Hier gibt es nichts zu feiern

von Julia Peschel

Eine Nacht im Deutschen Rheumaforschungszentrum

Rund 1,3 Millionen erkrankte Menschen in Deutschland belegen deutlich: Rheuma kann jeden treffen. Rund 400 verschiedene rheumatische Erkrankungen, die Schmerzen und Schädigungen der Gelenke, der Muskeln und der inneren Organe verursachen können, werden mittlerweile unterschieden. Allerdings ist die frühzeitige Diagnose der spezifischen Krankheitsform  bisher schwer möglich, ebenso schwierig ist demzufolge eine Voraussage über die Intensität des Verlaufs und die Erfolgschancen einer medikamentösen Therapie. Edeltraud Jahn, 60 Jahre alt und ehrenamtliche Mitarbeiterin der Deutschen Rheuma-Liga, ist eine Betroffene. Sie weiß inzwischen genau, an welchen Krankheiten sie leidet: an rheumatoider Arthritis, an Fibromyalgie (eine chronische Schmerzerkrankung des Bewegungsapparates), am Sjögren-Syndrom (Autoimmunkrankheit, bei der unter anderem die Speichel- und Tränendrüsen angegriffen werden), an Hashimoto-Thyreoiditis (Autoimmunerkrankung, die die chronische Entzündung der Schilddrüse bewirkt) und – als Nebenwirkung – Diabetes Typ II. Aber um es nicht so kompliziert zu machen, sagt sie meistens nur, sie habe einfach Rheuma. Seit die Krankheit 1984 bei ihr festgestellt wurde, engagiert sie sich dafür, die Aufklärungsarbeit voranzutreiben. Sie möchte die Situation für Betroffene verbessern.

Während der Langen Nacht der Wissenschaften 2009 wird im Deutschen Rheumaforschungszentrum in Berlin eine neuartige Methode vorgestellt, die die Diagnose und Therapie rheumatischer Erkrankungen zukünftig erheblich erleichtern könnte. Im Rahmen dieser Methode, wie sie im Ramina-Labor praktiziert wird, können mittels Lasertechnologie einzelne Zellen vom Umgebungsgewebe isoliert werden und anhand der dort enthaltenen Erbinformationen neue Erkenntnisse über die Krankheit und ihre Ursachen gewonnen werden.

Hierbei wird durch einen Laserstrahl eine Membran auf Gewebsproben gedrückt, welche durch Haften an der Membran vom übrigen Gewebe getrennt werden. Durch Schütteln oder Kochen wird die relevante Information herausgefiltert – die RNA. Diese liefert die meisten Auskünfte über Abläufe in einer Zelle. Die Idealvorstellung der Wissenschaftler besteht in der Gewinnung bzw. Herstellung von „Rheuma-Chips“, auf denen nicht die gesamte RNA, sondern nur die für das Rheuma relevanten Informationen der Zelle enthalten sind und welche sodann effektiv analysiert werden könnten.

Den Ort des Geschehens kann der interessierte Besucher der Langen Nacht der Wissenschaften im Rahmen einer Führung näher betrachten. So wird auch auf der letzten Führung den Besuchern die Technik erläutert, allerdings ist hier dem wortführenden Wissenschaftler die fortgeschrittene Stunde – es ist 23:30 Uhr – deutlich anzumerken. Auch, dass er die Inhalte zum wiederholten Male wiederzugeben verpflichtet ist, merkt man ihm an. Den themenfremden Zuhörer jedoch kann die Fülle an Fachinformationen und –begriffen früher oder später überfordern. Und obwohl der effektive Aufenthalt im Labor bald kürzer ist als die Zeit, die benötigt wird, die Teilnehmer im Fahrstuhl unterzubringen, erscheint er unnötig lang, sobald sich nur ein Mal ein Zusammenhang nicht erschließt und man den weiteren Ausführungen nicht mehr folgen kann.

Zum Abschluss der Führung wird der Besucher geladen, auf der hauseigenen Dachterrasse die Aussicht und ein Getränk zu genießen, während nicht zu überhören ist, wie sich in der Sitzecke zahlreiche junge Helfer sehnsüchtig über die Mitarbeiter-After-Show-Party nach Beendigung der Langen Nacht auslassen.

Edeltraud Jahn jedoch verharrt geduldig auf ihrem Stuhl. Sie möchte keine Party machen. Sie möchte aufklären, dringend aufklären. Ihr größtes Anliegen seien die Kinder. Und das allgemeine Bewusstsein über die Krankheit. Auf den ausliegenden Postkarten, die gleichzeitig zur Teilnahme an einem Gewinnspiel berechtigen, sind Wünsche von Rheumapatienten abgedruckt. Mehr Respekt wird dort gefordert; sowohl von den Mitmenschen als auch von den eigenen Ärzten. Diese stellten den Betroffenen in der Regel nicht genügend Informationen über die Krankheit und die Möglichkeiten zur Verfügung. Außerdem wird nach intensiverer Forschung, finanzieller Unterstützung für Erkrankte und einem breiteren Bewusstsein in der Gesellschaft verlangt. „Heilen kann man es nicht“, sagt Edeltraud Jahn, „aber die Lebensumstände könnten deutlich verbessert werden.“ Als sie für einen kurzen Moment abgelenkt wird, muss sie anschließend nach Worten suchen. Sie findet das Gesprächsthema nicht mehr. „Das kommt durch die Medikamente, dass man den Faden verliert“, sagt sie und lächelt entschuldigend. Sie ist müde. Und sie hat Schmerzen, permanent. Aber sie will nicht aufgeben, nicht aufhören, zu mobilisieren und aufzuklären. Für alle, die nach ihr kommen, sagt sie. Denn es kann jeden treffen.

ERDE–SATELLIT–ERDE

von Susanne Pflügner

Als man den mit Ästen und Gestrüpp bewachsenen kleinen Trampelpfad, der nicht einmal asphaltiert ist, hinunter geht, scheint das eher ein Ausflug in die tiefst Natur zu werden, als die Besichtigung eines der präzisesten Messinstrumente Potsdams. Der Hof, zu dem der kleine Pfad führt, wirkt gerade noch wie ein kleiner Parkplatz, aber nicht besonders sehenswert. Warum also sollte die kleine Gruppe hierher kommen? Doch nun wird man auf die kleine metallene Wendeltreppe hingewiesen, die ca. 15 Meter nach oben führt – hoch zum Observationsturm des Deutschen Geoforschungszentrums. Erst die Treppe hoch – dann links – einen schwach beleuchteten Flur entlang – und man steht mitten in der Kontrollzentrale, in dem die ankommenden Daten eines Teleskops verarbeitet werden. Ein erschöpft wirkender Mann, der sich als Ludwig Grunwaldt vorstellt, beginnt an diesem Abend wahrscheinlich zum 7. oder 10. Mal, seine vorbereitete Rede über den Aufbau und die Funktion der potsdamer Satelliten-Laserradarstation.

