Kurzarbeit, Corona und Curry

Ein paar Gedanken zur Verlagskrise, zu Kurzarbeit in Zeitungen und Zeitschriften und zu Corona – und Curry.

Vor fast 35 Jahren musste, wer in München eine Wohnung zu mieten suchte, am Dienstagabend kurz nach Sechs am Verlagsgebäude der „Süddeutschen Zeitung“ stehen. Die ersten Exemplare für den abendlichen Verkauf in Lokalen (die „Kneipenausgabe“) kamen frisch aus der Druckerpresse, und jetzt galt es schnell zu sein. Wohnungsannoncen durchschauen, Schwabing, Haidhausen, oder – für die Wagemutigen – Giesing, vielleicht kam man ja mit dem Wählscheibentelefon zum Vermieter durch und erhielt einen Besichtigungstermin. Bei uns hat es damals nur zu einer WG direkt am Frankfurter Ring gereicht. Wenn der Wind ungünstig stand, wehten die Schwaden von der BMW-Autolackiererei rüber. Und alle paar Wochen klaute uns ein asozialer Mitbewohner die Wochenendausgabe der Süddeutschen, weil die nicht in den Briefkasten passte und daher offen im Flur lag. Die Zeitung am Samstag war manchmal so dick, dass der Austräger sie nicht mal ansatzweise in den Briefkastenschlitz stecken konnte. Immobilien, Autos, Jobs – Anzeigen über Anzeigen.

Auflagenprobleme kannte die Süddeutsche nicht, Erlösprobleme noch viel weniger. Ähnlich ging es den meisten anderen Tageszeitungen und vielen weiteren Printmedien. Wachstum war die Devise, in den 1990-er Jahren expandierte die SZ nach NRW und holte sich eine blutige Nase. Verleger, und mit ihnen viele Journalistinnen und Journalisten, strotzten vor Selbstbewusstsein. Die Süddeutsche hatte bis 1996 keine Farbfotos auf der Titelseite, man war ja nicht Boulevard! Als letzte Bastion fiel die FAZ, die erst ab 2007 regelmäßig Titelfotos veröffentlichte.

Kampf um Aufmerksamkeit? Ich bitte Sie!

Dann kam das Internet. Zunächst am stärksten genutzt von Wissenschaft und Pornographie: beide Themen keine Konkurrenz für Verlage. Bis die elektronischen Kleinanzeigen kamen. Wohnungen, Autos, Jobs, Partnersuche – alles weg, Einbrüche in der Erlösstruktur von 20, 30 Prozent. Titel wurden verkauft, Zeitungen und Zeitschriften reihenweise eingestellt, Beilagen (Auto, Wissenschaft), zunächst mit großem Aufwand und eigenen Redaktionen gegründet, wieder abgeschafft. Parallel erwuchsen Portale im Internet, die das Geschäftsmodell der Verlage von beiden Seiten attackierten. Man konnte plötzlich seriöse und fundierte Informationen auch im WWW finden: Qualitätsjournalismus online. Zugleich gab es Contentschleudern („churnalism“), die mit Clickbaiting die Massenaufmerksamkeit anzogen. Reichweite macht attraktiv für Anzeigenkunden (bisher Haupteinnahme der Verlage). Qualitätsgesicherte Information, dazu noch aktueller als in Tageszeitungen, macht attraktiv für junge und gebildete Leserinnen und Leser (Abonnenten als das zweite Standbein der Verlage).

Das Internet gibt es seit rund 30 Jahren, und seit rund 20 Jahren diskutieren wir, wie Qualitätsjournalismus weiter finanziert werden kann. Jetzt gilt in einigen Verlagen Kurzarbeit, ausgerechnet jetzt, wo qualitätsgesicherte Informationen gefragt sind wie nie. Corona macht hier die Verlagskrise sichtbar, die es seit langem gibt und die die Verlagssprecher, die Heraus- und Hereingeber und auch die Journalistinnen und Journalisten der jeweiligen Häuser mit immer neuen seltsamen Zahlenspielen camouflieren. Reichweite, Leser-Entscheider-Analyse, weltberühmt in Berlin…

Ich fürchte allerdings, dass die Corona-Krise die traditionelle Medienwirtschaft mehr schädigt als nur durch ausgefallene Anzeigenerlöse. 

