Alle Beiträge von josefzens

Leiter der Abteilung Kommunikation am Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam, ehemals Wissenschaftsjournalist, Diplom-Geograph

WisskommjourPRÖA

Weil ich jetzt so oft angesprochen worden bin, werde ich mir untreu und schreibe nun also doch über die Frage, ob der Begriff Wissenschaftskommunikation den Wissenschaftsjournalismus einschließt oder nicht. Hier also die Antwort: Tut er.

Das war’s.

Ehrlich. Ich bleib dabei.

Im Ernst: Was streiten wir uns um diese Begrifflichkeiten? Dahinter steht doch eine andere Frage, die von Heidi Blattmann und Josef König in jeweils unterschiedlicher Weise aufgegriffen wird. Die eine, als Journalistin quasi selbst direkt angesprochen, will nicht vereinnahmt werden. Ihr sträubt sich alles, sich „als Journalistin in eine Kategorie – die der Wissenschaftskommunikation – einzugliedern, in die ich meinem Verständnis nach nicht gehöre.“ Der andere, Josef König, raunt etwas von „der Spur des Geldes“. Auch da ist also die Befürchtung, „die Wissenschaft“ oder die Wissenschaftskommunikation, hier verstanden als finanzstarke PR-Maschinerie, möchte den Journalismus kaufen. „Der Wissenschaftsjournalismus wiederum schielt auf Profit, indem er unter die warme Decke der betuchten Wissenschaftskommunikation schlüpft und sich von ihr Alimente erhofft“, heißt es bei Josef König.

Die Grafik bei Wikipedia (nach Carsten Könneker) zeigt die drei Komponenten Wissenschaft, Journalismus und PR sehr schön. Alle betreiben sie Kommunikation. Kommuniziert die Wissenschaft innerhalb der Wissenschaft, ist das fachlicher Austausch (an anderer Stelle habe ich von Science2Science Communication gesprochen und auch von verschwimmenden Grenzen und Science2Lay Communication). Kommuniziert sie explizit aus dem System heraus, ist das Wissensvermittlung, PR, Öffentlichkeitsarbeit. Und kommunizieren Journalist*innen über die Wissenschaft, ist es eben Wissenschaftsjournalismus. Aber alle kommunizieren – aus der oder über die Wissenschaft. Alle haben ihre spezifischen Rollen.

Es gibt eine Besonderheit: Die Wissenschaft und mit ihr die institutionell gebundene  Kommunikation aus der Wissenschaft heraus ist auf den Journalismus angewiesen, wenn es um Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit geht. Es ist ganz einfach: Ohne unabhängigen Journalismus gibt es keine Glaubwürdigkeit. Innerwissenschaftlich ist das anders, da greifen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis und Peer Review. Aber damit kann die große Mehrheit der Menschen nichts anfangen. Das haben wir in Siggen mehrfach besprochen, ich habe dazu auch geblogged.

Die Argumente für und gegen eine staatliche Stiftung, die Wissenschaftsjournalismus fördern könnte, sind längst ausgetauscht. Etwa hier und hier. Ich will das nicht alles wiederkäuen. Nur so viel: Der Wissenschaft könnte nichts Blöderes einfallen, als sich journalistische Berichterstattung zu kaufen oder unabhängigen Journalismus zu simulieren. Und den Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wiederum wäre auch nicht mehr zu helfen, wenn sie sich kaufen ließen. Damit wäre sämtliches Vertrauen in alle Komponenten des Systems erschüttert.

Insofern ärgere ich mich über die Unterstellungen, wir PR-Menschen aus der Wissenschaft (oder unsere Chefs und Chefinnen) wollten Journalist*innen in eine „Wissenschaftskommunikationsfamilie“ eingliedern oder mit Geld ködern. Das beleidigt sowohl unsere Intelligenz als auch die ehrliche Sorge um unabhängigen Journalismus –  den wir (aus durchaus auch eigennützigen Gründen) in eben seiner Unabhängigkeit brauchen.

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Überdenkt eure Anspruchshaltung

Liebe Journalistinnen und Journalisten,

könnt ihr bitte mal für einen kurzen Moment von euren hohen Rössern absteigen und eure eigene Anspruchshaltung hinterfragen, bevor ihr der Wissenschaft Kommunikationsversagen vorwerft? Die Feinstaub- und Stickoxiddebatte, so lese ich bei Spiegel Online, in der ZEIT und auch beim ehemaligen Journalisten Jens Rehländer, habe das Versagen der Wissenschaft gezeigt (Offenlegung: Ich selbst habe an anderer Stelle auch schon davon gesprochen und habe aktuell auch zustimmend Tweets geteilt). Jetzt, mit ein paar Tagen Abstand, frage ich mich, ob man das so einfach stehen lassen soll.

Die Wissenschaft hat doch längst alle Fakten zum Feinstaub gesammelt. Hat sie dokumentiert und mitgeteilt – in einem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin aus dem November 2018. Hätte man sich ergoogeln oder erbingen können. Oder erfragen. Anrufen und Fragen stellen ist zwar „old school“ und manchmal mühsam, aber – ich glaube, der Fachbegriff heißt Recherche – es sollte zu den Grundtugenden einer Redaktion gehören. Wobei: Was rede ich von Tugend? Es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit von Journalist*innen, zu recherchieren.