Die 1992/93 in Betrieb genommene Apparatur erstreckt sich über zwei Stockwerke: Gleich neben der Zentrale, in einem kleinen, angrenzenden Flur befindet sich der Generator, der den Laserstrahl erzeugt. Dieser wird als handflächengroßer Strahl über ein Spiegelteleskop, das sich auf dem Dach des Gebäudes befindet, in das Weltall gesendet, dorthin wo, umfangreichen Berechnungen zufolge, sich ein speziell ausgerüsteter Erdsatellit befinden sollte. Der Impuls kann Raumkörper zwischen 400 und 20.000 km Flughöhe erreichen. Doch das Aufspüren eines Satelliten entspricht zum größten Teil eher der berühmten Suche nach einer Nadel im Heuhaufen, denn nicht nur Satelliten umkreisen den Planten. Momentanen Schätzungen zufolge befinden sich rund 600.000 Objekte, die man als Weltraumschrott klassifizieren kann in der Umlaufbahn der Erde. Und diese gilt es von wichtigen Raumkörpern zu unterscheiden.

Trifft der Laserimpuls einen Satelliten, reflektiert dieser das Licht mittels Spiegeln wieder, mit denen die meisten modernen Satelliten ausgestattet sind. Das reflektierte Licht wird von dem Spiegelteleskop in Potsdam wieder aufgefangen. Doch das Finden, Senden und Empfangen ist ein sehr komplexer Prozess, der durchaus auch von schlichtem Glück abhängt, denn „von den 1016 ausgestrahlten Photonen, kehren nur rund 1000 wieder“, erklärt Grunwaldt. Natürlich wird das Teleskop bereits vorher in die, den Berechnungen entsprechende Position gebracht, dennoch kann der Schuss auch einfach ins Leere gehen. Die Zeit, die das Licht von der Station bis zum Satelliten und wieder zurück braucht, wird von dem Computer, durch den Vergleich der Sender- und der Empfängeruhr, berechnet und anschließend optisch enttarnt. Für den Laien unübersichtlich, ergibt sich für die dort beschäftigten Physiker ein klares Bild von der Position des Satelliten. Solange der Satellit für diese Bodenstation erreichbar ist –  sie ist von insgesamt 25 Stationen weltweit – wird das Verfahren wiederholt, um so ein Teilstück seiner Flugbahn des Raumkörpers zu präzise wie möglich zu berechnen.

Soviel zur Funktion und zur Prozedur des Systems. Eine Sonderfunktion hat die Radarstation aber auch noch, erklärt Grunwaldt den Besuchern. In der Erdumlaufbahn befinden sich neben aktiven Satteliten, auch passive Satelliten, die keine Signale senden, wie die sogenannten speziellen Lasersatelliten. Diese passieren auf ihrer Umlaufbahn die verschiedenen Laserstationen und können, durch die kontinuierliche Laserbestrahlung, Aufschluss über die Veränderungen der geographischen Ausrichtungen der Stationen geben. So wurde beispielsweise herausgefunden, dass sich der Erdboden der potsdamer Kontrollstation auf dem Telegrafenberg täglich um fast Dreißig Zentimeter hebt und wieder senkt.

Damit endet die kleine Führung auch schon, denn die nächsten Gäste drängen sich hinein und Grunwaldt muss seinen Vortrag von vorn beginnen. Die bereits informierte Gruppe wird hinausgescheucht und muss nun den kleinen Trampelpfad zurück gehen, in dem Bewusstsein, dass der Weg vor ca. Fünfzehn Minuten wahrscheinlich noch Zwei Zentimeter höher gelegen war.

Der Respekt bleibt

Zahlenjongleure auf der Langen Nacht der Wissenschaften

von Vera Neubauer

„Ich hatte Angst vor Physikern im Publikum – die nehmen alles immer sehr genau,“ schmunzelt der
junge Doktorand Robert Huth. Grade hat er seinen etwa halbstündigen Vortrag „Keine
Schlüsseltechnologien ohne Mathematik“ beendet und räumt nun den Platz für den nächsten
Referenten. Was er vielleicht ahnt: Zur diesjährigen Langen Nacht der Wissenschaften haben
durchaus auch Spezialisten seines Fachs ihren Weg in das Weierstraß – Institut für Angewandte
Analysis und Stochastik (WIAS) gefunden. Und sie werden bei den Präsentationen bestätigt sehen,
was als Grundsatz der Mathematik gelten kann: Es lässt sich so ziemlich alles berechnen – sofern
man die Gleichung kennt.
Dies will auch Felix Anker den wenigen jungen Besuchern zu vermitteln. Als Azubi zum
mathematisch-technischen Softwareentwickler steht er motiviert in dem kleinen Vorraum des
Hauses in der Mohrenstraße 39 in Berlin-Mitte, in dem zwei Bildtafeln auf den Namensgeber des
Instituts, Karl Weierstraß (der 19. Februar 1997 markierte dessen 100jährigen Todestag), und die
Forschungsgeschichte des WIAS hinweisen. In seiner Nähe zeigt ein großes TV-Gerät anhand einer
Computersimulation das Innenleben einer Mercedes-Benz-Werkhalle, an deren Konzeption die
Mathematiker des Hauses erfolgreich mitgewirkt haben. Ging es dabei vor allem um die
Optimierung der Maschinenpositionen und Fertigungsprozesse, möchte der 21jährige die
Nützlichkeit der Zahlen an einem spielerischen Beispiel verdeutlichen. Selbstsicher erklärt er
anhand einem mit Gleichungen versehenen Plakat, wie sich die Lösbarkeit eines Schiebepuzzles
errechnen lassen kann.
Ob er allerdings dort noch viel Gelegenheit gehabt hat, das jüngere Zielpublikum ab der 7. Klasse
für die Mathematik zu begeistern, ist fraglich. So haben etwa sich bei den Vorträgen in dem kleinen
Hörsaal vornehmlich Erwachsene eingefunden, davon ist der größte Teil, so will es das Klischee,
männlich. Der Mathematikerkollege sitzt neben der naturwissenschaftlich interessierten Familie
ebenso wie der Berliner Abiturient neben dem älteren Herrn aus Potsdam, der sich zu Studienzeiten
einmal mit Kristallen beschäftigt hat und sich zufrieden darüber äußert, dass die Lange Nacht der
Wissenschaften einen so direkten Zugang zu den einzelnen Fachgebieten offeriert. Unter dem
Glockengeläut, dass vom Gendarmenmarkt durch das geöffnete Fenster dringt, folgen die etwa 12
Zuhörer den Ausführungen Robert Huths. Seine Powerpoint-Präsentation soll zeigen, dass die
Wasserstoffspeicherung in Feststoffen ebenso wie das gleichzeitige Aufblasen mehrerer Luftballons
einem Prinzip folgt: das Streben des Universums nach Unordnung. Ähnlich, wie sich die Teilchen
einer Batterie bei der Speicherung von Lithium nicht gleich schnell aufladen, werden die
Luftballons auch nicht alle parallel und gleichmäßig mit Luft gefüllt, sondern in unregelmäßiger
Abfolge sowie mit variierendem Kraftaufwand. Die Herausforderung der hiesigen Forscher ist es
nun, das Grenzverhalten dieser Speicherteilchen zu berechnen, um z. B. die Leistungsfähigkeit der
Batterien von Hybridautos feststellen und verbessern zu können. Zukunftstechnik auf der
Grundlage von Differentialgleichungen.
Wer hier schon zu Anfang vom Zahlengetümmel fachgerecht eingeschüchtert wurde, hat bei dem
nachfolgenden Vortrag „Warum sind moderne Materialien schlau“ vom Institutsmitarbeiter
Alexander Mielke nicht weniger Ehrfurcht. Kurvendiskussionen und Matrizenrechnungen stellen
dar, warum bestimmte Materialien einen Form-Gedächtniseffekt aufweisen, also nach einer
mechanischen Verformung bei ihrer Erhitzung wie von Zauberhand wieder ihre alte Gestalt
annehmen. Was in jedem Fall einfach verständlich ist, ist die Wichtigkeit dieser Eigenschaft von
Nickel-Titan-Legierungen für den Alltag. Schließlich sollen Zahnspangen, Brillengestelle und
Gefäßprothesen auch bei langanhaltender Belastung ihre ursprüngliche Form beibehalten. Energisch
zeigt Mielke mit seinem langen Bambusstock auf Atomgitter und Kurvendiagramme und fasziniert
allein durch die Selbstverständlichkeit, mit der er dem Phänomen der smart Materials auf den
Grund geht. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Mathematik polarisiert. Es gibt die Einen, die sie
mögen und beherrschen und jene, die sie auch nach der Schulzeit noch fürchten. Das Weierstraß-
Institut hat sich 2009 zur Langen Nacht der Wissenschaft alle Mühe gegeben, die Bedeutung seines
Forschungsgebiets zu veranschaulichen und jedem zugänglich zu machen. Der große Respekt vor
der Materie jedoch bleibt.

