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Leiter der Abteilung Kommunikation am Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam, ehemals Wissenschaftsjournalist, Diplom-Geograph

Wissenschaft und „Spin“

Der von mir sehr geschätzte Mike S. Schäfer, Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Zürich, hat eben eine sehr interessante Studie veröffentlicht, bei der vor allem die Methodik cool ist. Mit einer Plagiats-Finde-Software untersuchten er und sein Kollege Daniel Vogler, wie sehr Artikel in Schweizer Medien mit Pressemitteilungen übereinstimmten.

Sie benutzten dazu ein Archiv von mehr als 5.000 Pressemitteilungen und anderen „Nachrichten“ der eigenen Uni in Zürich aus 15 Jahren. Die verglichen sie mit knapp 14.000 Texten aus vier großen Schweizer Tageszeitungen.

Sie fanden, dass „der Einfluss der PR auf Medien“ im Verlauf dieser 15 Jahre signifikant zunahm und auch die Tonalität freundlicher wurde.

So weit, so gut. Alles nachvollziehbar. Was mich aber stört, ist der Umstand, dass in der Überschrift der Arbeit und im Abstract aus meiner Sicht ein „Spin“ erzeugt wird: „Growing influence of University PR on Science news Coverage?“ heißt es im Titel. Und der erste Satz des Abstracts lautet „Universities have expanded their public relations (PR) departments in recent years.“ –

– Aha! Hier die PR, die nach Einfluss auf Medienberichterstattung strebt und ausgebaut wird, da der Journalismus, der ausblutet (zweiter Satz des Abstracts: „At the same time, news media have had to cope with reduced resources.“)

Ich halte das für einen unzulässigen Spin. Und ich würde gerne einen alternativen Spin vorschlagen: „Accelerated de-professionalizing of Science News Coverage?“ Das entspricht meinem – zugegeben subjektivem – Empfinden und meinen – zugegeben anekdotischen – Beobachtungen mehr als ein wachsender Einfluss der PR auf Medien.

Im Endeffekt kommt es aufs gleiche raus: In Medien erscheint weniger qualitätsgesicherte Wissenschaftsberichterstattung. Und auch die Diagnose einer sich verschiebenden Machtbalance, die in der Arbeit gestellt wird, ist aus meiner Sicht richtig.

Was ich jedoch bestreite, ist der Zusammenhang eines Ausbaus der PR als Ursache für die Verschiebung der Machtbalance. Aus den Einrichtungen, die ich kenne, kommen in den letzten Jahren nicht deutlich mehr Pressemitteilungen pro Jahr (und ja, es gibt Unis, die hauen mehrere hundert solcher Mitteilungen pro Jahr raus). In den Einrichtungen, die ich kenne, arbeiten die Kolleginnen und Kollegen auf viel mehr Feldern als früher (Social Media, Videos, Interne Kommunikation, Politikbeziehungen, Schülerlabore, Berichtswesen), ohne, dass sie dem Aufgabenzuwachs entsprechend zusätzlich ausreichend Personal erhalten haben. Subjektiv: Es bleibt nicht mehr Zeit als früher für eine zunehmende Zahl von Pressemitteilungen.

Was aus meiner Sicht eher ursächlich für den beobachteten größeren Einfluss und die Verschiebung der Machtbalance ist: Mehr ehemalige Journalistinnen und Journalisten arbeiten in der PR, es findet also eine gewisse Form von Professionalisierung mit Blick auf mediengerecht aufbereitete Inhalte statt. Und die Professionalisierung hat die Ursache im Geschäftsgebaren der Verlage, die Wissenschaftsredaktionen abbauen und damit gute Leute entlassen, die dann in die PR wandern.

Außerdem, aber das steht in der Arbeit von Mike S. Schäfer und Daniel Vogler auch so drin, nehmen Zeitdruck und Arbeitslast in den Redaktionen massiv zu.

Mich stört einfach, dass „die Medien“ mit schwindenden Ressourcen „zu kämpfen haben“, wie es im Abstract heißt, als ob einfach Regen ausbliebe oder Ernten ausfielen. Nein, verlegerische Entscheidungen und auch Programmentscheidungen im nicht so schlecht ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Rundfunk führen zu einer Schwächung des Wissenschaftsjournalismus – und damit quasi automatisch zum Erstarken der PR.

Kurzarbeit, Corona und Curry

Ein paar Gedanken zur Verlagskrise, zu Kurzarbeit in Zeitungen und Zeitschriften und zu Corona – und Curry.

Vor fast 35 Jahren musste, wer in München eine Wohnung zu mieten suchte, am Dienstagabend kurz nach Sechs am Verlagsgebäude der „Süddeutschen Zeitung“ stehen. Die ersten Exemplare für den abendlichen Verkauf in Lokalen (die „Kneipenausgabe“) kamen frisch aus der Druckerpresse, und jetzt galt es schnell zu sein. Wohnungsannoncen durchschauen, Schwabing, Haidhausen, oder – für die Wagemutigen – Giesing, vielleicht kam man ja mit dem Wählscheibentelefon zum Vermieter durch und erhielt einen Besichtigungstermin. Bei uns hat es damals nur zu einer WG direkt am Frankfurter Ring gereicht. Wenn der Wind ungünstig stand, wehten die Schwaden von der BMW-Autolackiererei rüber. Und alle paar Wochen klaute uns ein asozialer Mitbewohner die Wochenendausgabe der Süddeutschen, weil die nicht in den Briefkasten passte und daher offen im Flur lag. Die Zeitung am Samstag war manchmal so dick, dass der Austräger sie nicht mal ansatzweise in den Briefkastenschlitz stecken konnte. Immobilien, Autos, Jobs – Anzeigen über Anzeigen.

Auflagenprobleme kannte die Süddeutsche nicht, Erlösprobleme noch viel weniger. Ähnlich ging es den meisten anderen Tageszeitungen und vielen weiteren Printmedien. Wachstum war die Devise, in den 1990-er Jahren expandierte die SZ nach NRW und holte sich eine blutige Nase. Verleger, und mit ihnen viele Journalistinnen und Journalisten, strotzten vor Selbstbewusstsein. Die Süddeutsche hatte bis 1996 keine Farbfotos auf der Titelseite, man war ja nicht Boulevard! Als letzte Bastion fiel die FAZ, die erst ab 2007 regelmäßig Titelfotos veröffentlichte.

Kampf um Aufmerksamkeit? Ich bitte Sie!

Dann kam das Internet. Zunächst am stärksten genutzt von Wissenschaft und Pornographie: beide Themen keine Konkurrenz für Verlage. Bis die elektronischen Kleinanzeigen kamen. Wohnungen, Autos, Jobs, Partnersuche – alles weg, Einbrüche in der Erlösstruktur von 20, 30 Prozent. Titel wurden verkauft, Zeitungen und Zeitschriften reihenweise eingestellt, Beilagen (Auto, Wissenschaft), zunächst mit großem Aufwand und eigenen Redaktionen gegründet, wieder abgeschafft. Parallel erwuchsen Portale im Internet, die das Geschäftsmodell der Verlage von beiden Seiten attackierten. Man konnte plötzlich seriöse und fundierte Informationen auch im WWW finden: Qualitätsjournalismus online. Zugleich gab es Contentschleudern („churnalism“), die mit Clickbaiting die Massenaufmerksamkeit anzogen. Reichweite macht attraktiv für Anzeigenkunden (bisher Haupteinnahme der Verlage). Qualitätsgesicherte Information, dazu noch aktueller als in Tageszeitungen, macht attraktiv für junge und gebildete Leserinnen und Leser (Abonnenten als das zweite Standbein der Verlage).

Das Internet gibt es seit rund 30 Jahren, und seit rund 20 Jahren diskutieren wir, wie Qualitätsjournalismus weiter finanziert werden kann. Jetzt gilt in einigen Verlagen Kurzarbeit, ausgerechnet jetzt, wo qualitätsgesicherte Informationen gefragt sind wie nie. Corona macht hier die Verlagskrise sichtbar, die es seit langem gibt und die die Verlagssprecher, die Heraus- und Hereingeber und auch die Journalistinnen und Journalisten der jeweiligen Häuser mit immer neuen seltsamen Zahlenspielen camouflieren. Reichweite, Leser-Entscheider-Analyse, weltberühmt in Berlin…

Ich fürchte allerdings, dass die Corona-Krise die traditionelle Medienwirtschaft mehr schädigt als nur durch ausgefallene Anzeigenerlöse. 

Erstens: Anzeigenkunden kommen nicht ohne weiteres wieder, schon gar nicht in Zeiten, wo Geld knapp ist. Wenn Unternehmen sparen, dann meist zuerst bei der Werbung. Die Rezession nach Corona wird kommen und damit weitere Werbeeinbußen. Ich vermute, dass es am Frankfurter Ring in München auf absehbare Zeit nicht mehr so nach Lack stinken wird, egal, woher der Wind weht.

