Logiken: medial, wissenschaftlich und in der Krise

Musste der Drosten denn auch noch zum STERN gehen? Ja, sag ich. Nein, sagt meine Freundin. Ja, weil er doch seriöse Informationen an die Frau und den Mann bringen muss, und der STERN hat viele Leser*innen. Nein, weil er doch wissen müsse, dass er dann verkürzt wiedergegeben wird mit „Ein Jahr keine Bundesliga“ (und das auch noch zum Weiterlesen erst einmal hinter einer Paywall, jetzt aufgehoben).

Wir streiten uns uns über Wissenschaft und mediale Logik und ich erinnere mich an meine Volontärsausbildung. Eine Kollegin, Volontärin bei Quick (Zeitschrift; 1948–1992), erzählte vom Witwenschütteln, wie es auch die BILD betreibe. Reporter*in an der Tür einer Trauernden: „Wir haben hier schlimme Fotos von dem Unfall, die wollen wir nicht veröffentlichen, könnten Sie uns nicht ein schönes Foto Ihres Mannes/Ihrer Tochter/Ihrer Mutter (Unzutreffendes bitte streichen) geben?“ Das war mir damals neu (ich kannte die Erzählung von Böll damals noch nicht) und ich war einigermaßen schockiert, wie es sich für einen idealistischen angehenden Journalisten gehört. Ich rede über die 1980er und 1990er Jahre. Eine Zeit, in der das Großraumbüro, in dem Volontärinnen und Praktikantinnen einer anderen Münchner Zeitschrift saßen, von den Redakteuren dort nur „Babystrich“ genannt wurde. Viele der heute leitenden und erfahrenen Redakteure – und auch die  Redakteurinnen – wurden so sozialisiert, heute schreiben die nunmehr älteren Männer feinsinnige Glossen, leise nach Rechts driftend. Oder sind Herausgeber, Verleger, Chefs. Mediale Logik. Sie wächst auf einem Nährboden. Wenn wir es nicht machen, machen es die anderen. So schlimm wie die BILD/B.Z./focus-online/achgut.de… (Unzutreffendes bitte streichen) sind wir doch nicht. Mediale Logik.

Ja, aber die Wissenschaft, die weiß das doch alles. Die braucht da nicht hingehen, sagt meine Freundin. Je nun, man kann auch Wissenschaftler*innen schütteln: Naja, wenn Sie uns kein Interview geben wollen, dann bleiben die Aussagen von Ärzte gegen Tierversuche halt unwidersprochen. Dann berichten wir halt, was der Klimawandelleugnerverein EIKE sagt. Dann kommt halt doch der Wodarg zu Wort. Warum schweigt eigentlich der Lungen(!!)arzt Köhler?

Schon fragt die Politik, wo denn die Stimme der organisierten Wissenschaft sei. Politische und mediale Logik. Keiner fragt bei Fachgesellschaften oder in den Chefetagen großer Organisationen. Da kommt (fast) nichts – fast, weil die Epidemiolog*innen (siehe Link) immerhin recht rasch reagiert haben. Die organisierte Wissenschaft aber schweigt viel. Kein gutes Zitat, das für eine knackige Überschrift („Zeile“) reicht. Da, die von Sender X haben den Drosten, der hat ne gute Zeile geliefert, dann brauchen wir von Medium Y einen anderen, den Kekulé, der ist auch für eine gute Zeile gut. In der Redaktion von Z: Guckt doch mal auf Twitter, da muss es doch noch andere geben, am besten schon mit akademischem Titel, aber gerne Außenseiter, kontrovers. Hier, der Augstein, der hat einen Experten auf Youtube gefunden. Echt wahr!

Deutschland im Shutdown. Das hatte sich abgezeichnet. Das ist dann eingetreten. Alle reiben sich die Augen: das ist historisch! Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik… Da müsste doch jetzt eine Forschungsorganisation oder Akademie was dazu sagen. Dinge richtig stellen. Organisationslogik. Telefonkonferenzen werden von Chefsekretärinnen und persönlichen Referentinnen geschaltet, die E-Mail-Postfächer quellen über, Konzeptpapiere als Word-Dokumente im „track changes mode“ werden hin- und hergeschickt, so oft geändert, dass die Farben psychedelisch wirken und man Angst haben muss, einen epileptischen Anfall nur vom Lesen zu bekommen. Die Chefs brüten, diskutieren, diktieren Bänder voll, Sekretariate editieren im Track Change. Wo ist die Stimme der Wissenschaft? Mediale Logik. Drosten soll Bundeskanzler werden oder Papst. Er wehrt sich tapfer, gibt Interviews und stellt richtig. Auf Twitter tauchen kurze Clips von ihm mit verwuscheltem Haar auf, er zwinkert. Wirklich, ja, ich hab’s selbst gesehen, er zwinkert. Hatten wir Rockstar schon? Groupies, männlich wie weiblich, hat er jedenfalls. Mich eingeschlossen. Mediale Logik. Organisationslogik. Wo ist die Stimme der Vernunft?

Vernunft und Krise. Die Logik der Krise. Zwei Thesen dazu, oder besser Prämissen, denn es sind eher Binsen als Thesen: (1) In der Krise suchen nahezu alle Menschen nach Sicherheit. (2) In der Krise greifen die meisten Menschen auf das zurück, was sie am besten können (denn das gibt eine innere Sicherheit).

Beispiel Riffreporter: Die haben Kooperation geübt, die haben Themenschwerpunkte geübt, die haben Einordnen geübt. Das können die und deshalb haben die ein super Angebot, was Informationen zu COVID-19 angeht. Ähnlich gut sieht es bei correctiv.org aus.

Beispiel herkömmliche Medien: Knackige Schlagzeilen, Angst machen, Helden aufbauen und deren Geschichten erzählen, einen eigenen „Dreh“ finden, zuspitzen. Ich bin außerordentlich unzufrieden und frustriert über das, was ich wahrnehme. Disclaimer: Ich habe mir aus Selbstschutzgründen in den letzten Tagen versagt, immer wieder die Themenseiten der Medien aufzurufen. Kann also sein, dass ich gerade jemand Unrecht tue. Aber was mir Tagesschau (App), die Story mit dem Drosten-Interview vom STERN und andere kurze Blicke in die traditionellen Medien zeigen, ist der Rückgriff auf eingeübte Praktiken: Ich habe den cooleren Experten, die steilere These, die bessere Heldin, den schlimmsten Bösewicht… Mediale Logik gepaart mit der Logik der Krise. Sonja Kastilan beschreibt die Situation ganz schön in der FAS (hinter einer Paywall, versteht sich).