Wissen, was sich beZAHLt macht

Das Weierstraß-Institut auf der Langen Nacht der Wissenschaften 2009

 von Konstanze Schiller

Am Anfang war das Wort. Um den Anfang festzulegen, bedurfte es der Zahlen. Dieser Zusammenhang macht die Mathematik zu einem ebenso wichtigen Teil unseres Lebens wie die Sprache. Leider wirkt sie oft weniger ansprechend. Diesem Phänomen entgegenzuwirken, haben sich die Wissenschaftler des Weierstraß-Instituts für Angewandte Analysis und Stochastik (WIAS) im Forschungsverbund Berlin e. V. als Aufgabe gesetzt und das nicht nur auf der diesjährigen Langen Nacht der Wissenschaften.

Seit dem Jahr 2000 findet in Berlin jährlich die Wissenschaftsnacht statt, um die Abneigung gegenüber den Naturwissenschaften abzubauen– mit Erfolg. In diesem Jahr erzielte sie erneute Besucherrekorde. Auch die Liste der teilnehmenden wissenschaftlichen Einrichtungen und ihrer jeweiligen Institute ist gestiegen. Von Beginn an dabei sind die Forschungseinrichtungen der Leibnitz Gesellschaft und des Forschungsverbunds Berlin e. V., darunter u. a.  das WIAS.

Unter den Wissenschaftlern haben es die Mathematiker wohl am schwersten in der Bevölkerung Interesse für ihre Arbeit zu gewinnen. Hört man Analysis und Stochastik, denkt man unmittelbar an Mathetests oder die Aufgaben aus der Abiturklausur, die man gerade so und nur unter Zwang und Protesten hinter sich gebracht hat. Hoffentlich begegnet einem so etwas nie wieder. Dass diese Einstellung ein Irrtum ist, bewiesen die Wissenschaftler auf der Langen Nacht in vier Vorträgen und Computersimulationen. Der Mathematik-Doktorand Robert Huth hat anhand von aufgeblasenen Ballons die Energiespeicherung in Feststoffen bei Phasenübergängen, vor allem bei einem Lade- und Entladevorgang in einer Lithium-Batterie, veranschaulicht. Die von den WIAS-Wissenschaftlern entwickelten mathematischen Gleichungen dahinter lassen sich auf andere Stoffe übertragen und sollen z. B. helfen die Wasserstoffspeicherung in Kristallen zu optimieren um sie in der Automobilentwicklung einzusetzen. Alexander Mielke erklärte im nächsten Vortrag die mathematischen Modelle der Struktur einer Form-Gedächtnis-Legierung. Diese smart materials besitzen die Fähigkeit sich ihrer ursprünglich gegebenen Form auch nach Veränderung zu erinnern und bei Temperaturänderung diese wieder einzunehmen. Nach dem Vortrag sind die Besucher begeistert dem Angebot gefolgt, die Wirkung des Form-Gedächtniseffekts selbst zu überprüfen. Anhand eines TU-Logos aus Nithinol konnte man beobachten wie sich dieses im heißen Wasser nach Verbiegen blitzartig wieder seine Ursprungsform annahm. Auch der Vortrag zur „Formel von Black-Scholes – Wunderwaffe er Finanzwelt?“ war gut besucht – kann sich eine solche Information schließlich in der heutigen Zeit als sehr nützlich herausstellen. Generell waren sich die Besucher darüber einig, dass das Vortragsprogramm sehr interessant sei. Einige Besucher sind schon in den Jahren zuvor zu Vorträgen am Institut gekommen. Der Abiturient Jonas Toutaoui besucht die Lange Nacht der Wissenschaften schon seit längerer Zeit. In diesem Jahr hat er die Veranstaltungen vorwiegend zur beruflichen Orientierung genutzt. In die wissenschaftliche Richtung soll es auf jeden Fall gehen und Mathematik sei ja wichtig für alle Bereiche. Eher hobbymäßig betreiben die Besucher Marcel Möbius und Heike Seidel die Wissenschaft. Sie seien zum dritten Mal auf der Langen Nacht und freuen sich immer wieder auf Neues. Dirk Mompe hat den Abend als Anlass zum längeren Austausch unter Kollegen genutzt. Er ist Mathematiker mit dem Schwerpunkt Logik. Ihn interessiert vor allem die Anwendungsseite der Mathematik.

Während die Wissenschaftler themenspezifisch für Fragen zu Verfügung standen, hat der Auszubildende Felix Anker im Vorraum bereitwillig über die Ausbildungs- und Forschungsmöglichkeiten am WIAS informiert. Im Rahmen seiner Ausbildung zum mathematisch-technischen Softwareentwickler hatte er bereits den Tag der Mathematik an der Humboldt-Universität mitgestaltet. Begeistert hat er über die unterschiedlichen Aufgaben am Institut durch die vielen Kooperationen mit Unternehmen und anderen Instituten berichtet. Im Hintergrund läuft auf dem Fernseher eine Produktionssimulation für BMW, die dem Unternehmen Zeit und Geld in der Planung spart. Seit Anfang des Jahres gebe es auch eine Kooperation mit der NASA.

