Archiv der Kategorie: Was ich sonst noch sagen wollte…

Twitter, Facebook und die Literatinnen

Meine Timeline schäumt. Twitter wird kaputt gemacht, und Facebook ist ohnehin schon lange kaputt. Kein Respekt vor Privatheit; Trolle; Algorithmen, die mir bevorzugt Dinge zeigen, die sie für wichtiger als anderes erachten; und der Fall der 140-Zeichen-Grenze. Es scheint, als fürchteten die Twitterer eine Verfacebookisierung ihrer Lieblingsplattform.

Mir geht es ja ähnlich und ich frage mich, wieso das so ist.
Ich glaube, die 140-Zeichen-Begrenzung ist da ein ganz entscheidendes Distinktionsmerkmal. Blaise Pascal soll gesagt haben, „ich schreibe dir einen langen Brief, weil ich keine Zeit habe, einen kurzen zu schreiben“ (ich sage soll, weil andere das Zitat Mark Twain zuschreiben, aber der war ja Journalist und hat’s vielleicht einfach abgeschrieben).

Kurz also ist mühsamer als lang.

Als ehemaliger Journalist weiß ich das nur zu gut. Und es gab zu meiner Zeit unter den Kolleginnen und Kollegen immer eine Art professionellen Respekt vor Redakteurinnen (Männer mitgemeint) der BILD-Zeitung, selbst wenn man deren Themenauswahl und Methoden widerlich fand. Aber das Handwerk! Die kurzen Texte, die Schlagzeilen… !

Und es ist ja auch wirklich so: ein kurzer Text kann viel schwerer verbergen, dass er schlecht ist oder dass die Autorin keine Idee und keinen Plan hatte. Darum tummeln sich auf Twitter die Puristinnen, die Literatinnen, die heimlichen Schlagzeilenmacherinnen und Aphoristikerinnen. Und auf Facebook schreiben die, denen kurze Briefe zu mühsam sind, lange Hass- oder Ich-liebe-Katzen-Postings.

Ich wette, dass – wenn die 140-Zeichen-Grenze fällt – eine Puristinnengemeinde auf Twitter (oder anderswo) entsteht, die sich selbst beschränkt auf 140 Zeichen. Das macht es einfach, sich von der dummen Verwandtschaft und den nicht so schriftkundigen Freundinnen abzugrenzen und auf den Plebs zu schauen.

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Klima, Schwule und Kinder

Nachdem ich letztens über Pornographie und Wissenschaftsjournalismus gebloggt habe, ist mir jetzt etwas eingefallen zu Klima und Homosexualität. Es geht dabei um Normalität und darum, was unnatürlich ist. Die FAZ und eine Vierlingsschwangerschaft kommen darin auch vor.

In einer der ersten Vorlesungen zum Thema Klima ließ der Dozent im Fach Meteorologie uns Studierende Definitionen vorschlagen, was denn Klima sei. „Das durchschnittliche Wetter“, sagte ein Kommilitone. Naja, sagt der Prof, das wäre dann in Deutschland – wenn man nur die Temperatur anschaut – ein Mittel von ungefähr zehn Grad. Das trifft unser Klima nicht wirklich. Um es kurz zu machen: eine halbwegs brauchbare Definition von Klima berücksichtigt nicht nur den Durchschnitt, sondern auch die Höchst- und Tiefstwerte und deren Häufigkeit. Hagel in Deutschland oder Tage mit Temperaturen unter minus 15 Grad sind nicht häufig, aber auch nicht unnatürlich. Es ist normal, dass es im Sommer gewittert und es ist normal, dass es dabei mal zu Hagel kommt.

„Schwul“ ist vor allem auf dem Schulhof ein Schimpfwort. Die Kinderlogik findet es eben nicht normal, wenn zwei Männer sich lieben, sondern irgendwie eklig oder so. Eine Leitartiklerin der FAZ, Helene Bubrowski schaffte es nun, in einem Leitartikel zur Mutterschaft von Vierlingen einer 65-jährigen Berlinerin („Wer denkt an die Kinder?“, FAZ, Freitag, 5. Juni 2015, S. 1) unterzubringen, dass auch homosexuelle Paare ein „Recht auf ein Kind“ für sich reklamierten. Liebe Frau B.: Lesbische Frauen können Kinder auf normalem Weg bekommen, und schwule Männer können normal Vater werden. Ganz natürlich. Homosexualität ist natürlich und normal, wenn auch nicht so häufig wie, sagen wir, Sprühregentage in Hamburg oder Schnee in Garmisch.