Zweitens: Die Menschen haben sich noch mehr als vorher daran gewöhnt, dass Informationen nicht mehr nur über traditionelle Wege zu ihnen kommen. In einer Zeit, da beinahe stündlich neue Zahlen diskutiert wurden und neue Erkenntnisse kamen, ist der herkömmliche Informationsweg über Redaktionen und womöglich gar noch über Druckereien und Auslieferung schlicht zu langsam geworden.

Drittens: In Zeiten der Kontaktsperre und Kontakteinschränkungen haben sich selbst technikfeindliche Menschen, die zuhause gerne vor Bücherregalen und Zeitschriftentischchen auf den Besuch der Nichten, Neffen, Enkelkinder warten, an Skype und Zoom und WhatsApp gewöhnt. Wirklich abseits vom Klischee: Alle Welt redet von einem Schub, den die Digitalisierung der Arbeitswelt durch Home Office erhalten habe. Das ist richtig, aber dieser Schub erfasst eben auch die Informationsbeschaffung und das Private.

Viertens: Was machen all die entlassenen Journalistinnen und Journalisten? Ein bisschen weinen sie den Holzmedien nach, aber dann müssen sie eben doch essen, wollen arbeiten, haben Energie, Ethos und Ehrgeiz. Kurzum: Mit den Personaleinsparungen schaffen sich die alten Verlage mehr und mehr hoch professionelle Konkurrenz.

Fünftens: Das, was ich aus den Verlagsgeschäftsführungsetagen höre und lese (disclaimer: das ist  natürlich nur ein Ausschnitt der Realität, vermittelt über eben jene Medien, die über Medien berichten und die ich lese), stimmt mich eher pessimistisch. Entweder, siehe oben, schöngeredete Entwicklungen oder Sparprogramme. Wo sind innovative Ideen? Alle Leserinnen und Leser mit Jahresabo erhalten ein Tablet mit vorinstallierter Zeitungs-App, alle Corona-Infos werden gebündelt und frei zugänglich gemacht, daneben wird eine Paywall aufgebaut, sofern sie nicht bereits existiert. Nachrichten aus der E-Zeitung kann man mit persönlicher Videobotschaft weiterleiten an Freunde und Verwandte… – vielleicht geht das alles nicht, und vielleicht sind diese Ideen nicht neu oder nicht klug, aber ich habe das Privileg, dass ich nicht auf derlei Ideen angewiesen bin. Verlage schon. Holzweg ist bei den Holzmedien eine doppelt treffende Metapher.

Wer es dieser Tage richtig gut macht, ist – ausgerechnet – die taz. Sie hat ohnehin ein anderes Geschäftsmodell durch die Genossenschaft. Das ist viel stärker an Leserinnen und Lesern orientiert. Am Wochenende diskutieren die Mitglieder der Redaktion  auch auf den Papierseiten mit Leserinnen und Lesern, denen die taz zu unkritisch geworden ist in der Krise, weil sie Merkel lobt. Leserinnen und Leser in den Mittelpunkt (und nicht etwa einen Autokonzernboss eine Ausgabe gestalten lassen wie es ein anderes Blatt einmal gemacht hatte). Nachdenkstücke, „slow food“ fürs Hirn auf Papier.

Eine konsequente Doppelstrategie also für die Holzmedien: „Slow Food“ für den täglichen Frühstückstisch oder die Wochenendausgabe, „Fast Food“ gibt es online. Und „Fast Food“ muss man nicht mit Empörung würzen, sonst ist es wie billiges Currygewürz: das kann jeder, und dann schmeckt alles gleich. Nein, Qualität muss überall drin sein, man muss die Zutaten schmecken, sprich: Transparenz in der Recherche und in redaktionellen Entscheidungen. — Und wenn mir mehr einfällt, schreib ich es hier auf.

#wisskomm und Corona

Rainer Bromme, Senior-Professor für Pädagogische Psychologie und #wisskomm-Experte an der Uni Münster hat einen sehr guten Beitrag zur Wissenschaftskommunikation anlässlich der Corona-Pandemie veröffentlicht. Darin geht es um Konflikt und Konsens, implizit also auch um mediale Logiken. Das Gute an dem Beitrag ist, dass Bromme ganz konkrete Probleme anspricht und auch Ratschläge hat, wie die #wisskomm damit umgehen soll.

Zusammen mit dem großen Überblick von Stephan Russ-Mohl (siehe Posting davor) ergibt das ein gutes Bild, wo die Konfliktlinien derzeit verlaufen und welche Probleme die Wissenschaftskommunikation in all ihren Facetten (Journalismus, Reputationskommunikation, Fachwissen-Vermittlung, Politikberatung…) hat.

Hier geht es zum Beitrag: https://www.uni-muenster.de/news/view.php?cmdid=10953

 

Gastbeitrag: Corona in der Medienberichterstattung und in der Medienforschung

Ein Dossier von Stephan Russ-Mohl (Stand: 14. April 2020)

Als Corona alle anderen Themen aus der Medienberichterstattung verdrängt hatte und allein schon diese Thematisierungs-Monomanie Kommunikationswissenschaftler als kritische Stimmen hätte auf den Plan rufen müssen, gab es für sie kaum eine Chance, sich Gehör zu verschaffen. Nach meinem ersten, allerdings unvollständigen Eindruck ist es immerhin drei Medienforschern trotzdem gelungen, bereits in dieser Berichterstattungsphase der Schockstarre an die breitere Öffentlichkeit durchzudringen: Otfried Jarren, Klaus Meier und Bernhard Pörksen. Das hat die Frage aufgeworfen, wo sich Hunderte weiterer Medien- und Kommunikationsforscher im deutschsprachigen Raum «verstecken», die von den Medien eigentlich gerade jetzt als Quellen zur Einschätzung und Erklärung der Kommunikation rund um Corona genutzt werden sollten.

In diesem Dossier werden zunächst Beiträge der drei «sichtbaren» Kollegen präsentiert, die meine Sammel-Aktion ausgelöst haben. Dann folgen Links zu Fachkolleginnen und Kollegen, welche die Spannweite der Einlassungen verdeutlichen und belegen, wie wichtig Diskussionsbeiträge von Medienforschern sein können, um die Corona-Kommunikation in ihren Facetten zu verstehen und zu verbessern. Zum Schluss füge ich eine Liste eigener Fragen hinzu, die mehr mediale Aufmerksamkeit verdienen würden.

Das Dossier wird online auf der Website des Europäischen Journalismus-Observatoriums (https://de.ejo-online.eu) publiziert und dort zugänglich bleiben. Dort finden sich inzwischen auch im «Global Journalism Observatory» Beiträge, die sich mit der Corona-Berichterstattung in aller Welt auseinandersetzen.

1. Erste Stimmen von Medienforschern während der Corona-Schockstarre

Die Rolle der Öffentlich-Rechtlichen im Corona-Diskurs – Otfried Jarren

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk habe in Zeiten von Corona «seine Rolle noch nicht gefunden», so Otfried Jarren. Der Medienforscher, Emeritus der Universität Zürich und Präsident der Eidgenössischen Medienkommission, des obersten Beratungsgremiums der Schweizer Regierung in Fragen der Medienpolitik, beklagte unter anderem in einem Beitrag für epd-Medien, ARD und ZDF präsentierten immer denselben, zu kleinen Expertenkreis und berichteten zu regierungsnah.

Jarren bekam für seine wohlwollende, differenzierte Kritik viel Beifall von der falscher Seite – sowohl von links außen als auch von rechts außen. Dagegen hielten sich diejenigen erstaunlich bedeckt, die am meisten gefordert wären, sich für einen besseren Journalismus zu engagieren. Eine Zusammenfassung von Jarrens vergleichsweise langem Text und weiteren kritischen Stimmen findet sich auch hier.

«Fast nichts ist alternativlos» – Klaus Meier und Vinzenz Wyss

Der Eichstätter Journalistik-Professor Klaus Meier hat in längeren Interviews in mehreren Regionalzeitungen auf Probleme der Corona-Berichterstattung aufmerksam gemacht, zum Beispiel im Kölner Stadtanzeiger darauf, dass Journalismus deutlich zu machen habe, dass «fast nichts» eindeutig und «alternativlos» sei.

Meier hat später zusammen mit dem Schweizer Medienforscher Vinzenz Wyss (ZHAW Winterthur) seine Analyse vertieft. Die beiden Journalistik-Experten bemängeln insgesamt fünf Defizite der Corona-Berichterstattung, darunter insbesondere den unreflektierten Umgang mit Zahlen.

Der «Zwang zum Bescheidwissen» – Bernhard Pörksen und Marc Brost

Bernhard Pörksen (Universität Tübingen) ist derzeit vermutlich der präsenteste und wohl auch von den Medien meistzitierte Kommunikationswissenschaftler – sozusagen der Christian Drosten unter den Medienforschern. Sowohl im Spiegel als auch in der Zeit nahm Pörksen die Gelegenheit wahr, sich zu den Folgen von Corona für die gesellschaftliche Entwicklung und den medialen Diskurs zu äussern. Der Beitrag für den Spiegel befasst sich mit der Verletzlichkeit unserer Zivilisation sowie ihrer Lernfähigkeit.