Auf einer Schautafel neben ihm befindet sich die Erklärung für die Unlösbarkeit eines Schiebepuzzles. Das war ein Projekt mit einer Kollegin in 7. und 8. Klassen, da die Sache mit dem goldenen Schnitt langsam ausgelutscht sei. Wenn in einem Schiebepuzzle mit ungerader Spaltenanzahl das freie Feld in der letzten Zeile ist und es eine gerade Anzahl von ungeordneten Paaren gibt, ist das Puzzle nicht lösbar, genau wie bei gerader Spaltenanzahl und ungerader Anzahl von ungeordneten Paaren. Das hätte mir in der 7. Klasse auch mal jemand erklären können. Dann wären mir einige Wutanfälle erspart geblieben. Vielleicht finden die WIAS-Wissenschaftler neben ihren vielfältigen Projekten demnächst auch eine mathematische Erklärung für die Unlösbarkeit der bunten Felder von Zauberwürfeln – hoffentlich bis zur nächsten Langen Nacht.

Hängen geblieben auf dem Telegrafenberg

Im Gehirn der Klimaforschung – Der Cluster von Potsdam

 Artikel von Nadja Gillhaus

 Karsten Kramer spricht leise – so leise, dass die Clustertour auf 25 Teilnehmer begrenzt ist. Die Computer rauschen laut, bei mehr als 25 Leuten würde man ihn nicht mehr verstehen, lautet die Erklärung von Ulrike Sylla, der Organisatorin. Wer sich nicht vorher angemeldet hat, bekommt keinen Teilnehmerstreifen und darf nicht mit.

Das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) öffnet seine Türen für die lange Nacht der Wissenschaften am 13. Juni 2009. Viele Leute sind gekommen, der Telegrafenberg ist äußerst beliebt mit seiner einzigartigen Architektur. Doch das Kernstück des PIK ist der Großcluster, ein Hochgeschwindigkeitsnetzwerk, das Computer verbindet. Ohne ihn würde alles, was oben anzusehen ist, nicht funktionieren.

Darum geht es jetzt die Treppe herunter, um zu sehen, wo Klima berechnet wird. Das warme Rot des Michelsonsgebäude weicht einem nüchternen Grau, die angenehme Abendkühle einer stickigen Wärme. Die Leute ziehen ihre Jacken aus. Graue Rechner umgeben die Teilnehmer der Führung. Türkise Türen, silberne Rohre, grauer Boden. Dazu ständig bunt blinkende Computer und Kabel. Überall strömt Technikluft aus den Rechnern. Das liegt an dem hohen Stromverbrauch, erklärt Karsten Kramer. Er ist farblich passend in einen grauen Anzug gekleidet. „Ich kann daran kontrollieren, ob die Kollegen gearbeitet haben. Wenn Luft herausströmt, haben sie die Rechner mit Informationen versorgt, wenn nicht, haben sie geschlafen.“ Er lacht. Man kann sich Herrn Kramer auch wirklich nicht wütend vorstellen.

Die Computer berechnen hier das, was uns Menschen seit einiger Zeit beschäftigt und bedroht – die Klimaszenarien für Europa für die nächsten 50 Jahre. In fünf Tagen simulieren sie ein europäisches Wetterjahr. Das PIK gibt die Informationen dann weiter an Landwirte, Politiker und Versicherungsgesellschaften. Besonders der Weinanbau wird sich deutlich verändern. Für den Riesling wird es bald zu warm sein in Deutschland. Oben kann man sich das genau ansehen und von Uwe Böhm erklären lassen.

Wir gehen weiter in den Speicherraum für die Daten. Hier hängen gelbe Schilder an der Wand: „Gesundheitsgefahr – Erst nach gründlicher Durchlüftung und Freigabe wieder betreten!“ Daneben ein Henrik Ibsen Plakat. Es scheint etwas deplaziert an diesem Ort, der so vollkommen kunstlos ist.

Die Szenarien werden hier zehn Jahre aufgehoben. Ein Computergreifarm kopiert und sortiert die Daten. „Wir haben das mal ausgerechnet: Sie würden 1600 Jahre brauchen, um die Musik zu hören, die hier gespeichert werden könnte – wenn sie 10 CDs am Tag schaffen.“

„Wir waren hier auch selbst schon Opfer des Klimawandels: Wenn es besonders warm ist und hier gelüftet wird, setzt sich aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit Mikrokondenswasser auf den Mikrobändern ab. Das führt dann zu Schäden auf den Laufwerken. Damit uns das nicht noch mal passiert, wird hier die Lüftung ausgeschaltet. Darum auch die Schilder“, erklärt Herr Kramer. Ein langer Aufenthalt ist hier also nicht vorgesehen.

Wieder oben angekommen, erzählt Marion Seitz, die auf ihren wissbegierigen Mann wartet: „Ich bin absolut begeistert! Wir wollten uns eigentlich noch mehr ansehen, sind aber hier hängengeblieben, weil so viel Interessantes angeboten wird. Obwohl ich ein absoluter Laie auf dem Gebiet bin, habe ich viel gelernt und alles verstanden. Die Mitarbeiter und Professoren kommen sogar auf uns zu und fragen, ob sie helfen können!“ Nächstes Jahr wollen sie wieder hier herkommen – dann soll auch die Tochter mit.

Thema: Das Tanzfestival Magdeburg

von Johanna Seifert

Am 11.6. fand wieder einmal das alljährliche Tanzfestival des Theaters Magdeburg statt. Dieses Jahr lautete das Motto „Freistil“, ein etwas zwiespältiger Begriff, unter dem Tänzer aus den Sparten Ballett, Modern Dance, HipHop und BreakDance ihre „acts“ präsentierten.

Als Höhepunkt des Festivals wurde am Samstag Abend in der Oper Magdeburg die Inszenierung des dort ansässigen Ballettdirektors Gonzalo Galguera gezeigt, ein Vorstellung der anderen Art: neoklassizistisch.

Mich führt zweierlei in die Säle des Theaters Magdeburg. Einerseits werde ich selbst auf der Bühne stehen, andererseits bewegt mich die Frage, wie es heutzutage um den Tanz bestellt ist. Gespannt bin ich, auf welche Resonanz der Tanz in einer solchen fern einer Kulturmetropole liegenden Stadt stößt. Gespannt bin ich, was ich dort zu sehen bekomme, mit wem ich dort ins Gespräch kommen werde.

Das Theater liegt direkt an einer Verkehrsstrasse, scheint verlassen, kann es aber rein äusserlich mit einem Berliner Maxim-Gorki aufnehmen. Es ist Samstag Nachmittag, in einer halben Stunde sind wir dran, einen Zuschauerstrom kann ich bisher noch nicht ausmachen, doch das wird sich ja noch zeigen.