Beispiel Wissenschaftsorganisationen: Auf den Webseiten sagt mir die Max-Planck-Gesellschaft: COVID-19? Ist nicht unser Thema, wir machen weiter wie immer (Aufmachertext über Schengen). Helmholtz sagt, wir sind wichtig und machen wichtige Sachen zu COVID-19. Leibniz greift Fragen der Menschen auf (Wer ist besonders gefährdet? Können Tiere COVID-19 kriegen?) und Fraunhofer macht es wie Max Planck. Die Logik der Krise. Fraunhofer und Max Planck kommen mir vor wie die katholische Kirche bei der Frage nach Frauen als Priester: Unser Erfolgsmodell ist seit 2000 Jahren, sich nicht um kurzfristige Trends zu kümmern. Wir können am besten „stur“.

Helmholtz macht Forschungsmarketing, Leibniz surft gut und geschickt auf der Agenda. Um das klar zu sagen: Beides ist legitim. Es ist in Ordnung, darauf hinzuweisen, was Helmholtz alles an Corona- und COVID-19-Forschung betreibt und unterstützt, vor allem, wenn eine sehr vorausschauende Studie dabei ist, die ein Helmholtz-Zentrum koordiniert. Und genauso ist es in Ordnung, das brandheiße Thema der Krise aufzugreifen und Fragen in Podcasts zu beantworten, wie Leibniz das tut. Und ganz bestimmt steckt hinter der Entscheidung von Max Planck und Fraunhofer auch eine Logik, aber die erschließt sich mir gerade nicht.

Organisationslogik. Dahinter stehen Menschen, Präsidenten und deren Stäbe. Auch diese Menschen greifen, so meine Beobachtung und Prämisse, auf das zurück, was sie am besten können, wovon sie sich Sicherheit versprechen. Das ist dann, in der Organisationslogik der Wissenschaftsorganisationen, die Sicherstellung der eigenen Existenz, das Beantragen von Fördermitteln und die Pflege der Reputation. In der Logik der Politik ist das das Fordern, das Beschließen oder, in der Opposition, das Fragen und Kritisieren, jeweils unter Zuhilfenahme der Medien. Was ich mir wünschte, hatte ich in einem vorherigen Blogbeitrag schon mal skizziert, ein Aufbrechen dieser Logiken in einer wirklich historischen Situation.

Wenn die Leopoldina und acatech in kurzen Abständen hintereinander Stellungnahmen veröffentlichen, ist das ein sehr guter Anfang, aber es ist immer noch zum großen Teil innerhalb der jeweiligen Logiken. Die Akademien haben extrem schnell reagiert, das ist schon mal gut und außerhalb der sonstigen Logik des langen Abwägungsprozesses. Aber sie geben eben „nur“ kluge Ratschläge, ohne die Möglichkeit, selbst Forschung zu steuern. Das können sie nämlich gar nicht. Das wäre Sache der Organisationen wie Leibniz, Max Planck, Fraunhofer und Helmholtz. Das wird auch passieren, wenn die letzten Track Changes in den Konzeptpapieren alle verschwunden und daraus Konsenspapiere und Anträge entstanden sind. Aus meiner Sicht zu spät. Ebenso wie die Verantwortlichen in den Medien zu spät verstehen werden, dass sie ihre Logik des wechselseitigen Überbietens überdenken sollten. 

Offenlegung: Ich arbeite in einem Zentrum der Helmholtz-Gemeinschaft und war früher einmal Pressesprecher der Leibniz-Gemeinschaft. 

Corona: Update in English

Dear publishers, dear editors-in-chief, dear managing directors, dear journalists, dear PR colleagues in research,

why do I have to go to the Johns Hopkins University  to see a cool map display of the world’s cases and tables? Why do I have to go to USA or UK to see this as a graph?  Why do I need Twitter to feel fully informed? Why do I have to follow Lars Fischer and Kai Kupferschmidt and Christian Drosten to get trustworthy classifications of news?

Sorry, RKI, you’re really good and important, but you’re not really up to it. You also have more important things to do now (I am not at all being sarcastic, I’m serious!). Everyone is working at the limit. Everybody’s trying to do their best. It would be too much to comment now also on Bullsh*t like the question of a tabloid (BILD) reporter at the federal press conference if the Wies’n (aka Oktoberfest) in September and October could be affected.

And the numbers are rising. One half of Germany is demanding a complete „shutdown“ (without asking who will deliver their pasta and toilet paper), the others are celebrating a kind of Germany-wide measles party. In Berlin, red-and-white ribbon separates bus drivers from passengers who are not allowed to enter through the front doors of the buses while clubs a few days ago seriously considered to split a concert into two gigs on the same evening, so that there are less than 1000 people each. Meanwhile, all clubs are closed.

Please, why don’t the publishers get together and build one site with interactive corona maps for Germany, Europe, and the World, together with research organisations, for example? With links to stories of Lars Fischer, Sascha Karberg, Nicola Kuhrt, Kai Kupferschmidt (to name but a few; these are just the first ones that come to my mind, I hope those that don’t come to mind right now are not offended, I would be very sorry!), with trustworthy information and the podcasts of Christian Drosten? And Mai Thi Nguyen-Kim and Rezo and the Science Media Center help? I mean, the sh*t is about to hit the fan. Either because of the disease or because of hysteria or ignorance or everything. Look at Italy. Look at the USA.

Why does everybody write and broadcast on their own? ARD and ZDF, get together. Bring information to the people that is evidence based (!!) Don’t let every idiot get a word in. See above. Now would be the hour for science journalism and science communication to fulfil a civic responsibility together. No scare tactics, but well and cleverly prepared information – based on scientific evidence. On one page. At one address. Why doesn’t Phoenix (for foreign readers: that’s a jointly operated channel of Germany’s public broadcasters) or another special interest channel dedicate its entire program, yes, I mean completely!, to the Corona crisis. Constant updates, like Public Radio, classifications of news, statements of experts. This would also relieve the experts, who don’t have to run from studio A to station B and give a telephone interview to the German Press Agency DPA in between. Before Health Secretary Jens Spahn calls them and asks for advice.

Now everyone will say, but I do, we already have… — Yes?

YES?

Did you? Do you? No paywall? Everything so that everyone understands? Even on video? Even for the blind? Or the hearing impaired? F*ck, get together, inform the people and help us to master this crisis. Spektrum, FAZ, ZEIT, Süddeutsche, ZDF and ARD, Bloggers, Youtubers. T-Online, SPIEGEL, all the platforms with the highest reach. Please. Don’t look for the headline that sets you apart, don’t try to see if you have the best expert first. Inform the people outside. Get together. It. Is. Crisis. You. Can. Can. Do. Right. A lot.

