Archiv der Kategorie: Wissenschaftskommunikation

WisskommjourPRÖA

Weil ich jetzt so oft angesprochen worden bin, werde ich mir untreu und schreibe nun also doch über die Frage, ob der Begriff Wissenschaftskommunikation den Wissenschaftsjournalismus einschließt oder nicht. Hier also die Antwort: Tut er.

Das war’s.

Ehrlich. Ich bleib dabei.

Im Ernst: Was streiten wir uns um diese Begrifflichkeiten? Dahinter steht doch eine andere Frage, die von Heidi Blattmann und Josef König in jeweils unterschiedlicher Weise aufgegriffen wird. Die eine, als Journalistin quasi selbst direkt angesprochen, will nicht vereinnahmt werden. Ihr sträubt sich alles, sich „als Journalistin in eine Kategorie – die der Wissenschaftskommunikation – einzugliedern, in die ich meinem Verständnis nach nicht gehöre.“ Der andere, Josef König, raunt etwas von „der Spur des Geldes“. Auch da ist also die Befürchtung, „die Wissenschaft“ oder die Wissenschaftskommunikation, hier verstanden als finanzstarke PR-Maschinerie, möchte den Journalismus kaufen. „Der Wissenschaftsjournalismus wiederum schielt auf Profit, indem er unter die warme Decke der betuchten Wissenschaftskommunikation schlüpft und sich von ihr Alimente erhofft“, heißt es bei Josef König.

Die Grafik bei Wikipedia (nach Carsten Könneker) zeigt die drei Komponenten Wissenschaft, Journalismus und PR sehr schön. Alle betreiben sie Kommunikation. Kommuniziert die Wissenschaft innerhalb der Wissenschaft, ist das fachlicher Austausch (an anderer Stelle habe ich von Science2Science Communication gesprochen und auch von verschwimmenden Grenzen und Science2Lay Communication). Kommuniziert sie explizit aus dem System heraus, ist das Wissensvermittlung, PR, Öffentlichkeitsarbeit. Und kommunizieren Journalist*innen über die Wissenschaft, ist es eben Wissenschaftsjournalismus. Aber alle kommunizieren – aus der oder über die Wissenschaft. Alle haben ihre spezifischen Rollen.

Es gibt eine Besonderheit: Die Wissenschaft und mit ihr die institutionell gebundene  Kommunikation aus der Wissenschaft heraus ist auf den Journalismus angewiesen, wenn es um Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit geht. Es ist ganz einfach: Ohne unabhängigen Journalismus gibt es keine Glaubwürdigkeit. Innerwissenschaftlich ist das anders, da greifen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis und Peer Review. Aber damit kann die große Mehrheit der Menschen nichts anfangen. Das haben wir in Siggen mehrfach besprochen, ich habe dazu auch geblogged.

Die Argumente für und gegen eine staatliche Stiftung, die Wissenschaftsjournalismus fördern könnte, sind längst ausgetauscht. Etwa hier und hier. Ich will das nicht alles wiederkäuen. Nur so viel: Der Wissenschaft könnte nichts Blöderes einfallen, als sich journalistische Berichterstattung zu kaufen oder unabhängigen Journalismus zu simulieren. Und den Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wiederum wäre auch nicht mehr zu helfen, wenn sie sich kaufen ließen. Damit wäre sämtliches Vertrauen in alle Komponenten des Systems erschüttert.

Insofern ärgere ich mich über die Unterstellungen, wir PR-Menschen aus der Wissenschaft (oder unsere Chefs und Chefinnen) wollten Journalist*innen in eine „Wissenschaftskommunikationsfamilie“ eingliedern oder mit Geld ködern. Das beleidigt sowohl unsere Intelligenz als auch die ehrliche Sorge um unabhängigen Journalismus –  den wir (aus durchaus auch eigennützigen Gründen) in eben seiner Unabhängigkeit brauchen.

Überdenkt eure Anspruchshaltung

Liebe Journalistinnen und Journalisten,

könnt ihr bitte mal für einen kurzen Moment von euren hohen Rössern absteigen und eure eigene Anspruchshaltung hinterfragen, bevor ihr der Wissenschaft Kommunikationsversagen vorwerft? Die Feinstaub- und Stickoxiddebatte, so lese ich bei Spiegel Online, in der ZEIT und auch beim ehemaligen Journalisten Jens Rehländer, habe das Versagen der Wissenschaft gezeigt (Offenlegung: Ich selbst habe an anderer Stelle auch schon davon gesprochen und habe aktuell auch zustimmend Tweets geteilt). Jetzt, mit ein paar Tagen Abstand, frage ich mich, ob man das so einfach stehen lassen soll.

Die Wissenschaft hat doch längst alle Fakten zum Feinstaub gesammelt. Hat sie dokumentiert und mitgeteilt – in einem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin aus dem November 2018. Hätte man sich ergoogeln oder erbingen können. Oder erfragen. Anrufen und Fragen stellen ist zwar „old school“ und manchmal mühsam, aber – ich glaube, der Fachbegriff heißt Recherche – es sollte zu den Grundtugenden einer Redaktion gehören. Wobei: Was rede ich von Tugend? Es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit von Journalist*innen, zu recherchieren.

Stattdessen höre ich jetzt Geschrei, wo denn die Wissenschaft gewesen sei. Bitte sehr: Nochmal und jetzt auch mit Link zum Papier. Die Wissenschaft hat die Fakten längst auf den Tisch gelegt.

Und jetzt? Da stehen wir nun, die Vertreter*innen der Medien und der Wissenschaft und zeigen mit den Fingern auf die jeweils anderen: Ihr seid zu faul zum Recherchieren und ihr zu langsam zum Reagieren. Es gibt längst Lösungsansätze wie das Science Media Center oder auch, in einem Spezialfall, die Initiative der Allianz der Wissenschaftsorganisationen zum Thema Forschung mit Tieren („Tierversuche verstehen“). Da lässt sich sicher noch mehr machen, das lässt sich erweitern, aufbohren, auf andere Felder – Grüne Gentechnik oder Klima – übertragen. Es bleiben jedoch mindestens zwei grundlegende Probleme, die kein Science Media Center und keine weiteren Allianz- oder andere Initiativen lösen werden.