Auf der Bühne kann ich aus den Augenwinkeln beobachten, wie die Leute stockend den Raum betreten. Langsam füllen sich einige Reihen, viele Plätze bleiben leer. Ein unbefriedigendes Gefühl. Sebastian Hanusa, der Musikdramaturg des Theaters, klärt mich später auf: „Ein halb gefüllter Zuschauersaal ist nichts ungewöhnliches hier. Wir freuen uns, wenn wir unsere 60 zahlenden Gäste zusammenbekommen.“ Wie ich erfahre, ist es in Magdeburg nicht allzu gut bestellt um die Tanzszene – was mich ja ernstlich nicht verwundert, ist doch schon Berlin für den Tanz ein hartes Pflaster. Hinzukommt in Magdeburg eine unglückliche Entwicklung des Theaters. Das heutige Theater Magdeburg entstand aus der Fusion der Freien Kammerspiele und des Theaters der Landeshauptstadt im Jahre 2004, was aber weniger zu einer Bündelung der Kräfte als zu Unstimmigkeiten und Konflikten führte. Doch auch überregional würde Hanusa dem Tanz  – im Vergleich zum Theater – weiterhin eine untergeordnete Rolle zuschreiben, egal ob es dabei um Subventionierungen, Medieninteresse oder schlicht um das allgemeine Wissen um sein Vorhandensein geht.

Nach der Vorstellung, die trotz nur magerer Besucherzahl uns ordentlichen Applaus und dieses wohlbekannt euphorisch befriedigte Gefühl eingebracht hat, verstricke ich mich mit Nadja Raczewski, Choreographin in Berlin und Dozentin im Fachbereich der Theater-Pädagogik an der UdK, in ein längeres Gespräch. Ich spreche sie auf eine Entwicklung an, die in den letzten Jahren immer deutlicher zu beobachten war – Tanz begann, sich an Schulen zu behaupten, sich in einem pädagogischen Feld zu bewegen. Meine Frage lautete: Ist hier Tanz nur noch Mittel zum Zweck? Wird er nur noch in pädagogischer Absicht benutzt – man denke an die Rütli-Schule und den Erfolgsfilm „Rhythm is it“ – oder bewahrt er auch im schulischen Kontext seine Kunstform?

Abgesehen von ihrer Dozenten-Tätigkeit und ihrem Status als Choreographin ist Nadja Razcewski Mitbegründerin des „Aktionsteam Schule und Bewegung“, in dem es um die Einführung von Tanz-Theater-Projekten an Schulen geht, die aber – im Gegensatz zum Konzept des ebenfalls in Berlin aktiven Projekts „Tanzzeit“ – nicht als integraler Bestandteil im Stundenplan vorgesehen sind: Tanz anstelle von Unterricht, ohne Bewertung, innerhalb eines Rahmens, dem schulischen, jedoch mit dem Freiraum von 2 Wochen, in denen die Schüler nichts anderes machen als sich dem Tanz zu widmen. Denn darauf besteht Nadja Razcewski: „Tanz als Unterrichtsform, so wie es die „Tanzzeit“ propagiert, passt ganz und gar nicht. Wenn man sich schon in einen Rahmen zwängt, muss dort Freiheit herrschen. Wird der Tanz unfrei, kann er nicht mehr als Kunstform bestehen.“ Die „Tanzzeit“ ist ein Projekt, das auf der Welle des Films „Rhythm is it“ – die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle an Berliner Problemschulen – entstanden ist. Das Projekt setzt sich für die Einführung Tanz als Unterrichtsfach an Schulen ein. Doch darin sieht Nadja Razcewski einen Denkfehler, einen Fehler im Konzept.

Obwohl also beim Magdeburger Tanzfestival der Zuschauerstrom stockt, wozu der Provinzial-Faktor der Stadt wohl sein Übriges beiträgt, lässt sich ein Wandel in der Wahrnehmung des Tanzes ausmachen, die Präsenz des Tanzes im schulischen Rahmen ist ein Zeichen dafür. Nadja Razcewski spricht von „einem neuen Bewusstsein für den Tanz.“, was aber letztlich nichts an den Zuschauerzahlen ändert, nicht einmal an denen einer Sasha Walz. Zwar wird die verstärkte Präsenz des Tanzes an Schulen immer augenscheinlicher, doch wird hier nicht die Brücke zum Tanz als Kunstform, dem Tanz auf der „wahren Bühne“ geschlagen. Er wird instrumentalisiert. Nun heisst es wachsam sein, dass der Tanz durch seine Instrumentalisierung nicht sein wahres Wesen, seinen Charakter als Kunstform verliert.

Darwin erleben!

Die Lange Nacht der Wissenschaften

Darwin erleben!

„Die lange Nacht der Wissenschaften“ zeigt exemplarisch, wie sich die Wissensvermittlung verändert hat. Wo früher nur angucken erlaubt war, darf heute mitgemacht werden.

 

Nils Markwardt

Martina Rissberger strahlt Begeisterung aus – Begeisterung für das Thema und Begeisterung dafür, es den Besuchern näher zu bringen. Die zierliche Diplom-Bibliothekarin, die als Leiterin der Bibliothek für Zoologie und Mineralogie des Naturkundemuseums sonst eher selten im direkten und ausführlichen Austausch mit Besuchern steht, referiert an diesem Abend über zwei Wissenschaftsstars des 19. Jahrhunderts – Joseph Wolf und John Gould. Die bekanntesten Tierillustratoren ihrer Zeit waren beide persönlich mit  Charles Darwin bekannt und fertigten Zeichnungen für seine Expeditionsberichte an – Tiermaler im Auftrag der Evolutionstheorie. Bis zum Ende der Führung wird man nicht nur viel über ihren jeweiligen Lebenslauf, ihre bevorzugten Motive, ihre Arbeitsweisen und ihren kulturhistorischen Einfluss erfahren, sondern man wird auch ihre sonst nicht ausgestellten, kiloschweren Werke selbst in Augenschein nehmen können. Als Martina Rissberger dann schließlich auch die letzte Frage eifrig beantwortet hat und die Zuhörer aus der Bibliothek geleitet, bleibt nicht nur das Gefühl, dass alle Führungsteilnehmer, wissend wieder etwas gelernt zu haben, zufrieden sind. Auch die Wissenschaftlerin Rissberger vermittelt den authentischen Eindruck Freude gehabt zu haben, die sonst in den Regalen lagernden Zeichnungen einem Publikum präsentieren zu können.

Führungen wie diese verkörpern auf nahezu ideale Weise die Idee der „langen Nacht der Wissenschaften“. Einmal im Jahr öffnen  dutzende Universitäten, Fachhochschulen, Forschungsinstitutionen oder wissenschaftliche Einrichtungen ihre Türen für Besucher und offenbaren exklusive Einblicke hinter die Kulissen, laden zum Mitmachen bei verschiedenen Aktionen ein und bieten Interessierten den Dialog mit Forschern an. Und im Idealfall sind am Ende beide zufrieden – Besucher und Wissenschaftler. Dass diese erstmals 2001 in Berlin durchgeführte, mittlerweile aber auch in anderen Städten wie Dresden, Nürnberg oder Rostock etablierte „klügste Nacht des Jahres“ tatsächlich von den Bürgern sehr gut angenommen wird, zeigen die jährlich steigenden Besucherzahlen. So konnten die 67 teilnehmenden Einrichtungen in Berlin und Potsdam auch bei der diesjährigen Nacht am 13. Juni abermals ein Besucherrekord vermelden.