In einem weiteren Beitrag, den Pörksen zusammen mit dem Journalisten Marc Brost für die Zeit geschrieben hat, gehen beide Autoren stärker auf die Rolle des Journalismus ein. Sie sehen «eine dunkle Seite des Ganzen. Den Schnappatmungs-Journalismus. Zuspitzung und Dramatisierung. Und eine Rhetorik der Alternativlosigkeit, die es im Verhältnis zur Tragweite der von der Politik im ‚Schnell, schnell‘-Modus getroffenen Entscheidungen so auch noch nicht gegeben hat.» Sie wähnen Redaktionen in der «Helden»-, in der «Zynismus»- und in der «Harmoniefalle» und konstatieren einen selbstauferlegten «Zwang zum Bescheidwissen» von Journalisten, den sie beim Thema Corona angesichts der vielen Unwägbarkeiten und Unsicherheiten für unangemessen halten.

 

2. Weitere Diskussionsbeiträge

Das «Crowdsourcing» unter Medienforscher-Kolleginnen und -Kollegen hat weitere Beiträge zutage gefördert, die zugleich zeigen, wie breit aufgestellt die Medienforschung auch im Umgang mit neuen Themen wie Corona ist. Sie werden hier in alphabetischer Reihenfolge präsentiert.

Systemrelevanz und Systemversagen – Claus Eurich

Der Dortmunder Emeritus und Journalistik-Professor Claus Eurich beobachtet in der Corona- Berichterstattung schlichtweg ein Systemversagen des Journalismus.

Medialer Rettungsschirm für die Regierung – Daria Gordeeva

Eine erste Inhaltsanalyse zur Corona-Berichterstattung hat Daria Gordeeva, Doktorandin bei Michael Meyen an der Universität München, vorgelegt. Sie gelangt zu der Erkenntnis, die Kriegs- und Feindrhetorik der von ihr untersuchten Medien (Spiegel, SZ, FAZ und Bild), treibe uns – wie in einem richtigen Krieg – in die «schützenden Arme der Exekutive».

 

„Informatorischer Leerlauf“ – Michael Haller

Besonders gründlich hat Michael Haller die bisherige Corona-Berichterstattung analysiert: Der „informatorische Leerlauf“ mache es vielen Menschen „noch schwerer, die als existenzbedrohend erlebte Ungewissheit auszuhalten.“ Haller gibt eine Hilfestellung zum Funktionsverständnis der Medien – keine Gebrauchsanweisung, sondern einen «medienkritischen Ariadnefaden durch das Labyrinth der Meldungen, Meinungen und Prophetien».

Haller hat an der Universität Leipzig von 1993 an den Journalistik-Studiengang aufgebaut und über Jahrzehnte hinweg mit seiner Forschung, aber auch mit seinen Lehrbüchern und Fachzeitschriften („Sage & schreibe“, „Message“) den Diskurs über Journalismus geprägt.

Journalistische Qualität fördern – Matthias Karmasin

Mit der Presseförderung in Österreich, die coronabedingt noch dringlicher geworden sei, setzte sich Mathias Karmasin (Akademie der Wissenschaften, Wien und Universität Klagenfurt) auseinander – und forderte Fokussierung auf journalistische Qualität statt Gießkannenprinzip.

Fehlende Daten und die Dynamik der Krisen-Berichterstattung – Hans Mathias Kepplinger

Dem Mainzer Emeritus Hans-Mathias Kepplinger ist es „absolut unverständlich, weshalb das Robert-Koch-Institut nicht die Zahl der täglich getesteten Personen veröffentlicht – damit jeder nachrechnen kann, ob der Prozentsatz „positiv“ kleiner oder größer wird. Und warum sie nicht erklären, weshalb sie das nicht machen. Und dass kein Journalist darauf besteht, dass das gemacht oder gerechtfertigt wird.“ (E-Mail an den Verfasser vom 3.April 2020)

Kepplinger hat mehr als andere Medienforscher dazu beigetragen, die Dynamik von Krisen- und Skandalberichterstattung zu untersuchen. Auch die Corona-Berichterstattung lief bisher nach seinem Drehbuch. Was für ein Jammer, dass Journalisten seine Erkenntnisse kaum nutzen, um ihre eigene Rolle im Corona-Drama zu hinterfragen. Statt eines aktuellen Beitrags sei hier nochmals auf eines seiner letzten einschlägigen und grundlegenden Werke verwiesen:

https://www.halem-verlag.de/totschweigen-und-skLeandalisieren/

Online Teaching, Distance Learning – Larissa Krainer

Die Chancen und Risiken von Online-Lehre und -Lernen hat Larissa Krainer (Universität Klagenfurt) in ihrer Kolumne im Blog «Ein Fall für die Wissenschaft» bei derstandard.at ausgelotet. Sie befasst sich mit einer Herausforderung, der sich derzeit Abertausende Lehrer und Hochschullehrer sowie Schüler und Studenten zu stellen haben:

Auch der Blog selbst verdiente es, Nachahmer in den DACH-Ländern zu finden. Abwechselnd beteiligen sich Medienforscher aus nahezu allen österreichischen Hochschulen an diesem Blog – und machen so ihre Erkenntnisse für einen grösseren Kreis von Usern zugänglich.

Große Nachfrage nach konstruktivem Journalismus – Volker Lilienthal

In Abgrenzung zu Otfried Jarren verteidigt Volker Lilienthal (Emeritus für Journalistik, Universität Hamburg) in einem Interview die journalistischen Leistungen der Öffentlich-Rechtlichen, fordert aber auch mehr konstruktiven Journalismus.

Datenschutz angemahnt – Marlis Prinzing

In ihrer Medialab-Kolumne im Tagesspiegel hat Marlis Prinzing, Journalistik-Professorin an der Macromedia Hochschule in Köln, auf die Datenschutzprobleme hingewiesen, die entstehen können, wenn Telekommunikations-Unternehmen coronabedingt Forschungsstätten wie dem Robert-Koch- Institut angeblich anonymisierte Telefon-Daten zur Auswertung überlassen.

Desinformation und Verschwörungstheorien zu Corona – Thorsten Quandt

Der Medienforscher Thorsten Quandt (Universität Münster) gehört zu den ersten Wissenschaftlern, die mit empirischen Analysen zur Corona-Berichterstattung aufwarten – und zwar mit einer Studie, wie populistisch-alternative Medien Desinformation und Verschwörungstheorien streuen. Die Studie wurde in englischer Sprache publiziert. In der Süddeutschen Zeitung gab es dazu diese Zusammenfassung.

Berichterstattungs-Tipps zu Corona und internationaler Vergleich – Roland Schatz

Roland Schatz beobachtet seit Jahrzehnten mit seinem privaten Forschungsinstitut die Krisenberichterstattung der Medien zu Epidemien wie Rinderwahn, Vogelgrippe und SARS. Basierend auf dieser Erfahrung, hat der Chef von Media-Tenor (Zürich) als einer der ersten Medienexperten Redaktionen konkrete Tipps für den Umgang mit Corona geliefert.

In seinem neuen Newsletter „Corona Perspectives“ kritisiert Schatz zudem, dass sich die mediale Aufmerksamkeit ausserhalb der DACH-Länder bisher auf nur wenige Corona-Hotspots, also China, Italien, Spanien und die USA richte. Dagegen interessierten sich die Redaktionen viel zu wenig für diejenigen Länder, denen es bisher gelungen sei, die Zahl der Corona-Erkrankten und Toten niedrig zu halten. Das seien beispielsweise Estland, Finnland, die Slowakei, Slowenien und Singapur.

„Es gilt, auch Wissenschaft kritisch zu hinterfragen“ – Tanjev Schultz

Noch vor der Corona-Krise hat Tanjev Schultz, Journalistik-Professor an der Universität Mainz und zuvor leitender politischer Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, zum Wissenschaftsjournalismus einen Essay verfasst, der im Angesicht des Virus geradezu dramatisch an Aktualität hinzugewonnen hat:

«Wer Journalismus und PR nicht verwechselt oder vermischt, gibt sich als Journalist nicht zufrieden mit der Rolle eines ,Übersetzers’ und ,Popularisierers’“, schreibt Schultz – eine Ermahnung, die wohl im derzeitigen Umgang mit Virologen und Epidemiologen wichtiger ist denn je, die aber voraussetzt, dass Redaktionen über entsprechend gerüstete Wissenschaftsjournalisten verfügen.

„Weg vom Verlautbarungsmodus“ – Holger Wormer

Ganz ähnlich wünscht sich Holger Wormer, der an der Universität Dortmund Wissenschafts- und Medizinjournalismus lehrt und zuvor als Wissenschaftsredakteur bei der Süddeutschen Zeitung gearbeitet hat, mehr Recherche und weniger Verlautbarungsjournalismus. Insgesamt stellt er im Interview mit dem PR-Magazin der Corona-Berichterstattung ein gutes Zeugnis aus. Gleichwohl rückt der etwas über 50-Jährige die Risiken zurecht: „Eine regelmäßige Autofahrt von Dortmund in meine alte Heimat München setzt mich rein statistisch vielleicht einem höheren individuellen Risiko aus als das Coronavirus.»