Why not a special Twitter channel which debunks myths, which promotes researchers with sound and evidence-based advice instead of snake oil experts, fear-mongers and conspiracy „experts“? Scicomm, unite!

Corona: Wie Medien in der Krise helfen könnten

Liebe Verlage, liebe Chefredakteur*innen, liebe Geschäftsführer*innen, liebe Journalist*innen, liebe PR-Kolleg*innen in der Forschung,

warum muss ich auf die Seite von der Johns Hopkins Universität gehen, um eine coole Kartendarstellung der weltweiten Fälle und Tabellen zu sehen? Warum muss ich nach USA schauen, um das als Grafik zu sehen?  Warum brauche ich Twitter, um mich umfassend informiert zu fühlen? Warum muss ich Lars Fischer und Kai Kupferschmidt und Christian Drosten folgen, um vertrauenswürdige Einordnungen von Nachrichten zu erhalten?

Sorry, RKI, ihr seid gut und wichtig, aber ihr habt es nicht so drauf. Ihr habt jetzt auch Wichtigeres zu tun (keine Häme, ich meine es ernst!). Alle arbeiten am Anschlag. Alle bemühen sich. Es wäre zu viel verlangt, jetzt auch noch Bullsh*t zu kommentieren wie die Frage des BILD-Reporters bei der Bundespressekonferenz, ob die Wies’n (aka Oktoberfest) betroffen sein könnte.

Und die Zahlen steigen. Die eine Hälfte Deutschlands fordert mit Angstlust einen kompletten „Shutdown“ (ohne zu fragen, wer dann ihre Nudeln und das Klopapier liefert), die anderen feiern eine Art deutschlandweite Masernparty. In Berlin sperrt rot-weißes Flatterband die vorderen Türen der Busse und Clubs überlegen zugleich, ein Konzert in zwei Teile zu trennen, damit es jeweils unter 1000 Leute sind.

Warum, bitte, tun sich die Verlage nicht zusammen und bauen gemeinsam mit Forschungsorganisationen, zum Beispiel, eine interaktive Corona-Karte für Deutschland und Europa? Mit den Stories von Lars Fischer, Sascha Karberg, Nicola Kuhrt, Kai Kupferschmidt (das sind jetzt nur mal die ersten, die mir einfallen, ich hoffe die, die mir gerade nicht einfallen, sind nicht beleidigt, das täte mir sehr Leid!),  mit vertrauenswürdigen Infos und den Podcasts von Christian Drosten? Und Mai Thi Nguyen-Kim und Rezo und das Science Media Center helfen? Ich meine, die Kacke ist bald richtig am Dampfen. Entweder wegen der Krankheit oder wegen der Hysterie oder der Ignoranz oder wegen allem. Schaut nach Italien. Schaut in die USA.

Warum schreibt und sendet jede/r für sich? ARD und ZDF, tut euch zusammen. Bringt Informationen unters Volk, die gesichert(!!) sind. Lasst nicht jeden Deppen zu Wort kommen. Siehe oben. Jetzt wäre die Stunde für Wissenschaftsjournalismus und Wissenschaftskommunikation, einer staatsbürgerlichen Verantwortung gemeinsam gerecht zu werden. Keine Panikmache, sondern gut und klug aufbereitete Informationen, auf wissenschaftlicher Evidenz basierend. Auf einer Seite. Unter einer Adresse. Warum widmet Phönix oder ein anderer Spartenkanal nicht sein komplettes Programm, ja, ich meine komplett!, der Corona-Krise. Ständige Updates à la infoRADIO… – Einordnungen von Nachrichten, Statements von Expert*innen. Das würde auch die Expert*innen entlasten, die nicht von Studio A zu Sender B rennen müssen und dazwischen der DPA ein Telefoninterview geben. Bevor Jens Spahn anrufen lässt und sie nach Rat fragt.

Jetzt werden alle sagen, aber ICH mach doch, WIR haben doch… — Ja?

JA?

Habt ihr? Alles ohne Paywall? Alles so, dass alle es verstehen? Auch als Video? Auch für Blinde? F*ck, tut euch zusammen, informiert die Menschen und helft dabei, dass wir diese Krise meistern. Spektrum, FAZ, ZEIT, Süddeutsche, ZDF und ARD, Blogger*innen und Youtuber*innen. T-Online, SPIEGEL, alle die reichweitenstarken Plattformen. Please. Schielt nicht auf die Zeile, die euch von anderen abhebt, schaut nicht, ob ihr die beste Expertin zuerst habt. Informiert die Menschen draußen. Tut euch zusammen. Es. Ist. Krise. Ihr. Könnt. Was. Tun. Richtig. Viel.

Spektrum (ohne Paywall): https://www.spektrum.de/wissen/wie-schuetzt-man-sich-vor-der-pandemie/1700384

Die FAZ: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/zahlen-zum-coronavirus-die-pandemie-im-ueberblick-16653240.html

Süddeutsche Zeitung: https://www.sueddeutsche.de/thema/Coronavirus

ZEIT (übersichtlich und hilfreich, finde ich): https://www.zeit.de/thema/coronavirus

ARD (ich finde mich da nicht zurecht!): https://www.tagesschau.de/thema/coronavirus/

ZDF (auch hier weiß ich nicht, ob ich richtig bin): https://www.zdf.de/nachrichten/politik/blog-coronavirus-102.html

Robert-Koch-Institut (super viele Infos, mich erschlagen die ein bisschen, aber immer up-to-date): https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/nCoV_node.html

Johns Hopkins Universität  (mit super Grafik und neuesten Daten, halt auf Englisch): https://gisanddata.maps.arcgis.com/apps/opsdashboard/index.html#/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6

WHO-Dashboard (ein bisschen wie Johns Hopkins, aber ich finde mich schwerer zurecht, ach ja: Dashboard heißt Armaturenbrett): https://experience.arcgis.com/experience/685d0ace521648f8a5beeeee1b9125cd

Wer den folgenden Menschen nicht folgt, ist selber schuld:

@c_drosten (Chefvirologe, Podcast-Experte, super cool, super informiert, super klug)

@Fischblog (hervorragende Einordnungen, Kodderschnauze und auf manche, die ihn nicht kennen, zynisch wirkend, aber ernst, wo es ernst sein muss)

@kakape (super Medizinjournalist, berichtet von der WHO)

 

WisskommjourPRÖA

Weil ich jetzt so oft angesprochen worden bin, werde ich mir untreu und schreibe nun also doch über die Frage, ob der Begriff Wissenschaftskommunikation den Wissenschaftsjournalismus einschließt oder nicht. Hier also die Antwort: Tut er.