Was dagegen die Vierlingsmutter mit Mitte 60 sich anstellen ließ, ist wider die Natur, unnormal und nach meinem Empfinden und dem vermutlich der meisten Menschen in hohem Maße unmoralisch. Das aber hat mit gleichgeschlechtlichen Paaren, die Kinder erziehen wollen, nichts zu tun. Die Verknüpfung des einen mit dem anderen ist perfide. (Und warum schreibt keiner über den TV-Sender, der das unterstützt? Wer handelt da Verträge aus? Wer plant Sendungen?)

Ausgerechnet in der selben FAZ-Ausgabe (Seite 8) verteidigt dann ein kleiner Kommentar Frau Kramp-Karrenbauers Einlassung zur „Homo-Ehe“, die demzufolge vielleicht Tür und Tor für Ehen zwischen nahen Verwandten und Polygamie öffne. Die normale Ehe sei nun mal die zwischen Mann und Frau, schreibt kum. alias Jasper von Altenbockum. Da sollte dann nicht „normal“ stehen, sondern „herkömmlich“ oder vielleicht „genormt“. Aber normal, das zeigt Irland, ist mittlerweile etwas anderes.

Also, liebe FAZ-Autorinnen und Autoren: Ihr mögt es ja befremdlich finden, vielleicht sogar eklig oder widernatürlich, wenn Männer Männer lieben und Frauen Frauen und wenn derlei Paare Kinder großziehen wollen. Dann sagt das und erzählt mir nichts von normal. Und seid euch bitte bewusst, dass ihr damit Schulhof-Logik benutzt. Macht euch einfach klar, dass zur Normalität auch die Vielfalt gehört.

Und sie schämeten sich doch (mit Update)

Update unten

Jens Rehländer, ein ehemaliger Journalist, schreibt über den Bedeutungsverlust und die Krise des Journalismus allgemein und dass das nicht oder kaum thematisiert wird von den Journalistinnen (Männer mitgemeint) selbst.

Ich wage die These: Die Journalistinnen (Männer und Frauen) schämen sich. Aber sagten sie das, würden sie ihre Verleger ärgern, den eigenen Job gefährden und Leser vergraulen.

Schämen? Ja, ich bin mir da fast sicher. Die Scham rührt daher, weil sie ihre eigenen Qualitätsstandards den Bach runtergehen sehen. Das fängt beim fehlenden Korrektorat an. Druck- und Sachfehler häufen sich. Das geht über wachsenden Zeitdruck (noch mehr Fehler!) und schwindende Binnenvielfalt. Denn obgleich ich keine empirischen Daten habe, so sehe ich aus der regelmäßigen Lektüre von zwei bis drei Tageszeitungen sowie Wochenzeitungen und -magazinen, dass die Artikel in den vergangenen Jahren nicht wesentlich kürzer geworden sind, eher sogar länger, die Umfänge (Anzahl der Seiten) aber bei Tageszeitungen massiv geschrumpft sind. Das heißt: In einer Zeitungsausgabe stehen weniger Themen und damit weniger Autorinnen als früher.

Viele Zeitungen ahmen auch offensichtlich das Internet nach und „bloggisieren“ ihre Texte: Autorinnenfotos, mehr Meinung, mehr Persönliches, mehr Kolumnen. Klassischer berichtender, erklärender Journalismus schwindet zugunsten von Meinungsstücken. Das schrammt oft scharf an Kampagnenjournalismus vorbei (siehe etwa die widerliche BamS-Weihnachtsmarkt-Kampagne, aber auch die FAZ und die Pädophilie-Debatte bei den Grünen). Apropos FAZ: Die Überhöhung des leider viel zu früh verstorbenen Frank Schirrmachers geht auch in diese Richtung. Leseprobe: „(…) der sprach- und wirkmächtigste Kulturjournalist, den Deutschland je hatte“.

Ich halte das alles für ein Schwinden der Qualitätsstandards. Es kommt noch schlimmer: Die Verlage, genauer: die Kaufleute und Managerinnen drücken Anzeigensonderveröffentlichungen, Beilagen und Formate (zum Beispiel „Advertorials“, aber auch Kooperationen mit Tourismusverbänden oder, etwas seriöser vielleicht, mit Stiftungen) in die Zeitungen, für die sich gestandene Journalistinnen schämen müssten (und es wohl auch tun).