Stattdessen höre ich jetzt Geschrei, wo denn die Wissenschaft gewesen sei. Bitte sehr: Nochmal und jetzt auch mit Link zum Papier. Die Wissenschaft hat die Fakten längst auf den Tisch gelegt.

Und jetzt? Da stehen wir nun, die Vertreter*innen der Medien und der Wissenschaft und zeigen mit den Fingern auf die jeweils anderen: Ihr seid zu faul zum Recherchieren und ihr zu langsam zum Reagieren. Es gibt längst Lösungsansätze wie das Science Media Center oder auch, in einem Spezialfall, die Initiative der Allianz der Wissenschaftsorganisationen zum Thema Forschung mit Tieren („Tierversuche verstehen“). Da lässt sich sicher noch mehr machen, das lässt sich erweitern, aufbohren, auf andere Felder – Grüne Gentechnik oder Klima – übertragen. Es bleiben jedoch mindestens zwei grundlegende Probleme, die kein Science Media Center und keine weiteren Allianz- oder andere Initiativen lösen werden.

Wissenschaft kann das Tempo der Berufsempörten nicht mitgehen

Erstens: Die Wissenschaft kann nie so schnell sein wie die immer höher drehende Kampagnen- und Empörungsmaschinerie aus Politik, Medien und Interessensgruppen à la Greenpeace, Ärzte gegen Tierversuche etc. Es sind zwei völlig unterschiedliche Systeme mit inkompatiblen Funktionsmechanismen. Was sie allerdings eint, ist die Abhängigkeit vom Vertrauen der Gesellschaft: Wissenschaft und Forschung, Medien, NGOs und Politik leben alle vom Vertrauen der Öffentlichkeit in ihre Arbeit und ihre Ergebnisse.

Gründlichkeit, Expertise (erworben in jahrelanger, harter Ausbildung) und strikte Regeln guter wissenschaftlicher Praxis sind die Voraussetzungen für Vertrauen in die Wissenschaft. Geschwindigkeit gehört nicht dazu, sie gefährdet eher die Gründlichkeit. Medien dagegen müssen schnell sein, nah dran am Geschehen, und sollen auch unerschrocken die Mächtigen kritisieren. Übersetzt in Nachrichtenfaktoren heißt das Aktualität, Nähe, Relevanz und Konflikt. Das passt nur bedingt zur Forschung, vor allem, der Aktualitätsdruck – „wir brauchen JETZT eine Expertin!“ –, aber auch die fast schon reflexhafte Suche nach Konflikt lassen Forscherinnen und Forscher vor Medienanfragen insbesondere zu kontroversen Themen oft zurückschrecken. Wenn eine Zeitung uns bittet, ein Pro und Contra zum Thema menschgemachter Klimawandel mit der Pro-Meinung zu bestücken, und „Contra“ kommt von einem Verein, der sich Institut nennt und wissenschaftlich unhaltbare Thesen verbreitet, dann lehnen wir ab. Das Stück – es war halt dann nur „Contra“ – ist trotz eindringlicher Warnungen an den Redakteur, damit adle man pseudo-wissenschaftliche Thesen, dennoch erschienen. Das Problem ist in Medienkreisen als „false balance“ längst bekannt, wird aber nicht abgestellt. Zu groß ist die Verlockung, mit Außenseiterpositionen Aufmerksamkeit zu erregen, vielleicht sogar Empörung auszulösen oder zumindest in einer Talkshow einen Konflikt zu inszenieren.

Der Wahrheits-Club kritisiert sich nur ungern selbst

Das bringt mich zum zweiten Grundproblem: Ich sehe im Mediensystem eine nur schwach ausgeprägte Bereitschaft zur Selbstkritik. Das fängt bei ungleichgewichtigen Korrekturen an – Skandale werden groß aufgemacht, die Korrektur erfolgt dann Tage später klein in einer Randspalte auf Seite 4 unten. Es geht weiter mit einem Nicht-Wahrhaben-Wollen der eigenen Anteile an Hysterie und Desinformation. Mir fallen da Impfgegner*innen ein, die Platz in seriösen Medien erhalten.

Der von mir sehr geschätzte Ulrich Schnabel breitet in der ZEIT auf einer ganzen Seite das Thema Kommunikationsversagen der Wissenschaft aus. Er berichtet zwar in einer halben Spalte, dass viele große Redaktionen dem Lungenarzt auf den Leim gingen. Doch das lastet er den Redaktionen kaum an. Sein Fazit nach der halben Spalte: „Es wäre jedoch zu wenig, nur die medialen Reflexe zu beklagen.“ Reflexe? Warum kritisiert er nicht explizit Claus Kleber und das „heute journal“? Und weder die WELT-, noch die BILD-Kolleginnen und -Kollegen werden gescholten für mangelnde Recherche. Hat sich das ZDF eigentlich entschuldigt beim Publikum? Man könnte hier ebenso gut von einem Versagen des Journalismus sprechen.

Mir kommt das fast so vor wie das Verhalten der katholischen Kirche bei Missbrauchsfällen. Ja, man räumt das schon ein, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Aber es sind immer nur Einzelfälle. Dass man ein strukturelles Problem haben könnte, oder ein Problem mit falscher Loyalität gegenüber Kolleginnen und Kollegen oder gegenüber Verlagshäusern, das wird selten thematisiert. Man ist ja Dank Zugehörigkeit zum Journalismus-Club Vertreter*in der Wahrheit und der Tugend wie die Kirchenmänner mit ihrem Club auch.