Wissenschaft kann das Tempo der Berufsempörten nicht mitgehen

Erstens: Die Wissenschaft kann nie so schnell sein wie die immer höher drehende Kampagnen- und Empörungsmaschinerie aus Politik, Medien und Interessensgruppen à la Greenpeace, Ärzte gegen Tierversuche etc. Es sind zwei völlig unterschiedliche Systeme mit inkompatiblen Funktionsmechanismen. Was sie allerdings eint, ist die Abhängigkeit vom Vertrauen der Gesellschaft: Wissenschaft und Forschung, Medien, NGOs und Politik leben alle vom Vertrauen der Öffentlichkeit in ihre Arbeit und ihre Ergebnisse.

Gründlichkeit, Expertise (erworben in jahrelanger, harter Ausbildung) und strikte Regeln guter wissenschaftlicher Praxis sind die Voraussetzungen für Vertrauen in die Wissenschaft. Geschwindigkeit gehört nicht dazu, sie gefährdet eher die Gründlichkeit. Medien dagegen müssen schnell sein, nah dran am Geschehen, und sollen auch unerschrocken die Mächtigen kritisieren. Übersetzt in Nachrichtenfaktoren heißt das Aktualität, Nähe, Relevanz und Konflikt. Das passt nur bedingt zur Forschung, vor allem, der Aktualitätsdruck – „wir brauchen JETZT eine Expertin!“ –, aber auch die fast schon reflexhafte Suche nach Konflikt lassen Forscherinnen und Forscher vor Medienanfragen insbesondere zu kontroversen Themen oft zurückschrecken. Wenn eine Zeitung uns bittet, ein Pro und Contra zum Thema menschgemachter Klimawandel mit der Pro-Meinung zu bestücken, und „Contra“ kommt von einem Verein, der sich Institut nennt und wissenschaftlich unhaltbare Thesen verbreitet, dann lehnen wir ab. Das Stück – es war halt dann nur „Contra“ – ist trotz eindringlicher Warnungen an den Redakteur, damit adle man pseudo-wissenschaftliche Thesen, dennoch erschienen. Das Problem ist in Medienkreisen als „false balance“ längst bekannt, wird aber nicht abgestellt. Zu groß ist die Verlockung, mit Außenseiterpositionen Aufmerksamkeit zu erregen, vielleicht sogar Empörung auszulösen oder zumindest in einer Talkshow einen Konflikt zu inszenieren.

Der Wahrheits-Club kritisiert sich nur ungern selbst

Das bringt mich zum zweiten Grundproblem: Ich sehe im Mediensystem eine nur schwach ausgeprägte Bereitschaft zur Selbstkritik. Das fängt bei ungleichgewichtigen Korrekturen an – Skandale werden groß aufgemacht, die Korrektur erfolgt dann Tage später klein in einer Randspalte auf Seite 4 unten. Es geht weiter mit einem Nicht-Wahrhaben-Wollen der eigenen Anteile an Hysterie und Desinformation. Mir fallen da Impfgegner*innen ein, die Platz in seriösen Medien erhalten.

Der von mir sehr geschätzte Ulrich Schnabel breitet in der ZEIT auf einer ganzen Seite das Thema Kommunikationsversagen der Wissenschaft aus. Er berichtet zwar in einer halben Spalte, dass viele große Redaktionen dem Lungenarzt auf den Leim gingen. Doch das lastet er den Redaktionen kaum an. Sein Fazit nach der halben Spalte: „Es wäre jedoch zu wenig, nur die medialen Reflexe zu beklagen.“ Reflexe? Warum kritisiert er nicht explizit Claus Kleber und das „heute journal“? Und weder die WELT-, noch die BILD-Kolleginnen und -Kollegen werden gescholten für mangelnde Recherche. Hat sich das ZDF eigentlich entschuldigt beim Publikum? Man könnte hier ebenso gut von einem Versagen des Journalismus sprechen.

Mir kommt das fast so vor wie das Verhalten der katholischen Kirche bei Missbrauchsfällen. Ja, man räumt das schon ein, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Aber es sind immer nur Einzelfälle. Dass man ein strukturelles Problem haben könnte, oder ein Problem mit falscher Loyalität gegenüber Kolleginnen und Kollegen oder gegenüber Verlagshäusern, das wird selten thematisiert. Man ist ja Dank Zugehörigkeit zum Journalismus-Club Vertreter*in der Wahrheit und der Tugend wie die Kirchenmänner mit ihrem Club auch.

Der Fall Relotius hat da ein bisschen was bewegt. Auf Twitter las ich in den Tagen danach eine Reihe von Bekenntnissen, wie Journalistinnen und Journalisten von Redaktionen aufgefordert wurden, die Wahrheit doch ein bisschen zu biegen und zu dehnen. Unter dem Hashtag #sagenwasist kann man das zum Teil nachlesen. Und der Berliner „Tagesspiegel“ griff das dankenswerterweise auf.

Aber sehr rasch kehrt man zurück zur Tagesordnung und zum unangreifbaren Wahrheitsanspruch. Man ist ja schließlich vierte Gewalt.

Und jetzt? Da stehe ich nun mit meinem Rant. Wie weiter? Ich bitte die vielen ehrenwerten, gründlichen und aufrichtigen Journalistinnen und Journalisten um Verständnis: Ihr seid nicht gemeint!