Auch das sehen die Journalistinnen gewiss, sagen es aber nicht. Selbst wenn sie sich die eigenen Finger nicht schmutzig machen und dafür immer noch Beilagenredaktionen haben, so ist es doch ihr Blatt, das da solche Dinger dreht. Wer wollte da schon als Nestbeschmutzer auftreten?

Die Journalismuskrise ist für mich daher eine Wertekrise der Branche, und ich fürchte, das Geld-Argument greift ein wenig zu kurz. Denn wenn ich mir die Skandale und Skandälchen (Rankings, Bestechlichkeit im Sport) in den öffentlich-rechtlichen Sendern anschaue (die im Steuerzahler-Geld schwimmen), dann kann es nicht nur am Geld liegen.

Ob das von Jens Rehländer und anderen propagierte Stiftungsmodell tragfähig ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe aber auch keine Lösung für das Problem.

Update (das spricht für sich selbst):

http://www.cicero.de/kapital/tagesspiegel-konferenz-agenda-2015-der-lobbyist-kauft-sich-ein/58609

http://www.spreezeitung.de/17751/der-tagesspiegel-erscheint-hier-geradezu-als-lobbydienstleister/

Und, da mehrfach angesprochen: Ja, ich weiß, dass Rundfunkgebühren keine Steuern sind, aber es gab und gibt sehr ernst zu nehmende Stimmen im juristischen und politischen Raum, die genau das mit guten Argumenten widerlegen und sagen, so eine Haushaltsabgabe könne als Steuer (meinetwegen: Quasi-Steuer) angesehen werden.

Was Wissenschaftsjournalismus mit Geo- und Pornographie zu tun hat

Alle Welt fragt danach, was eigentlich Wissenschaftskommunikation sei und ob Wissenschaftsjournalistinnen nicht auch Wissenschaftskommunikation betreiben würden. Und wie das eine vom anderen abzugrenzen sei. Wer fragt eigentlich, was Wissenschaftsjournalismus ist? Bestimmt gibt es Studien aus Jülich und Dortmund, vielleicht sogar aus Bielefeld, in denen Wissenschaftsjournalismus definiert ist. Aber ich will mich mal an einer pragmatischen Herangehensweise versuchen.

Beim Forum Wissenschaftskommunikation fwk14 habe ich gelernt, dass ein zusammengesetztes Wort im Deutschen hauptsächlich vom zweiten Teil bestimmt wird. Martin Schneider erwähnte das auf dem Podium, und er bot auch eine Definition von Wissenschaftsjournalismus an, die dem entsprach. Es gehe darum, eine Schneise in das Dickicht der Informationen zu schlagen und denen, die Macht haben, auf die Finger zu schauen. Das ist eine Definition von Journalismus allgemein, und demnach ist Wissenschaftsjournalismus also in erster Linie Journalismus. Ich finde, das greift zu kurz, denn irgendwie beanspruchen die Wissenschaftsjournalistinnen (Männer mitgemeint) ja doch eine Sonderrolle, haben eine eigene Standesorganisation (die WPK), eine eigene Konferenz (die Wissenswerte) und pflegen überhaupt ein gesundes Selbstbewusstsein, trotz Finanzkrise: arm, aber sexy, irgendwie.

Journalismus, der sich mit dem Thema Wissenschaft befasst: Das ist eine notwendige Bedingung, aber ist sie hinreichend? Ich habe vor einigen Jahren mal als Jurymitglied eines Preises für Wissenschaftsjournalismus amtieren dürfen, und bei der Preisverleihung saß ich neben einer Einreicherin (Männer mitgemeint), die sich bitter beklagte, dass immer nur die gleichen Stücke gewönnen: Lange Riemen in Wochen- oder Monatszeitschriften oder in großen überregionalen Blättern. Reportagen, für die die Autorinnen Wochen oder Monate Zeit und viel Reisebudget gehabt hätten. Lokaljournalistinnen dagegen oder Journalistinnen für Regionalzeitungen könnten sich diese Luxusrecherchen nicht leisten. Doch auch sie schrieben, so die Klage, gute Stücke, sie befassten sich regelmäßig mit dem Thema Wissenschaft, eben aus der Sicht der Region oder des Lokalen.