Der Fall Relotius hat da ein bisschen was bewegt. Auf Twitter las ich in den Tagen danach eine Reihe von Bekenntnissen, wie Journalistinnen und Journalisten von Redaktionen aufgefordert wurden, die Wahrheit doch ein bisschen zu biegen und zu dehnen. Unter dem Hashtag #sagenwasist kann man das zum Teil nachlesen. Und der Berliner „Tagesspiegel“ griff das dankenswerterweise auf.

Aber sehr rasch kehrt man zurück zur Tagesordnung und zum unangreifbaren Wahrheitsanspruch. Man ist ja schließlich vierte Gewalt.

Und jetzt? Da stehe ich nun mit meinem Rant. Wie weiter? Ich bitte die vielen ehrenwerten, gründlichen und aufrichtigen Journalistinnen und Journalisten um Verständnis: Ihr seid nicht gemeint!

Aber da sind die anderen, die gefühlt immer mehr werden. Die frei von Vorkenntnissen bei mir und meinen Kolleginnen und Kollegen in Forschungseinrichtungen anrufen und nach einfachen Statements fragen. Die Skandale suchen und die alte Dame Wissenschaft johlend vor sich herjagen, um ihr dann vorzuwerfen, sie bewege sich zu langsam. Euch bitte ich um ein Überdenken eurer Anspruchshaltung. Muss Wissenschaft wirklich über jedes Stöckchen springen, das ihr hingehalten wird? Muss sie immer wieder längst bekannte Fakten und Zusammenhänge präsentieren, weil die Abendschicht in der Redaktion halt nicht weiß, was die von der Frühschicht letzte Woche schon recherchiert und gesendet oder geschrieben haben? Ja, muss sie. Ich weiß. Und ja, wir im System Wissenschaft müssen auch schneller reagieren. Aber deshalb versagt nicht gleich die ganze Branche mit ihrer Kommunikation.

Offenlegung: Ich bin selbst Teil des Systems als hauptberuflicher Wissenschaftskommunikator in der Öffentlichkeitsarbeit eines Helmholtz-Zentrums und war davor Teil des Wahrheits-Clubs Journalismus.

Das EuGH-Urteil aus Sicht der Wissenschaftskommunikation

Es ist schon bemerkenswert: Egal, ob im SPIEGEL (hier hinter einer Paywall und hier offen), in der Süddeutschen oder auf der Online-Seite von Spektrum der Wissenschaften und bei der Deutschen Welle – überall schreiben die Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten, dass das Urteil des EuGH zu CRISPR/cas9 von Ideologie geprägt, von Bauchgefühl geleitet und überhaupt Unfug ist, der auf Angstmacherei beruht.

Wie kann es sein, dass „die Wissenschaft“, die in Deutschland und Europa nach wie vor sehr hohes Vertrauen genießt, sich nicht vor dem EuGH durchsetzte, obwohl sie viele der Medien (genauer: viele Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten) auf ihrer Seite hatte?

Ich denke, es liegt zum einen an der Binnendifferenzierung der Medien. Oftmals wird über „Brüssel“ und „Straßburg“ und „Luxemburg“, über die EU also, nicht auf den Wissenschaftsseiten berichtet, sondern im Politik- oder Wirtschaftsteil. Und unter den Politikjournalistinnen und -journalisten sind dann eher welche, die von Wissenschaft wenig bis gar keine Ahnung haben oder die Wissenschaft als „he said, she said“ ansehen (ein Beispiel für diese Herangehensweise hier und hier). Pech für die Wissenschaft, dass die Politik meist weiter vorne kommt als die Nachrichten und Kommentare aus der Forschung.

Falsche Selbstgerechtigkeit der Forschenden

Das ist es meiner Meinung aber nicht allein. Denn es bleibt der Umstand, dass viele Medien ein differenziertes Bild der neuen Verfahren zur Gentechnik und Pflanzenzüchtung gezeichnet haben. Und doch hat die Angstmacherei gesiegt, das Unbehagen vor Eingriffen in die Natur, das Misstrauen gegen eine Wissenschaft, die offenbar von vielen als technokratisch und frankensteinesk angesehen wird.

Hier sehe ich ein Kommunikationsversagen der Forscherinnen und Forscher.

Mir ist so eine selbstgerechte Haltung auch beim Thema Tierversuche untergekommen. „Wir handeln nach Vorschrift“, „Wir halten uns an Gesetze“, „Das ist alles genehmigt“. Das waren Sätze, die mir entgegenschlugen, als ich bei Treffen mit leitenden Wissenschaftlern (in dem Fall waren es nur Männer) anmahnte, mehr und offener zu kommunizieren. Dahinter steckte freilich nicht nur Selbstgerechtigkeit, sondern auch eine durchaus berechtigte Angst, mit Äußerungen pro Tierversuche (oder pro Gentechnik oder pro Fracking oder oder oder) selbst zur Zielscheibe von Kampagnen zu werden. Wer gesehen hat, was dem Tübinger Max-Planck-Direktor Nikos Logothetis passiert ist oder dem Bremer Universitätsforscher Andreas Kreiter, der überlegt sich zweimal, mit kritischen Themen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Das Problem: Die NGO’s, die mit Angstmacherei ihr Geld verdienen, werden nicht verschwinden. In etablierten Parteien werden ebenfalls Ängste gezielt geschürt und Debatten mit Wissenschaftler_innen verweigert. Auch die politischen Geschäfte mit der Angst werden bleiben.