„Die lange Nacht der Wissenschaften“ ist mit der Idee die Besucher in die Welt der Wissenschaft mit einzubeziehen jedoch kein singuläres Ereignis, sondern dokumentiert als herausragendes Beispiel einen sich seit einigen Jahren vollziehenden Wandel in der deutschen  Museumslandschaft und der institutionellen Vermittlung von Wissen und Wissenschaft. Museen galten hierzulande in bester akademistischer Tradition lange als Orte, in denen  kein Beiwerk von der Wirkungskraft der Exponate ablenken durfte und Betrachter eine nüchterne, kontemplative Anschauung praktizieren sollten. Denn heiter ist bekanntlich maximal die Kunst, Wissenschaft hingegen eine sehr ernste Angelegenheit. Gegen diesen elitären Ansatz, der vornehmlich den fachkundigen Kenner als Besucher fokussierte, hat sich mittlerweile die Idee einer integrativen und partizipativen Wissensvermittlung, einer Wissensvermittlung, die den Besucher „abholt“ und mitgestalten lässt, weitestgehend durchgesetzt. Dies zeigt sich nicht zuletzt auch am Beispiel des Berliner Naturkundemuseums.

Das 1889 eröffnete und weltweit renommierte Haus nutzte die 2005 nötig gewordenen Sanierungs- und Renovierungsarbeiten um eine Neujustierung und Modernisierung der Museumskonzeption vorzunehmen. Bei der Wiedereröffnung 2007 fanden die Besucher  die Dauerausstellung dann um eine Vielzahl multimedialer und interaktiver Komponenten erweitert. Von nun an konnte man durch einen Blick in eines der „Juraskope“ die riesigen Dinosaurierskelette im Lichthof per Computersimulation wieder zum Leben erwecken, in „dynamischen Legenden“ mittels Touchscreen-Bedienung weiterführende Informationen erhalten oder auf einem Sofa liegend der videoanimierten Geschichte des Universums folgen. Dass sich dieser Trend bis heute fortgesetzt hat, zeigt die aktuelle Sonderausstellung anlässlich des 200. Geburtstags Darwins. Wer den mit Schiffsbohlen vertäfelten und maritimen Requisiten ausgestatteten Raum betritt und sogleich seichte Wellengeräusche aus den installierten Lautsprechern vernimmt, merkt schnell, dass hier keine meterlangen Glasvitrinen warten. Stattdessen soll der Besucher sich direkt auf die HMS Beagle versetzt fühlen. Erläuterungen zu den berühmten Darwin-Finken, Käfersammlungen oder Muscheln finden sich in kleinen Leinenheftchen, kurze Filme über Darwins Expeditionen werden in Holzfässer projiziert. Die Macher der Darwin-Ausstellung setzen auf ein umfangreiches Repertoire an optischen, akustischen und haptischen Elementen, auf thematische Inszenierung, auf Emotionalisierung. Wenngleich man an diesem Punkt der Ausstellung ein wenig das Gefühl bekommen  mag, dass der Einsatz der inszenatorischen und spielerischen Komponenten sich bereits an der Grenze zur Überdosierung bewegt, sollte man sich jedoch zur Gegenprobe nur vorstellen, wie viel Interesse die hier versammelten, eher unspektakulären Exponate in einem einfachen Raum mit sterilen Schaukästen wecken würden – wahrscheinlich wenig. Denn was diese neuen Ausstellungskonzepte und Aktionen wie „Die Lange Nacht der Wissenschaften“ zeigen, ist, dass die Vermittlung von Wissen und Wissenschaft auch unterhaltend sein kann und darf. Besonders Kindern und Jugendlichen kann so ein Zugang zu schwierigen und schwer vermittelbaren Themen geboten werden. Aus bildungspolitischer Sicht werden hier, im technisch-ökonomischen Jargon gesprochen, Anreize für anfangs weniger Interessierte geschaffen. Wer heute ins Naturkundemuseum geht, der kann nicht nur mittels meditativer Anschauung,  sondern eben auch durch spielerisches Mitmachen lernen.

Freilich bleibt trotz aller Euphorie der zentrale Einwand der Kritiker dieser integrativen Konzepte nicht vollkommen unberechtigt. Museen und Wissenschaftseinrichtungen dürfen nicht zur austauschbaren Kulisse technischer Spielereien und trivialisierender Inszenierungen werden, sodass Ausstellungsstücke und tiefgehender Erkenntnisgewinn zur bloßen Nebensache werden. Interaktive und multimediale Angebote sollten mit Augenmaß eingesetzt werden, damit die Vermittlung von Wissen nicht dem bloßen Diktat des Spektakels weicht. Richtig ein- und umgesetzt versprechen diese Konzepte jedoch ein wirklicher Gewinn zu sein. Das Naturkundemuseum bringt dafür den Beweis. Dass aber selbst hier noch Potentiale vorhanden sind, zeigt ein Blick nach Großbritannien. Das Natural History Museum in London bietet das, was in Deutschland im Zuge der „langen Nacht der Wissenschaften“ einmal im Jahr stattfindet, wöchentlich und täglich an. Bei den sogenannten „Natur Live Events“ können Besucher täglich mit Wissenschaftlern und Kuratoren über verschiede Themen diskutieren – und wer keine Zeit hat ins Museum zu kommen, kann die Veranstaltung via podcast im Internet verfolgen. Auch der Blick hinter die Kulissen ist hier gewissermaßen bereits institutionalisiert. Im Darwin-Centre, dem neuen, architektonisch-imposanten Anbau des Museums, das im September 2009 seine Türen für Publikum öffnet, werden die Besucher mehrmals die Woche die Möglichkeit haben, Forschern bei ihrer Arbeit über die Schultern zu schauen.

Das Natural History Museum in London und das Berliner Naturkundemuseum zeigen somit, dass sich eine hochqualifizierte Spitzenforschung, interaktive, multimediale und spielerische Angebote und eine ernsthafte Wissensvermittlung nicht ausschließen. Sie zeigen darüber hinaus auch, dass Museen und öffentlich zugängliche Wissenschaftseinrichtungen zur Vermittlung ihres Wissens und ihrer gesellschaftlichen Relevanz zunehmend auf den Austausch und den Dialog mit den Besuchern setzen. Martina Rissberger hat vermutlich nichts dagegen einzuwenden.

Atomschichten und Nachtschichten

(Anmerkung: ich habe den Artikel ursprünglich auch mit Bildern versehen. Wer die Reportage also als PDF mit Bildern sehen will, klicke bitte hier: http://innsinn.wordpress.com/2009/07/01/4/
Passwort: nacht)

von Claudio Winter

Aus einzelnen Atomen Halbleiterschichten zusammenbauen, das ist Alltag am Paul-Drude Institut für Festkörperelektronik. Im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften erklärten Forscher den Besuchern, wie das Ganze funktioniert.