Aber da sind die anderen, die gefühlt immer mehr werden. Die frei von Vorkenntnissen bei mir und meinen Kolleginnen und Kollegen in Forschungseinrichtungen anrufen und nach einfachen Statements fragen. Die Skandale suchen und die alte Dame Wissenschaft johlend vor sich herjagen, um ihr dann vorzuwerfen, sie bewege sich zu langsam. Euch bitte ich um ein Überdenken eurer Anspruchshaltung. Muss Wissenschaft wirklich über jedes Stöckchen springen, das ihr hingehalten wird? Muss sie immer wieder längst bekannte Fakten und Zusammenhänge präsentieren, weil die Abendschicht in der Redaktion halt nicht weiß, was die von der Frühschicht letzte Woche schon recherchiert und gesendet oder geschrieben haben? Ja, muss sie. Ich weiß. Und ja, wir im System Wissenschaft müssen auch schneller reagieren. Aber deshalb versagt nicht gleich die ganze Branche mit ihrer Kommunikation.

Offenlegung: Ich bin selbst Teil des Systems als hauptberuflicher Wissenschaftskommunikator in der Öffentlichkeitsarbeit eines Helmholtz-Zentrums und war davor Teil des Wahrheits-Clubs Journalismus.

Das EuGH-Urteil aus Sicht der Wissenschaftskommunikation

Es ist schon bemerkenswert: Egal, ob im SPIEGEL (hier hinter einer Paywall und hier offen), in der Süddeutschen oder auf der Online-Seite von Spektrum der Wissenschaften und bei der Deutschen Welle – überall schreiben die Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten, dass das Urteil des EuGH zu CRISPR/cas9 von Ideologie geprägt, von Bauchgefühl geleitet und überhaupt Unfug ist, der auf Angstmacherei beruht.

Wie kann es sein, dass „die Wissenschaft“, die in Deutschland und Europa nach wie vor sehr hohes Vertrauen genießt, sich nicht vor dem EuGH durchsetzte, obwohl sie viele der Medien (genauer: viele Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten) auf ihrer Seite hatte?

Ich denke, es liegt zum einen an der Binnendifferenzierung der Medien. Oftmals wird über „Brüssel“ und „Straßburg“ und „Luxemburg“, über die EU also, nicht auf den Wissenschaftsseiten berichtet, sondern im Politik- oder Wirtschaftsteil. Und unter den Politikjournalistinnen und -journalisten sind dann eher welche, die von Wissenschaft wenig bis gar keine Ahnung haben oder die Wissenschaft als „he said, she said“ ansehen (ein Beispiel für diese Herangehensweise hier und hier). Pech für die Wissenschaft, dass die Politik meist weiter vorne kommt als die Nachrichten und Kommentare aus der Forschung.

Falsche Selbstgerechtigkeit der Forschenden

Das ist es meiner Meinung aber nicht allein. Denn es bleibt der Umstand, dass viele Medien ein differenziertes Bild der neuen Verfahren zur Gentechnik und Pflanzenzüchtung gezeichnet haben. Und doch hat die Angstmacherei gesiegt, das Unbehagen vor Eingriffen in die Natur, das Misstrauen gegen eine Wissenschaft, die offenbar von vielen als technokratisch und frankensteinesk angesehen wird.

Hier sehe ich ein Kommunikationsversagen der Forscherinnen und Forscher.

Mir ist so eine selbstgerechte Haltung auch beim Thema Tierversuche untergekommen. „Wir handeln nach Vorschrift“, „Wir halten uns an Gesetze“, „Das ist alles genehmigt“. Das waren Sätze, die mir entgegenschlugen, als ich bei Treffen mit leitenden Wissenschaftlern (in dem Fall waren es nur Männer) anmahnte, mehr und offener zu kommunizieren. Dahinter steckte freilich nicht nur Selbstgerechtigkeit, sondern auch eine durchaus berechtigte Angst, mit Äußerungen pro Tierversuche (oder pro Gentechnik oder pro Fracking oder oder oder) selbst zur Zielscheibe von Kampagnen zu werden. Wer gesehen hat, was dem Tübinger Max-Planck-Direktor Nikos Logothetis passiert ist oder dem Bremer Universitätsforscher Andreas Kreiter, der überlegt sich zweimal, mit kritischen Themen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Das Problem: Die NGO’s, die mit Angstmacherei ihr Geld verdienen, werden nicht verschwinden. In etablierten Parteien werden ebenfalls Ängste gezielt geschürt und Debatten mit Wissenschaftler_innen verweigert. Auch die politischen Geschäfte mit der Angst werden bleiben.

Mehr zuhören, weniger missionieren

Es ist schwer dagegen anzukommen für Forscherinnen und Forscher, die zu Themen wie Gentechnik (grün oder rot), Fracking, Kohlendioxidlagerung im Untergrund, Endlager für Atommüll etc. arbeiten. Denn die Schützengräben sind bereits ausgehoben, die Verteidigungs- und Angriffslinien stehen fest. Frankenstein hier, moralisch Überlegene und verantwortungsbewusst Handelnde dort. Fakten haben nur noch wenig Platz. Sie helfen auch nur bedingt, wie das EuGH-Urteil und die Reaktionen darauf zeigen.

Was meines Erachtens helfen würde, wäre ein Eingehen auf die Ängste der Bürgerinnen und Bürger.

Forscherinnen und Forscher sollten mehr zuhören. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht, gerade auch unter der Prämisse, dass es nicht darum geht, das Gegenüber von der eigenen Position zu überzeugen.

Ein weiterer Punkt ist das Kommunizieren eigener Werte und Beweggründe. Das geht weit über die Vermittlung von Fakten hinaus. Zum Eingehen auf die Ängste gehört es ebenso, situationsangepasst zu reagieren. Man mag die Angst vor „Genen in der Nahrung“ belächeln oder sich über die Unwissenheit mokieren. Aber man wird damit nicht weit kommen in der Debatte. Eher schon hilft es zu erklären, dass  wir immer schon „fremde Gene“ gegessen haben. Dass sich Pflanzen seit jeher vor Fraßfeinden schützen (mit Bitterstoffen, mit Gift, mit Dornen und Nesseln) und der Mensch seit jeher versucht, genau diesen Schutz zu umgehen (durch Kochen ebenso wie durch Züchtung). Und dann natürlich all die Fakten, die längst bekannt sind (Mutagenese durch Radioaktivität viel ungenauer, neue Methoden besser, schneller und ressourcenschonender etc.). Vor den Fakten aber sollten Werte kommuniziert werden. Und davor wiederum, ich wiederhole mich, muss die Forschung genau hinhören. Sonst steht der nächste Rückschlag an.