Das war’s.

Ehrlich. Ich bleib dabei.

Im Ernst: Was streiten wir uns um diese Begrifflichkeiten? Dahinter steht doch eine andere Frage, die von Heidi Blattmann und Josef König in jeweils unterschiedlicher Weise aufgegriffen wird. Die eine, als Journalistin quasi selbst direkt angesprochen, will nicht vereinnahmt werden. Ihr sträubt sich alles, sich „als Journalistin in eine Kategorie – die der Wissenschaftskommunikation – einzugliedern, in die ich meinem Verständnis nach nicht gehöre.“ Der andere, Josef König, raunt etwas von „der Spur des Geldes“. Auch da ist also die Befürchtung, „die Wissenschaft“ oder die Wissenschaftskommunikation, hier verstanden als finanzstarke PR-Maschinerie, möchte den Journalismus kaufen. „Der Wissenschaftsjournalismus wiederum schielt auf Profit, indem er unter die warme Decke der betuchten Wissenschaftskommunikation schlüpft und sich von ihr Alimente erhofft“, heißt es bei Josef König.

Die Grafik bei Wikipedia (nach Carsten Könneker) zeigt die drei Komponenten Wissenschaft, Journalismus und PR sehr schön. Alle betreiben sie Kommunikation. Kommuniziert die Wissenschaft innerhalb der Wissenschaft, ist das fachlicher Austausch (an anderer Stelle habe ich von Science2Science Communication gesprochen und auch von verschwimmenden Grenzen und Science2Lay Communication). Kommuniziert sie explizit aus dem System heraus, ist das Wissensvermittlung, PR, Öffentlichkeitsarbeit. Und kommunizieren Journalist*innen über die Wissenschaft, ist es eben Wissenschaftsjournalismus. Aber alle kommunizieren – aus der oder über die Wissenschaft. Alle haben ihre spezifischen Rollen.

Es gibt eine Besonderheit: Die Wissenschaft und mit ihr die institutionell gebundene  Kommunikation aus der Wissenschaft heraus ist auf den Journalismus angewiesen, wenn es um Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit geht. Es ist ganz einfach: Ohne unabhängigen Journalismus gibt es keine Glaubwürdigkeit. Innerwissenschaftlich ist das anders, da greifen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis und Peer Review. Aber damit kann die große Mehrheit der Menschen nichts anfangen. Das haben wir in Siggen mehrfach besprochen, ich habe dazu auch geblogged.

Die Argumente für und gegen eine staatliche Stiftung, die Wissenschaftsjournalismus fördern könnte, sind längst ausgetauscht. Etwa hier und hier. Ich will das nicht alles wiederkäuen. Nur so viel: Der Wissenschaft könnte nichts Blöderes einfallen, als sich journalistische Berichterstattung zu kaufen oder unabhängigen Journalismus zu simulieren. Und den Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wiederum wäre auch nicht mehr zu helfen, wenn sie sich kaufen ließen. Damit wäre sämtliches Vertrauen in alle Komponenten des Systems erschüttert.

Insofern ärgere ich mich über die Unterstellungen, wir PR-Menschen aus der Wissenschaft (oder unsere Chefs und Chefinnen) wollten Journalist*innen in eine „Wissenschaftskommunikationsfamilie“ eingliedern oder mit Geld ködern. Das beleidigt sowohl unsere Intelligenz als auch die ehrliche Sorge um unabhängigen Journalismus –  den wir (aus durchaus auch eigennützigen Gründen) in eben seiner Unabhängigkeit brauchen.

Überdenkt eure Anspruchshaltung

Liebe Journalistinnen und Journalisten,

könnt ihr bitte mal für einen kurzen Moment von euren hohen Rössern absteigen und eure eigene Anspruchshaltung hinterfragen, bevor ihr der Wissenschaft Kommunikationsversagen vorwerft? Die Feinstaub- und Stickoxiddebatte, so lese ich bei Spiegel Online, in der ZEIT und auch beim ehemaligen Journalisten Jens Rehländer, habe das Versagen der Wissenschaft gezeigt (Offenlegung: Ich selbst habe an anderer Stelle auch schon davon gesprochen und habe aktuell auch zustimmend Tweets geteilt). Jetzt, mit ein paar Tagen Abstand, frage ich mich, ob man das so einfach stehen lassen soll.

Die Wissenschaft hat doch längst alle Fakten zum Feinstaub gesammelt. Hat sie dokumentiert und mitgeteilt – in einem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin aus dem November 2018. Hätte man sich ergoogeln oder erbingen können. Oder erfragen. Anrufen und Fragen stellen ist zwar „old school“ und manchmal mühsam, aber – ich glaube, der Fachbegriff heißt Recherche – es sollte zu den Grundtugenden einer Redaktion gehören. Wobei: Was rede ich von Tugend? Es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit von Journalist*innen, zu recherchieren.

Stattdessen höre ich jetzt Geschrei, wo denn die Wissenschaft gewesen sei. Bitte sehr: Nochmal und jetzt auch mit Link zum Papier. Die Wissenschaft hat die Fakten längst auf den Tisch gelegt.

Und jetzt? Da stehen wir nun, die Vertreter*innen der Medien und der Wissenschaft und zeigen mit den Fingern auf die jeweils anderen: Ihr seid zu faul zum Recherchieren und ihr zu langsam zum Reagieren. Es gibt längst Lösungsansätze wie das Science Media Center oder auch, in einem Spezialfall, die Initiative der Allianz der Wissenschaftsorganisationen zum Thema Forschung mit Tieren („Tierversuche verstehen“). Da lässt sich sicher noch mehr machen, das lässt sich erweitern, aufbohren, auf andere Felder – Grüne Gentechnik oder Klima – übertragen. Es bleiben jedoch mindestens zwei grundlegende Probleme, die kein Science Media Center und keine weiteren Allianz- oder andere Initiativen lösen werden.

Wissenschaft kann das Tempo der Berufsempörten nicht mitgehen

Erstens: Die Wissenschaft kann nie so schnell sein wie die immer höher drehende Kampagnen- und Empörungsmaschinerie aus Politik, Medien und Interessensgruppen à la Greenpeace, Ärzte gegen Tierversuche etc. Es sind zwei völlig unterschiedliche Systeme mit inkompatiblen Funktionsmechanismen. Was sie allerdings eint, ist die Abhängigkeit vom Vertrauen der Gesellschaft: Wissenschaft und Forschung, Medien, NGOs und Politik leben alle vom Vertrauen der Öffentlichkeit in ihre Arbeit und ihre Ergebnisse.