Normalerweise sind die Räume des Paul-Drude Instituts abgedunkelt, die Türen geschlossen und es herrscht Redeverbot. Denn schon die kleinste Erschütterung verfälscht die Messwerte. Doch an diesem Samstagabend nimmt Achim Trampert es nicht so genau. Er steht vor seinem Arbeitstisch und demonstriert einer sechsköpfigen Gruppe interessierter Besucher, wie ein Elektronenmikroskop funktioniert. Seine stolze Stimme bringt die Mikroskopie zum wackeln.
Das Paul-Drude Institut beteiligt sich dieses Jahr zum zweiten Mal an der Langen Nacht der Wissenschaften. Es nimmt also Teil an jenem seltsamen Ritual, in dem sich über Nacht eine Unzahl Berliner Forschungseinrichtungen verwandeln – von fremdartigen Kathedralen des Wissens in Entdeckungshallen für Groß und Klein.
„Im letzten Jahr hat uns der große Andrang alle überrascht. Wir hatten nicht damit gerechnet, da unsere Forschungsgebiete schwer zu veranschaulichen sind,“ sagt Manfred Ramsteiner nach seinem Vortrag über die Zukunft elektronischer Datenspeicher.
Doch obwohl sich in der Nanotechnologie tatsächlich Vieles dem menschlichen Auge entzieht, mangelt es an diesem Abend nicht an bleibenden Eindrücken. Oliver Spauka beispielsweise zeigt sich beeindruckt von der Präzision des Elektronenmikroskops, das sogar einzelne Atome sichtbar machen kann. Er hat einst Elektrotechnik studiert, bekommt durch seinen Beruf aber keine Einblicke in aktuelle Forschungsarbeiten. „Das mal live zu sehen, was man sonst nur aus Lehrbüchern kennt, ist schon interessant,“ erklärt er.
Noch mehr Eindruck macht das Herzstück der sogenannten Molekularstrahlepitaxie-Anlage, das aussieht wie eine Mischung aus Taucherglocke und Oktopus. Dieses seltsame Geschöpf verfügt über eine besondere Fähigkeit: Es kann Kristallschichten zusammenbauen – und zwar Atomschicht für Atomschicht.
Über die Oktopusarme gelangen einzelne Atome bestimmter Stoffe, beispielsweise Gallium und Arsen, in die Taucherglocke. In einer Petrischale setzen sie sich dann zu einer Kristallschicht zusammen. „Es ist energetisch ungünstig, dass sich ein Atom über der wachsenden Schicht anlagert – es huscht in eine leere Stelle auf der wachsenden Schicht,“ erklärt Institutsdirektor Henning Riechert.
Noch interessanter wird es, wenn man diesen Prozess nutzt, um Atome so übereinander zu schichten, wie sie in der Natur normalerweise nicht vorkommen. Riechert resümiert: „Der Clou dabei ist: Indem wir verschiedene Materialien zusammen bringen, erzeugen wir völlig neue Funktionalitäten.“
Der Anwendungsbereich der gewonnenen Materialien ist dementsprechend groß: Ob Leuchtdiode, Blu-Ray Disc oder Handy – sie alle machen sich neue Eigenschaften von Halbleitern zunutze, an deren Untersuchung und Herstellung das Paul-Drude Institut beteiligt ist.
Da scheint es nur angebracht, dass der wissenschaftliche Mitarbeiter Lutz Schrottke die Lange Nacht vorrangig als Möglichkeit begreift, den Menschen zu zeigen „wo ihre Steuergelder bleiben.“ Deshalb nimmt er auch in Kauf, dass die Vorbereitungen für ihn und seine Kollegen vordergründig zunächst einmal eins bedeuten: zusätzliche Arbeit. Man fertigt Poster an. Man plant Rundgänge durch das Gebäude und eine Vortragsreihe. Man redet sich bis 1 Uhr nachts den Mund fusslig, um den Besuchern verständlich zu machen, was da auf atomarer Ebene vor sich geht. Deren Reaktionen reichen dann „von Interesse bis Verständnislosigkeit,“ schmunzelt Schrottke.
Doch die Mühe zahlt sich aus, wenn die Gäste so begeistert reagieren wie etwa der zehnjährige Felix Schaaf: „Das ist die Technologie der Zukunft, das muss man einfach gesehen haben!“ Sein Vater stimmt ihm zu: „Die Gelegenheit, eine solche Einrichtung von innen zu sehen, gibt’s sonst nie.“ Eigentlich ist die Familie Schaaf aus Koblenz nach Berlin gefahren, um Verwandte zu besuchen. Doch die Lange Nacht der Wissenschaften hat schnell einen festen Platz in ihrem Abendprogramm eingenommen. „Das einzige Problem ist, dass sie bei dem riesigen Angebot nur eine Nacht dauert.“
Möglich, dass Achim Trampert dem zustimmen würde. Denn nach dem kurzen Wochenende wird auch er wieder allein vor seinem Elektronenmikroskop sitzen. Schweigend, hinter geschlossenen Türen. – Claudio Winter

Großwild, Störe und Tomaten

Großwild, Störe und Tomaten
Die Lange Nacht der Wissenschaften zog am 13. Juni Publikumsströme in die Urania in Berlin-Charlottenburg.

„De Wiseschaft hat festgestellt, der Rejewald wird immä wenije“ wiederholt die Stimme immer wieder. Sie gehört zu einem der Gewinnerbeiträge eines Kurzfilmwettbewerbes, der im Rahmen der UN-Biodiversitätskonferenz 2008 stattfand.

Es ist der 13. Juni und somit „Lange Nacht der Wissenschaften“. Die Filme sind an diesem Tag zum ersten Mal in Berlin zu bewundern. Die Veranstaltung zieht, wie auch in den vergangenen Jahren, wieder ein großes Publikum zu verschiedensten Veranstaltungsorten in Berlin, Potsdam und Umgebung: so auch in die Urania in Berlin-Charlottenburg.
Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) stellt, neben anderen Ausstellern, einige seiner Forschungsgebiete vor.

17:30 Uhr: Mit einem Podiumsgespräch beginnt die wohl klügste Nacht des Jahres.
Bis spät in die Nacht hat der interessierte Besucher hier nun eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich mit den verschiedenen Forschungs- und Tätigkeitsfelder der Institute bekannt zu machen.
Die ausgestellten Themen sind breit gefächert: von ökologischen, über medizinische bis hin zu industriell relevanten Bereichen ist alles vertreten.

Jörn Geßner zum Beispiel stellt einen der ökologischen Bereiche vor. Er ist mit seinen, an mittelalterliche Ritter erinnernden, Jungstören angereist. Geßner engagiert sich für die Wiederansiedlung des Störs in Nord- und Ostsee.

Nebenan wird in anschaulicher Weise ein neues innovatives Gewächshaus vorgestellt, in dem Tomaten gezogen werden sollen und zugleich eine Fischzucht integriert ist. Die Besonderheit dieser Symbiose: Das Gewächshaus versorgt sich beinahe selbst. Mit Hilfe von Solartechnik wird Strom erzeugt und die Düngemittel, die für das Wachstum der Tomaten von Nöten sind, fallen als Abfallprodukt bei der Fischzucht an. Verbunden werden diese beiden Bereiche durch ein ausgeklügeltes System von Pumpen und Filtern.