Mehr zuhören, weniger missionieren

Es ist schwer dagegen anzukommen für Forscherinnen und Forscher, die zu Themen wie Gentechnik (grün oder rot), Fracking, Kohlendioxidlagerung im Untergrund, Endlager für Atommüll etc. arbeiten. Denn die Schützengräben sind bereits ausgehoben, die Verteidigungs- und Angriffslinien stehen fest. Frankenstein hier, moralisch Überlegene und verantwortungsbewusst Handelnde dort. Fakten haben nur noch wenig Platz. Sie helfen auch nur bedingt, wie das EuGH-Urteil und die Reaktionen darauf zeigen.

Was meines Erachtens helfen würde, wäre ein Eingehen auf die Ängste der Bürgerinnen und Bürger.

Forscherinnen und Forscher sollten mehr zuhören. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht, gerade auch unter der Prämisse, dass es nicht darum geht, das Gegenüber von der eigenen Position zu überzeugen.

Ein weiterer Punkt ist das Kommunizieren eigener Werte und Beweggründe. Das geht weit über die Vermittlung von Fakten hinaus. Zum Eingehen auf die Ängste gehört es ebenso, situationsangepasst zu reagieren. Man mag die Angst vor „Genen in der Nahrung“ belächeln oder sich über die Unwissenheit mokieren. Aber man wird damit nicht weit kommen in der Debatte. Eher schon hilft es zu erklären, dass  wir immer schon „fremde Gene“ gegessen haben. Dass sich Pflanzen seit jeher vor Fraßfeinden schützen (mit Bitterstoffen, mit Gift, mit Dornen und Nesseln) und der Mensch seit jeher versucht, genau diesen Schutz zu umgehen (durch Kochen ebenso wie durch Züchtung). Und dann natürlich all die Fakten, die längst bekannt sind (Mutagenese durch Radioaktivität viel ungenauer, neue Methoden besser, schneller und ressourcenschonender etc.). Vor den Fakten aber sollten Werte kommuniziert werden. Und davor wiederum, ich wiederhole mich, muss die Forschung genau hinhören. Sonst steht der nächste Rückschlag an.

Immer auf die Kleinen

Silke Burmester hat einen Plan. Das ist ein schöner Satz und ein guter Anfang für eine Geschichte. Der Plan soll dazu führen, dass Journalistinnen (ich nutze immer die weibliche Form und meine Männer mit) wieder mehr Geld verdienen und von ihrer Arbeit leben können. Sie hat ihn im Deutschlandfunk vorgestellt, und mir stößt dieser Plan sauer auf. Silke Burmester macht drei Personengruppen aus, die das System der Zeitungsverlage stützten, ihre Lokalredaktionen unterbesetzt zu halten: Rentner (hier nutze ich Burmesters männliche Form bewusst, weil in meinen sechs Jahren als Lokaljournalist jenseits der Pensionsgrenze tatsächlich nur Männer für uns schrieben), Ehefrauen und Berufsanfängerinnen (Männer mitgemeint).

Als erstes möchte ich gleich ein Killerargument gegen den Plan, genauer gesagt: dessen Prämissen, anführen: Die erwähnten Personengruppen gab es schon immer. Dass sie jetzt auf einmal der Grund für die Misere sein sollten, leuchtet mir nicht ein. Die pensionierten Lehrer, die Zeugwarte des lokalen Sportclubs, die über die Jahreshauptversammlungen der Vereine schrieben oder Spielberichte von Kreisliga-Duellen lieferten. Die Gattinnen der Kämmerer und Bauamtsleiter, die das lokale Theater besprachen. Und Leute wie mich, der ich in den mittleren 1980er Jahren als Student für 20 Pfennig Zeilengeld und 20 Mark für ein Foto auf Gemeinderatssitzungen in Inning am Holz, in Steinkirchen, in Unterschleißheim und Vilsbiburg (das war sogar ein Stadtrat!) saß. Damals hat das Geld dicke gereicht für Redakteurinnen (meistens Männer) und solche kleinen Freien. Journalismus war gut bezahlt, wenn man ihn im Hauptberuf ausübte.

Den kleinen Freien jetzt die Misere in die Schuhe zu schieben, halte ich für grundfalsch. Es ist in erster Linie gescheiterte Verlagspolitik die Ursache dafür, dass das Geld nicht mehr für die hauptberuflichen „Freien“ reicht. Ich sehe in Silke Burmesters Plan den Klassiker: in Zeiten knapper werdender Ressourcen findet eine Entsolidarisierung der Lohnabhängigen statt. Zu erleben bei Beschäftigten am Bau (billige Osteuropäer nehmen uns Jobs weg) und auch in anderen Niedriglohnbereichen. Jetzt ist die Krise im Mittelstand angekommen, bei vormals recht ordentlich verdienenden Journalistinnen, die sich einer stark wachsenden Konkurrenz ausgesetzt sehen von Kolleginnen, die aus fusionierten Redaktionen „freigesetzt“ wurden, und vom Nachwuchs aus Journalistenschulen und Unis.