3. Zum Schluss: Herdentrieb im Kampf um Aufmerksamkeit? Offene Fragen

Es kann nicht in Abrede gestellt werden, dass die meisten Redaktionen derzeit unter schwierigen Bedingungen Ausserordentliches leisten. Von der Neuen Zürcher Zeitung bis hin zum RBB haben deshalb Medien auch ihre eigene Leistung in der Corona-Berichterstattung belobigt. Das allerdings reicht nicht aus. Es sind an den Journalismus weiterhin Fragen zu stellen, gerade weil er für Demokratien «systemrelevant» ist und seine Berichterstattung über Leben und Tod mitentscheiden kann. Einige solche Fragen habe ich zusammengetragen – sie richten sich an Sie alle als Empfänger dieses Mailings, an Medienverantwortliche ebenso wie an Medienforscher und -forscherinnen.

  1. Panikmache: Die Nachrichtenmedien, insbesondere die TV-Nachrichten kannten seit dem Ende des Karnevals wie nie zuvor fast nur noch ein einziges Thema. Haben die Medien mit ihrer Corona-Berichterstattung mehr Angst und Schrecken geschürt als nötig? Haben sie mit ihrer erstaunlich konsonanten Berichterstattung den Boden bereitet, die Politik der Bundesregierung als «alternativlos» erscheinen zu lassen? Ja, haben sie vielleicht sogar erst das Meinungsklima erzeugt, das den Shutdown «alternativlos» werden liess? Warum wurden und werden wir tagtäglich mit Zahlen von nachgewiesenen Infizierten und Todesopfern bombardiert, obschon den Wissenschaftlern die entscheidenden Zahlen und Daten zur Einordnung der Gefährlichkeit des Virus (z.B. Dunkelziffer, Grad der Durchseuchung) weiterhin fehlen? Ist Journalisten hinreichend bewusst, dass sie nicht nur über die Pandemie berichten, sondern auch mit ihrer Berichterstattung Wirklichkeit konstruieren?
  2. Quellenvielfalt und Quellenprüfung: Könnte es sein, dass auch in grösseren Redaktionen Wissenschafts- und Medienjournalisten fehlen, die angemessen für Quellenvielfalt sorgen sowie einordnen und kontextualisieren können, was ihnen von Virologen und Epidemiologen zugeliefert wird, und wie die Medien mit diesen Informationen umgehen? Warum waren es zunächst immer dieselben Experten, die exklusiv vor die Kamera geholt wurden?
  3. Transparenz der Berichterstattungs-Bedingungen: Ist der Journalismus, dem neuerdings (zu recht!) von höchster Stelle «Systemrelevanz» attestiert wird, hinreichend auf die Pandemieherausforderung vorbereitet? Wo und wann wurde um der eigenen Glaubwürdigkeit willen die Bevölkerung über Defizite der Berichterstattung in ähnlicher Weise informiert, wie wir über den Zustand unserer Krankenhäuser und der Bundeswehr anlässlich der Bereitstellung von Beatmungsgeräten und Schutzmasken informiert werden? Warum erfahren wir von den Leitmedien so wenig über die Bedingungen, unter denen sie berichten – insbesondere dann, wenn als Quellen PR genutzt wird oder wenn, wie wochenlang im Fall von China, Regierungspropaganda autoritärer Regime weiterverbreitet wird?
  4. Grenzen internationaler Vergleiche: Warum vergleichen Journalisten weiterhin international Corona-Tote und -Infizierte – obschon bekannt ist, dass die Zahlen auf unterschiedliche Weise erhoben werden und damit Vergleiche nicht aussagekräftig sind? Warum erfahren wir so viel über ganz wenige Länder (Hotspots: China, Italien, Schweiz, Spanien, USA) und so wenig über Länder, die bisher bei der Eindämmung von Corona «erfolgreicher» waren als wir? Wäre nicht gerade jetzt weniger Negativismus, mehr konstruktiver Journalismus gefragt?
  5. Wirkungsmacht von Bildern versus Risiko-Statistiken: Wissen Corona-Berichterstatter um die Übermacht ihrer Bilder (Beispiel: Leichentransporte mit italienischen Armeefahrzeugen in Bergamo) im Vergleich zur begrenzten Macht von Statistiken und Zahlen, welche helfen könnten, Risiken realistisch einzuordnen, zu bewerten und mediale Übertreibungen (wie z.B. bei SARS, BSE etc.) zu relativieren?
  6. Kontextualisierung von Rettungsprogrammen: Wo doch menschliches Vorstellungsvermögen von Milliarden und Billionen Euro begrenzt ist: Weshalb wird so selten versucht, die Fördersummen, mit denen derzeit die Regierungen um sich werfen, als liesse sich Geld in beliebiger Menge ungestraft drucken und vermehren, durch Vergleiche zu veranschaulichen und begreifbarer zu machen? 
  7. Selbstgestrickte Umfragen: Warum traktieren uns Redaktionen immer wieder mit selbstgestrickten Umfragen, deren Aussagewert gleich null und deren Unterhaltungswert fragwürdig ist? (Beispiele: Wer ist der beste Corona-Krisenmanager? Welchem Virologen vertrauen Sie am meisten?)
  8. Herdentrieb: Wie lässt sich die Selbstgleichrichtung der Corona-Berichterstattung in den Leitmedien bis zum Shutdown erklären? Welche Rolle spielen im Kontext der Corona- Berichterstattung, bei der es immerhin um Leben und Tod geht, Erkenntnisse der Verhaltensökonomie und der Sozialpsychologie zum Herdenverhalten von Menschen? Inwieweit werden auch Journalistinnen und Journalisten – trotz professioneller Ausbildung – zu Opfern von Bestätigungsverzerrung (confirmation bias) und Verfügbarkeits- Heuristiken (availability heuristics)?
  9. Journalismus als Frühwarnsystem: Haben wirklich nur die Bundesregierung und ihre Geheimdienste – wie etwa vom Spiegel (Heft 12/2020) behauptet – die Relevanz von Corona lange unterschätzt? Konnten sich die Auslandskorrespondenten in China im Vorfeld und während des Shutdowns von Wuhan in den deutschen Medien angemessen und rechtzeitig Aufmerksamkeit verschaffen? Weshalb wurde nicht bereits während des Karnevals mehr von den Medien gewarnt – und dieser noch nicht einmal nach den Terroranschlägen von Hanau und Volkmarsen abgebrochen?

     

    Ich hoffe, dass diese Fragen zu Reflexion und Selbstreflexion anregen, und dass wir gemeinsam die «richtigen» Antworten finden.

    Mein Dank geht insbesondere an Christian P. Hoffmann, Otfried Jarren, Larissa Krainer, Uwe Krüger, Volker Lilienthal, Klaus Meier, Bernhard Pörksen, Roland Schatz, Tanjev Schultz, Bartosz Wilczek, Holger Wormer und Vinzenz Wyss für Anregungen und Zulieferungen.

    Der Autor: Dr. Stephan Russ-Mohl ist emeritierter Professor für Journalistik und Medienmanagement an der Università della Svizzera italiana in Lugano (Schweiz) sowie Gründer des 12 sprachigen European Journalism Observatory. Er ist Medienkolumnist beim Tagesspiegel, beim Schweizer Journalist und bei Der österreichische Journalist sowie langjähriger Mitarbeiter der Neuen Zürcher Zeitung. Jüngste Buchpublikation: Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde. Warum die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet, Köln: Herbert von Halem Verlag, 2017

    Kontakt: stephan.russ-mohl@usi.ch

Logiken: medial, wissenschaftlich und in der Krise

Musste der Drosten denn auch noch zum STERN gehen? Ja, sag ich. Nein, sagt meine Freundin. Ja, weil er doch seriöse Informationen an die Frau und den Mann bringen muss, und der STERN hat viele Leser*innen. Nein, weil er doch wissen müsse, dass er dann verkürzt wiedergegeben wird mit „Ein Jahr keine Bundesliga“ (und das auch noch zum Weiterlesen erst einmal hinter einer Paywall, jetzt aufgehoben).

Wir streiten uns uns über Wissenschaft und mediale Logik und ich erinnere mich an meine Volontärsausbildung. Eine Kollegin, Volontärin bei Quick (Zeitschrift; 1948–1992), erzählte vom Witwenschütteln, wie es auch die BILD betreibe. Reporter*in an der Tür einer Trauernden: „Wir haben hier schlimme Fotos von dem Unfall, die wollen wir nicht veröffentlichen, könnten Sie uns nicht ein schönes Foto Ihres Mannes/Ihrer Tochter/Ihrer Mutter (Unzutreffendes bitte streichen) geben?“ Das war mir damals neu (ich kannte die Erzählung von Böll damals noch nicht) und ich war einigermaßen schockiert, wie es sich für einen idealistischen angehenden Journalisten gehört. Ich rede über die 1980er und 1990er Jahre. Eine Zeit, in der das Großraumbüro, in dem Volontärinnen und Praktikantinnen einer anderen Münchner Zeitschrift saßen, von den Redakteuren dort nur „Babystrich“ genannt wurde. Viele der heute leitenden und erfahrenen Redakteure – und auch die  Redakteurinnen – wurden so sozialisiert, heute schreiben die nunmehr älteren Männer feinsinnige Glossen, leise nach Rechts driftend. Oder sind Herausgeber, Verleger, Chefs. Mediale Logik. Sie wächst auf einem Nährboden. Wenn wir es nicht machen, machen es die anderen. So schlimm wie die BILD/B.Z./focus-online/achgut.de… (Unzutreffendes bitte streichen) sind wir doch nicht. Mediale Logik.