Gründlichkeit, Expertise (erworben in jahrelanger, harter Ausbildung) und strikte Regeln guter wissenschaftlicher Praxis sind die Voraussetzungen für Vertrauen in die Wissenschaft. Geschwindigkeit gehört nicht dazu, sie gefährdet eher die Gründlichkeit. Medien dagegen müssen schnell sein, nah dran am Geschehen, und sollen auch unerschrocken die Mächtigen kritisieren. Übersetzt in Nachrichtenfaktoren heißt das Aktualität, Nähe, Relevanz und Konflikt. Das passt nur bedingt zur Forschung, vor allem, der Aktualitätsdruck – „wir brauchen JETZT eine Expertin!“ –, aber auch die fast schon reflexhafte Suche nach Konflikt lassen Forscherinnen und Forscher vor Medienanfragen insbesondere zu kontroversen Themen oft zurückschrecken. Wenn eine Zeitung uns bittet, ein Pro und Contra zum Thema menschgemachter Klimawandel mit der Pro-Meinung zu bestücken, und „Contra“ kommt von einem Verein, der sich Institut nennt und wissenschaftlich unhaltbare Thesen verbreitet, dann lehnen wir ab. Das Stück – es war halt dann nur „Contra“ – ist trotz eindringlicher Warnungen an den Redakteur, damit adle man pseudo-wissenschaftliche Thesen, dennoch erschienen. Das Problem ist in Medienkreisen als „false balance“ längst bekannt, wird aber nicht abgestellt. Zu groß ist die Verlockung, mit Außenseiterpositionen Aufmerksamkeit zu erregen, vielleicht sogar Empörung auszulösen oder zumindest in einer Talkshow einen Konflikt zu inszenieren.

Der Wahrheits-Club kritisiert sich nur ungern selbst

Das bringt mich zum zweiten Grundproblem: Ich sehe im Mediensystem eine nur schwach ausgeprägte Bereitschaft zur Selbstkritik. Das fängt bei ungleichgewichtigen Korrekturen an – Skandale werden groß aufgemacht, die Korrektur erfolgt dann Tage später klein in einer Randspalte auf Seite 4 unten. Es geht weiter mit einem Nicht-Wahrhaben-Wollen der eigenen Anteile an Hysterie und Desinformation. Mir fallen da Impfgegner*innen ein, die Platz in seriösen Medien erhalten.

Der von mir sehr geschätzte Ulrich Schnabel breitet in der ZEIT auf einer ganzen Seite das Thema Kommunikationsversagen der Wissenschaft aus. Er berichtet zwar in einer halben Spalte, dass viele große Redaktionen dem Lungenarzt auf den Leim gingen. Doch das lastet er den Redaktionen kaum an. Sein Fazit nach der halben Spalte: „Es wäre jedoch zu wenig, nur die medialen Reflexe zu beklagen.“ Reflexe? Warum kritisiert er nicht explizit Claus Kleber und das „heute journal“? Und weder die WELT-, noch die BILD-Kolleginnen und -Kollegen werden gescholten für mangelnde Recherche. Hat sich das ZDF eigentlich entschuldigt beim Publikum? Man könnte hier ebenso gut von einem Versagen des Journalismus sprechen.

Mir kommt das fast so vor wie das Verhalten der katholischen Kirche bei Missbrauchsfällen. Ja, man räumt das schon ein, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Aber es sind immer nur Einzelfälle. Dass man ein strukturelles Problem haben könnte, oder ein Problem mit falscher Loyalität gegenüber Kolleginnen und Kollegen oder gegenüber Verlagshäusern, das wird selten thematisiert. Man ist ja Dank Zugehörigkeit zum Journalismus-Club Vertreter*in der Wahrheit und der Tugend wie die Kirchenmänner mit ihrem Club auch.

Der Fall Relotius hat da ein bisschen was bewegt. Auf Twitter las ich in den Tagen danach eine Reihe von Bekenntnissen, wie Journalistinnen und Journalisten von Redaktionen aufgefordert wurden, die Wahrheit doch ein bisschen zu biegen und zu dehnen. Unter dem Hashtag #sagenwasist kann man das zum Teil nachlesen. Und der Berliner „Tagesspiegel“ griff das dankenswerterweise auf.

Aber sehr rasch kehrt man zurück zur Tagesordnung und zum unangreifbaren Wahrheitsanspruch. Man ist ja schließlich vierte Gewalt.

Und jetzt? Da stehe ich nun mit meinem Rant. Wie weiter? Ich bitte die vielen ehrenwerten, gründlichen und aufrichtigen Journalistinnen und Journalisten um Verständnis: Ihr seid nicht gemeint!

Aber da sind die anderen, die gefühlt immer mehr werden. Die frei von Vorkenntnissen bei mir und meinen Kolleginnen und Kollegen in Forschungseinrichtungen anrufen und nach einfachen Statements fragen. Die Skandale suchen und die alte Dame Wissenschaft johlend vor sich herjagen, um ihr dann vorzuwerfen, sie bewege sich zu langsam. Euch bitte ich um ein Überdenken eurer Anspruchshaltung. Muss Wissenschaft wirklich über jedes Stöckchen springen, das ihr hingehalten wird? Muss sie immer wieder längst bekannte Fakten und Zusammenhänge präsentieren, weil die Abendschicht in der Redaktion halt nicht weiß, was die von der Frühschicht letzte Woche schon recherchiert und gesendet oder geschrieben haben? Ja, muss sie. Ich weiß. Und ja, wir im System Wissenschaft müssen auch schneller reagieren. Aber deshalb versagt nicht gleich die ganze Branche mit ihrer Kommunikation.

Offenlegung: Ich bin selbst Teil des Systems als hauptberuflicher Wissenschaftskommunikator in der Öffentlichkeitsarbeit eines Helmholtz-Zentrums und war davor Teil des Wahrheits-Clubs Journalismus.

Das EuGH-Urteil aus Sicht der Wissenschaftskommunikation

Es ist schon bemerkenswert: Egal, ob im SPIEGEL (hier hinter einer Paywall und hier offen), in der Süddeutschen oder auf der Online-Seite von Spektrum der Wissenschaften und bei der Deutschen Welle – überall schreiben die Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten, dass das Urteil des EuGH zu CRISPR/cas9 von Ideologie geprägt, von Bauchgefühl geleitet und überhaupt Unfug ist, der auf Angstmacherei beruht.

