Das EuGH-Urteil aus Sicht der Wissenschaftskommunikation

Es ist schon bemerkenswert: Egal, ob im SPIEGEL (hier hinter einer Paywall und hier offen), in der Süddeutschen oder auf der Online-Seite von Spektrum der Wissenschaften und bei der Deutschen Welle – überall schreiben die Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten, dass das Urteil des EuGH zu CRISPR/cas9 von Ideologie geprägt, von Bauchgefühl geleitet und überhaupt Unfug ist, der auf Angstmacherei beruht.

Wie kann es sein, dass „die Wissenschaft“, die in Deutschland und Europa nach wie vor sehr hohes Vertrauen genießt, sich nicht vor dem EuGH durchsetzte, obwohl sie viele der Medien (genauer: viele Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten) auf ihrer Seite hatte?

Ich denke, es liegt zum einen an der Binnendifferenzierung der Medien. Oftmals wird über „Brüssel“ und „Straßburg“ und „Luxemburg“, über die EU also, nicht auf den Wissenschaftsseiten berichtet, sondern im Politik- oder Wirtschaftsteil. Und unter den Politikjournalistinnen und -journalisten sind dann eher welche, die von Wissenschaft wenig bis gar keine Ahnung haben oder die Wissenschaft als „he said, she said“ ansehen (ein Beispiel für diese Herangehensweise hier und hier). Pech für die Wissenschaft, dass die Politik meist weiter vorne kommt als die Nachrichten und Kommentare aus der Forschung.

Falsche Selbstgerechtigkeit der Forschenden

Das ist es meiner Meinung aber nicht allein. Denn es bleibt der Umstand, dass viele Medien ein differenziertes Bild der neuen Verfahren zur Gentechnik und Pflanzenzüchtung gezeichnet haben. Und doch hat die Angstmacherei gesiegt, das Unbehagen vor Eingriffen in die Natur, das Misstrauen gegen eine Wissenschaft, die offenbar von vielen als technokratisch und frankensteinesk angesehen wird.

Hier sehe ich ein Kommunikationsversagen der Forscherinnen und Forscher.

Mir ist so eine selbstgerechte Haltung auch beim Thema Tierversuche untergekommen. „Wir handeln nach Vorschrift“, „Wir halten uns an Gesetze“, „Das ist alles genehmigt“. Das waren Sätze, die mir entgegenschlugen, als ich bei Treffen mit leitenden Wissenschaftlern (in dem Fall waren es nur Männer) anmahnte, mehr und offener zu kommunizieren. Dahinter steckte freilich nicht nur Selbstgerechtigkeit, sondern auch eine durchaus berechtigte Angst, mit Äußerungen pro Tierversuche (oder pro Gentechnik oder pro Fracking oder oder oder) selbst zur Zielscheibe von Kampagnen zu werden. Wer gesehen hat, was dem Tübinger Max-Planck-Direktor Nikos Logothetis passiert ist oder dem Bremer Universitätsforscher Andreas Kreiter, der überlegt sich zweimal, mit kritischen Themen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Das Problem: Die NGO’s, die mit Angstmacherei ihr Geld verdienen, werden nicht verschwinden. In etablierten Parteien werden ebenfalls Ängste gezielt geschürt und Debatten mit Wissenschaftler_innen verweigert. Auch die politischen Geschäfte mit der Angst werden bleiben.

Mehr zuhören, weniger missionieren

Es ist schwer dagegen anzukommen für Forscherinnen und Forscher, die zu Themen wie Gentechnik (grün oder rot), Fracking, Kohlendioxidlagerung im Untergrund, Endlager für Atommüll etc. arbeiten. Denn die Schützengräben sind bereits ausgehoben, die Verteidigungs- und Angriffslinien stehen fest. Frankenstein hier, moralisch Überlegene und verantwortungsbewusst Handelnde dort. Fakten haben nur noch wenig Platz. Sie helfen auch nur bedingt, wie das EuGH-Urteil und die Reaktionen darauf zeigen.

Was meines Erachtens helfen würde, wäre ein Eingehen auf die Ängste der Bürgerinnen und Bürger.

Forscherinnen und Forscher sollten mehr zuhören. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht, gerade auch unter der Prämisse, dass es nicht darum geht, das Gegenüber von der eigenen Position zu überzeugen.

Ein weiterer Punkt ist das Kommunizieren eigener Werte und Beweggründe. Das geht weit über die Vermittlung von Fakten hinaus. Zum Eingehen auf die Ängste gehört es ebenso, situationsangepasst zu reagieren. Man mag die Angst vor „Genen in der Nahrung“ belächeln oder sich über die Unwissenheit mokieren. Aber man wird damit nicht weit kommen in der Debatte. Eher schon hilft es zu erklären, dass  wir immer schon „fremde Gene“ gegessen haben. Dass sich Pflanzen seit jeher vor Fraßfeinden schützen (mit Bitterstoffen, mit Gift, mit Dornen und Nesseln) und der Mensch seit jeher versucht, genau diesen Schutz zu umgehen (durch Kochen ebenso wie durch Züchtung). Und dann natürlich all die Fakten, die längst bekannt sind (Mutagenese durch Radioaktivität viel ungenauer, neue Methoden besser, schneller und ressourcenschonender etc.). Vor den Fakten aber sollten Werte kommuniziert werden. Und davor wiederum, ich wiederhole mich, muss die Forschung genau hinhören. Sonst steht der nächste Rückschlag an.

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