für eine Geschichte. Der Plan soll dazu führen, dass Journalistinnen (ich nutze immer die weibliche Form und meine Männer mit) wieder mehr Geld verdienen und von ihrer Arbeit leben können. Sie hat ihn im Deutschlandfunk vorgestellt, und mir stößt dieser Plan sauer auf. Silke Burmester macht drei Personengruppen aus, die das System der Zeitungsverlage stützten, ihre Lokalredaktionen unterbesetzt zu halten: Rentner (hier nutze ich Burmesters männliche Form bewusst, weil in meinen sechs Jahren als Lokaljournalist jenseits der Pensionsgrenze tatsächlich nur Männer für uns schrieben), Ehefrauen und Berufsanfängerinnen (Männer mitgemeint).

Als erstes möchte ich gleich ein Killerargument gegen den Plan, genauer gesagt: dessen Prämissen, anführen: Die erwähnten Personengruppen gab es schon immer. Dass sie jetzt auf einmal der Grund für die Misere sein sollten, leuchtet mir nicht ein. Die pensionierten Lehrer, die Zeugwarte des lokalen Sportclubs, die über die Jahreshauptversammlungen der Vereine schrieben oder Spielberichte von Kreisliga-Duellen lieferten. Die Gattinnen der Kämmerer und Bauamtsleiter, die das lokale Theater besprachen. Und Leute wie mich, der ich in den mittleren 1980er Jahren als Student für 20 Pfennig Zeilengeld und 20 Mark für ein Foto auf Gemeinderatssitzungen in Inning am Holz, in Steinkirchen, in Unterschleißheim und Vilsbiburg (das war sogar ein Stadtrat!) saß. Damals hat das Geld dicke gereicht für Redakteurinnen (meistens Männer) und solche kleinen Freien. Journalismus war gut bezahlt, wenn man ihn im Hauptberuf ausübte.

Den kleinen Freien jetzt die Misere in die Schuhe zu schieben, halte ich für grundfalsch. Es ist in erster Linie gescheiterte Verlagspolitik die Ursache dafür, dass das Geld nicht mehr für die hauptberuflichen „Freien“ reicht. Ich sehe in Silke Burmesters Plan den Klassiker: in Zeiten knapper werdender Ressourcen findet eine Entsolidarisierung der Lohnabhängigen statt. Zu erleben bei Beschäftigten am Bau (billige Osteuropäer nehmen uns Jobs weg) und auch in anderen Niedriglohnbereichen. Jetzt ist die Krise im Mittelstand angekommen, bei vormals recht ordentlich verdienenden Journalistinnen, die sich einer stark wachsenden Konkurrenz ausgesetzt sehen von Kolleginnen, die aus fusionierten Redaktionen „freigesetzt“ wurden, und vom Nachwuchs aus Journalistenschulen und Unis.

Ich habe für die Krise des Journalismus keine Lösung. Ich selbst habe quasi mit den Füßen abgestimmt und mich aus dem Journalismus verabschiedet. Geblieben ist mir allerdings eine Wertschätzung für Journalismus als Grundpfeiler der Demokratie. Und damit einhergehend eine Wertschätzung für gerade die „Kleinen“, denen Silke Burmester nahelegt, sich doch ein anderes Hobby zu suchen. Ich habe noch keine Edelfeder sich die Abende in Gemeinderäten bei Debatten um Bebauungspläne und Zebrastreifen vor Kindergärten um die Ohren schlagen sehen. Und auch auf den tausenden Provinzbolzplätzen, wo Woche für Woche um Kreismeisterschaften gespielt wird, fehlen die altgedienten Sportjournalistinnen. Doch gerade dort geht es um Teilhabe und Demokratie, um Information über die „Heimatzeitungen“. Dort werden sogar lokale Skandale aufgedeckt. Dieses System baut seit jeher auf Menschen auf, die das aus Hobby und Idealismus machen oder um einen Weg in die Medien zu finden.

Noch ein Gedankenexperiment zu Schluss: Was wäre wohl, wenn die Berufsanfängerinnen, die Rentner und die Gattinen plötzlich aufhörten zu schreiben? Ich bin mir sicher, dass keine nur halbwegs gut bezahlte Journalistin die entstehende Lücke füllen würde. Vielmehr würden entweder die Informationen fehlen oder, schlimmer noch, von den Kommunen und Vereinen selbst in die Redaktionen kommen. Und das wäre dann wirklich ein Schaden für die Demokratie. Die findet nämlich nicht nur in Berlin statt, sondern auch auf dem flachen Land.

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