Wie kann es sein, dass „die Wissenschaft“, die in Deutschland und Europa nach wie vor sehr hohes Vertrauen genießt, sich nicht vor dem EuGH durchsetzte, obwohl sie viele der Medien (genauer: viele Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten) auf ihrer Seite hatte?

Ich denke, es liegt zum einen an der Binnendifferenzierung der Medien. Oftmals wird über „Brüssel“ und „Straßburg“ und „Luxemburg“, über die EU also, nicht auf den Wissenschaftsseiten berichtet, sondern im Politik- oder Wirtschaftsteil. Und unter den Politikjournalistinnen und -journalisten sind dann eher welche, die von Wissenschaft wenig bis gar keine Ahnung haben oder die Wissenschaft als „he said, she said“ ansehen (ein Beispiel für diese Herangehensweise hier und hier). Pech für die Wissenschaft, dass die Politik meist weiter vorne kommt als die Nachrichten und Kommentare aus der Forschung.

Falsche Selbstgerechtigkeit der Forschenden

Das ist es meiner Meinung aber nicht allein. Denn es bleibt der Umstand, dass viele Medien ein differenziertes Bild der neuen Verfahren zur Gentechnik und Pflanzenzüchtung gezeichnet haben. Und doch hat die Angstmacherei gesiegt, das Unbehagen vor Eingriffen in die Natur, das Misstrauen gegen eine Wissenschaft, die offenbar von vielen als technokratisch und frankensteinesk angesehen wird.

Hier sehe ich ein Kommunikationsversagen der Forscherinnen und Forscher.

Mir ist so eine selbstgerechte Haltung auch beim Thema Tierversuche untergekommen. „Wir handeln nach Vorschrift“, „Wir halten uns an Gesetze“, „Das ist alles genehmigt“. Das waren Sätze, die mir entgegenschlugen, als ich bei Treffen mit leitenden Wissenschaftlern (in dem Fall waren es nur Männer) anmahnte, mehr und offener zu kommunizieren. Dahinter steckte freilich nicht nur Selbstgerechtigkeit, sondern auch eine durchaus berechtigte Angst, mit Äußerungen pro Tierversuche (oder pro Gentechnik oder pro Fracking oder oder oder) selbst zur Zielscheibe von Kampagnen zu werden. Wer gesehen hat, was dem Tübinger Max-Planck-Direktor Nikos Logothetis passiert ist oder dem Bremer Universitätsforscher Andreas Kreiter, der überlegt sich zweimal, mit kritischen Themen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Das Problem: Die NGO’s, die mit Angstmacherei ihr Geld verdienen, werden nicht verschwinden. In etablierten Parteien werden ebenfalls Ängste gezielt geschürt und Debatten mit Wissenschaftler_innen verweigert. Auch die politischen Geschäfte mit der Angst werden bleiben.

Mehr zuhören, weniger missionieren

Es ist schwer dagegen anzukommen für Forscherinnen und Forscher, die zu Themen wie Gentechnik (grün oder rot), Fracking, Kohlendioxidlagerung im Untergrund, Endlager für Atommüll etc. arbeiten. Denn die Schützengräben sind bereits ausgehoben, die Verteidigungs- und Angriffslinien stehen fest. Frankenstein hier, moralisch Überlegene und verantwortungsbewusst Handelnde dort. Fakten haben nur noch wenig Platz. Sie helfen auch nur bedingt, wie das EuGH-Urteil und die Reaktionen darauf zeigen.

Was meines Erachtens helfen würde, wäre ein Eingehen auf die Ängste der Bürgerinnen und Bürger.

Forscherinnen und Forscher sollten mehr zuhören. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht, gerade auch unter der Prämisse, dass es nicht darum geht, das Gegenüber von der eigenen Position zu überzeugen.

Ein weiterer Punkt ist das Kommunizieren eigener Werte und Beweggründe. Das geht weit über die Vermittlung von Fakten hinaus. Zum Eingehen auf die Ängste gehört es ebenso, situationsangepasst zu reagieren. Man mag die Angst vor „Genen in der Nahrung“ belächeln oder sich über die Unwissenheit mokieren. Aber man wird damit nicht weit kommen in der Debatte. Eher schon hilft es zu erklären, dass  wir immer schon „fremde Gene“ gegessen haben. Dass sich Pflanzen seit jeher vor Fraßfeinden schützen (mit Bitterstoffen, mit Gift, mit Dornen und Nesseln) und der Mensch seit jeher versucht, genau diesen Schutz zu umgehen (durch Kochen ebenso wie durch Züchtung). Und dann natürlich all die Fakten, die längst bekannt sind (Mutagenese durch Radioaktivität viel ungenauer, neue Methoden besser, schneller und ressourcenschonender etc.). Vor den Fakten aber sollten Werte kommuniziert werden. Und davor wiederum, ich wiederhole mich, muss die Forschung genau hinhören. Sonst steht der nächste Rückschlag an.

Immer auf die Kleinen

Silke Burmester hat einen Plan. Das ist ein schöner Satz und ein guter Anfang für eine Geschichte. Der Plan soll dazu führen, dass Journalistinnen (ich nutze immer die weibliche Form und meine Männer mit) wieder mehr Geld verdienen und von ihrer Arbeit leben können. Sie hat ihn im Deutschlandfunk vorgestellt, und mir stößt dieser Plan sauer auf. Silke Burmester macht drei Personengruppen aus, die das System der Zeitungsverlage stützten, ihre Lokalredaktionen unterbesetzt zu halten: Rentner (hier nutze ich Burmesters männliche Form bewusst, weil in meinen sechs Jahren als Lokaljournalist jenseits der Pensionsgrenze tatsächlich nur Männer für uns schrieben), Ehefrauen und Berufsanfängerinnen (Männer mitgemeint).

Als erstes möchte ich gleich ein Killerargument gegen den Plan, genauer gesagt: dessen Prämissen, anführen: Die erwähnten Personengruppen gab es schon immer. Dass sie jetzt auf einmal der Grund für die Misere sein sollten, leuchtet mir nicht ein. Die pensionierten Lehrer, die Zeugwarte des lokalen Sportclubs, die über die Jahreshauptversammlungen der Vereine schrieben oder Spielberichte von Kreisliga-Duellen lieferten. Die Gattinnen der Kämmerer und Bauamtsleiter, die das lokale Theater besprachen. Und Leute wie mich, der ich in den mittleren 1980er Jahren als Student für 20 Pfennig Zeilengeld und 20 Mark für ein Foto auf Gemeinderatssitzungen in Inning am Holz, in Steinkirchen, in Unterschleißheim und Vilsbiburg (das war sogar ein Stadtrat!) saß. Damals hat das Geld dicke gereicht für Redakteurinnen (meistens Männer) und solche kleinen Freien. Journalismus war gut bezahlt, wenn man ihn im Hauptberuf ausübte.