It’s the trust, stupid

Trust in science (and politics and media) is eroding. Politics and media try to draw on the remaining trust for science thus eroding the foundation of trust even more. Communicators can help re-establish trust with transparency.

There’s a new buzzword in German politics: “Lügenpresse” (mendacious press). Many people show growing distrust in the traditional media, some even believe in a big conspiracy scheme. (This holds true for many people all over the world, just read the great piece of Dave Eggers in the „Guardian“ on a Donald Trump rally.) Conspiracy theories are not limited to the political realm, more often than not science or scientists, sometimes pseudo‐scientists, are involved: anti‐vaccine movement, so‐called climate skeptics, GMO advocates and anti‐GMO people, animal research, or, on the more ludicrous side, the proponents of “chemtrails”. It’s not always pseudo‐science that fuels the debate. The lines between pseudo‐science and real science are blurred. Where does advocacy start, where does science end? Take, for instance, Gilles de Séralini and his skewed study on rats growing tumors after being fed GM corn (see, for instance, here and here for references). Another example is Björn Lomborg, political scientist and author of “The Sceptical Environmentalist”.

Polls show a general decline of trust in many institutions and professional groups, especially in media and politics. Scientists are still amongst the most trusted people. However, the systems of science, politics, and media are closely intertwined; be it through funding, through scientific backing of political decision‐making or through selling attention. Even more so, I think that media and especially political organizations (eg. parties, NGOs, Think Tanks) try to boost their waning credibility through using science and scientists as a source of trust.

Some scientists leave the scientific system to advocate for certain causes, be it for ethical reasons or money or political or personal career. Worse: Some scientists stay in the system but start to advocate. What they do: They stay nominally in the scientific system but they are actually acting outside the system. Cheating means leaving the system. Misinforming means leaving the system. Withholding information, eg. the sources for funding, means leaving the system.

We should look at the intertwined system from a communication’s point of view. What binds the system together? Trust.
Traditionally, the system comprised several clearly discernible players, with specific roles, who all knew about each other and trusted each other. First of all, the scientists working in the labs or offices coming up with new ideas and putting them to test; then the peers reviewing it and the journals publishing it. Finally came the media outlets picking up on published and peer‐ reviewed work. Alongside went the politicians or funding bodies responsible for securing financial support, relying on reports, peer‐reviews, and media coverage.

This system is being eroded from many sides. Highly politicized (or heavily marketed) science leads to public claims and counter‐claims on many different issues, be it GMO, climate change, or the promise of certain therapies, eg. stem cell therapies, and nutrition (what will give you cancer and what will prevent it). Another area of growing distrust is the role of big scientific publishing companies with their pricing and quality claims opposed to open access and open science. Especially the high‐impact journals are attacked because there’s only one thing that strongly correlates with impact factor, and that is the retraction rate (see here for a  study by Björn Brembs on the subject). Then, there’s the diminishing expertise in media companies due to budget cuts. And there’s the growing marketing skills of scientists (and their communication departments) to “sell” their projects to funding bodies (with counter‐claims made by those who did not get funding). All of this has nothing to with the internet as such, and yet, it is the internet that makes all those fights and jealousies easily accessible and visible, thus eroding the foundation of trust.

So it’s about trust. Where does trust come from? Reputation and transparency. Reputation stems from quality. Who is to judge quality in science? Peers. What about the public? Lay people can hardly judge the quality of science, yet, they rely on science one way or another (there’s an interesting paper on the subject by Dan M. Kahan).

Non-scientists need secondary indicators such as (i) high‐impact journals (as I said, those are under attack and not widely known), (ii) media coverage (also under attack by budget cuts and by general distrust, “Lügenpresse”), (iii) brand names (Stanford, MIT, Max Planck, Nobel Prize), or (iv) transparency. Science communication can actively influence transparency. It has some influence on brand names and, to a certain extent, on media coverage.

The fact that science communicators in Germany recently called for quality control or guidelines is telling. It comes down to the fact that many actors in science communication are aware of the growing distrust. However, it is not only distrust in our communication efforts, but a far more widespread distrust in the system of science, publication, and funding. An example from the US is the Flint Water Crisis.

Those who call for quality control and those who want to follow the guidelines are not the problem. The problem are those who are not aware of any problem as they are convinced of their own credibility (or the quality of their brand name). The most important point I see where professional communicators can fine‐tune something is transparency. Traditional institutional science communication was about controlling the message. Now it’s managing communication channels. We need to address scientists, fellow communicators, politicians, and media alike to resolve the crisis of trust. It’s about lifting the veil to re‐establish trust.

Please note: I prepared this paper for a retreat of the Siggen Circle.  I added the links afterwards.

tl;dr: Trust in science (and politics and media) is eroding. Politics and media try to draw on the remaining trust for science thus eroding the foundation of trust even more. Communicators can help re-establish trust with transparency.

The pressure behind communicating science

Some notes on the workshop #wowk15 at the “Volkswagenstiftung” I was tweeting about this week (mainly in German). I would translate the title of the workshop “Researchers’ communication under pressure of public relations”.

There were several ideas and concepts nearly all of those who were there agreed on:
– Scientists and the science system, i.e. institutions, both share a responsibility to communicate.
– One should not only communicate results but the scientific process and the scientific principle as well. Science is all about doubt and not about certainty. Society should know this.
– There are intrinsic factors – at least in some fields – that lead either scientists or PR people, or sometimes both, to hype scientific results. These factors are, for instance, alarmism to get more funding, be it in climate science or health research; the reputation game and the idea that publicity also enhances scientific reputation; and the increasing tendency to rank and rate scientists according to metrics (which, in turn, leads to more publications, some of them hyping results, which subsequently creates media hypes).
– Hyping does not always help, especially not in peer-reviewed grant applications.
– Media, on the other hand, have a tendency to hype as well, sometimes by cherry-picking results or by reporting on poorly designed but somehow attractive health studies („Drinking red wine protects you from cancer“). Read here the interesting study by Petroc Sumner and his colleagues on hyping science in the field of health research.