Ja, aber die Wissenschaft, die weiß das doch alles. Die braucht da nicht hingehen, sagt meine Freundin. Je nun, man kann auch Wissenschaftler*innen schütteln: Naja, wenn Sie uns kein Interview geben wollen, dann bleiben die Aussagen von Ärzte gegen Tierversuche halt unwidersprochen. Dann berichten wir halt, was der Klimawandelleugnerverein EIKE sagt. Dann kommt halt doch der Wodarg zu Wort. Warum schweigt eigentlich der Lungen(!!)arzt Köhler?

Schon fragt die Politik, wo denn die Stimme der organisierten Wissenschaft sei. Politische und mediale Logik. Keiner fragt bei Fachgesellschaften oder in den Chefetagen großer Organisationen. Da kommt (fast) nichts – fast, weil die Epidemiolog*innen (siehe Link) immerhin recht rasch reagiert haben. Die organisierte Wissenschaft aber schweigt viel. Kein gutes Zitat, das für eine knackige Überschrift („Zeile“) reicht. Da, die von Sender X haben den Drosten, der hat ne gute Zeile geliefert, dann brauchen wir von Medium Y einen anderen, den Kekulé, der ist auch für eine gute Zeile gut. In der Redaktion von Z: Guckt doch mal auf Twitter, da muss es doch noch andere geben, am besten schon mit akademischem Titel, aber gerne Außenseiter, kontrovers. Hier, der Augstein, der hat einen Experten auf Youtube gefunden. Echt wahr!

Deutschland im Shutdown. Das hatte sich abgezeichnet. Das ist dann eingetreten. Alle reiben sich die Augen: das ist historisch! Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik… Da müsste doch jetzt eine Forschungsorganisation oder Akademie was dazu sagen. Dinge richtig stellen. Organisationslogik. Telefonkonferenzen werden von Chefsekretärinnen und persönlichen Referentinnen geschaltet, die E-Mail-Postfächer quellen über, Konzeptpapiere als Word-Dokumente im „track changes mode“ werden hin- und hergeschickt, so oft geändert, dass die Farben psychedelisch wirken und man Angst haben muss, einen epileptischen Anfall nur vom Lesen zu bekommen. Die Chefs brüten, diskutieren, diktieren Bänder voll, Sekretariate editieren im Track Change. Wo ist die Stimme der Wissenschaft? Mediale Logik. Drosten soll Bundeskanzler werden oder Papst. Er wehrt sich tapfer, gibt Interviews und stellt richtig. Auf Twitter tauchen kurze Clips von ihm mit verwuscheltem Haar auf, er zwinkert. Wirklich, ja, ich hab’s selbst gesehen, er zwinkert. Hatten wir Rockstar schon? Groupies, männlich wie weiblich, hat er jedenfalls. Mich eingeschlossen. Mediale Logik. Organisationslogik. Wo ist die Stimme der Vernunft?

Vernunft und Krise. Die Logik der Krise. Zwei Thesen dazu, oder besser Prämissen, denn es sind eher Binsen als Thesen: (1) In der Krise suchen nahezu alle Menschen nach Sicherheit. (2) In der Krise greifen die meisten Menschen auf das zurück, was sie am besten können (denn das gibt eine innere Sicherheit).

Beispiel Riffreporter: Die haben Kooperation geübt, die haben Themenschwerpunkte geübt, die haben Einordnen geübt. Das können die und deshalb haben die ein super Angebot, was Informationen zu COVID-19 angeht. Ähnlich gut sieht es bei correctiv.org aus.

Beispiel herkömmliche Medien: Knackige Schlagzeilen, Angst machen, Helden aufbauen und deren Geschichten erzählen, einen eigenen „Dreh“ finden, zuspitzen. Ich bin außerordentlich unzufrieden und frustriert über das, was ich wahrnehme. Disclaimer: Ich habe mir aus Selbstschutzgründen in den letzten Tagen versagt, immer wieder die Themenseiten der Medien aufzurufen. Kann also sein, dass ich gerade jemand Unrecht tue. Aber was mir Tagesschau (App), die Story mit dem Drosten-Interview vom STERN und andere kurze Blicke in die traditionellen Medien zeigen, ist der Rückgriff auf eingeübte Praktiken: Ich habe den cooleren Experten, die steilere These, die bessere Heldin, den schlimmsten Bösewicht… Mediale Logik gepaart mit der Logik der Krise. Sonja Kastilan beschreibt die Situation ganz schön in der FAS (hinter einer Paywall, versteht sich).

Beispiel Wissenschaftsorganisationen: Auf den Webseiten sagt mir die Max-Planck-Gesellschaft: COVID-19? Ist nicht unser Thema, wir machen weiter wie immer (Aufmachertext über Schengen). Helmholtz sagt, wir sind wichtig und machen wichtige Sachen zu COVID-19. Leibniz greift Fragen der Menschen auf (Wer ist besonders gefährdet? Können Tiere COVID-19 kriegen?) und Fraunhofer macht es wie Max Planck. Die Logik der Krise. Fraunhofer und Max Planck kommen mir vor wie die katholische Kirche bei der Frage nach Frauen als Priester: Unser Erfolgsmodell ist seit 2000 Jahren, sich nicht um kurzfristige Trends zu kümmern. Wir können am besten „stur“.

Helmholtz macht Forschungsmarketing, Leibniz surft gut und geschickt auf der Agenda. Um das klar zu sagen: Beides ist legitim. Es ist in Ordnung, darauf hinzuweisen, was Helmholtz alles an Corona- und COVID-19-Forschung betreibt und unterstützt, vor allem, wenn eine sehr vorausschauende Studie dabei ist, die ein Helmholtz-Zentrum koordiniert. Und genauso ist es in Ordnung, das brandheiße Thema der Krise aufzugreifen und Fragen in Podcasts zu beantworten, wie Leibniz das tut. Und ganz bestimmt steckt hinter der Entscheidung von Max Planck und Fraunhofer auch eine Logik, aber die erschließt sich mir gerade nicht.

Organisationslogik. Dahinter stehen Menschen, Präsidenten und deren Stäbe. Auch diese Menschen greifen, so meine Beobachtung und Prämisse, auf das zurück, was sie am besten können, wovon sie sich Sicherheit versprechen. Das ist dann, in der Organisationslogik der Wissenschaftsorganisationen, die Sicherstellung der eigenen Existenz, das Beantragen von Fördermitteln und die Pflege der Reputation. In der Logik der Politik ist das das Fordern, das Beschließen oder, in der Opposition, das Fragen und Kritisieren, jeweils unter Zuhilfenahme der Medien. Was ich mir wünschte, hatte ich in einem vorherigen Blogbeitrag schon mal skizziert, ein Aufbrechen dieser Logiken in einer wirklich historischen Situation.

Wenn die Leopoldina und acatech in kurzen Abständen hintereinander Stellungnahmen veröffentlichen, ist das ein sehr guter Anfang, aber es ist immer noch zum großen Teil innerhalb der jeweiligen Logiken. Die Akademien haben extrem schnell reagiert, das ist schon mal gut und außerhalb der sonstigen Logik des langen Abwägungsprozesses. Aber sie geben eben „nur“ kluge Ratschläge, ohne die Möglichkeit, selbst Forschung zu steuern. Das können sie nämlich gar nicht. Das wäre Sache der Organisationen wie Leibniz, Max Planck, Fraunhofer und Helmholtz. Das wird auch passieren, wenn die letzten Track Changes in den Konzeptpapieren alle verschwunden und daraus Konsenspapiere und Anträge entstanden sind. Aus meiner Sicht zu spät. Ebenso wie die Verantwortlichen in den Medien zu spät verstehen werden, dass sie ihre Logik des wechselseitigen Überbietens überdenken sollten. 

Offenlegung: Ich arbeite in einem Zentrum der Helmholtz-Gemeinschaft und war früher einmal Pressesprecher der Leibniz-Gemeinschaft. 

Corona: Update in English

Dear publishers, dear editors-in-chief, dear managing directors, dear journalists, dear PR colleagues in research,

why do I have to go to the Johns Hopkins University  to see a cool map display of the world’s cases and tables? Why do I have to go to USA or UK to see this as a graph?  Why do I need Twitter to feel fully informed? Why do I have to follow Lars Fischer and Kai Kupferschmidt and Christian Drosten to get trustworthy classifications of news?