Den kleinen Freien jetzt die Misere in die Schuhe zu schieben, halte ich für grundfalsch. Es ist in erster Linie gescheiterte Verlagspolitik die Ursache dafür, dass das Geld nicht mehr für die hauptberuflichen „Freien“ reicht. Ich sehe in Silke Burmesters Plan den Klassiker: in Zeiten knapper werdender Ressourcen findet eine Entsolidarisierung der Lohnabhängigen statt. Zu erleben bei Beschäftigten am Bau (billige Osteuropäer nehmen uns Jobs weg) und auch in anderen Niedriglohnbereichen. Jetzt ist die Krise im Mittelstand angekommen, bei vormals recht ordentlich verdienenden Journalistinnen, die sich einer stark wachsenden Konkurrenz ausgesetzt sehen von Kolleginnen, die aus fusionierten Redaktionen „freigesetzt“ wurden, und vom Nachwuchs aus Journalistenschulen und Unis.

Ich habe für die Krise des Journalismus keine Lösung. Ich selbst habe quasi mit den Füßen abgestimmt und mich aus dem Journalismus verabschiedet. Geblieben ist mir allerdings eine Wertschätzung für Journalismus als Grundpfeiler der Demokratie. Und damit einhergehend eine Wertschätzung für gerade die „Kleinen“, denen Silke Burmester nahelegt, sich doch ein anderes Hobby zu suchen. Ich habe noch keine Edelfeder sich die Abende in Gemeinderäten bei Debatten um Bebauungspläne und Zebrastreifen vor Kindergärten um die Ohren schlagen sehen. Und auch auf den tausenden Provinzbolzplätzen, wo Woche für Woche um Kreismeisterschaften gespielt wird, fehlen die altgedienten Sportjournalistinnen. Doch gerade dort geht es um Teilhabe und Demokratie, um Information über die „Heimatzeitungen“. Dort werden sogar lokale Skandale aufgedeckt. Dieses System baut seit jeher auf Menschen auf, die das aus Hobby und Idealismus machen oder um einen Weg in die Medien zu finden.

Noch ein Gedankenexperiment zu Schluss: Was wäre wohl, wenn die Berufsanfängerinnen, die Rentner und die Gattinen plötzlich aufhörten zu schreiben? Ich bin mir sicher, dass keine nur halbwegs gut bezahlte Journalistin die entstehende Lücke füllen würde. Vielmehr würden entweder die Informationen fehlen oder, schlimmer noch, von den Kommunen und Vereinen selbst in die Redaktionen kommen. Und das wäre dann wirklich ein Schaden für die Demokratie. Die findet nämlich nicht nur in Berlin statt, sondern auch auf dem flachen Land.

It’s the trust, stupid

Trust in science (and politics and media) is eroding. Politics and media try to draw on the remaining trust for science thus eroding the foundation of trust even more. Communicators can help re-establish trust with transparency.

There’s a new buzzword in German politics: “Lügenpresse” (mendacious press). Many people show growing distrust in the traditional media, some even believe in a big conspiracy scheme. (This holds true for many people all over the world, just read the great piece of Dave Eggers in the „Guardian“ on a Donald Trump rally.) Conspiracy theories are not limited to the political realm, more often than not science or scientists, sometimes pseudo‐scientists, are involved: anti‐vaccine movement, so‐called climate skeptics, GMO advocates and anti‐GMO people, animal research, or, on the more ludicrous side, the proponents of “chemtrails”. It’s not always pseudo‐science that fuels the debate. The lines between pseudo‐science and real science are blurred. Where does advocacy start, where does science end? Take, for instance, Gilles de Séralini and his skewed study on rats growing tumors after being fed GM corn (see, for instance, here and here for references). Another example is Björn Lomborg, political scientist and author of “The Sceptical Environmentalist”.

Polls show a general decline of trust in many institutions and professional groups, especially in media and politics. Scientists are still amongst the most trusted people. However, the systems of science, politics, and media are closely intertwined; be it through funding, through scientific backing of political decision‐making or through selling attention. Even more so, I think that media and especially political organizations (eg. parties, NGOs, Think Tanks) try to boost their waning credibility through using science and scientists as a source of trust.

Some scientists leave the scientific system to advocate for certain causes, be it for ethical reasons or money or political or personal career. Worse: Some scientists stay in the system but start to advocate. What they do: They stay nominally in the scientific system but they are actually acting outside the system. Cheating means leaving the system. Misinforming means leaving the system. Withholding information, eg. the sources for funding, means leaving the system.

We should look at the intertwined system from a communication’s point of view. What binds the system together? Trust.
Traditionally, the system comprised several clearly discernible players, with specific roles, who all knew about each other and trusted each other. First of all, the scientists working in the labs or offices coming up with new ideas and putting them to test; then the peers reviewing it and the journals publishing it. Finally came the media outlets picking up on published and peer‐ reviewed work. Alongside went the politicians or funding bodies responsible for securing financial support, relying on reports, peer‐reviews, and media coverage.

This system is being eroded from many sides. Highly politicized (or heavily marketed) science leads to public claims and counter‐claims on many different issues, be it GMO, climate change, or the promise of certain therapies, eg. stem cell therapies, and nutrition (what will give you cancer and what will prevent it). Another area of growing distrust is the role of big scientific publishing companies with their pricing and quality claims opposed to open access and open science. Especially the high‐impact journals are attacked because there’s only one thing that strongly correlates with impact factor, and that is the retraction rate (see here for a  study by Björn Brembs on the subject). Then, there’s the diminishing expertise in media companies due to budget cuts. And there’s the growing marketing skills of scientists (and their communication departments) to “sell” their projects to funding bodies (with counter‐claims made by those who did not get funding). All of this has nothing to with the internet as such, and yet, it is the internet that makes all those fights and jealousies easily accessible and visible, thus eroding the foundation of trust.

So it’s about trust. Where does trust come from? Reputation and transparency. Reputation stems from quality. Who is to judge quality in science? Peers. What about the public? Lay people can hardly judge the quality of science, yet, they rely on science one way or another (there’s an interesting paper on the subject by Dan M. Kahan).

Non-scientists need secondary indicators such as (i) high‐impact journals (as I said, those are under attack and not widely known), (ii) media coverage (also under attack by budget cuts and by general distrust, “Lügenpresse”), (iii) brand names (Stanford, MIT, Max Planck, Nobel Prize), or (iv) transparency. Science communication can actively influence transparency. It has some influence on brand names and, to a certain extent, on media coverage.