There was an interesting remark by Petroc Sumner about hyping results and putting stuff directly online instead of offering it to media people (who might detect the hype): “Bypassing traditional channels, i.e. media, won’t help you because people won’t trust you anymore.” Or, as Hans Peter Peters from FZ Jülich put it: “The selection process by journalists cannot be substituted by a self-selection process by science (or science communication).”

In a small workshop I chaired within the conference we talked about the roles of institutional governance and scientists in the communication process. The President of the Friedrich Schiller University in Jena, Walter Rosenthal, said that the pressure to communicate has increased in the last decades. This is for one part due to external factors and for another part a matter of one’s personal career. The more political a scientist’s position is, the higher the pressure is to communicate. “You really start to feel the pressure once you are in a leading position”, said Walter Rosenthal.

Rosenthal sees communication as a means to be visible to stakeholders, such as politicians, and to pave the way for support. Part of this kind of science communication is to create a general basis of trust. Another part of it is directly related to specific projects or measures. In Jena, for instance, the university is planning a substantial enlargement of its campus with new buildings. Rosenthal: “There is a lot of politics involved. And this has to be explained to the public as well.” An important issue of this type of science communication is the fact that scientists or leaders of institutions are in turn helping science politicians to convince their peers in politics that funding for science is necessary despite competing interests in other fields of politics.

There also is, of course, the ever-present intrinsic motivation of scientists to talk about their work and the ever-present need to explain where taxpayers’ Euros went. Last but not least, society has questions to be answered, be it vaccines, climate change or other pressing issues about environment, health, and societal issues.

Apart from these well-known and much cited reasons to communicate, my friend and former colleague Carsten Hucho mentioned another reason: Science as such is important for a society and needs to be funded without asking for direct revenues. Scientific thinking formed cultures in many parts of the world. Visible and successful science makes a society attractive. Science as a cultural achievement with an intrinsic value needs to be communicated, too, said Carsten.

P.S.: I am writing this in English as a courtesy to all the non-German scientists who answered on my last entry and the second to last.

My kind of pressure

First of all a disclaimer: I am a science communicator heading a communications department at a biomedical research institute, the MDC. As I wrote in my last blog post I am looking for signs of pressure to scientists to communicate. When I tweeted about my questionnaire, more than 750 people saw the tweet (THX to all who retweeted!), and 10 of them clicked on the link. Several other scientists and communicators picked up the tweet, so I’d modestly double the impressions on Twitter to 1,500 (I did post it on Facebook as well but I won’t bore you with all stats). The stats of the blog post show that 123 people saw it, I got around 10 replies or comments. A huge THANK YOU to all of you who replied on Twitter, Facebook, here at the comments‘ section or directly via email. First approximation: less than 10 percent of those who saw the tweet clicked and less than 10 percent of those who clicked left a reply. Bummer.

This meagre result is, however, in accordance with the replies I got. It is basically only intrinsic motivation that drives scientists to communicate to a broader public („science2lay“ communication, S2L). No pressure. There are incentives, i.e. there is money provided by funding agencies to disseminate the results of the funded projects; sometimes, these agencies – for instance the European Union – demand that scientists disseminate the results. Pressure? In the last 15 years or so that I am doing communications I saw quite a number of digital graveyards for this kind of mandatory dissemination. What I heard myself and from other communication officers was scientists asking: „Oh, we have some money that we are required to use for dissemination. Can you recommend a person who will set up a website for us where we will put all the information?“ In the offline world, this is equivalent to a brochure (the PDF of it can go on the aforementioned website…)

On the other hand, I saw the rise of science communication with new formats such as the extremely successful „Long Night of Sciences“, an event developed in Berlin and spread out to many other cities and regions in Germany. Countless scientists of all ages and many different disciplines started to talk to lay people; there are science slams, there is FameLab, there are events designed for children of all ages, and even a barge that is temporarily refurbished as a swimming science center.

So where’s the problem? I see it on both sides. Scientists seem to get wary or tired of trying to educate a public seemingly immune to scientific reasoning (see the antivaxxers or the people who deny that climate change is real). The public, on the other hand, is overfed with results from science and pseudo-science. Advocacy organizations use science, and pseudo science, to convince people that, for example, animal experiments are useless or rats fed with genetically modified corn are more prone to develop cancer (a study that gained huge media attention and was retracted). Many different fields of science have become heavily politicized: stem cells, fracking, climate studies, genetic engineering of plants, of animals, and possibly of humans, to name but a few.

My personal conclusion is: We need science more than ever. We need hard science, i.e. basic research, as well as applied science and humanities, to tackle global problems. We need rigorous quality control for science. And we need to talk about it!

We need science communication more than ever. As a member of the public, I want to know about the nonsensical and completely made-up  connection between vaccination and autism, about the dangers of miracle cures, about sea-level rise, its probability and its implications. I want bad science to be uncovered. I want scientists to debate the ethics of their work and the ethical implications of their results. I want to know where my tax-payer’s money went.

I, as a communicator, can only do part of the job.  Authenticity and depth of information can only be provided by first-hand experts. I need you, scientists! You got to help me. You have to. Period.

Science under mounting pressure to communicate?

Dear scientists (and science communicators),

As I will be hosting a workshop (here’s the program of the workshop – in German – but please note that it is fully booked) under the assumption that there is a growing pressure on scientists to talk to the public (I’ll refer to this kind of communication as „science-to-lay“ communication, S2L), I’d like to gather evidence and opinions about this assumption. I am distinguishing S2L communication from „science-to-science“ communication, S2S, the latter being an integral part of the scientific process.