Zugespitzt formuliert: Schreibt eine Lokalreporterin über ein Wissenschaftsthema, weil das Institut oder die Uni oder die Uniklinik nun mal vor der Haustür liegt, ist das dann Wissenschaftsjournalismus? Oder wenn eine Geschichte über Arzneimittelentwicklung im Wirtschaftsteil einer großen Zeitung aufgeschrieben worden ist, von einer Wirtschaftsredakteurin, ist das dann Wissenschaftsjournalismus? Oder gibt es Wissenschafts-Lokaljournalismus, Wissenschafts-Wirtschaftsjournalismus und Wissenschafts-Aus-aller-Welt-Journalismus, wenn gerade eine Sonde auf einem Kometen landet und der Wissenschaftler ein passendes Hemd anhat?

Ein bisschen geht es mir mit Wissenschaftsjournalismus wie dem amerikanischen Bundesrichter, der über Pornographie entscheiden sollte: Ich kann Ihnen keine exakte Definition von Pornographie geben, sagte er, aber ich erkenne sie, wenn ich welche sehe.

Das ist jetzt natürlich, nun ja: unbefriedigend. Und so gehe ich einen anderen Weg, um die Frage zu beantworten, was Wissenschaftsjournalismus für mich ist. Ich bin studierter Geograph, und einen nicht unbeträchtlichen Teil meines ersten Semesters habe ich mit der Frage verbracht, wie Geographie zu definieren sei. Humboldt, Ritter, Penck sind da Namen, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Die haben aufgeschrieben, was Geographie für sie ist. Als ich davon während eines Gaststudiums in den USA erzählte, bekam ich eine andere Definition: Geography is what geographers do. Ich war erst verblüfft und belustigt, aber es ergab Sinn: Warum gibt es Schwulenviertel? Wie verteilen sich Religionszugehörigkeiten in einem Land? Was hat die Eiszeit mit der heutigen Landwirtschaft in Deutschland zu tun? Geographie ist so vielfältig, dass es wirklich nicht leicht ist, sie zu definieren.

Daher mein Vorschlag: Science journalism is what science journalists do. Das hört sich zunächst nach einem rhetorischen Taschenspielertrick an. Ich verlagere ja nur die Definition, aber ich denke, es ist ein paar Gedanken wert.

Nicht überall, wo in einem Medium über Wissenschaft berichtet wird, ist das Wissenschaftsjournalismus. Vielmehr zeichnet sich diese Art von Journalismus durch eine besondere Eindringtiefe der Autorinnen in die Materie aus, durch Kenntnis des Faches, der relevanten Literatur oder der richtigen Ansprechpartnerinnen. Auch die Kenntnis des wissenschaftlichen Prozesses (Peer Review, zum Beispiel) und der wissenschaftspolitischen Rahmenbedingungen zeichnen gute Wissenschaftsjournalistinnen aus. Die wissen, wann man eine zweite Meinung einholen muss (nicht bei der Frage, ob es eine Klimaerwärmung gibt, zum Beispiel, sehr wohl aber bei der Beurteilung einer Peer-Review-geprüften Studie eines Herrn Seralini etwa).

Das weist auf eine weitere Besonderheit des Wissenschaftsjournalismus’ hin, die mittlerweile aber am Verschwinden ist. Bei „normalen“ Nachrichten aus der Politik oder dem Weltgeschehen hieß es immer, man bringe sie nur im Medium, wenn sie durch eine zweite, unabhängige Quelle bestätigt wurden. Immer noch hört man auf BBC die Einschränkung „This report was not confirmed by independent sources“. Das ist in der Wissenschaftsberichterstattung früher anders gewesen, weil da über Ergebnisse berichtet wurde, die in Journalen publiziert worden waren. Diese Ergebnisse hatten also einen akademischen Prüfprozess durchlaufen und mussten nicht mehr unabhängig bestätigt werden. Es wäre auch schlechterdings unmöglich, bei Erscheinen einer Arbeit durch Dritte bestätigen zu lassen, dass sie stimmt. Dazu müsste ja das Experiment reproduziert werden. So etwas kann Jahre dauern. Der Gegenstand der Berichterstattung stand also, anders als beim Nachrichtenjournalismus, meistens nicht im Zweifel. Das hat sich sehr geändert. Denn Lobbygruppen nutzen Wissenschaft und manchmal Pseudowissenschaft, um ihre Positionen oder Forderungen zu untermauern. Gentechnik-Gegner etwa, oder Tierversuchsgegner oder die so genannten Klima-Skeptiker, aber auch Impfgegner und Homöopathie-Verfechter. Die Wissenschaft ist hier massiv politisiert bzw. instrumentalisiert worden. Und darauf müssen gute Wissenschaftsjournalistinnen reagieren, indem sie weit mehr als früher zweifeln und wie Politik- oder Nachrichtenjournalistinnen arbeiten.