Ein paar Stände weiter erwartet den interessierten Besucher ein bizarrer Anblick: Der Stand von Ilka Lutz und Werner Kloas stellt die Auswirkung von hormonell wirksamen Stoffen auf Gewässer vor. In mehreren Aquarien können hier die verschiedenen Entwicklungsstufen des Südafrikanischen Krallenfrosches bewundert werden. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch eines der Bassins klar aus der Reihe. Es enthält überdimensionale Kaulquappen, mit Hilfe derer die Einwirkung von Pestiziden und anderen Chemikalien auf Gewässer bewiesen werden können. Ein bestimmtes Pestizid hemmt die Metamorphose zum Frosch, lässt die Kaulquappen jedoch weiterhin wachsen. „Diese besondere Froschart erfreut sich schon seit langem des wissenschaftlichen Interesses“, bekommt die Biologie Studentin Inka Prahm an diesem Stand erklärt. „Sie wurden früher als lebende Schwangerschaftstests eingesetzt“. Die Studentin fragt nach und bekommt das etwas merkwürdige Verfahren dieses frühen Schwangerschaftstest erklärt, bei dem der Urin der Frau auf den weiblichen Frosch gegeben wurde. Leichte er daraufhin, war der Test positiv und die Schwangerschaft der Frau somit bewiesen.

Vom sprichwörtlichen Elfenbeinturm keine Spur, bei den Forschern wird Nähe zum Publikum großgeschrieben. Keine Frage, die nicht zumindest den Versuch findet beantwortet zu werden. Kein komplizierter wissenschaftlicher Sachverhalt, der nicht anschaulich erklärt werden kann.

Für die ebenfalls zahlreich erschienen Kinder gibt es verschiedenste Mitmachangebote, die mit großer Begeisterung wahrgenommen werden. So können die kleinen Besucher angeln und ihre Fänge bestimmen, gruselig erscheinende bleiche Schädel und Knochen dem entsprechenden Tier zuordnen oder Wasserproben mikroskopieren. Absolutes Highlight ist jedoch ein Stand an dem die Kinder ihre Fähigkeiten als Großwildärzte erproben können. Aufgabe: Treffe Papphyäne mit Blasrohr. Um den Anreiz zu erhöhen winken den potenziellen Nachwuchsforschern für Gelerntes und erledigte Aufgaben kleine Preise.

„Das Publikum, das den Weg in die Urania gefunden hat, war sehr interessiert. Teilweise fachkundige Besucher haben das Spektrum der Fragen und Diskussionen vergrößert“, so Jörn Geßner im Nachhinein. Auch das thematisch vorgebildete Publikum fand Zusatzinformationen. Er lobt auch das hilfsbereite Personal der Urania, welches die Urania als tollen Veranstaltungsort auszeichne.

Alles in allem ein erfolgreicher Abend für alle, der auch dieses Jahr wieder die Vorfreude aufs nächste Jahr und eine weitere „Lange Nacht der Wissenschaften“ schürt.

Reportage von: Johannes Kersten

Die lange Nacht der Studenten

Text von Susanne Halbeisen

13. September, FMP: Während Dr. Wiesner interessierten Erwachsenen mit Hilfe von Präsentation und Live-Experimenten demonstriert, wie die Leibniz-Institute Grundlagenforschung betreiben, leisten Berliner Biochemiestudenten im Erdgeschoss andere Pionierarbeit: im „Science Fair“ wollen sie Kindern die Chemie nahe bringen. Jörn Saupe, Doktorand an der FU, demonstriert, wie Aspirin sich im Körper verteilt. Bei seinem Versuch sind die Kinder vor allem von der knalligen lila Farbe begeistert, die sich ergibt, sobald die Stoffe reagieren. Auf einer Infotafel hinter ihm versucht man, möglichst einfach die Prozesse im Körper zu veranschaulichen. Manchmal räumt Saupe fast schon entschuldigend ein, dass Eltern den Versuch wohl eher verstehen, und dass die Kinder selbst wahrscheinlich noch nie Aspirin genommen haben. Ein paar Minuten dauert der Besuch, danach kommt die nächste Familie, und Saupe wiederholt das Experiment. Bis 23 Uhr muss er durchhalten. Trotzdem frustriert ihn die Arbeit nicht, schließlich ist er freiwillig hier. „Die Lange Nacht ist im Prinzip eine gute Sache“, meint er.

 

Ein paar Schritte weiter erklären Lisa Fischermeier und Georg Krainer die Katalase. Ein kleiner Junge soll Wasserstoffperoxid (bekannt aus Haarbleichemitteln) mit Schweineblut mischen. Es kommt vor, dass sich die Kinder ekeln, aber die Diplomanden reden ihnen immer wieder gut zu. Sie möchten vor allem, dass die Besucher ihre Scheu überwinden. „Eigentlich ist Laborarbeit nichts anderes als das, was hier gezeigt wird“, meint Krainer. Bei diesem Versuch verwandeln sich Schweineblut und Wasserstoffperoxid in eine großen Menge rosa Schaum. Die Kinder werkeln begeistert mit Pipette, Handschuhen und überdimensionalen Pinzetten herum – da kommt es manchmal vor, dass Mutti oder Vati den Sprössling zurückhalten muss, damit er sich erst einmal erklären lässt, worum es im Experiment überhaupt geht. Die Studenten nehmen es gelassen. Ihnen ist es wichtig, den Familien auf diese Weise ihr Fach näher zu bringen. Beide sind freiwillig hier, schon zum zweiten Mal. Das Experiment durften sie zwar nicht auswählen, aber das Erklärungsposter haben sie selbst gemacht. Woher rührt die Begeisterung für Biochemie? Krainer meint, dass er selbst lernen will, was im eigenen Körper passiert.

 

Am Ende des Gangs sorgt Sina Meyer dafür, dass der Nachwuchs an den Händen schwitzt. Eine ganze Horde lachender Kinder rubbelt fröhlich an ihren Gummihandschuhen, während die Doktorandin ein kleines Mädchen auffordert, ihre Handfläche auf ein Blatt Papier zu drücken. Danach besprüht sie es mit einer Lösung, in der Ninhydrin enthalten ist.  Mithilfe einer Art Fön wird ein purpurfarbener Handabdruck sichtbar – auch „Ruhemanns Purpur“ genannt. Mit der Lösung und der Wärme wurden Aminosäuren im Schweiß sichtbar gemacht. „Jeder versteht eben, soviel er kann“, sagt Meyer, und überreicht dem Mädchen ihren persönlichen Handabdruck. Hier ginge es nicht darum, die Kinder zu belehren, sondern ihr Interesse am Fach zu erwecken. Der Versuch kam schon in den zwei Jahren davor gut an und wird wohl auch nächstes Jahr wieder gezeigt werden. Ob Meyer ihn wieder selbst durchführt, weiß sie nicht. Aber bisher gab es immer genügend Freiwillige.

"Versprich nie einen Weltuntergang, den du nicht halten kannst"

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