Ich habe für die Krise des Journalismus keine Lösung. Ich selbst habe quasi mit den Füßen abgestimmt und mich aus dem Journalismus verabschiedet. Geblieben ist mir allerdings eine Wertschätzung für Journalismus als Grundpfeiler der Demokratie. Und damit einhergehend eine Wertschätzung für gerade die „Kleinen“, denen Silke Burmester nahelegt, sich doch ein anderes Hobby zu suchen. Ich habe noch keine Edelfeder sich die Abende in Gemeinderäten bei Debatten um Bebauungspläne und Zebrastreifen vor Kindergärten um die Ohren schlagen sehen. Und auch auf den tausenden Provinzbolzplätzen, wo Woche für Woche um Kreismeisterschaften gespielt wird, fehlen die altgedienten Sportjournalistinnen. Doch gerade dort geht es um Teilhabe und Demokratie, um Information über die „Heimatzeitungen“. Dort werden sogar lokale Skandale aufgedeckt. Dieses System baut seit jeher auf Menschen auf, die das aus Hobby und Idealismus machen oder um einen Weg in die Medien zu finden.

Noch ein Gedankenexperiment zu Schluss: Was wäre wohl, wenn die Berufsanfängerinnen, die Rentner und die Gattinen plötzlich aufhörten zu schreiben? Ich bin mir sicher, dass keine nur halbwegs gut bezahlte Journalistin die entstehende Lücke füllen würde. Vielmehr würden entweder die Informationen fehlen oder, schlimmer noch, von den Kommunen und Vereinen selbst in die Redaktionen kommen. Und das wäre dann wirklich ein Schaden für die Demokratie. Die findet nämlich nicht nur in Berlin statt, sondern auch auf dem flachen Land.

It’s the trust, stupid

Trust in science (and politics and media) is eroding. Politics and media try to draw on the remaining trust for science thus eroding the foundation of trust even more. Communicators can help re-establish trust with transparency.

There’s a new buzzword in German politics: “Lügenpresse” (mendacious press). Many people show growing distrust in the traditional media, some even believe in a big conspiracy scheme. (This holds true for many people all over the world, just read the great piece of Dave Eggers in the „Guardian“ on a Donald Trump rally.) Conspiracy theories are not limited to the political realm, more often than not science or scientists, sometimes pseudo‐scientists, are involved: anti‐vaccine movement, so‐called climate skeptics, GMO advocates and anti‐GMO people, animal research, or, on the more ludicrous side, the proponents of “chemtrails”. It’s not always pseudo‐science that fuels the debate. The lines between pseudo‐science and real science are blurred. Where does advocacy start, where does science end? Take, for instance, Gilles de Séralini and his skewed study on rats growing tumors after being fed GM corn (see, for instance, here and here for references). Another example is Björn Lomborg, political scientist and author of “The Sceptical Environmentalist”.

Polls show a general decline of trust in many institutions and professional groups, especially in media and politics. Scientists are still amongst the most trusted people. However, the systems of science, politics, and media are closely intertwined; be it through funding, through scientific backing of political decision‐making or through selling attention. Even more so, I think that media and especially political organizations (eg. parties, NGOs, Think Tanks) try to boost their waning credibility through using science and scientists as a source of trust.

Some scientists leave the scientific system to advocate for certain causes, be it for ethical reasons or money or political or personal career. Worse: Some scientists stay in the system but start to advocate. What they do: They stay nominally in the scientific system but they are actually acting outside the system. Cheating means leaving the system. Misinforming means leaving the system. Withholding information, eg. the sources for funding, means leaving the system.

We should look at the intertwined system from a communication’s point of view. What binds the system together? Trust.
Traditionally, the system comprised several clearly discernible players, with specific roles, who all knew about each other and trusted each other. First of all, the scientists working in the labs or offices coming up with new ideas and putting them to test; then the peers reviewing it and the journals publishing it. Finally came the media outlets picking up on published and peer‐ reviewed work. Alongside went the politicians or funding bodies responsible for securing financial support, relying on reports, peer‐reviews, and media coverage.

This system is being eroded from many sides. Highly politicized (or heavily marketed) science leads to public claims and counter‐claims on many different issues, be it GMO, climate change, or the promise of certain therapies, eg. stem cell therapies, and nutrition (what will give you cancer and what will prevent it). Another area of growing distrust is the role of big scientific publishing companies with their pricing and quality claims opposed to open access and open science. Especially the high‐impact journals are attacked because there’s only one thing that strongly correlates with impact factor, and that is the retraction rate (see here for a  study by Björn Brembs on the subject). Then, there’s the diminishing expertise in media companies due to budget cuts. And there’s the growing marketing skills of scientists (and their communication departments) to “sell” their projects to funding bodies (with counter‐claims made by those who did not get funding). All of this has nothing to with the internet as such, and yet, it is the internet that makes all those fights and jealousies easily accessible and visible, thus eroding the foundation of trust.

So it’s about trust. Where does trust come from? Reputation and transparency. Reputation stems from quality. Who is to judge quality in science? Peers. What about the public? Lay people can hardly judge the quality of science, yet, they rely on science one way or another (there’s an interesting paper on the subject by Dan M. Kahan).

Non-scientists need secondary indicators such as (i) high‐impact journals (as I said, those are under attack and not widely known), (ii) media coverage (also under attack by budget cuts and by general distrust, “Lügenpresse”), (iii) brand names (Stanford, MIT, Max Planck, Nobel Prize), or (iv) transparency. Science communication can actively influence transparency. It has some influence on brand names and, to a certain extent, on media coverage.