Noch eines kommt hinzu: Die Zahl der Journale und der veröffentlichten Studien steigt Jahr für Jahr, der Publikationsdruck für einzelne Wissenschaftlerinnen steigt ebenfalls, und die hochrangigen Journale werden immer selektiver und nehmen am liebsten Studien, die einen Durchbruch verkünden. Hier liegt, jenseits aller Politisierung, eine weitere Gefahr, da dieses System die Wissenschaft dazu verleitet, vorschnell Durchbrüche zu produzieren. Übrigens ganz ohne Zutun der PR. Hier ist guter Wissenschaftsjournalismus, der Studien kritisch hinterfragen kann, weil seine Protagonistinnen das System kennen, sehr wichtig. Hier sind gute Wissenschaftsjournalistinnen wichtig, denn: Good science journalism is what good science journalists do.

Eine Frage der Ehre (ich glaube, das ist jetzt fast ein Rant)

Jörg Thadeusz hat ein Spottgedicht auf Pressesprecherinnen (Männer mitgemeint) verfasst. Es ist anscheinend schon seit zweites, meine Timeline spülte mir das neue Gedicht aber erst kürzlich in meinen Facebook-Account. Hier geht es zu dem Gedicht. Darin schmäht Thadeusz – etwas holprig zwar, aber leidlich amüsant – die Sprecherinnenszene als ein Metier, in dem Moral doch porös sei. Gipfel der Unmoral ist für ihn die FIFA.

Gibt es also gute Sprecherinnen und schlechte Sprecherinnen? Und ist der Arbeitgeber das Maß der Dinge? FIFA, geht gar nicht. Was ist mit Krauss-Maffei? Wiesenhof? PETA? Kann ich mich mit denen an einen Tisch setzen?

Bevor ich mir jetzt über die Moral meines Berufstandes und der Industrie sowie der Interessensverbände Gedanken mache, möchte ich auf Jörg Thadeusz’ Branche schauen. Wie sieht es mit Moderatorinnen und Journalistinnen (Männer mitgemeint) aus? Wenn die bei BILD, B.Z. oder Kurier arbeiten? Geht das? Was ist mit Journalen wie „Bunte“ oder „Das neue Blatt“? Wie halten es die Journalistinnen in den genannten (und vielen weiteren) Medien mit der Moral, wenn sie Prominenten Babys andichten oder Ehekrisen, wenn sie kleine Kinder als zu dick bezeichnen? Wenn sie Hinterbliebenen Fotos von Unfall- oder Verbrechensopfern entlocken (im Jargon Witwen-Schütteln genannt)? Und was ist mit Krawall-Shows und „Scripted reality“ im Privatfernsehen?

Ist der Arbeitgeber ein Kriterium für die Qualität des Arbeitnehmers? Ekel-Journalismus, Entgleisungen und Kampagnen gibt es in allen Medien. Manche haben das vielleicht zum Leitprinzip erhoben, aber auch die Qualitätsmedien sind nicht davor gefeit. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender und die Qualitätszeitungen! Unappetitlich war der Tagesspiegel, als er den Twitter-Account eines Bundestagsabgeordneten durchflöhte, um zu gucken, was der abonniert hat (und siehe da, es fand sich jemand, der Nacktbilder versendet). Das nächste Mal könnte die Hauptstadtzeitung doch auch den Müll durchsuchen. Oder der redaktionelle Nachruf in der FAZ auf ein „Flieger-Ass“ (sic!) aus dem Zweiten Weltkrieg, das hochbetagt in Brasilien gestorben war. Und wie war das noch mit den erfundenen Rankings beim ZDF? Das war die Redaktion, lieber Herr Thadeusz, und nicht die Kommunikationsabteilung. Sie sagen das sogar in Ihrem Gedicht, aber irgendwie ist es bei Ihnen dann doch die Sprecherin, die den Mist verkaufen muss und daher unmoralisch ist.

Das ist ja zunächst ein typisches Verteidigungsmuster, das ich da anwende: Seht her, die anderen machen auch miese Dinge, deshalb dürfen wir auch… Nein, dürfen wir nicht! Darum geht es mir nicht. Pressesprecherinnen und Kommunikatorinnen dürfen keine Lügen verbreiten und keine Schmutzkampagnen starten. Punkt.