So, dear scientists and communication experts, please leave a reply here at this blog post or email me at josef.zens and add gmx.de. Ich freue mich auch über Antworten auf Deutsch! Englisch habe ich gewählt, weil ich gerne möglichst viele Wissenschaftlerinnen (Männer mitgemeint) erreichen will.

My questions are:

Do you, as scientists or communicators, share the impression that there is a mounting pressure on scientists to do S2L communication?

Has there always been some pressure? Is it mounting?

If so, could you please specify how exactly this pressure manifests itself. Is , for instance, anyone approaching you and asking you to communicate more or to blog and tweet?

Who excerts this pressure: the communications departments and press offices? Or the directors / heads of the institutes or universities? Or some other stakeholders such as funding bodies, ministries etc.?

How do you personally react to this pressure?

If you don’t feel any pressure and still have read this far, please also reply: Do you follow this debate about a growing necessity for S2L communication?

And to all of you: Feel free to add your thoughts on this topic.

Thank you so much.

Umbruch allerorten: Wer ist hier eigentlich Journalist?

Auf Twitter verfolge ich gerade eine kleine Debatte zwischen Florian Freistetter und Henning Krause. Es geht den beiden um Open Access. Florian schreibt in seinem Blog, er berichte seit geraumer Zeit nicht mehr über Forschung, wenn er darauf mit einer Pressemitteilung OHNE den Zugang zum Originalartikel aufmerksam gemacht wurde. Er will so Open Access vorantreiben. Florian schreibt unter anderem: „Aus meiner Sicht ist eine Pressmitteilung wertlos, wenn ich nicht auch die wissenschaftliche Facharbeit lesen kann, über deren Ergebnisse sie mich informieren will.“

Henning hält dagegen, dass Pressestellen auch auf Forschungsergebnisse aufmerksam machen müssten, wenn diese Ergebnisse „closed access“, also hinter einer Paywall steckten.

Ich gebe das jetzt nur ansatzweise und in Ausschnitten wieder. Lest es selber nach und folgt den beiden auf Twitter, es lohnt sich.

Worum es mir hier geht: Ich sage, die Debatte dreht sich nur vordergründig um Open Access. Dahinter stecken aber die Folgen des digitalen Wandels, die alle möglichen traditionellen Rollen völlig verändern.

Florian hat ja Recht, wenn er fordert, als Berichterstatter müsse er auch die Studie lesen können. Das war früher die Rolle von akkreditierten Journalistinnen (Männer wie immer mitgemeint). Die bekamen von den großen wissenschaftlichen Journalen Zugänge zu deren Presseportalen und konnten so die Studien – Paywall hin oder her – herunterladen. Dann berichteten sie in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen darüber. Die Medienhäuser wiederum hatten, sofern es freie Journalistinnen waren, vorher gewissermaßen gebürgt, dass es wirklich Journalistinnen waren (oder die Standesorganisationen taten das über Presseausweise).

Der Weg war also: Forscherin publiziert. Fachjournal und Pressestelle informieren oftmals abgestimmt miteinander die Journalistin. Die schreibt oder macht Radio- bzw. Fernsehbeitrag. Mediennutzerin konsumiert.

Dahinter stecken finanzielle Interessen der Verlage und sehr viel Vertrauen von allen in alle. Medienkonsumentinnen vertrauten auf die Auswahlkriterien und Fachkenntnisse der Redaktionen (ähem, lest hier was brandaktuelles dazu), Journalistinnen vertrauten auf das Peer Review der Journale, und Journale vertrauten auf die Ehrlichkeit der Wissenschaftlerinnen.  All das erodiert, nicht seit es das Internet an sich gibt, sondern weil das Internet Möglichkeiten bietet, Betrügerinnen auf die Schliche zu kommen, weil Bloggerinnen rasch auf Fakes und schwache Studien reagieren können und weil alle möglichen Interessensgruppen eigene Kanäle aufbauen. Es gab auch vor Internet-Zeiten gewiss Fälscherinnen, schlechte Journalistinnen und faule Peer Reviewerinnen. Nur flogen die seltener oder erst mit längerer zeitlicher Verzögerung auf.

Zugleich gibt es Pseudojournale, die gegen Gebühr jeden Mist publizieren und so tun als sei das peer reviewed. Jetzt gibt es Bloggerinnen, die über Wissenschaft fundierter schreiben als es in Zeitungen der Fall ist. Es gibt Bloggerinnen, die für Institutionen schreiben oder für Interessensgruppen. Und jetzt gibt es Pressestellen, die unter Druck stehen, die Arbeit ihrer Institution medial sichtbar zu machen. Und es gibt Forscherinnen, die auf Teufelin komm raus publizieren wollen oder auch medial sichtbar sein wollen. Hinzu kommen politische Think Tanks und politische Interessen (ein Beispiel ist der Klimawandel).

Kurzum: Wer kann wem glauben? Wer darf was lesen? Wer darf wo publizieren? Das große Internet bietet Raum für alle. Und keiner weiß mehr: Ist das eine echte Forscherin aus einer echten Institution (ich erinnere nur an die falsche Schoko-Studie)? Stammt der Bericht von einer echten Journalistin (mit Ausbildung und Qualitätskriterien, die sie einhält)?

Aus Sicht eines  Öffentlichkeitsarbeiters verweise ich auf die sehr erfreuliche Entwicklung in der Szene, Qualitätsstandards zu formulieren (nachzulesen etwa hier und hier). Auch die Wissenschaft testet ja, ob das System der Impaktfaktoren (hinter dem Journale und Verlage stehen) ausgehebelt werden kann durch Open Access, Open Peer Review, Open Science etc. Vorerst aber wird alles durcheinandergerüttelt. Das wird wohl noch eine Weile so bleiben. Vertraut mir.