Erstens: Anzeigenkunden kommen nicht ohne weiteres wieder, schon gar nicht in Zeiten, wo Geld knapp ist. Wenn Unternehmen sparen, dann meist zuerst bei der Werbung. Die Rezession nach Corona wird kommen und damit weitere Werbeeinbußen. Ich vermute, dass es am Frankfurter Ring in München auf absehbare Zeit nicht mehr so nach Lack stinken wird, egal, woher der Wind weht.

Zweitens: Die Menschen haben sich noch mehr als vorher daran gewöhnt, dass Informationen nicht mehr nur über traditionelle Wege zu ihnen kommen. In einer Zeit, da beinahe stündlich neue Zahlen diskutiert wurden und neue Erkenntnisse kamen, ist der herkömmliche Informationsweg über Redaktionen und womöglich gar noch über Druckereien und Auslieferung schlicht zu langsam geworden.

Drittens: In Zeiten der Kontaktsperre und Kontakteinschränkungen haben sich selbst technikfeindliche Menschen, die zuhause gerne vor Bücherregalen und Zeitschriftentischchen auf den Besuch der Nichten, Neffen, Enkelkinder warten, an Skype und Zoom und WhatsApp gewöhnt. Wirklich abseits vom Klischee: Alle Welt redet von einem Schub, den die Digitalisierung der Arbeitswelt durch Home Office erhalten habe. Das ist richtig, aber dieser Schub erfasst eben auch die Informationsbeschaffung und das Private.

Viertens: Was machen all die entlassenen Journalistinnen und Journalisten? Ein bisschen weinen sie den Holzmedien nach, aber dann müssen sie eben doch essen, wollen arbeiten, haben Energie, Ethos und Ehrgeiz. Kurzum: Mit den Personaleinsparungen schaffen sich die alten Verlage mehr und mehr hoch professionelle Konkurrenz.

Fünftens: Das, was ich aus den Verlagsgeschäftsführungsetagen höre und lese (disclaimer: das ist  natürlich nur ein Ausschnitt der Realität, vermittelt über eben jene Medien, die über Medien berichten und die ich lese), stimmt mich eher pessimistisch. Entweder, siehe oben, schöngeredete Entwicklungen oder Sparprogramme. Wo sind innovative Ideen? Alle Leserinnen und Leser mit Jahresabo erhalten ein Tablet mit vorinstallierter Zeitungs-App, alle Corona-Infos werden gebündelt und frei zugänglich gemacht, daneben wird eine Paywall aufgebaut, sofern sie nicht bereits existiert. Nachrichten aus der E-Zeitung kann man mit persönlicher Videobotschaft weiterleiten an Freunde und Verwandte… – vielleicht geht das alles nicht, und vielleicht sind diese Ideen nicht neu oder nicht klug, aber ich habe das Privileg, dass ich nicht auf derlei Ideen angewiesen bin. Verlage schon. Holzweg ist bei den Holzmedien eine doppelt treffende Metapher.

Wer es dieser Tage richtig gut macht, ist – ausgerechnet – die taz. Sie hat ohnehin ein anderes Geschäftsmodell durch die Genossenschaft. Das ist viel stärker an Leserinnen und Lesern orientiert. Am Wochenende diskutieren die Mitglieder der Redaktion  auch auf den Papierseiten mit Leserinnen und Lesern, denen die taz zu unkritisch geworden ist in der Krise, weil sie Merkel lobt. Leserinnen und Leser in den Mittelpunkt (und nicht etwa einen Autokonzernboss eine Ausgabe gestalten lassen wie es ein anderes Blatt einmal gemacht hatte). Nachdenkstücke, „slow food“ fürs Hirn auf Papier.

Eine konsequente Doppelstrategie also für die Holzmedien: „Slow Food“ für den täglichen Frühstückstisch oder die Wochenendausgabe, „Fast Food“ gibt es online. Und „Fast Food“ muss man nicht mit Empörung würzen, sonst ist es wie billiges Currygewürz: das kann jeder, und dann schmeckt alles gleich. Nein, Qualität muss überall drin sein, man muss die Zutaten schmecken, sprich: Transparenz in der Recherche und in redaktionellen Entscheidungen. — Und wenn mir mehr einfällt, schreib ich es hier auf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s