Was mich an dem Thadeusz-Gedicht ärgert, ist etwas anderes. Ich bin sauer, wenn (1) ein Vertreter einer Berufsgruppe, in der es unzählige sehr schwarze Schafe gibt, mit dem Finger auf meine Berufsgruppe zeigt, und wenn (2) meine Berufsgruppe bzw. eine ihrer Interessensvertretungen so dämlich ist, das auch noch bei ihrem Kongress vorzuführen.

Schmutzkampagnen und verlogene PR werden von Öffentlichkeitsarbeitern immer wieder veranstaltet oder bei Agenturen in Auftrag gegeben, und auch da gilt: Manches Unternehmen oder manche Interessensgruppe hat sich eine gewisse Unlauterkeit offenbar ins Kalkül geschrieben. Aber muss deshalb die ganze Profession in Sack und Asche gehen? Sich von einem Moderator und Journalisten, der selbstverständlich auch Bezahlauftritte absolviert, verhöhnen lassen? Ich weiß schon, warum ich dem Bundesverband nie beigetreten bin. Mein Selbstverständnis ist ein anderes. Und da habe ich auch wenig Humor.

Zum Tod von Frank Schirrmacher

Frank Schirrmacher ist tot. Die FAZ, bei der Schirrmacher als Mitherausgeber und Feuilletonchef arbeitete, hat das ganze Feuilleton der Samstagsausgabe freigeräumt und mit Nachrufen auf Schirrmacher sowie Texten von und über ihn gefüllt. Außerdem ist die Seite 3 ganz dem Verstorbenen gewidmet. Tags zuvor war schon ein Nachruf erschienen, in dem es unter anderem hieß, Schirrmacher sei „der sprach- und wirkmächtigste Kulturjournalist, den Deutschland je hatte“, gewesen. Es sei „ganz sicher nicht zu hoch gegriffen, wenn man an dieser Stelle auf Thomas Mann zu sprechen kommt“, hieß es dann weiter. Und natürlich ist das gesamte Feuilleton der FAS, also der Sonntagsausgabe der FAZ, ebenfalls dem verstorbenen Mitherausgeber gewidmet.

Schirrmacher hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Soviel Zeitungsseiten kann man gar nicht mit Texten und Fotos von ihm und über ihn füllen, als dass es über den Verlust des Vaters und des geliebten Menschen hinwegtrösten könnte.

Auch seine Mitarbeiter und Kollegen sind geschockt. Das spricht aus den vielen, sehr schönen und berührenden Texten.  Dass die Redaktion darüber aber jegliches Maß verliert, irritiert dann doch. Und ich kann gar nicht mal schreiben, dass so eine sofortige Heiligsprechung gewiss nicht im Sinne Schirrmachers gewesen wäre, denn er selbst war es, der als Feuilletonverantwortlicher vor gut einem Jahr das Gleiche mit Marcel Reich-Ranicki veranstaltete.

Warum machen die das? Ich kann mir das nur so erklären, dass die Nachrufe nicht für die Leserinnen und Leser geschrieben werden, sondern für sich selbst. Jeder Winkel der Persönlichkeit Schirrmachers wird ausgeleuchtet, jede Begegnung auf dem Flur, jede SMS. Die Wichtigkeit, die der öffentlichen Person Schirrmacher beigemessen wird, macht natürlich auch die Institution größer, für die der Journalist tätig war. Das hat etwas von Nabelschau, offenbart aber auch ein tiefer liegendes Problem: das Um-sich-selbst-Kreisen der deutschen Kulturelite. Die Debatten, die da ausgetragen werden, sind wichtig, aber sie erreichen den Großteil der Menschen in diesem Lande nicht. Die Enthüllungen über die NSA und andere Geheimdienste und deren mutmaßliche Kooperation mit Internetgiganten zeigt dies. Die Empörung bleibt aus, anders etwa als bei Stuttgart 21, und anders auch als bei den Lichterketten gegen Ausländerhass.

Wenn die FAZ und die FAS über den Tellerrand schauen, dann schauen sie doch meist nur auf die Teller jener, die mit am Intellektuellentisch sitzen. Das ist schön für alle, die an der Tafel sitzen, weil man dazugehört zum Club. Der Rest der Welt aber muss sich dabei unwichtig vorkommen. Ein bisschen weniger Dünkel und ein bisschen mehr Demut täten gut.