Die Hamburger Posse – oder doch EHER ein Drama?

Wer den Präsidenten der Uni Hamburg, Dieter Lenzen, ein wenig kennt, und wer je mit von sich selbst überzeugten Physik-Professoren zu tun hatte, der muss Mitleid mit den Beschäftigten in der Pressestelle der Uni haben. Die Uni ließ eine Pressemitteilung veröffentlichen, wonach der Physiker Roland Wiesendanger in einer „Studie“ (sic!) umfangreiche Belege für die These zusammengetragen habe, dass das Corona-Virus aus einem Labor-Unfall in Wuhan stammt. Das ZDF zitiert Wiesendanger dazu so: „Ich bin stolz auf den Präsidenten der Universität Hamburg. Wir haben sehr umfangreich über die Szenarien gesprochen, welche Reaktionen es auf die Veröffentlichung geben wird. Reaktionen, die uns in die Ecke von Verschwörungstheorien stellen wollen.“

Die beiden Professoren sind also selbstbewusst und sehenden Auges in die Kommunikationskatastrophe gegangen.

Die ganze #wisskomm-Twitteria zerreißt die so genannte Studie, zugleich macht das Papier bundesweit Schlagzeilen. „Deutscher Professor sicher: Corona war LABOR-UNFALL in China“ titelt die BILD, auch andere Boulevardblätter greifen die Verlautbarung der Uni Hamburg auf. Deren Pressestelle rechtfertigt sich mit der Aussage, weder die Hochschulleitung noch die Pressestelle übten „Zensur“ (sic!) zu Forschungsgegenständen und Ergebnissen ihrer Wissenschaftler:innen aus. Man stehe daher als Abteilung zur Verfügung, wenn es um Veröffentlichung gehe. Das ganze Zitat steht hier.

Eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen aus der #wisskomm sehen den Fall als Beleg dafür, wie wichtig Leitlinien guter Wissenschaftskommunikation bzw. guter Wissenschafts-PR sind. Die Leitlinien gibt es längst. Nur: Wer glaubt ernsthaft, dass sich zwei Alpha-Profs davon abhielten ließen, ihre Kollegin in der Pressestelle in die Spur zu schicken – „kommunizieren Sie das mal!“ ? Leitlinien nützen wenig, wenn es keine Sanktionsmöglichkeiten gibt. Ein bisschen helfen sie schon, die Erfahrung machen wir beim Informationsdienst Wissenschaft idw, wenn wir „gelbe Karten“ an Pressestellen von Mitgliedseinrichtungen verteilen. Immer wieder kommt es vor, dass die so verwarnten Kolleginnen und Kollegen sagen, „vielen Dank, das hilft mir intern, weil ich mich mit der Verwarnung im eigenen Haus eher durchsetzen kann, wenn ‚von oben‘ wieder mal auf eine Mitteilung gedrängt wird.“ Aber ein Anruf aus der idw-Geschäftsstelle oder eine Mail sind zahnlose Tiger. 

Mehr noch: Ich fürchte, die Uni-Präsident und der Physiker sehen sich bestätigt. Schlagzeilen! Diskussion!! Bekanntheit!!! Genau das wollten wir doch. Mission accomplished. Dass sie damit den Ruf des eigenen Hauses, ihrer Pressestelle und der Wissenschaft insgesamt schädigen, sehen sie vermutlich nicht. 

Es ist ein Zufall, dass ich selbst mit meiner Kollegin Uta Deffke und den Kolleginnen und Kollegen aus dem Alfred-Wegener-Institut (AWI) nahezu zeitgleich die Gegenprobe machen durfte. Uns lag eine Studie auf dem Tisch, peer-reviewed und aus „SCIENCE“, wonach die Umkehr des irdischen Magnetfeldes vor 42.000 Jahren das Aufkommen der Höhlenmalerei befördert hat, in Australien Großtiere hat aussterben lassen und womöglich zum Ende des Neandertalers beigetragen hat. Die Studie selbst nimmt Bezug auf Douglas Adams’ „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“, nennt das Ereignis „Adams Event“ und verweist auf 42 als Antwort auf das Leben und alles. New York Times und der Guardian greifen das begierig auf, der Deutschlandfunk und viele weitere Medien auch. Mein Arbeitgeber (das Deutsche GeoForschungsZentrum GFZ) und das AWI waren wissenschaftlich daran beteiligt und sind in der Autorenliste genannt. 

Was haben wir gemacht? Wir haben uns abgestimmt und lassen die gemeinsame Pressemitteilung mit einer Aussage des GFZ-Forschers Norbert Nowaczyk enden: „Auf Basis dieser neuen Möglichkeiten zur zeitlichen Einordnung der Ereignisse vor 42.000 Jahren stellen die Hauptautoren der Studie noch weiterreichende Hypothesen über die Auswirkungen der Erdmagnetfeld-Umkehr auf – etwa hinsichtlich des Aussterbens der Neandertaler oder des Einsetzens von Höhlenmalereien. Dass hier kausale Zusammenhänge bestehen, hält Nowaczyk nicht für ausgeschlossen, aber eher für unwahrscheinlich.“

Ich gebe zu, ein bisschen piekt es mich, wenn ich die großen Medien New York Times und Guardian twittern sehe. Wir haben hier bewusst Klicks und Reichweite liegen gelassen. Zugleich bleibt es für Pressestellen, auch für die des GFZ, ein Erfolg, wenn viel über das eigene Haus und die Forschung berichtet wird. Solange Klickzahlen und Reichweite das Maß der Dinge sind, wird sich nicht viel ändern. Egal, ob es nun Leitlinien gibt oder nicht. Mein seit Jahren vorgetragener Wunsch geht an die DFG: Nehmt Leitlinien zu guter Wissenschaftskommunikation endlich in euer Regelwerk zur guten wissenschaftlichen Praxis auf. Verleiht dem Tiger ein Gebiss.