Sorry, RKI, you’re really good and important, but you’re not really up to it. You also have more important things to do now (I am not at all being sarcastic, I’m serious!). Everyone is working at the limit. Everybody’s trying to do their best. It would be too much to comment now also on Bullsh*t like the question of a tabloid (BILD) reporter at the federal press conference if the Wies’n (aka Oktoberfest) in September and October could be affected.

And the numbers are rising. One half of Germany is demanding a complete „shutdown“ (without asking who will deliver their pasta and toilet paper), the others are celebrating a kind of Germany-wide measles party. In Berlin, red-and-white ribbon separates bus drivers from passengers who are not allowed to enter through the front doors of the buses while clubs a few days ago seriously considered to split a concert into two gigs on the same evening, so that there are less than 1000 people each. Meanwhile, all clubs are closed.

Please, why don’t the publishers get together and build one site with interactive corona maps for Germany, Europe, and the World, together with research organisations, for example? With links to stories of Lars Fischer, Sascha Karberg, Nicola Kuhrt, Kai Kupferschmidt (to name but a few; these are just the first ones that come to my mind, I hope those that don’t come to mind right now are not offended, I would be very sorry!), with trustworthy information and the podcasts of Christian Drosten? And Mai Thi Nguyen-Kim and Rezo and the Science Media Center help? I mean, the sh*t is about to hit the fan. Either because of the disease or because of hysteria or ignorance or everything. Look at Italy. Look at the USA.

Why does everybody write and broadcast on their own? ARD and ZDF, get together. Bring information to the people that is evidence based (!!) Don’t let every idiot get a word in. See above. Now would be the hour for science journalism and science communication to fulfil a civic responsibility together. No scare tactics, but well and cleverly prepared information – based on scientific evidence. On one page. At one address. Why doesn’t Phoenix (for foreign readers: that’s a jointly operated channel of Germany’s public broadcasters) or another special interest channel dedicate its entire program, yes, I mean completely!, to the Corona crisis. Constant updates, like Public Radio, classifications of news, statements of experts. This would also relieve the experts, who don’t have to run from studio A to station B and give a telephone interview to the German Press Agency DPA in between. Before Health Secretary Jens Spahn calls them and asks for advice.

Now everyone will say, but I do, we already have… — Yes?

YES?

Did you? Do you? No paywall? Everything so that everyone understands? Even on video? Even for the blind? Or the hearing impaired? F*ck, get together, inform the people and help us to master this crisis. Spektrum, FAZ, ZEIT, Süddeutsche, ZDF and ARD, Bloggers, Youtubers. T-Online, SPIEGEL, all the platforms with the highest reach. Please. Don’t look for the headline that sets you apart, don’t try to see if you have the best expert first. Inform the people outside. Get together. It. Is. Crisis. You. Can. Can. Do. Right. A lot.

Why not a special Twitter channel which debunks myths, which promotes researchers with sound and evidence-based advice instead of snake oil experts, fear-mongers and conspiracy „experts“? Scicomm, unite!

Corona: Wie Medien in der Krise helfen könnten

Liebe Verlage, liebe Chefredakteur*innen, liebe Geschäftsführer*innen, liebe Journalist*innen, liebe PR-Kolleg*innen in der Forschung,

warum muss ich auf die Seite von der Johns Hopkins Universität gehen, um eine coole Kartendarstellung der weltweiten Fälle und Tabellen zu sehen? Warum muss ich nach USA schauen, um das als Grafik zu sehen?  Warum brauche ich Twitter, um mich umfassend informiert zu fühlen? Warum muss ich Lars Fischer und Kai Kupferschmidt und Christian Drosten folgen, um vertrauenswürdige Einordnungen von Nachrichten zu erhalten?

Sorry, RKI, ihr seid gut und wichtig, aber ihr habt es nicht so drauf. Ihr habt jetzt auch Wichtigeres zu tun (keine Häme, ich meine es ernst!). Alle arbeiten am Anschlag. Alle bemühen sich. Es wäre zu viel verlangt, jetzt auch noch Bullsh*t zu kommentieren wie die Frage des BILD-Reporters bei der Bundespressekonferenz, ob die Wies’n (aka Oktoberfest) betroffen sein könnte.

Und die Zahlen steigen. Die eine Hälfte Deutschlands fordert mit Angstlust einen kompletten „Shutdown“ (ohne zu fragen, wer dann ihre Nudeln und das Klopapier liefert), die anderen feiern eine Art deutschlandweite Masernparty. In Berlin sperrt rot-weißes Flatterband die vorderen Türen der Busse und Clubs überlegen zugleich, ein Konzert in zwei Teile zu trennen, damit es jeweils unter 1000 Leute sind.

Warum, bitte, tun sich die Verlage nicht zusammen und bauen gemeinsam mit Forschungsorganisationen, zum Beispiel, eine interaktive Corona-Karte für Deutschland und Europa? Mit den Stories von Lars Fischer, Sascha Karberg, Nicola Kuhrt, Kai Kupferschmidt (das sind jetzt nur mal die ersten, die mir einfallen, ich hoffe die, die mir gerade nicht einfallen, sind nicht beleidigt, das täte mir sehr Leid!),  mit vertrauenswürdigen Infos und den Podcasts von Christian Drosten? Und Mai Thi Nguyen-Kim und Rezo und das Science Media Center helfen? Ich meine, die Kacke ist bald richtig am Dampfen. Entweder wegen der Krankheit oder wegen der Hysterie oder der Ignoranz oder wegen allem. Schaut nach Italien. Schaut in die USA.

Warum schreibt und sendet jede/r für sich? ARD und ZDF, tut euch zusammen. Bringt Informationen unters Volk, die gesichert(!!) sind. Lasst nicht jeden Deppen zu Wort kommen. Siehe oben. Jetzt wäre die Stunde für Wissenschaftsjournalismus und Wissenschaftskommunikation, einer staatsbürgerlichen Verantwortung gemeinsam gerecht zu werden. Keine Panikmache, sondern gut und klug aufbereitete Informationen, auf wissenschaftlicher Evidenz basierend. Auf einer Seite. Unter einer Adresse. Warum widmet Phönix oder ein anderer Spartenkanal nicht sein komplettes Programm, ja, ich meine komplett!, der Corona-Krise. Ständige Updates à la infoRADIO… – Einordnungen von Nachrichten, Statements von Expert*innen. Das würde auch die Expert*innen entlasten, die nicht von Studio A zu Sender B rennen müssen und dazwischen der DPA ein Telefoninterview geben. Bevor Jens Spahn anrufen lässt und sie nach Rat fragt.

Jetzt werden alle sagen, aber ICH mach doch, WIR haben doch… — Ja?

JA?

Habt ihr? Alles ohne Paywall? Alles so, dass alle es verstehen? Auch als Video? Auch für Blinde? F*ck, tut euch zusammen, informiert die Menschen und helft dabei, dass wir diese Krise meistern. Spektrum, FAZ, ZEIT, Süddeutsche, ZDF und ARD, Blogger*innen und Youtuber*innen. T-Online, SPIEGEL, alle die reichweitenstarken Plattformen. Please. Schielt nicht auf die Zeile, die euch von anderen abhebt, schaut nicht, ob ihr die beste Expertin zuerst habt. Informiert die Menschen draußen. Tut euch zusammen. Es. Ist. Krise. Ihr. Könnt. Was. Tun. Richtig. Viel.

Spektrum (ohne Paywall): https://www.spektrum.de/wissen/wie-schuetzt-man-sich-vor-der-pandemie/1700384

Die FAZ: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/zahlen-zum-coronavirus-die-pandemie-im-ueberblick-16653240.html

Süddeutsche Zeitung: https://www.sueddeutsche.de/thema/Coronavirus

ZEIT (übersichtlich und hilfreich, finde ich): https://www.zeit.de/thema/coronavirus

ARD (ich finde mich da nicht zurecht!): https://www.tagesschau.de/thema/coronavirus/

ZDF (auch hier weiß ich nicht, ob ich richtig bin): https://www.zdf.de/nachrichten/politik/blog-coronavirus-102.html

Robert-Koch-Institut (super viele Infos, mich erschlagen die ein bisschen, aber immer up-to-date): https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/nCoV_node.html

Johns Hopkins Universität  (mit super Grafik und neuesten Daten, halt auf Englisch): https://gisanddata.maps.arcgis.com/apps/opsdashboard/index.html#/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6

WHO-Dashboard (ein bisschen wie Johns Hopkins, aber ich finde mich schwerer zurecht, ach ja: Dashboard heißt Armaturenbrett): https://experience.arcgis.com/experience/685d0ace521648f8a5beeeee1b9125cd

Wer den folgenden Menschen nicht folgt, ist selber schuld:

@c_drosten (Chefvirologe, Podcast-Experte, super cool, super informiert, super klug)

@Fischblog (hervorragende Einordnungen, Kodderschnauze und auf manche, die ihn nicht kennen, zynisch wirkend, aber ernst, wo es ernst sein muss)

@kakape (super Medizinjournalist, berichtet von der WHO)

 

WisskommjourPRÖA

Weil ich jetzt so oft angesprochen worden bin, werde ich mir untreu und schreibe nun also doch über die Frage, ob der Begriff Wissenschaftskommunikation den Wissenschaftsjournalismus einschließt oder nicht. Hier also die Antwort: Tut er.