The fact that science communicators in Germany recently called for quality control or guidelines is telling. It comes down to the fact that many actors in science communication are aware of the growing distrust. However, it is not only distrust in our communication efforts, but a far more widespread distrust in the system of science, publication, and funding. An example from the US is the Flint Water Crisis.

Those who call for quality control and those who want to follow the guidelines are not the problem. The problem are those who are not aware of any problem as they are convinced of their own credibility (or the quality of their brand name). The most important point I see where professional communicators can fine‐tune something is transparency. Traditional institutional science communication was about controlling the message. Now it’s managing communication channels. We need to address scientists, fellow communicators, politicians, and media alike to resolve the crisis of trust. It’s about lifting the veil to re‐establish trust.

Please note: I prepared this paper for a retreat of the Siggen Circle.  I added the links afterwards.

tl;dr: Trust in science (and politics and media) is eroding. Politics and media try to draw on the remaining trust for science thus eroding the foundation of trust even more. Communicators can help re-establish trust with transparency.

Twitter, Facebook und die Literatinnen

Meine Timeline schäumt. Twitter wird kaputt gemacht, und Facebook ist ohnehin schon lange kaputt. Kein Respekt vor Privatheit; Trolle; Algorithmen, die mir bevorzugt Dinge zeigen, die sie für wichtiger als anderes erachten; und der Fall der 140-Zeichen-Grenze. Es scheint, als fürchteten die Twitterer eine Verfacebookisierung ihrer Lieblingsplattform.

Mir geht es ja ähnlich und ich frage mich, wieso das so ist.
Ich glaube, die 140-Zeichen-Begrenzung ist da ein ganz entscheidendes Distinktionsmerkmal. Blaise Pascal soll gesagt haben, „ich schreibe dir einen langen Brief, weil ich keine Zeit habe, einen kurzen zu schreiben“ (ich sage soll, weil andere das Zitat Mark Twain zuschreiben, aber der war ja Journalist und hat’s vielleicht einfach abgeschrieben).

Kurz also ist mühsamer als lang.

Als ehemaliger Journalist weiß ich das nur zu gut. Und es gab zu meiner Zeit unter den Kolleginnen und Kollegen immer eine Art professionellen Respekt vor Redakteurinnen (Männer mitgemeint) der BILD-Zeitung, selbst wenn man deren Themenauswahl und Methoden widerlich fand. Aber das Handwerk! Die kurzen Texte, die Schlagzeilen… !

Und es ist ja auch wirklich so: ein kurzer Text kann viel schwerer verbergen, dass er schlecht ist oder dass die Autorin keine Idee und keinen Plan hatte. Darum tummeln sich auf Twitter die Puristinnen, die Literatinnen, die heimlichen Schlagzeilenmacherinnen und Aphoristikerinnen. Und auf Facebook schreiben die, denen kurze Briefe zu mühsam sind, lange Hass- oder Ich-liebe-Katzen-Postings.

Ich wette, dass – wenn die 140-Zeichen-Grenze fällt – eine Puristinnengemeinde auf Twitter (oder anderswo) entsteht, die sich selbst beschränkt auf 140 Zeichen. Das macht es einfach, sich von der dummen Verwandtschaft und den nicht so schriftkundigen Freundinnen abzugrenzen und auf den Plebs zu schauen.

The pressure behind communicating science

Some notes on the workshop #wowk15 at the “Volkswagenstiftung” I was tweeting about this week (mainly in German). I would translate the title of the workshop “Researchers’ communication under pressure of public relations”.

There were several ideas and concepts nearly all of those who were there agreed on:
– Scientists and the science system, i.e. institutions, both share a responsibility to communicate.
– One should not only communicate results but the scientific process and the scientific principle as well. Science is all about doubt and not about certainty. Society should know this.
– There are intrinsic factors – at least in some fields – that lead either scientists or PR people, or sometimes both, to hype scientific results. These factors are, for instance, alarmism to get more funding, be it in climate science or health research; the reputation game and the idea that publicity also enhances scientific reputation; and the increasing tendency to rank and rate scientists according to metrics (which, in turn, leads to more publications, some of them hyping results, which subsequently creates media hypes).
– Hyping does not always help, especially not in peer-reviewed grant applications.
– Media, on the other hand, have a tendency to hype as well, sometimes by cherry-picking results or by reporting on poorly designed but somehow attractive health studies („Drinking red wine protects you from cancer“). Read here the interesting study by Petroc Sumner and his colleagues on hyping science in the field of health research.

There was an interesting remark by Petroc Sumner about hyping results and putting stuff directly online instead of offering it to media people (who might detect the hype): “Bypassing traditional channels, i.e. media, won’t help you because people won’t trust you anymore.” Or, as Hans Peter Peters from FZ Jülich put it: “The selection process by journalists cannot be substituted by a self-selection process by science (or science communication).”

In a small workshop I chaired within the conference we talked about the roles of institutional governance and scientists in the communication process. The President of the Friedrich Schiller University in Jena, Walter Rosenthal, said that the pressure to communicate has increased in the last decades. This is for one part due to external factors and for another part a matter of one’s personal career. The more political a scientist’s position is, the higher the pressure is to communicate. “You really start to feel the pressure once you are in a leading position”, said Walter Rosenthal.

