Zum Tode von Frank Schirrmacher

Frank Schirrmacher ist tot. Die FAZ, bei der Schirrmacher als Mitherausgeber und Feuilletonchef arbeitete, hat das ganze Feuilleton der Samstagsausgabe freigeräumt und mit Nachrufen auf Schirrmacher sowie Texten von und über ihn gefüllt. Außerdem ist die Seite 3 ganz dem Verstorbenen gewidmet. Tags zuvor war schon ein Nachruf erschienen, in dem es unter anderem hieß, Schirrmacher sei „der sprach- und wirkmächtigste Kulturjournalist, den Deutschland je hatte“, gewesen. Es sei „ganz sicher nicht zu hoch gegriffen, wenn man an dieser Stelle auf Thomas Mann zu sprechen kommt“, hieß es dann weiter. Und natürlich ist das gesamte Feuilleton der FAS, also der Sonntagsausgabe der FAZ, ebenfalls dem verstorbenen Mitherausgeber gewidmet.

Schirrmacher hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Soviel Zeitungsseiten kann man gar nicht mit Texten und Fotos von ihm und über ihn füllen, als dass es über den Verlust des Vaters und des geliebten Menschen hinwegtrösten könnte.

Auch seine Mitarbeiter und Kollegen sind geschockt. Das spricht aus den vielen, sehr schönen und berührenden Texten.  Dass die Redaktion darüber aber jegliches Maß verliert, irritiert dann doch. Und ich kann gar nicht mal schreiben, dass so eine sofortige Heiligsprechung gewiss nicht im Sinne Schirrmachers gewesen wäre, denn er selbst war es, der als Feuilletonverantwortlicher vor gut einem Jahr das Gleiche mit Marcel Reich-Ranicki veranstaltete.

Warum machen die das? Ich kann mir das nur so erklären, dass die Nachrufe nicht für die Leserinnen und Leser geschrieben werden, sondern für sich selbst. Jeder Winkel der Persönlichkeit Schirrmachers wird ausgeleuchtet, jede Begegnung auf dem Flur, jede SMS. Die Wichtigkeit, die der öffentlichen Person Schirrmacher beigemessen wird, macht natürlich auch die Institution größer, für die der Journalist tätig war. Das hat etwas von Nabelschau, offenbart aber auch ein tiefer liegendes Problem: das Um-sich-selbst-Kreisen der deutschen Kulturelite. Die Debatten, die da ausgetragen werden, sind wichtig, aber sie erreichen den Großteil der Menschen in diesem Lande nicht. Die Enthüllungen über die NSA und andere Geheimdienste und deren mutmaßliche Kooperation mit Internetgiganten zeigt dies. Die Empörung bleibt aus, anders etwa als bei Stuttgart 21, und anders auch als bei den Lichterketten gegen Ausländerhass.

Wenn die FAZ und die FAS über den Tellerrand schauen, dann schauen sie doch meist nur auf die Teller jener, die mit am Intellektuellentisch sitzen. Das ist schön für alle, die an der Tafel sitzen, weil man dazugehört zum Club. Der Rest der Welt aber muss sich dabei unwichtig vorkommen. Ein bisschen weniger Dünkel und ein bisschen mehr Demut täten gut.

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