Nehmt die Chemtrailer ernst

Gerade tagen die Skeptiker in Frankfurt am Main und beim Klicken und Surfen im Umfeld bin ich dazu auf einen Chemtrailer gestoßen, der vor Jahren schon auf Florian Freistetters Blog ein Posting kommentierte über Kondensstreifen. Ich fand da eine wunderbare Verschwörungstheorie. Die geht irgendwie so: Der Kachelmann betreibt privat Wetterstationen, was dem staatlichen Monopol, das in Wirklichkeit vom Militär kontrolliert wird, ein Dorn im Auge ist. Das Militär, also die NATO und deren Vasallen, nutzen ihre Stationen und Flugzeuge, um das Wetter zu beeinflussen und  Chemtrails zu versprühen. Aber die Chemtrailer haben das durchschaut. Der Kachelmann hatte nun ein privates Gerichtsproblem (das Verfahren wegen Vergewaltigung). Ja, da lässt sich was machen: Wenn er die Chemtrailer verunglimpft, dann kommt er davon. Also wettert der Kachelmann auf YouToube gegen Chemtrailer und, o Himmelsmacht, wird freigesprochen. (Ich bin mir nicht sicher, ob ich das korrekt zusammengefasst habe. Und zur Sicherheit: Ich distanziere mich hiermit klar davon, zumal es auch in den Kommentaren auf besagtes Posting widerlegt wurde.)

Nachdem ich eine Zeitlang gelacht hatte, habe ich die bewundernswert geduldigen und teilweise auch sehr schön ironischen Repliken auf diesen Chemtrailer gelesen. Der verwechselte Metrologie und Meteorologie und wirkte auch sonst nicht wie jemand, der die wissenschaftliche Arbeitsweise kennt. Und wie es der Zufall so will, hat erst vor wenigen Tagen das Umweltbundesamt (UBA) einen langen Facebook-Post veröffentlicht und zu den „Chemtrailern“ eindeutig Stellung bezogen.

Aber dann bin ich ins Nachdenken gekommen. Dieser Mensch auf Florians Blog hat ein Weltbild, das er offenbar mit einer ganzen Reihe von anderen teilt. Und es gibt solche verqueren Weltbilder ja nicht nur bei Chemtrails. Chlorbleiche oder Spezial-Diät gegen Autismus? Hilft bestimmt, nur die Pharma-Lobby und ein Bundesinstitut wettern dagegen.  In Frankfurt an der Oder gibt es das Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften, auch Hogwarts an der Oder genannt. Tierversuche lassen sich nicht auf den Menschen übertragen. Impfen verursacht Autismus und Krankheiten. Kinderkrankheiten gehören zum Leben als wichtige Entwicklungsschritte eines Menschen. Klimawandel hat es immer schon gegeben, und wir können weiter fossile Rohstoffe verbrennen. Ich spare mir hier Links.

Ja, wendet sich meine Filterblase ab, das sind halt die Bekloppten. Aber da gibt es einige Punkte zu machen: Erstens stößt es mir dann doch sauer auf, wenn man sich über Leute lustig macht, die bildungsfern aufgewachsen sind. Zweitens sind es oft eben gar nicht die vermeintlich Bildungsfernen, die RTL-2-Guckerinnen (Männer immer mitgemeint) und das Subproletariat, sondern es sind oft höher gebildete Menschen, insbesondere bei den Impfgegnerinnen , Ärzten gegen Tierversuche und Klimaskeptikerinnen.  Drittens, und das ist mir am wichtigsten, stellt  jede Anhängerin einer solchen Verschwörungstheorie und jede Anhängerin von Pseudomedizin für mich einen Beleg dar für das Versagen von Wissenschaftskommunikation. Da helfen auch keine Talkshows und kein literarisches Quartett für Wissenschaft. Da hilft keine charismatische Wissenschaftlerin, egal ob Nobelpreis-gekürt oder nicht, die all den Humbug im Fernsehen verurteilt. Da hilft keine Skeptiker-Bewegung. Das ist alles zu spät, weil die Weltbilder verfestigt sind.  Mehr dazu auf Englisch hier und vor allem hier.

Schule könnte vielleicht helfen. Lehrerinnen ausbilden und ihnen zeigen, wie echte Wissenschaft heute geht. Wissenschaftlerinnen in Kindergärten und Schulen schicken und den Kindern die wissenschaftliche Methode nahebringen. Und zugleich darauf achten, sich nicht über Wunderglauben, sei er katholisch oder ayurvedisch oder anthroposophisch, lustig zu machen.

Nur hilft uns das jetzt nicht weiter, wenn die Masern in Berlin grassieren. Wenn Gurus auftreten und Wunder versprechen. Wenn Wissenschaftlerinnen mit dem Tod bedroht werden, weil sie Tierversuche machen, deren Sinn nicht verstanden oder grundsätzlich bezweifelt wird, und wenn sie so zermürbt werden, dass sie mit ihrer Forschung aufhören.

Ich sagte es: Da hilft klassische Aufklärung nur bedingt, weil die Weltbilder zu verfestigt sind. Viel wichtiger ist es, die Menschen ernst zu nehmen. Auch wenn sie einem manchmal närrisch vorkommen. Das heißt: Immer wieder diskutieren, immer wieder Wissenschaft mitsamt dem Prozess des Forschens, Zweifelns und Validierens  transparent machen. Und zwar durch die Wissenschaftlerinnen selbst.

Zum Weiterlesen: Paige Brown Jarreau das ganz gut aufgeschrieben.

Schon wieder was zum Schämen

„Würden Naturwissenschaften in Talkshows debattiert, wollten alle mitreden, und eine gesellschaftliche Debatte käme in Gang. Plötzlich wären Natur und Technik etwas, das allgemein diskutiert und nicht apodiktisch von Professoren verkündet würde. Wenn ein Forscher erklärt, Leben im Reagenzglas erzeugt zu haben, wäre das doch eine Talkshow wert! Stattdessen bringen diese Sendungen zu viel albernes Zeug.“

Das Zitat stammt von Ernst Peter Fischer aus einem SPIEGEL ONLINE-Gespräch.