The fact that science communicators in Germany recently called for quality control or guidelines is telling. It comes down to the fact that many actors in science communication are aware of the growing distrust. However, it is not only distrust in our communication efforts, but a far more widespread distrust in the system of science, publication, and funding. An example from the US is the Flint Water Crisis.

Those who call for quality control and those who want to follow the guidelines are not the problem. The problem are those who are not aware of any problem as they are convinced of their own credibility (or the quality of their brand name). The most important point I see where professional communicators can fine‐tune something is transparency. Traditional institutional science communication was about controlling the message. Now it’s managing communication channels. We need to address scientists, fellow communicators, politicians, and media alike to resolve the crisis of trust. It’s about lifting the veil to re‐establish trust.

Please note: I prepared this paper for a retreat of the Siggen Circle.  I added the links afterwards.

tl;dr: Trust in science (and politics and media) is eroding. Politics and media try to draw on the remaining trust for science thus eroding the foundation of trust even more. Communicators can help re-establish trust with transparency.

Twitter, Facebook und die Literatinnen

Meine Timeline schäumt. Twitter wird kaputt gemacht, und Facebook ist ohnehin schon lange kaputt. Kein Respekt vor Privatheit; Trolle; Algorithmen, die mir bevorzugt Dinge zeigen, die sie für wichtiger als anderes erachten; und der Fall der 140-Zeichen-Grenze. Es scheint, als fürchteten die Twitterer eine Verfacebookisierung ihrer Lieblingsplattform.

Mir geht es ja ähnlich und ich frage mich, wieso das so ist.
Ich glaube, die 140-Zeichen-Begrenzung ist da ein ganz entscheidendes Distinktionsmerkmal. Blaise Pascal soll gesagt haben, „ich schreibe dir einen langen Brief, weil ich keine Zeit habe, einen kurzen zu schreiben“ (ich sage soll, weil andere das Zitat Mark Twain zuschreiben, aber der war ja Journalist und hat’s vielleicht einfach abgeschrieben).

Kurz also ist mühsamer als lang.

Als ehemaliger Journalist weiß ich das nur zu gut. Und es gab zu meiner Zeit unter den Kolleginnen und Kollegen immer eine Art professionellen Respekt vor Redakteurinnen (Männer mitgemeint) der BILD-Zeitung, selbst wenn man deren Themenauswahl und Methoden widerlich fand. Aber das Handwerk! Die kurzen Texte, die Schlagzeilen… !

Und es ist ja auch wirklich so: ein kurzer Text kann viel schwerer verbergen, dass er schlecht ist oder dass die Autorin keine Idee und keinen Plan hatte. Darum tummeln sich auf Twitter die Puristinnen, die Literatinnen, die heimlichen Schlagzeilenmacherinnen und Aphoristikerinnen. Und auf Facebook schreiben die, denen kurze Briefe zu mühsam sind, lange Hass- oder Ich-liebe-Katzen-Postings.

Ich wette, dass – wenn die 140-Zeichen-Grenze fällt – eine Puristinnengemeinde auf Twitter (oder anderswo) entsteht, die sich selbst beschränkt auf 140 Zeichen. Das macht es einfach, sich von der dummen Verwandtschaft und den nicht so schriftkundigen Freundinnen abzugrenzen und auf den Plebs zu schauen.

The pressure behind communicating science

Some notes on the workshop #wowk15 at the “Volkswagenstiftung” I was tweeting about this week (mainly in German). I would translate the title of the workshop “Researchers’ communication under pressure of public relations”.

There were several ideas and concepts nearly all of those who were there agreed on:
– Scientists and the science system, i.e. institutions, both share a responsibility to communicate.
– One should not only communicate results but the scientific process and the scientific principle as well. Science is all about doubt and not about certainty. Society should know this.
– There are intrinsic factors – at least in some fields – that lead either scientists or PR people, or sometimes both, to hype scientific results. These factors are, for instance, alarmism to get more funding, be it in climate science or health research; the reputation game and the idea that publicity also enhances scientific reputation; and the increasing tendency to rank and rate scientists according to metrics (which, in turn, leads to more publications, some of them hyping results, which subsequently creates media hypes).
– Hyping does not always help, especially not in peer-reviewed grant applications.
– Media, on the other hand, have a tendency to hype as well, sometimes by cherry-picking results or by reporting on poorly designed but somehow attractive health studies („Drinking red wine protects you from cancer“). Read here the interesting study by Petroc Sumner and his colleagues on hyping science in the field of health research.

There was an interesting remark by Petroc Sumner about hyping results and putting stuff directly online instead of offering it to media people (who might detect the hype): “Bypassing traditional channels, i.e. media, won’t help you because people won’t trust you anymore.” Or, as Hans Peter Peters from FZ Jülich put it: “The selection process by journalists cannot be substituted by a self-selection process by science (or science communication).”

In a small workshop I chaired within the conference we talked about the roles of institutional governance and scientists in the communication process. The President of the Friedrich Schiller University in Jena, Walter Rosenthal, said that the pressure to communicate has increased in the last decades. This is for one part due to external factors and for another part a matter of one’s personal career. The more political a scientist’s position is, the higher the pressure is to communicate. “You really start to feel the pressure once you are in a leading position”, said Walter Rosenthal.

Rosenthal sees communication as a means to be visible to stakeholders, such as politicians, and to pave the way for support. Part of this kind of science communication is to create a general basis of trust. Another part of it is directly related to specific projects or measures. In Jena, for instance, the university is planning a substantial enlargement of its campus with new buildings. Rosenthal: “There is a lot of politics involved. And this has to be explained to the public as well.” An important issue of this type of science communication is the fact that scientists or leaders of institutions are in turn helping science politicians to convince their peers in politics that funding for science is necessary despite competing interests in other fields of politics.

There also is, of course, the ever-present intrinsic motivation of scientists to talk about their work and the ever-present need to explain where taxpayers’ Euros went. Last but not least, society has questions to be answered, be it vaccines, climate change or other pressing issues about environment, health, and societal issues.

Apart from these well-known and much cited reasons to communicate, my friend and former colleague Carsten Hucho mentioned another reason: Science as such is important for a society and needs to be funded without asking for direct revenues. Scientific thinking formed cultures in many parts of the world. Visible and successful science makes a society attractive. Science as a cultural achievement with an intrinsic value needs to be communicated, too, said Carsten.

P.S.: I am writing this in English as a courtesy to all the non-German scientists who answered on my last entry and the second to last.

"Versprich nie einen Weltuntergang, den du nicht halten kannst"

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