Wissenschaft und „Spin“

Der von mir sehr geschätzte Mike S. Schäfer, Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Zürich, hat eben eine sehr interessante Studie veröffentlicht, bei der vor allem die Methodik cool ist. Mit einer Plagiats-Finde-Software untersuchten er und sein Kollege Daniel Vogler, wie sehr Artikel in Schweizer Medien mit Pressemitteilungen übereinstimmten.

Sie benutzten dazu ein Archiv von mehr als 5.000 Pressemitteilungen und anderen „Nachrichten“ der eigenen Uni in Zürich aus 15 Jahren. Die verglichen sie mit knapp 14.000 Texten aus vier großen Schweizer Tageszeitungen.

Sie fanden, dass „der Einfluss der PR auf Medien“ im Verlauf dieser 15 Jahre signifikant zunahm und auch die Tonalität freundlicher wurde.

So weit, so gut. Alles nachvollziehbar. Was mich aber stört, ist der Umstand, dass in der Überschrift der Arbeit und im Abstract aus meiner Sicht ein „Spin“ erzeugt wird: „Growing influence of University PR on Science news Coverage?“ heißt es im Titel. Und der erste Satz des Abstracts lautet „Universities have expanded their public relations (PR) departments in recent years.“ –

– Aha! Hier die PR, die nach Einfluss auf Medienberichterstattung strebt und ausgebaut wird, da der Journalismus, der ausblutet (zweiter Satz des Abstracts: „At the same time, news media have had to cope with reduced resources.“)

Ich halte das für einen unzulässigen Spin. Und ich würde gerne einen alternativen Spin vorschlagen: „Accelerated de-professionalizing of Science News Coverage?“ Das entspricht meinem – zugegeben subjektivem – Empfinden und meinen – zugegeben anekdotischen – Beobachtungen mehr als ein wachsender Einfluss der PR auf Medien.

Im Endeffekt kommt es aufs gleiche raus: In Medien erscheint weniger qualitätsgesicherte Wissenschaftsberichterstattung. Und auch die Diagnose einer sich verschiebenden Machtbalance, die in der Arbeit gestellt wird, ist aus meiner Sicht richtig.

Was ich jedoch bestreite, ist der Zusammenhang eines Ausbaus der PR als Ursache für die Verschiebung der Machtbalance. Aus den Einrichtungen, die ich kenne, kommen in den letzten Jahren nicht deutlich mehr Pressemitteilungen pro Jahr (und ja, es gibt Unis, die hauen mehrere hundert solcher Mitteilungen pro Jahr raus). In den Einrichtungen, die ich kenne, arbeiten die Kolleginnen und Kollegen auf viel mehr Feldern als früher (Social Media, Videos, Interne Kommunikation, Politikbeziehungen, Schülerlabore, Berichtswesen), ohne, dass sie dem Aufgabenzuwachs entsprechend zusätzlich ausreichend Personal erhalten haben. Subjektiv: Es bleibt nicht mehr Zeit als früher für eine zunehmende Zahl von Pressemitteilungen.

Was aus meiner Sicht eher ursächlich für den beobachteten größeren Einfluss und die Verschiebung der Machtbalance ist: Mehr ehemalige Journalistinnen und Journalisten arbeiten in der PR, es findet also eine gewisse Form von Professionalisierung mit Blick auf mediengerecht aufbereitete Inhalte statt. Und die Professionalisierung hat die Ursache im Geschäftsgebaren der Verlage, die Wissenschaftsredaktionen abbauen und damit gute Leute entlassen, die dann in die PR wandern.

Außerdem, aber das steht in der Arbeit von Mike S. Schäfer und Daniel Vogler auch so drin, nehmen Zeitdruck und Arbeitslast in den Redaktionen massiv zu.

Mich stört einfach, dass „die Medien“ mit schwindenden Ressourcen „zu kämpfen haben“, wie es im Abstract heißt, als ob einfach Regen ausbliebe oder Ernten ausfielen. Nein, verlegerische Entscheidungen und auch Programmentscheidungen im nicht so schlecht ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Rundfunk führen zu einer Schwächung des Wissenschaftsjournalismus – und damit quasi automatisch zum Erstarken der PR.