Das war’s.

Ehrlich. Ich bleib dabei.

Im Ernst: Was streiten wir uns um diese Begrifflichkeiten? Dahinter steht doch eine andere Frage, die von Heidi Blattmann und Josef König in jeweils unterschiedlicher Weise aufgegriffen wird. Die eine, als Journalistin quasi selbst direkt angesprochen, will nicht vereinnahmt werden. Ihr sträubt sich alles, sich „als Journalistin in eine Kategorie – die der Wissenschaftskommunikation – einzugliedern, in die ich meinem Verständnis nach nicht gehöre.“ Der andere, Josef König, raunt etwas von „der Spur des Geldes“. Auch da ist also die Befürchtung, „die Wissenschaft“ oder die Wissenschaftskommunikation, hier verstanden als finanzstarke PR-Maschinerie, möchte den Journalismus kaufen. „Der Wissenschaftsjournalismus wiederum schielt auf Profit, indem er unter die warme Decke der betuchten Wissenschaftskommunikation schlüpft und sich von ihr Alimente erhofft“, heißt es bei Josef König.

Die Grafik bei Wikipedia (nach Carsten Könneker) zeigt die drei Komponenten Wissenschaft, Journalismus und PR sehr schön. Alle betreiben sie Kommunikation. Kommuniziert die Wissenschaft innerhalb der Wissenschaft, ist das fachlicher Austausch (an anderer Stelle habe ich von Science2Science Communication gesprochen und auch von verschwimmenden Grenzen und Science2Lay Communication). Kommuniziert sie explizit aus dem System heraus, ist das Wissensvermittlung, PR, Öffentlichkeitsarbeit. Und kommunizieren Journalist*innen über die Wissenschaft, ist es eben Wissenschaftsjournalismus. Aber alle kommunizieren – aus der oder über die Wissenschaft. Alle haben ihre spezifischen Rollen.

Es gibt eine Besonderheit: Die Wissenschaft und mit ihr die institutionell gebundene  Kommunikation aus der Wissenschaft heraus ist auf den Journalismus angewiesen, wenn es um Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit geht. Es ist ganz einfach: Ohne unabhängigen Journalismus gibt es keine Glaubwürdigkeit. Innerwissenschaftlich ist das anders, da greifen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis und Peer Review. Aber damit kann die große Mehrheit der Menschen nichts anfangen. Das haben wir in Siggen mehrfach besprochen, ich habe dazu auch geblogged.

Die Argumente für und gegen eine staatliche Stiftung, die Wissenschaftsjournalismus fördern könnte, sind längst ausgetauscht. Etwa hier und hier. Ich will das nicht alles wiederkäuen. Nur so viel: Der Wissenschaft könnte nichts Blöderes einfallen, als sich journalistische Berichterstattung zu kaufen oder unabhängigen Journalismus zu simulieren. Und den Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wiederum wäre auch nicht mehr zu helfen, wenn sie sich kaufen ließen. Damit wäre sämtliches Vertrauen in alle Komponenten des Systems erschüttert.

Insofern ärgere ich mich über die Unterstellungen, wir PR-Menschen aus der Wissenschaft (oder unsere Chefs und Chefinnen) wollten Journalist*innen in eine „Wissenschaftskommunikationsfamilie“ eingliedern oder mit Geld ködern. Das beleidigt sowohl unsere Intelligenz als auch die ehrliche Sorge um unabhängigen Journalismus –  den wir (aus durchaus auch eigennützigen Gründen) in eben seiner Unabhängigkeit brauchen.

Überdenkt eure Anspruchshaltung

Liebe Journalistinnen und Journalisten,

könnt ihr bitte mal für einen kurzen Moment von euren hohen Rössern absteigen und eure eigene Anspruchshaltung hinterfragen, bevor ihr der Wissenschaft Kommunikationsversagen vorwerft? Die Feinstaub- und Stickoxiddebatte, so lese ich bei Spiegel Online, in der ZEIT und auch beim ehemaligen Journalisten Jens Rehländer, habe das Versagen der Wissenschaft gezeigt (Offenlegung: Ich selbst habe an anderer Stelle auch schon davon gesprochen und habe aktuell auch zustimmend Tweets geteilt). Jetzt, mit ein paar Tagen Abstand, frage ich mich, ob man das so einfach stehen lassen soll.

Die Wissenschaft hat doch längst alle Fakten zum Feinstaub gesammelt. Hat sie dokumentiert und mitgeteilt – in einem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin aus dem November 2018. Hätte man sich ergoogeln oder erbingen können. Oder erfragen. Anrufen und Fragen stellen ist zwar „old school“ und manchmal mühsam, aber – ich glaube, der Fachbegriff heißt Recherche – es sollte zu den Grundtugenden einer Redaktion gehören. Wobei: Was rede ich von Tugend? Es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit von Journalist*innen, zu recherchieren.

Stattdessen höre ich jetzt Geschrei, wo denn die Wissenschaft gewesen sei. Bitte sehr: Nochmal und jetzt auch mit Link zum Papier. Die Wissenschaft hat die Fakten längst auf den Tisch gelegt.

Und jetzt? Da stehen wir nun, die Vertreter*innen der Medien und der Wissenschaft und zeigen mit den Fingern auf die jeweils anderen: Ihr seid zu faul zum Recherchieren und ihr zu langsam zum Reagieren. Es gibt längst Lösungsansätze wie das Science Media Center oder auch, in einem Spezialfall, die Initiative der Allianz der Wissenschaftsorganisationen zum Thema Forschung mit Tieren („Tierversuche verstehen“). Da lässt sich sicher noch mehr machen, das lässt sich erweitern, aufbohren, auf andere Felder – Grüne Gentechnik oder Klima – übertragen. Es bleiben jedoch mindestens zwei grundlegende Probleme, die kein Science Media Center und keine weiteren Allianz- oder andere Initiativen lösen werden.

Wissenschaft kann das Tempo der Berufsempörten nicht mitgehen

Erstens: Die Wissenschaft kann nie so schnell sein wie die immer höher drehende Kampagnen- und Empörungsmaschinerie aus Politik, Medien und Interessensgruppen à la Greenpeace, Ärzte gegen Tierversuche etc. Es sind zwei völlig unterschiedliche Systeme mit inkompatiblen Funktionsmechanismen. Was sie allerdings eint, ist die Abhängigkeit vom Vertrauen der Gesellschaft: Wissenschaft und Forschung, Medien, NGOs und Politik leben alle vom Vertrauen der Öffentlichkeit in ihre Arbeit und ihre Ergebnisse.

Gründlichkeit, Expertise (erworben in jahrelanger, harter Ausbildung) und strikte Regeln guter wissenschaftlicher Praxis sind die Voraussetzungen für Vertrauen in die Wissenschaft. Geschwindigkeit gehört nicht dazu, sie gefährdet eher die Gründlichkeit. Medien dagegen müssen schnell sein, nah dran am Geschehen, und sollen auch unerschrocken die Mächtigen kritisieren. Übersetzt in Nachrichtenfaktoren heißt das Aktualität, Nähe, Relevanz und Konflikt. Das passt nur bedingt zur Forschung, vor allem, der Aktualitätsdruck – „wir brauchen JETZT eine Expertin!“ –, aber auch die fast schon reflexhafte Suche nach Konflikt lassen Forscherinnen und Forscher vor Medienanfragen insbesondere zu kontroversen Themen oft zurückschrecken. Wenn eine Zeitung uns bittet, ein Pro und Contra zum Thema menschgemachter Klimawandel mit der Pro-Meinung zu bestücken, und „Contra“ kommt von einem Verein, der sich Institut nennt und wissenschaftlich unhaltbare Thesen verbreitet, dann lehnen wir ab. Das Stück – es war halt dann nur „Contra“ – ist trotz eindringlicher Warnungen an den Redakteur, damit adle man pseudo-wissenschaftliche Thesen, dennoch erschienen. Das Problem ist in Medienkreisen als „false balance“ längst bekannt, wird aber nicht abgestellt. Zu groß ist die Verlockung, mit Außenseiterpositionen Aufmerksamkeit zu erregen, vielleicht sogar Empörung auszulösen oder zumindest in einer Talkshow einen Konflikt zu inszenieren.

Der Wahrheits-Club kritisiert sich nur ungern selbst

Das bringt mich zum zweiten Grundproblem: Ich sehe im Mediensystem eine nur schwach ausgeprägte Bereitschaft zur Selbstkritik. Das fängt bei ungleichgewichtigen Korrekturen an – Skandale werden groß aufgemacht, die Korrektur erfolgt dann Tage später klein in einer Randspalte auf Seite 4 unten. Es geht weiter mit einem Nicht-Wahrhaben-Wollen der eigenen Anteile an Hysterie und Desinformation. Mir fallen da Impfgegner*innen ein, die Platz in seriösen Medien erhalten.