Ernst Peter Fischer (das ist ein Wissenschaftshistoriker und Buchautor und Professor) hat die Medienlogik nicht verstanden. Er glaubt, wenn er und andere Sachbuchautorinnen bei Jauch säßen, würde eine gesellschaftliche Debatte in Gang kommen. Was er sich offenbar nicht vorstellen kann: Dass die Leute abschalten. Was er anscheinend nicht weiß: Es geht bei den Talkshows nicht um Information und Wissenstransfer, sondern um Konflikte. Um A gegen B.

Konflikt in der Wissenschaft unterliegt aber völlig anderen Gesetzen als der Medienkrawall. Streit in der Wissenschaft betrifft entweder innerwissenschaftliche Debatten, die meist keiner versteht (deshalb gibt es Journale wie Spektrum der Wissenschaft oder Blogs), oder der „Streit“ adelt Pseudo-Wissenschaft (Impfgegner, Klima-Skeptiker, Gentechnik-Gegner…), und kaum eine Wissenschaftlerin würde sich dem aussetzen wollen.

Es ist also ziemlich naiv, wenn Ernst Peter Fischer glaubt, der Auslöser von gesellschaftlichen Debatten seien Talkshows. Er verwechselt da Ursache und Wirkung.

Wer sich eingehender mit dem Pseudo-Streit beschäftigen will, der lese Florian Freistetters Beitrag oder Jens Rehländers Post oder Alex Gerbers Beitrag hier  oder das etwas längere, aber lesenswerte Stück von Markus Pössel.

Oder,  gleich hier,  noch die Anmerkungen meines Freundes und Kollegen Franz Ossing zu dieser Debatte (auf eine Nachfrage hin hier eine Klarstellung: alles, was hier drunter folgt, stammt von Franz Ossing):

>>Die sollten sich tatsächlich was schämen!

Einen besseren Beweis für die aktuelle Krise des Wissenschaftsjournalismus braucht man nicht: Spiegel Online präsentiert ein Streitgespräch über Wissenschaft in den Medien
unter einem Zitat des (von mir durchaus hochgeschätzten) Professors für Wissenschaftsgeschichte E.P. Fischer, der gleich mal die Welt sortiert: „Die sollten sich was schämen!“. Alles, was an Wissenschaftskommunikation in Deutschland läuft, ist dummes Zeug, speziell „Wissenschaft im Dialog“ (WiD) ist „reine Geldverschwendung“, das sind beamtenmäßig Handelnde, nur interessiert an „Arbeitsstelle und Pension“- so Fischer. Mit Vorurteilen gegen Beamte kriegt man in Deutschland immer Beifall.

Fischer schreibt hervorragende Bücher (sehr empfehlenswert: „Einstein trifft Picasso und geht mit ihm ins Kino“), hat ansonsten aber von Wissenschaftskommunikation so viel Ahnung „wie Vögel von der Ornithologie“ (Reich-Ranicki). Was sich in den letzten zwei Dekaden in Deutschland an Wissenschaftskommunikation entwickelt hat, sind nicht nur „bunte Erklärshows“. Wenn jährlich um die 100.000 Besucher das Wissenschaftsschiff (ein WiD-Format) frequentieren, dann ist das eine Zahl, die ich als Auflagenhöhe jedem von E.P. Fischers Büchern wünsche. Nun denn, vanitas vanitatum et omnia vanitas: Fischer will mal wieder WiD abschaffen. Das ist aber auch nix Neues.

Aber eine hervorragende Vorlage für Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus. Der findet Fischers Vorschlag gut, will WiD ebenfalls abschaffen und das dafür aufgewendete Geld in einen „Fond für unabhängigen Journalismus“ schütten. Das bezeichnte er als „radikalen Vorschlag“.

Damit sind wir wieder bei der Krise des Wissenschaftsjournalismus, die ihre Ursache in den stark aufgemöbelten Pressestellen der Forschungseinrichtungen haben soll. Selbstverständlich werden hier auch wieder, syntonisch mit Fischer, die Klischees bedient: Journalismus hat die Wächterfunktion, die Pressestellen der Forschungseinrichtungen machen aber den Journalisten das Leben schwer, denn sie haben die „Idee, man könne unter Umgehung der bösen kritischen Journalisten … direkt den Endnutzer erreichen“. Genau: zuerst jubeln die Pressestellen dem Publikum ihre faustdicken Lügen unter die Weste, dann schleichen sie sich hämisch kichernd mit gelben Augen wieder in die düstere Höhle. Hier die Guten, da die Bösen, auch das funktioniert immer.

Ergänzt wurden diese Versatzstücke durch ebenso flach gehaltene Fragen: „Wird Wissenschaft in den Medien zu langweilig dargestellt?“ Manno! Gerade im Haus des SPIEGEL weiß man sehr wohl, dass Journalismus sich nach den realen Ansprüchen eines Geschäftsunternehmens ausrichten muss, ohne Umsatz kein Journalismus. Journalisten sind vor allem erst einmal bezahlte Mitarbeiter eines am Markt tätigen Unternehmens, sofern sie nicht öffentlich-rechtlich arbeiten (da greifen dann andere Kriterien). Soweit zum hehren Anspruch des Journalismus als vierte, kontrollierende Gewalt.

Kurzum: derartig altbackener Unsinn wie in diesem „Gespräch“ bringt uns alle nicht weiter. Die vorangegangenen Debatten nach „WÖM-Papier“ der Akademien und Siggener Aufruf waren da in der Problemauffassung entschieden weiter. Das Internet, nein, die Digitale Revolution hat ein neues gesellschaftliches Agieren mit neuen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Information und Kommunikation hervorgebracht, letztlich weltweit. Auf diese Journalismus und Wissenschaft gleichermaßen treffende Umwälzung zu reagieren, indem man ein „Literarisches Quartett für Sachbücher, einen Reich-Ranicki der Wissenschaftsdebatte“ fordert: das kommt aus einem der letzten Elfenbeintürme und ist so vorwärtsorientiert wie die Dampflok. „Die sollten sich tatsächlich was schämen!“<<