Rosenthal sees communication as a means to be visible to stakeholders, such as politicians, and to pave the way for support. Part of this kind of science communication is to create a general basis of trust. Another part of it is directly related to specific projects or measures. In Jena, for instance, the university is planning a substantial enlargement of its campus with new buildings. Rosenthal: “There is a lot of politics involved. And this has to be explained to the public as well.” An important issue of this type of science communication is the fact that scientists or leaders of institutions are in turn helping science politicians to convince their peers in politics that funding for science is necessary despite competing interests in other fields of politics.

There also is, of course, the ever-present intrinsic motivation of scientists to talk about their work and the ever-present need to explain where taxpayers’ Euros went. Last but not least, society has questions to be answered, be it vaccines, climate change or other pressing issues about environment, health, and societal issues.

Apart from these well-known and much cited reasons to communicate, my friend and former colleague Carsten Hucho mentioned another reason: Science as such is important for a society and needs to be funded without asking for direct revenues. Scientific thinking formed cultures in many parts of the world. Visible and successful science makes a society attractive. Science as a cultural achievement with an intrinsic value needs to be communicated, too, said Carsten.

P.S.: I am writing this in English as a courtesy to all the non-German scientists who answered on my last entry and the second to last.

My kind of pressure

First of all a disclaimer: I am a science communicator heading a communications department at a biomedical research institute, the MDC. As I wrote in my last blog post I am looking for signs of pressure to scientists to communicate. When I tweeted about my questionnaire, more than 750 people saw the tweet (THX to all who retweeted!), and 10 of them clicked on the link. Several other scientists and communicators picked up the tweet, so I’d modestly double the impressions on Twitter to 1,500 (I did post it on Facebook as well but I won’t bore you with all stats). The stats of the blog post show that 123 people saw it, I got around 10 replies or comments. A huge THANK YOU to all of you who replied on Twitter, Facebook, here at the comments‘ section or directly via email. First approximation: less than 10 percent of those who saw the tweet clicked and less than 10 percent of those who clicked left a reply. Bummer.

This meagre result is, however, in accordance with the replies I got. It is basically only intrinsic motivation that drives scientists to communicate to a broader public („science2lay“ communication, S2L). No pressure. There are incentives, i.e. there is money provided by funding agencies to disseminate the results of the funded projects; sometimes, these agencies – for instance the European Union – demand that scientists disseminate the results. Pressure? In the last 15 years or so that I am doing communications I saw quite a number of digital graveyards for this kind of mandatory dissemination. What I heard myself and from other communication officers was scientists asking: „Oh, we have some money that we are required to use for dissemination. Can you recommend a person who will set up a website for us where we will put all the information?“ In the offline world, this is equivalent to a brochure (the PDF of it can go on the aforementioned website…)

On the other hand, I saw the rise of science communication with new formats such as the extremely successful „Long Night of Sciences“, an event developed in Berlin and spread out to many other cities and regions in Germany. Countless scientists of all ages and many different disciplines started to talk to lay people; there are science slams, there is FameLab, there are events designed for children of all ages, and even a barge that is temporarily refurbished as a swimming science center.

So where’s the problem? I see it on both sides. Scientists seem to get wary or tired of trying to educate a public seemingly immune to scientific reasoning (see the antivaxxers or the people who deny that climate change is real). The public, on the other hand, is overfed with results from science and pseudo-science. Advocacy organizations use science, and pseudo science, to convince people that, for example, animal experiments are useless or rats fed with genetically modified corn are more prone to develop cancer (a study that gained huge media attention and was retracted). Many different fields of science have become heavily politicized: stem cells, fracking, climate studies, genetic engineering of plants, of animals, and possibly of humans, to name but a few.

My personal conclusion is: We need science more than ever. We need hard science, i.e. basic research, as well as applied science and humanities, to tackle global problems. We need rigorous quality control for science. And we need to talk about it!

We need science communication more than ever. As a member of the public, I want to know about the nonsensical and completely made-up  connection between vaccination and autism, about the dangers of miracle cures, about sea-level rise, its probability and its implications. I want bad science to be uncovered. I want scientists to debate the ethics of their work and the ethical implications of their results. I want to know where my tax-payer’s money went.

I, as a communicator, can only do part of the job.  Authenticity and depth of information can only be provided by first-hand experts. I need you, scientists! You got to help me. You have to. Period.

Science under mounting pressure to communicate?

Dear scientists (and science communicators),

As I will be hosting a workshop (here’s the program of the workshop – in German – but please note that it is fully booked) under the assumption that there is a growing pressure on scientists to talk to the public (I’ll refer to this kind of communication as „science-to-lay“ communication, S2L), I’d like to gather evidence and opinions about this assumption. I am distinguishing S2L communication from „science-to-science“ communication, S2S, the latter being an integral part of the scientific process.

So, dear scientists and communication experts, please leave a reply here at this blog post or email me at josef.zens and add gmx.de. Ich freue mich auch über Antworten auf Deutsch! Englisch habe ich gewählt, weil ich gerne möglichst viele Wissenschaftlerinnen (Männer mitgemeint) erreichen will.

My questions are:

Do you, as scientists or communicators, share the impression that there is a mounting pressure on scientists to do S2L communication?