Der von mir sehr geschätzte Ulrich Schnabel breitet in der ZEIT auf einer ganzen Seite das Thema Kommunikationsversagen der Wissenschaft aus. Er berichtet zwar in einer halben Spalte, dass viele große Redaktionen dem Lungenarzt auf den Leim gingen. Doch das lastet er den Redaktionen kaum an. Sein Fazit nach der halben Spalte: „Es wäre jedoch zu wenig, nur die medialen Reflexe zu beklagen.“ Reflexe? Warum kritisiert er nicht explizit Claus Kleber und das „heute journal“? Und weder die WELT-, noch die BILD-Kolleginnen und -Kollegen werden gescholten für mangelnde Recherche. Hat sich das ZDF eigentlich entschuldigt beim Publikum? Man könnte hier ebenso gut von einem Versagen des Journalismus sprechen.

Mir kommt das fast so vor wie das Verhalten der katholischen Kirche bei Missbrauchsfällen. Ja, man räumt das schon ein, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Aber es sind immer nur Einzelfälle. Dass man ein strukturelles Problem haben könnte, oder ein Problem mit falscher Loyalität gegenüber Kolleginnen und Kollegen oder gegenüber Verlagshäusern, das wird selten thematisiert. Man ist ja Dank Zugehörigkeit zum Journalismus-Club Vertreter*in der Wahrheit und der Tugend wie die Kirchenmänner mit ihrem Club auch.

Der Fall Relotius hat da ein bisschen was bewegt. Auf Twitter las ich in den Tagen danach eine Reihe von Bekenntnissen, wie Journalistinnen und Journalisten von Redaktionen aufgefordert wurden, die Wahrheit doch ein bisschen zu biegen und zu dehnen. Unter dem Hashtag #sagenwasist kann man das zum Teil nachlesen. Und der Berliner „Tagesspiegel“ griff das dankenswerterweise auf.

Aber sehr rasch kehrt man zurück zur Tagesordnung und zum unangreifbaren Wahrheitsanspruch. Man ist ja schließlich vierte Gewalt.

Und jetzt? Da stehe ich nun mit meinem Rant. Wie weiter? Ich bitte die vielen ehrenwerten, gründlichen und aufrichtigen Journalistinnen und Journalisten um Verständnis: Ihr seid nicht gemeint!

Aber da sind die anderen, die gefühlt immer mehr werden. Die frei von Vorkenntnissen bei mir und meinen Kolleginnen und Kollegen in Forschungseinrichtungen anrufen und nach einfachen Statements fragen. Die Skandale suchen und die alte Dame Wissenschaft johlend vor sich herjagen, um ihr dann vorzuwerfen, sie bewege sich zu langsam. Euch bitte ich um ein Überdenken eurer Anspruchshaltung. Muss Wissenschaft wirklich über jedes Stöckchen springen, das ihr hingehalten wird? Muss sie immer wieder längst bekannte Fakten und Zusammenhänge präsentieren, weil die Abendschicht in der Redaktion halt nicht weiß, was die von der Frühschicht letzte Woche schon recherchiert und gesendet oder geschrieben haben? Ja, muss sie. Ich weiß. Und ja, wir im System Wissenschaft müssen auch schneller reagieren. Aber deshalb versagt nicht gleich die ganze Branche mit ihrer Kommunikation.

Offenlegung: Ich bin selbst Teil des Systems als hauptberuflicher Wissenschaftskommunikator in der Öffentlichkeitsarbeit eines Helmholtz-Zentrums und war davor Teil des Wahrheits-Clubs Journalismus.

Das EuGH-Urteil aus Sicht der Wissenschaftskommunikation

Es ist schon bemerkenswert: Egal, ob im SPIEGEL (hier hinter einer Paywall und hier offen), in der Süddeutschen oder auf der Online-Seite von Spektrum der Wissenschaften und bei der Deutschen Welle – überall schreiben die Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten, dass das Urteil des EuGH zu CRISPR/cas9 von Ideologie geprägt, von Bauchgefühl geleitet und überhaupt Unfug ist, der auf Angstmacherei beruht.

Wie kann es sein, dass „die Wissenschaft“, die in Deutschland und Europa nach wie vor sehr hohes Vertrauen genießt, sich nicht vor dem EuGH durchsetzte, obwohl sie viele der Medien (genauer: viele Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten) auf ihrer Seite hatte?

Ich denke, es liegt zum einen an der Binnendifferenzierung der Medien. Oftmals wird über „Brüssel“ und „Straßburg“ und „Luxemburg“, über die EU also, nicht auf den Wissenschaftsseiten berichtet, sondern im Politik- oder Wirtschaftsteil. Und unter den Politikjournalistinnen und -journalisten sind dann eher welche, die von Wissenschaft wenig bis gar keine Ahnung haben oder die Wissenschaft als „he said, she said“ ansehen (ein Beispiel für diese Herangehensweise hier und hier). Pech für die Wissenschaft, dass die Politik meist weiter vorne kommt als die Nachrichten und Kommentare aus der Forschung.

Falsche Selbstgerechtigkeit der Forschenden

Das ist es meiner Meinung aber nicht allein. Denn es bleibt der Umstand, dass viele Medien ein differenziertes Bild der neuen Verfahren zur Gentechnik und Pflanzenzüchtung gezeichnet haben. Und doch hat die Angstmacherei gesiegt, das Unbehagen vor Eingriffen in die Natur, das Misstrauen gegen eine Wissenschaft, die offenbar von vielen als technokratisch und frankensteinesk angesehen wird.

Hier sehe ich ein Kommunikationsversagen der Forscherinnen und Forscher.

Mir ist so eine selbstgerechte Haltung auch beim Thema Tierversuche untergekommen. „Wir handeln nach Vorschrift“, „Wir halten uns an Gesetze“, „Das ist alles genehmigt“. Das waren Sätze, die mir entgegenschlugen, als ich bei Treffen mit leitenden Wissenschaftlern (in dem Fall waren es nur Männer) anmahnte, mehr und offener zu kommunizieren. Dahinter steckte freilich nicht nur Selbstgerechtigkeit, sondern auch eine durchaus berechtigte Angst, mit Äußerungen pro Tierversuche (oder pro Gentechnik oder pro Fracking oder oder oder) selbst zur Zielscheibe von Kampagnen zu werden. Wer gesehen hat, was dem Tübinger Max-Planck-Direktor Nikos Logothetis passiert ist oder dem Bremer Universitätsforscher Andreas Kreiter, der überlegt sich zweimal, mit kritischen Themen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Das Problem: Die NGO’s, die mit Angstmacherei ihr Geld verdienen, werden nicht verschwinden. In etablierten Parteien werden ebenfalls Ängste gezielt geschürt und Debatten mit Wissenschaftler_innen verweigert. Auch die politischen Geschäfte mit der Angst werden bleiben.

Mehr zuhören, weniger missionieren

Es ist schwer dagegen anzukommen für Forscherinnen und Forscher, die zu Themen wie Gentechnik (grün oder rot), Fracking, Kohlendioxidlagerung im Untergrund, Endlager für Atommüll etc. arbeiten. Denn die Schützengräben sind bereits ausgehoben, die Verteidigungs- und Angriffslinien stehen fest. Frankenstein hier, moralisch Überlegene und verantwortungsbewusst Handelnde dort. Fakten haben nur noch wenig Platz. Sie helfen auch nur bedingt, wie das EuGH-Urteil und die Reaktionen darauf zeigen.

Was meines Erachtens helfen würde, wäre ein Eingehen auf die Ängste der Bürgerinnen und Bürger.

Forscherinnen und Forscher sollten mehr zuhören. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht, gerade auch unter der Prämisse, dass es nicht darum geht, das Gegenüber von der eigenen Position zu überzeugen.

Ein weiterer Punkt ist das Kommunizieren eigener Werte und Beweggründe. Das geht weit über die Vermittlung von Fakten hinaus. Zum Eingehen auf die Ängste gehört es ebenso, situationsangepasst zu reagieren. Man mag die Angst vor „Genen in der Nahrung“ belächeln oder sich über die Unwissenheit mokieren. Aber man wird damit nicht weit kommen in der Debatte. Eher schon hilft es zu erklären, dass  wir immer schon „fremde Gene“ gegessen haben. Dass sich Pflanzen seit jeher vor Fraßfeinden schützen (mit Bitterstoffen, mit Gift, mit Dornen und Nesseln) und der Mensch seit jeher versucht, genau diesen Schutz zu umgehen (durch Kochen ebenso wie durch Züchtung). Und dann natürlich all die Fakten, die längst bekannt sind (Mutagenese durch Radioaktivität viel ungenauer, neue Methoden besser, schneller und ressourcenschonender etc.). Vor den Fakten aber sollten Werte kommuniziert werden. Und davor wiederum, ich wiederhole mich, muss die Forschung genau hinhören. Sonst steht der nächste Rückschlag an.