Has there always been some pressure? Is it mounting?

If so, could you please specify how exactly this pressure manifests itself. Is , for instance, anyone approaching you and asking you to communicate more or to blog and tweet?

Who excerts this pressure: the communications departments and press offices? Or the directors / heads of the institutes or universities? Or some other stakeholders such as funding bodies, ministries etc.?

How do you personally react to this pressure?

If you don’t feel any pressure and still have read this far, please also reply: Do you follow this debate about a growing necessity for S2L communication?

And to all of you: Feel free to add your thoughts on this topic.

Thank you so much.

Umbruch allerorten: Wer ist hier eigentlich Journalist?

Auf Twitter verfolge ich gerade eine kleine Debatte zwischen Florian Freistetter und Henning Krause. Es geht den beiden um Open Access. Florian schreibt in seinem Blog, er berichte seit geraumer Zeit nicht mehr über Forschung, wenn er darauf mit einer Pressemitteilung OHNE den Zugang zum Originalartikel aufmerksam gemacht wurde. Er will so Open Access vorantreiben. Florian schreibt unter anderem: „Aus meiner Sicht ist eine Pressmitteilung wertlos, wenn ich nicht auch die wissenschaftliche Facharbeit lesen kann, über deren Ergebnisse sie mich informieren will.“

Henning hält dagegen, dass Pressestellen auch auf Forschungsergebnisse aufmerksam machen müssten, wenn diese Ergebnisse „closed access“, also hinter einer Paywall steckten.

Ich gebe das jetzt nur ansatzweise und in Ausschnitten wieder. Lest es selber nach und folgt den beiden auf Twitter, es lohnt sich.

Worum es mir hier geht: Ich sage, die Debatte dreht sich nur vordergründig um Open Access. Dahinter stecken aber die Folgen des digitalen Wandels, die alle möglichen traditionellen Rollen völlig verändern.

Florian hat ja Recht, wenn er fordert, als Berichterstatter müsse er auch die Studie lesen können. Das war früher die Rolle von akkreditierten Journalistinnen (Männer wie immer mitgemeint). Die bekamen von den großen wissenschaftlichen Journalen Zugänge zu deren Presseportalen und konnten so die Studien – Paywall hin oder her – herunterladen. Dann berichteten sie in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen darüber. Die Medienhäuser wiederum hatten, sofern es freie Journalistinnen waren, vorher gewissermaßen gebürgt, dass es wirklich Journalistinnen waren (oder die Standesorganisationen taten das über Presseausweise).

Der Weg war also: Forscherin publiziert. Fachjournal und Pressestelle informieren oftmals abgestimmt miteinander die Journalistin. Die schreibt oder macht Radio- bzw. Fernsehbeitrag. Mediennutzerin konsumiert.

Dahinter stecken finanzielle Interessen der Verlage und sehr viel Vertrauen von allen in alle. Medienkonsumentinnen vertrauten auf die Auswahlkriterien und Fachkenntnisse der Redaktionen (ähem, lest hier was brandaktuelles dazu), Journalistinnen vertrauten auf das Peer Review der Journale, und Journale vertrauten auf die Ehrlichkeit der Wissenschaftlerinnen.  All das erodiert, nicht seit es das Internet an sich gibt, sondern weil das Internet Möglichkeiten bietet, Betrügerinnen auf die Schliche zu kommen, weil Bloggerinnen rasch auf Fakes und schwache Studien reagieren können und weil alle möglichen Interessensgruppen eigene Kanäle aufbauen. Es gab auch vor Internet-Zeiten gewiss Fälscherinnen, schlechte Journalistinnen und faule Peer Reviewerinnen. Nur flogen die seltener oder erst mit längerer zeitlicher Verzögerung auf.

Zugleich gibt es Pseudojournale, die gegen Gebühr jeden Mist publizieren und so tun als sei das peer reviewed. Jetzt gibt es Bloggerinnen, die über Wissenschaft fundierter schreiben als es in Zeitungen der Fall ist. Es gibt Bloggerinnen, die für Institutionen schreiben oder für Interessensgruppen. Und jetzt gibt es Pressestellen, die unter Druck stehen, die Arbeit ihrer Institution medial sichtbar zu machen. Und es gibt Forscherinnen, die auf Teufelin komm raus publizieren wollen oder auch medial sichtbar sein wollen. Hinzu kommen politische Think Tanks und politische Interessen (ein Beispiel ist der Klimawandel).

Kurzum: Wer kann wem glauben? Wer darf was lesen? Wer darf wo publizieren? Das große Internet bietet Raum für alle. Und keiner weiß mehr: Ist das eine echte Forscherin aus einer echten Institution (ich erinnere nur an die falsche Schoko-Studie)? Stammt der Bericht von einer echten Journalistin (mit Ausbildung und Qualitätskriterien, die sie einhält)?

Aus Sicht eines  Öffentlichkeitsarbeiters verweise ich auf die sehr erfreuliche Entwicklung in der Szene, Qualitätsstandards zu formulieren (nachzulesen etwa hier und hier). Auch die Wissenschaft testet ja, ob das System der Impaktfaktoren (hinter dem Journale und Verlage stehen) ausgehebelt werden kann durch Open Access, Open Peer Review, Open Science etc. Vorerst aber wird alles durcheinandergerüttelt. Das wird wohl noch eine Weile so bleiben. Vertraut mir.